mini|Karte der Alliierten Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg Domanialschulen entstanden in der Folge des Ersten Weltkriegs im Saargebiet, das von 1920 bis 1935 gemäß der Artikel 45 bis 50 des Versailler Vertrags (dort als „Territoire du Bassin de la Sarre“ bezeichnet) vom Völkerbund regiert wurde. Dieser erteilte 1920 das Mandat zur Verwaltung des Saargebiets an Frankreich, das damit auch das Recht erhielt, im Saargebiet eigene Schulen zu unterhalten. Diese ursprünglich für die Kinder der Beschäftigten der französischen Grubenverwaltung (Administration des mines domaniales françaises) gedachten Schulen sind als Domanialschulen bekannt und wurden von der französischen Bergverwaltung zum Teil auch für deutsche Volksschulkinder geöffnet oder speziell für diese eingerichtet.

Gründungsgeschichte Die Domanialschulen (Écoles Domaniales) waren ein Instrument der französischen Besatzungsmacht im Kontext des auf 15 Jahre befristeten Völkerbund-Mandats, an dessen Ende die Abstimmung der Saarbewohner über die Zukunft ihres Landes stehen sollte. Die Kinder sollten in den Domanialschulen, in denen meist auf Französisch unterrichtet wurde, mit der französischen Sprache und Kultur vertraut gemacht werden, in der Hoffnung, dass sie Jahre später bei der Abstimmung 1935 für den Verbleib des Saargebiets bei Frankreich votieren würden.

Die im Volksmund Franzosenschulen benannten Domanialschulen waren laut dem Versailler Vertrag erlaubt und sollten den Kindern der Beschäftigten der französischen Grubenverwaltung offen stehen.Arnold Ilgemann: »Franzosenschulen«, pdf-Seite 2 Die Schulen „wurden nur an Grubenstandorten und nur auf grubeneigenem Gelände und auf Kosten der einzelnen Gruben errichtet“.Gerhild Krebs: Domanialschulen im Saargebiet, pdf-Seite 1 Die Bergverwaltung ging allerdings über die Begrenzung der Zielgruppe auf die Kinder der Beschäftigten der Grubenverwaltung hinaus und öffnete die Schulen für alle Volksschulkinder. Ab 1920 kam es zur Gründung von insgesamt 24 Domanialschulen.Arnold Ilgemann: »Franzosenschulen«, pdf-Seite 3

Nr. OrtDiese Tabelle basiert der bei Arnold Ilgemann (pdf-Seite 3) nachgedruckten Tabelle (dort keine Quellenangabe). Die Eröffnungsdaten stammen teils von Ilgemann, teils aus Internetrecherchen. Eröffnung Schüler 1929 Schüler 1932 Schüler 1934 1 Clarenthal 24 59 28 2 Dillingen/Saar 1921 115 95 85 3 Dudweiler 147 250 83 4 Elversberg 225 319 269 5 Fenne (Völklingen) 61 64 48 6 Schiffweiler-Heiligenwald 22. November 1922 133 135 92 7 Hostenbach 45 126 71 8 Grube Reden 1922/23 205 166 113 9 Luisenthal (Völklingen) 70 101 10 Grube Velsen 1925 223 326 193 11 Merchweiler 52 60 12 Neunkirchen 62 189 61 13 Püttlingen Mai 1924 89 142 104 14 Saarbrücken-StadtAn dieser Schule in der Talstraße unterrichtete im Januar 1934 auch Heinrich Rodenstein, bevor er an die Domanialschule in Saarlouis versetzt wurde. (Heinrich Rodenstein: Saargebiet) 1921 38 42 118 15 Jägersfreude 95 192 62 16 SaarlouisVom 1. Februar 1934 an bis zur Saarabstimmung 1935 unterrichtete hier Heinrich Rodenbstein. (Heinrich Rodenstein: Saargebiet) 1920 40 139 134 17 Engelfangen 37 26 18 St. Ingbert Ostern 1923 95 42 19 Werbeln 24 9 20 Schiffweiler 120 53 21 Sulzbach 1920 300 383 336 22 Völklingen Ostern 1921 57 66 45 23 Von der Heydt 43 70 27 24 Wiebelskirchen 66 84 25 Maybach Diese Schule wird ohne weitere Angaben von Ilgemann erwähnt.Arnold Ilgemann: »Franzosenschulen«, pdf-Seite 10 Summe derDomanialschüler 1902 3227 2244 Schüler andeutschen Volksschulen 105630 117949 119630 Prozentualer Anteilder Domanialschüler 2,0 3,8 2,6

Schulkampf Krebs spricht von einem Höchststand von 4400 Schülerinnen und Schülern an Domanialschulen im Jahre 1924, Ilgemann von 5000 bis 5300 im Jahre 1925. Die Tabelle verdeutlicht, wie stark die Schülerzahlen in den Folgejahren sanken und wie unbedeutend sie im Vergleich zu der Zahl von Schülerinnen und Schülern an deutschen Schulen waren. Da half es auch wenig,

Dass diese Maßnahmen nicht ausreichten, um in nennenswerter Weise Kinder für die Domanialschulen zu gewinnen, lag an der französischen Besatzungspolitik und Äußerungen wie die von dem oben schon zitierten Abgeordneten Desirée Ferry. Im Saargebiet befürchtete man, dass Frankreich – nicht nur mit seinen Schulplänen – Aus diesem Gefühl heraus lehnten

In der Folge wurden die , Angriffe gegen Domanialschüler häuften sich, Förderern der Schulen wurde mit Nachteilen und Verfolgung gedroht und insbesondere die Bergleute, an deren Kinder sich ja die Schulen richteten, gerieten zwischen die Fronten. Je näher es auf den Tag der Saarabstimmung rückte, desto aggressiver wurde die Stimmungsmache gegen Frankreich und die Domanialschulen, wie es Ilgemann am Beispiel Maybach beschreibt.

Ilgemann geht davon aus, dass die Saarländer zwischen 1920 und 1935 materiell besser gestellt waren als die Reichsbevölkerung, Motor der Kampagne war schon früh der nach dem Ersten Weltkrieg als Kriegsverbrecher verurteilte Hermann Röchling und die von ihm mit ins Leben gerufene Deutsche Front. Als Kommerzienrat Knöchting nur leicht verfremdet, ließ ihn Gustav Regler in seinem 1934 veröffentlichten „Agitations- und Heimatroman Im Kreuzfeuer“Gerhild Krebs: Gustav-Regler-Stein in einer Rede an seine leitenden Angestellten die Strategie der Domanialschulgegner verkünden:

Im realen Leben übernahm Röchling 1933 die Verantwortung für ein anonymes Flugblatt an die Deutschen Väter! Deutschen Mütter!, das völkisch-national gegen den Besuch Französischer Schulen agitierte. Siehe dazu: Wolfgang von Hippel: Hermann Röchling 1872–1955. Ein deutscher Großindustrieller zwischen Wirtschaft und Politik. Facetten eines Lebens in bewegter Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, ISBN 978-3-525-31062-5, hier vor allem Abschnitt IV: ‚Saarkampf‘ 1919-1935 - ein Kampf an mehreren Fronten, und dort Kapitel 17 und 18. In diesem Flugblatt hieß es: Die Saat ging auf, und am 13. Januar 1935 votierten 90,73 % aller Saarländer für den Anschluss an das Deutsche Reich. Dem zugrunde lag nicht nur die massive Hetze und Propaganda von rechts, sondern auch , durch die sich der forcierte Aufbau von Domanialschulen als ideologischer Bumerang erwies.Gerhild Krebs: Domanialschulen im Saargebiet, pdf-Seite 3

Domanialschulen und Emigration Noch weniger als über die Domanialschulen selber ist über ihre Rolle als vorübergehender Schutz- und Arbeitsort für politische Flüchtlinge aus dem NS-Staat bekannt, die hier bis zur Saarabstimmung eine halbwegs sichere Bleibe fanden. Einer der wenigen, der darüber berichtete, war Heinrich Rodenstein. Nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst emigrierte Rodenstein im Juli 1933 nach Holland. Mit Hilfe der holländischen Lehrergewerkschaft organisierte er im November 1933 seine Übersiedelung in das Saargebiet. Hier arbeitete er 1933/34 als Lehrer an zwei Domanialschulen und wohnte mit seiner Frau Marta im Emigrantenheim in der Gemeinde Von der Heydt.Bernhild Vögel: Entlassen, verfolgt, zurückgekehrt – sozialistische Lehrer aus dem Land Braunschweig zwischen Weimarer Republik und Nachkriegszeit, in: Frank Ehrhardt (Herausgeber im Auftrag des Arbeitskreises Andere Geschichte e. V.): Lebenswege unter Zwangsherrschaft. Beiträge zur Geschichte Braunschweigs im Nationalsozialismus, Appelhans Verlag, Braunschweig, 2007, ISBN 978-3-937664-59-0, S. 80 Er selbst schreibt darüber: „Am 20. November 1933 bewarb ich mich bei der Grubenverwaltung um Anstellung an einer Domanialschule. Neben der Arbeitsmöglichkeit sah ich auch eine politische und pädagogische Aufgabe. Meine Zeugnisse, Einstellungs- und Entlassungspapiere hatte meine Frau bei ihrer Ausreise nach Holland mitgebracht. Anfang Januar 1934 erhielt ich die Mitteilung, dass ich an der Domanialschule in der Talstraße in Saarbrücken angestellt würde. Zum 1. Februar 1934 wurde ich an die Domanialschule in Saarlouis versetzt, wo ich bis zu unserer Emigration nach Frankreich blieb.“Heinrich Rodenstein: Saargebiet Rodenstein war bewusst, dass „diese Schulen eine kulturpolitische Flankierung der französisch annektionistischen Politik dar[stellten]“. Er erkannte aber auch einen Wandel in der „stark verminderten“ Schülerschaft in der Zeit nach 1933. „Neben die Kinder der echten ‘Francophilen’ traten jetzt die Kinder aller NS-Gegner der status-quo-Anhänger, besonders der Juden, der Sozialisten und Kommunisten aller Schattierungen. Die Grubenverwaltung musste auch Acht geben, dass nicht Nazi-Lehrer an die Domanialschulen gelangten.“ Am 16. Januar 1935, dem Tag nach der Saarabstimmung, „kam kein Kind mehr in die Domanialschule in Saarlouis“.Heinrich Rodenstein: Domanialschulen Im Februar 1935 verließen die Rodensteins das Saargebiet und gingen ins Exil nach Frankreich.

Auch die ebenfalls aus Braunschweig stammenden ehemaligen Lehrerstudenten und Mitglieder der dortigen Sozialistischen Studentengruppe Hermann und Grete Ebeling flohen ins Saarland, wo Hermann Ebeling vom 3. November 1933 bis zum 1. März 1935 als Lehrer an Domanialschulen unterrichten konnte.Bundesarchiv Koblenz: Nachlass Hermann Ebeling, Lebenslauf von 1941, Bestand N 1374/20. In der Akte befindet sich auch eine Bescheinigung des Leiters der Abteilung für allgemeine Bildung der französischen Staatsminen des Saarlandes vom 31. Januar 1935, ausgestellt in Saarbrücken, die Ebelings Einsatz als „Vertretungslehrer an den von Frankreich im Saarland durch den Vertrag von Versailles eröffneten Schulen“ bestätigt.

Literatur Die Domanialschulen sind bis heute weitgehend unerforscht. Außer den beiden Aufsätzen von Krebs und Ilgemann gibt es keine neueren Arbeiten. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek führt das Stichwort Domanialschule zu keinen Treffern, und auch der WorldCat verzeichnet nur zwei Publikationen, die aber nur begrenztes Quellenmaterial bieten. Für einzelne Aspekte hilfreich ist das umfangreiche Literaturverzeichnis, das Ilgemann seinem Beitrag zufügte, und das auf umfangreiches Quellenmaterial verweist.

Weblinks Gerhild Krebs: Domanialschulen im Saargebiet (1920–1935), 3. Auflage 2009. Gerhild Krebs: Dorfschulbau im Saargebiet (1920–1935) , Vortragsmanuskript vom 22. Juni 1993 Die Domanialschule in Dillingen.

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