miniatur|Herbert LoeblHerbert Loebl OBE (* 18. April 1923 in Bamberg, Oberfranken, Bayern; gestorben am 28. Januar 2013 in Newcastle upon Tyne, England) war ein deutsch-britischer Elektroingenieur, Unternehmens-Mitgründer, Historiker, Autor und Philanthrop.Herbert Loebl. In: The Telegraph, auf: telegraph.co.uk Durch sein unternehmerisches Wirken war er maßgeblich an der nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung des Nordens Englands und dessen Arbeitsmarkts beteiligt. Mit seiner späteren historischen Arbeit trug er in erheblichem Maß zur Erforschung des jüdischen Lebens vor dem Holocaust in seiner Geburtsstadt Bamberg bei.
Familie mini|hochkant|Herbert Loebls Vater Robert Löbl (3. v. links) mit seinen drei Brüdern Fritz, Salomon „Sali“ und Leopold „Leo“, 1915 mini|hochkant|Herbert Loebl (2. von links), seine beiden Schwestern Lili und Hanna ganz rechts, mit ihren Cousins, 1932 mini|hochkant|Fabrikgelände der Hugo Löbl Söhne G.m.b.H. (Logo: HLS, Markenname: Hulorit) in Bamberg, Lichtenhaidestr. 9, bis heute an der Ecke Hohmannstraße erhalten Er war der einzige Sohn des oberfränkischen Elektroingenieurs Robert Löbl (* 15. Oktober 1892 in Bamberg; gestorben am 12. Mai 1949 in Birmingham) und dessen Ehefrau Marie, geborene Rosenfelder (* 7. Juli 1899 in Bamberg; gestorben am 2. August 1996 in Newcastle upon Tyne).Claude P. Bamberger: History of a Family – The Bambergers of Mitwitz and Lichtenfels 1770–1992. Selbstverlag, Tenafly, New Jersey, USA, 1993, S. 56. Er hatte zwei Schwestern, Hanna (* 27. Oktober 1926 in Bamberg; gestorben am 25. April 2009 ebenda), später verheiratete Bud, und Lili (* 1930 in Bamberg).Werner M. Loval: We Were Europeans: A Personal History of a Turbulent Century. Gefen Publishing House Ltd., Jerusalem u. New York City 2010, ISBN 978-9-6522-9522-4, S. 40, 42, 55.Lili Loebl: Don’t Ask Me Where I come From – How a refugee from Nazi Germany became a UN correspondent. The Book Guild Publishing, Leicester, UK, 2011, ISBN 978-1-8462-4633-3.
Seine beiden Großmütter, Karoline „Lina“ Löbl, geborene Schloss (* 23. August 1861 in Maroldsweisach,Werner M. Loval: We Were Europeans – A Personal History of a Turbulent Century. Gefen Publishing House Ltd., Jerusalem u. New York City 2010, ISBN 978-9-6522-9522-4, S. 11.Stolpersteine – Formen der Erinnerung (PDF-Datei; 15,4 Megabyte), S. 3–8, auf: kulturwerkstatt-bamberg.de Unterfranken; gestorben am 29. September 1942 im Ghetto Minsk), und Rosalie Rosenfelder, geborene Rödelheimer (* 5. April 1875 in Bamberg; gestorben nach dem 18. Mai 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau), wurden während der Shoah ermordet.Loebl, Karoline Lina Caroline. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, auf: bundesarchiv.deKaroline Lina Loebl, auf: yadvashem.orgRosenfelder, Rosalie. In: Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, auf: bundesarchiv.deRosalie Rosenfelder, auf: yadvashem.org
Seine Großväter Hugo Löbl (* 19. August 1857 in Saaz, Böhmen;Werner M. Loval: We Were Europeans: A Personal History of a Turbulent Century. Gefen Publishing House Ltd., Jerusalem u. New York City 2010, ISBN 978-9-6522-9522-4, S. 10. gestorben am 18. Februar 1929 in Bamberg) und Max Rosenfelder (* 13. November 1862 in Bamberg; gestorben am 24. Februar 1936 ebenda) starben eines natürlichen Todes.
Hugo Löbl hatte in Bamberg zunächst Bekleidungsgeschäfte betrieben, in der Austraße 23 und in der Straße Obere Brücke 10 (heute: Nr. 8), bevor er dazu überging, unter der Firmierung Hugo Löbl Elektrische Klein-Industrie, Bamberg – Paris erst mit Gas betriebene und bald elektrisch und mit Batterie betriebene Leuchten, Telefone, Feuerzeuge, Türklingeln und Zubehör wie Glühlampen und Batterien zu verkaufen, ab 1917 in der Bamberger Luitpoldstraße 27, wo er im Hof des Anwesens ein mehrgeschossiges Firmengebäude errichten ließ. Herbert Loebls Vater Robert agierte ab etwa 1911 als Agent der Firma in Paris, wo er sich zur Ausbildung aufhielt. Ab 1924 wurde die Fabrikation von Elektroerzeugnissen vom Groß- und Einzelhandel abgetrennt und firmierte unter Hugo Löbl Söhne G.m.b.H. (Logo: HLS, Markenname: Hulorit)., auf: designretter.deFreistempler Elektrotechnische Fabrik Hugo Löbl Söhne G.m.b.H., 15. Januar 1936, auf: briefmarkenverein-bamberg.de Im Jahr 1928 wurde eine große Fabrikhalle in Bambergs Industriegebiet in der Lichtenhaidestraße 9 errichtet, in der Anfang der 1930er Jahre rund 200 Mitarbeiter beschäftigt waren. Seit der zwangsweisen „Arisierung“ von 1938 ging dieses Unternehmen in Lindner u. Co. (später: Lindner GmbH) auf, während der Groß- und Einzelhandel von dem lokalen Wettbewerber Gustav Zenetti übernommen wurde, beide Unternehmen weit unter Wert.Werner M. Loval: We Were Europeans: A Personal History of a Turbulent Century. Gefen Publishing House Ltd., Jerusalem u. New York City 2010, ISBN 978-9-6522-9522-4, S. 12–22.Reklamemarken der Firma Hugo Löbl, auf: jmberlin.deDie Elektroindustrie, auf: juden-in-bamberg.de
Herbert Loebl heiratete die aus Prag stammende Annalisa „Anne“, geborene Wertheimer (1931–2013). Seine Ehefrau war eine Tochter des Juristen Jan Hans Wertheimer (* 20. August 1894 in Smirschitz, Österreich-Ungarn; gestorben nach dem 6. September 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau)Jan Wertheimer. In: Terezinska Pametni Kniha [Theresienstädter Gedenkbuch], Terezinska Iniciativa, Vol. I-II. Melantrich, Praha 1995, Vol. III Academia Verlag, Praha 2000. Zitiert nach: Yad Vashem – The World Holocaust Remembrance Center, auf: yadvashem.org und dessen Ehefrau Helena „Hella“, geborene Fanta (* 9. Januar 1898 in Teplitz-Schönau, Böhmen; gestorben nach dem 6. September 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau).Helena Wertheimerova, auf: yadvashem.org Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor.
Der ursprüngliche Familienname Löbl wurde von den einzelnen Familienangehörigen nach der Emigration in unterschiedlicher Weise an den jeweiligen Sprachgebrauch angeglichen, zu „Loebl“, zu „Lobl“, zu „Loble“, „Loebel“ und „Loval“.
Schule, Ausbildung und Studium Herbert Loebl besuchte in seiner Geburtsstadt die Grundschule und das Neue Humanistische Gymnasium, das er im April 1938 aufgrund seiner jüdischen Herkunft verlassen musste. Mit der „Reichskristallnacht“ vom 9. zum 10. November 1938 endete sein Ausbildungsverhältnis als Werkzeugmacher. Am 6. Dezember 1938 emigrierte er als 15-Jähriger nach England.Profile of Herbert Loebl. In: Newcastle University Business School, auf: ncl.ac.uk. In: The Journal, 25. Juni 2013, auf: thejournal.co.uk In Dover, in der Grafschaft Kent, besuchte er für sechs Monate die Dover Grammar School. Im folgenden Jahr emigrierten auch seine Eltern mit seinen jüngeren Schwestern nach England, so dass die Familie wieder beisammen war. Ab Juli 1939 arbeitete er, wie bereits in Bamberg, erneut als Lehrling im elektrotechnischen Unternehmen Loblite Electric Ltd. seines Vaters und seines Onkels Fritz Siegfried (* 8. April 1886 in Bamberg; gestorben am 22. November 1956 ebenda) in Team Valley bei Gateshead mit.Elektrotechnische Fabrik Hugo Löbl Söhne GmbH, auf: plugsocketmuseum.nl Eine solche Fabrik hatten sein Vater Robert und sein Onkel bereits in Bamberg betrieben. In Gosforth erwarb der Vater für seine Familie ein Haus. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Herbert Loebls Ausbildung durch seine Internierung als Enemy Alien im Hutchinson Internment Camp auf der Isle of Man von Mai bis November 1940 unterbrochen.Rachel Pistol: Internment during the Second World War – A Comparative Study of Great Britain and the USA. Bloomsbury Publishing, London, Oxford u. a. 2017, ISBN 978-1-3500-0142-8, S. 154. Von 1943 bis 1945 war er als Werkzeugmacher bei Wolfe’s Tools beschäftigt. 1949 graduierte er 26-jährig als Elektroingenieur (Bachelor of Science, B.Sc.) am King’s College in Newcastle.. In: The Journal, 14. Mai 2012, auf: thejournal.co.uk Drei Wochen zuvor war sein Vater 56-jährig verstorben.
Ein weiteres Studium in den 1970er und 1980er Jahren schloss er 55-jährig im Jahr 1978 als Master of Philosophy (Magister Philosophiae) mit seiner Master’s Thesis zum Thema Government-financed factories and the establishment of industries by refugees in the special area of the North of England 1937–1961 an der Durham University ab und promovierte 62-jährig im Jahr 1985 zum Ph.D. (Philosophiae Doctor) an der Newcastle University.Loebl, Herbert (1978) Government-financed factories and the establishment of industries by refugees in the special area of the North of England 1937–1961. Master’s thesis, Durham University, auf: dur.ac.uk
Wirken Nach seinem ersten Studienabschluss arbeitete er zunächst für 18 Monate bei A. Reyrolle & Company als technischer Zeichner, weil er von seinem Onkel Fritz Siegfried Löbl, dem Mitinhaber des Unternehmens seines Vaters, fachlich nicht akzeptiert wurde. Während seines Studiums hatte er seinen Kommilitonen Robert Joyce kennengelernt, mit dem er ab Mai 1950 eine geschäftliche Partnerschaft für elektronische wissenschaftliche Apparate einging, die auf einem Anfangskapital von lediglich 200 Pfund Sterling beruhte.North East International Trade Breakfast, auf: insidermedia.com Das Unternehmen startete unter dem Bogen einer Eisenbahnbrücke und zog später in ein früheres Schulgebäude um, bevor eine regelrechte Fertigungshalle errichtet wurde.Joyce Loebl Magiscan image analyser, auf: grelf.net
Das gemeinsame Unternehmen Joyce, Loebl & Company exportierte mehr als 70 Prozent seiner Produkte. Als es schließlich 1960 an ein US-amerikanisches Unternehmen verkauft wurde, beschäftigten Joyce, Loebl & Company rund 500 Angestellte. Schätzungen zufolge sind aus diesem Unternehmen heraus etwa 45 weitere Unternehmen in der Region entstanden.. In: The Journal, 25. Februar 2010, auf: thejournal.co.uk Zu den herausragenden Produktentwicklungen zählen das Mikrodensitometer und das MecoLab, ein System zur Blutanalyse.
Nach dem Unternehmensverkauf blieb Loebl weitere vier Jahre im Aufsichtsrat des Unternehmens. Ab 1964 betrieb er eine Beraterfirma (consultancy practice), bis er ab etwa Mitte der 1970er Jahre beschloss, seine wissenschaftliche Ausbildung auf eine breitere Basis zu stellen. Er begann ein Masterstudium, das er 1978 abschloss. 1985 promovierte er an der Newcastle University. Danach widmete er sich der Erforschung der Geschichte der Juden seiner Heimatstadt Bamberg und seiner eigenen oberfränkischen Familienhistorie. Er äußerte, dass er als Archivar wohl auch glücklich geworden wäre.
mini|hochkant|Grabstein des Herbert Loebl in Newcastle upon Tyne, November 2019 1973 wurde er für seine Verdienste um die britische Exportwirtschaft durch Königin Elizabeth II. mit dem Titel eines Officer of the Most Noble Order of the British Empire ausgezeichnet. 1996 wurde er von seiner Geburtsstadt Bamberg mit der selten vergebenen Bürgermedaille geehrt, im Folgejahr erhielt er durch Bundespräsident Roman Herzog das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Im Jahr 2001 wurde er durch den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. 2003 wurde er mit dem Ehrendoktorat der University of Newcastle upon Tyne gewürdigt.Werner M. Loval: We Were Europeans: A Personal History of a Turbulent Century. Gefen Publishing House Ltd., Jerusalem u. New York City 2010, ISBN 978-9-6522-9522-4, S. 95.
Herbert Loebl verstarb im Alter von 89 Jahren und wurde im jüdischen Teil des Byker and Heaton Municipal Cemetery in Newcastle upon Tyne beigesetzt.