Das Konzept der Entwicklungslogischen Didaktik (von „Didaktik“, der „Kunst“ und „Wissenschaft“ des Lehrens und Lernens) wurde in den 1980er Jahren von dem Erziehungswissenschaftler Georg Feuser entwickelt und in seiner Schrift Allgemeine integrative Pädagogik und entwicklungslogische Didaktik erstmals vorgestellt.Georg Feuser: Allgemeine integrative Pädagogik und entwicklungslogische Didaktik. In: Behindertenpädagogik. Band 28, Nr. 1, 1989. S. 4–48. Der Begriff beschreibt die didaktische Grundlegung einer Allgemeinen Pädagogik. Institutionell geht damit die Schaffung eines Kindergartens und einer Schule für alle Jahrgangs- und Entwicklungsstufen einher.
Beschreibung Die Entwicklungslogische Didaktik im Sinne einer Allgemeinen Pädagogik stellt einen Gegenentwurf zur etablierten Regelpädagogik dar. Ziel ist, dass alle Menschen – unabhängig von Art und Schweregrad ihrer Beeinträchtigung – in Kooperation miteinander auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau im Rahmen ihrer Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungskompetenz und im Hinblick auf ihre weitere Entwicklung an und mit einem Gemeinsamen Gegenstand spielen, lernen und arbeiten können.Georg Feuser: Behinderte Kinder und Jugendliche. Zwischen Integration und Aussonderung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995.
Georg Feuser begründet die Entwicklungslogische Didaktik zum einen durch eine Kritik am gegenwärtigen Erziehungs-, Bildungs- und Unterrichtssystem, aber auch wissenschaftlich-theoretisch, unter anderem hinsichtlich tätigkeitstheoretischer und systemtheoretischer Grundlagen der menschlichen Entwicklung, in einer Verbindung mit der subjektorientierten materialistischen Behindertenpädagogik sowie dem Konzept der kategorialen Bildung nach Wolfgang Klafki.Georg Feuser: Entwicklungslogische Didaktik. In: Astrid Kaiser u. a. (Hrsg.): Didaktik und Unterricht. (Enzyklop. Hdb. der Behindertenpädagogik. Band 4: Behinderung, Bildung, Partizipation.) Kohlhammer, Stuttgart 2011, S. 86–100. Innerhalb seiner Kritik wird herausgestellt, dass die Segregation und Selektion von Schülern ins Regel- und Fördersystem der Institution Schule die größtmögliche Homogenität von Lerngruppen anstrebt.Georg Feuser: Entwicklungslogische Didaktik. In: Astrid Kaiser u. a. (Hrsg.): Didaktik und Unterricht. (= Enzyklop. Hdb. der Behindertenpädagogik: Behinderung, Bildung, Partizipation. Band 4) Kohlhammer, Stuttgart 2011, S. 86–100. Dies führt dazu, dass für bestimmte Lerngruppen Bildungsinhalte verkürzt werden.Georg Feuser: Inklusion – eine Herausforderung der Pädagogik? In: Martin Dust u. a. (Hrsg.): Jahrbuch für Pädagogik 2015. Inklusion als Ideologie. Peter Lang, Frankfurt am Main 2015, S. 133–146. Diese Logik führe strukturell zu Ausschluss bis hin zur Isolation und bringe immer wieder Benachteiligungen hervor, z. B. von Menschen mit Behinderung und sorge so auch für sogenannten sonderpädagogischen Förderbedarf.Steffens, Jan (2016): Psychische Entwicklungspfade zwischen Inklusion und Exklusion. Zur Bedeutung von Resonanz und Isolation für menschliche Entwicklung. In: HEP. Zeitschrift des Berufsverbands Heilerziehungspflege in Deutschland. 38. Jg., Heft 3, 33–40.Lanwer, Willehad (2006): Methoden in Heilpädagogik und Heilerziehungspflege. Diagnostik. 1. Auflage. Troisdorf: Bildungsverlag EINS.Feuser, Georg (1989): Allgemeine integrative Pädagogik und entwicklungslogische Didaktik. In: Behindertenpädagogik. 28. Jg. Heft 1/1989. S. 4–48.
Strukturanalysen Die Entwicklungslogische Didaktik ist geprägt durch Tätigkeitsstruktur, Handlungsstruktur und Sachstruktur. Diese dreidimensionale Didaktik entwirft inklusive soziale Räume, in denen es Menschen unterschiedlicher Biographien, Leistungsniveaus und Lernmöglichkeiten ermöglicht wird, an einer erkenntnisrelevanten Dimension der Wirklichkeit in Kooperation zieldifferent zu lernen. Diese drei Strukturen geben aber auch Konturen der Unterrichtsplanung vor. In Kombination dieser drei Dimensionen Tätigkeitsstruktur, Handlungsstruktur und Sachstruktur kann es zu Handlung durch das lernende Subjekt am Lerngegenstand (Objekt) kommen (siehe Kapitel „Handlungsstrukturanalyse“ weiter unten), in dessen Konsequenz das Erreichen neuer Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungskompetenz realisiert werden könne.Georg Feuser, Heike Meyer: Integrativer Unterricht in der Grundschule. Jarick Oberbiel Verlag, Solms-Oberbiel 1987, S. ?
Tätigkeitsstrukturanalyse Auf Seiten des Subjekts steht in diesem Modell eine Tätigkeitsstrukturanalyse. Diagnostiziert werden soll – mit Blick auf die Planung und Durchführung von Unterricht – die sogenannte Zone der aktuellen Entwicklung, welche die individuellen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungskompetenzen des Individuums ausmachen, auf Grundlage der biographischen Persönlichkeitsentwicklung.Feuser, Georg (1995): Behinderte Kinder und Jugendliche. Zwischen Integration und Aussonderung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Damit liegt ein Bezug zu den Erkenntnissen und Theorien Lev Vygotskijs vor.Vygotskij, Lew Semjonowitsch (1985): Ausgewählte Schriften. Bd. I. Köln: Pahl-Rugenstein. Hier wird Lernen und Entwicklung als aktive Tätigkeit ausgehend vom momentanen Niveau hin zum erreichbaren Niveau im Sinne einer Zone der nächsten Entwicklung definiert, welche in Progression und durch lernstrukturelle und therapeutische Hilfe als Möglichkeitsraum verstanden wird.Kramer, Martin (2014): Überlegungen zur Zone der proximalen Entwicklung im Licht der Inklusionsdebatte – ein tätigkeitstheoretischer Ansatz. In: Hollick, Danièle u. a. (Hrsg.): Heterogenität in pädagogischen Handlungsfelder. Perspektiven, Befunde, Konzeptionelle Ansätze. Kassel: kassel university press. S. 7–24. Da Lernen an der Grenze zwischen der Zone der aktuellen und nächsten Entwicklung stattfindet, geht dieses Verständnis von Lernen und Entwicklung nicht nur vom momentanen Leistungsniveau aus. Es orientiert sich daran, was aus einem Menschen werden kann und ist damit ressourcen- statt defizitorientiert.Pitsch, Hans-Jürgen (2011): Tätigkeit und Arbeit, Handeln und Lernen. In: Kaiser u. a. (Hrsg.): Didaktik und Unterricht. Stuttgart: Kohlhammer. S. 67–76. Zur Diagnostik bzw. Analyse der beiden Zonen in Hinblick auf die innere Tätigkeit nutzt Feuser das Konzept der dominierenden Tätigkeit nach Alexei Nikolajewitsch Leontjew.Leontjev, Alexej (1982): Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit. Köln: Pahl-Rugenstein. Dieses weist eine Abfolge je nach Entwicklung des Menschen in die Bereiche der Wahrnehmungstätigkeit, der manipulativen Tätigkeit, der gegenständlichen Tätigkeit, des Spielens, des organisierten Lernens und der Arbeitstätigkeit auf. Weiter können so Rückschlüsse auf die Aneignungsebenen geschlossen werden.Franz, Eva-Kristina; Trumpa, Silke (2013): So wird’s möglich! – Didaktische Leitfragen für den inklusiven Unterricht. In: Minges, Britta (Hg.): Inklusion. Ein Einblick für Lehrerinnen und Lehrer. Stuttgart: Raabe. 55–70.
Im Sinne der Kulturhistorischen Schule dürfen diese Tätigkeitsdiagnosen jedoch nicht als starres Stufenmodell verstanden werden, sondern Menschen müssen in ihrer Individualität und Historizität anerkannt werden.Feuser, Georg (1995): Behinderte Kinder und Jugendliche. Zwischen Integration und Aussonderung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Handlungsstrukturanalyse Als zweite Dimension verfügt die Entwicklungslogische Didaktik über eine Handlungsstrukturanalyse, die das Mittel zwischen Objekt und Subjekt darstellt. Handlung, verstanden als sich veräußernde innere Tätigkeit, ist zielorientiert und auf ein Objekt bezogen. Im Sinne der Interiorisationstheorie Galperins vollzieht sich die Verinnerlichung (Interiorisation) der dinglichen, kulturellen und sozialen Welt in die geistige, individuelle Welt schrittweise.Siebert, Birger; Rodina, Katarina (2013): Interiorisation in der Zone der nächsten Entwicklung. In: Feuser, Georg; Kutscher, Joachim (Hrsg.): Entwicklung und Lernen. Stuttgart: Kohlhammer. S. 230–234. in Form der Orientierungsgrundlage, der materialisierten Handlung, der lautsprachlichen Handlung, der äußeren Sprache, der inneren Sprache und des Denkens. Im Kern der Handlungsstrukturanalyse steht die Frage danach, welche Handlung am Lerngegenstand (Objekt) mit Blick auf die Zone der aktuellen Entwicklung und die Zone der nächsten Entwicklung zu Lernen, zu innerer Tätigkeit und damit auch zu Entwicklung führt.Feuser, Georg; Wehrmann, Ilse (Hrsg.) (1985): Informationen zur gemeinsamen Erziehung und Bildung behinderter und nicht behinderter Kinder. Integration in Kindergarten, Kindertagesheim und Schule Bremen: Selbstverlag Brem. Ev. Kirche.
Sachstrukturanalyse Die dritte Dimension bildet die Sachstrukturanalyse. Neben der Subjektorientierung muss auch das Objekt im Sinne Feusers einer Didaktisierung unterzogen werden. Hier geht es darum, Vorhaben, Inhalte, Sachzusammenhänge, Unterrichtskonzepte und Wissenschaftsbereiche zu analysieren und methodisch-medial mit Blick auf die individuellen Konzepte der Lernenden anzupassen. Es geht um die Frage, wie der Lerngegenstand aufgearbeitet bzw. angeboten werden muss, damit Handlung an ihm stattfinden kann.
Insgesamt lässt sich herausstellen, dass die Frage nach den Bildungsinhalten im Fokus der Sachstrukturanalyse steht. Hier wird eine Orientierung an den etablierten didaktischen Modellen (unter anderem dem von Wolfgang Klafki) vorgeschlagen.Klafki, Wolfgang (1996): Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. Weinheim und Basel. Augenmerk muss hinsichtlich der Sachstruktur aber nicht nur die Anschlussfähigkeit des Lerngegenstandes in Bezug auf die allgemeine Generierung von Sinn und Bedeutung für Menschen sein, sondern es müssen auch individuelle, biographische Faktoren der Individuen mit einbezogen werden, da die Motivation in Bezug auf individuelle Ziele, Wünsche und Interessen entscheidenden Einfluss auf das Lernen und die Entwicklung haben.
Grundmomente der Entwicklungslogischen Didaktik Die dreidimensionale didaktische Struktur ist nicht unabhängig von den Grundmomenten der Entwicklungslogischen Didaktik zu denken: Kooperation am Gemeinsamen Gegenstand sowie Innere Differenzierung durch Individualisierung. Diese Grundmomente oder auch Säulen der Entwicklungslogischen Didaktik basieren auf einem komplexen Lern- und Entwicklungsverständnis, geprägt durch den Leitsatz Martin Bubers (1932): „Der Mensch wird am Du zum Ich“.Buber, Martin (1984): Das dialogische Prinzip. 5. Auflage. Heidelberg: Lambert Schneider. Demnach ist Lernen primär abhängig vom Komplexitätsgrad des Gegenübers und nicht von den Möglichkeiten und Fähigkeiten des eigenen Systems. Zurückzuführen ist dies auf die Erkenntnis, dass unser Gehirn ein neuro-soziales Organ ist. Feuser verweist in diesem Zusammenhang erneut auf die Erkenntnisse der Kulturhistorischen Schule: Der Mensch lernt und entwickelt sich nur im Austausch mit der Umwelt. Die Zone der nächsten Entwicklung darf damit nicht nur als Möglichkeitsraum für kognitive Lernziele verstanden werden, sondern muss als intersubjektiver und emotional-kognitiver Raum begriffen werden, in dem Lernen und Entwicklung sich zwischen den Menschen lebenslang bedingen.
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