mini|hochkant|Stolpersteine in Neumarkt in der Oberpfalz Die Liste der Stolpersteine in Neumarkt in der Oberpfalz enthält die Stolpersteine, die vom Kölner Künstler Gunter Demnig in der Großen Kreisstadt Neumarkt in der Oberpfalz verlegt wurden. Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Sie liegen im Regelfall vor dem letzten selbstgewählten Wohnsitz des Opfers.
Die ersten Verlegungen in Neumarkt in der Oberpfalz erfolgten am 27. Mai 2016.
Jüdische Geschichte von Neumarkt Bereits im Mittelalter bestand eine jüdische Gemeinde, die mehrfach von Verfolgung, Exzessen und Vertreibung betroffen war. 1298 sollen Juden während der sogenannten „Rindfleisch-Verfolgung“ in der Synagoge verbrannt worden sein. Während der Pestzeit 1348/49 kam es erneut zu Ausschreitungen und zur Zerstörung jüdischen Lebens in der Stadt. Die Synagoge ging in den Besitz des Kurfürsten über, wurde später aber wieder zurückgegeben. 1391 wurden alle Juden aus der Pfalz vertrieben, erneut 1499, zuletzt 1555. Danach gab es mehr als 300 Jahre lang keine Juden in der Stadt. Die Mikwe im Keller des „Schreiber-Hauses“ in der Bräugasse, sie stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wurde spätestens 1610 zugeschüttet.Neumarkt in der Oberpfalz (Kreis Neumarkt) Jüdische Geschichte / Synagoge. Alemannia Judaica; abgerufen am 13. Februar 2020.
1862 siedelte sich die Familie von Salomo Oettinger in Neumarkt an. Es folgten Zuzüge aus umliegenden Landgemeinden, insbesondere aus Sulzbürg, und eine neue Gemeinde entstand. Im Jahr 1890 erreichte diese die Zahl von 162 Personen, das waren damals 2,8 % der Bevölkerung. Die jüdische Gemeinde hatte eine Elementarschule und einen Friedhof, um 1900 wurde eine neue Mikwe errichtet. Von 1911 bis 1935 war Neumarkt Sitz des Bezirksrabbinats.
Der Aufstieg der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich leicht zuordnen, einerseits der Landflucht, andererseits der Geschäftstüchtigkeit der neu angesiedelten Juden. Auf der offiziellen Website der Stadt ist zu lesen: Geschichte der Neumarktes Juden. (PDF; 1,5 MB) neumarkt.de (offizielle Website der Stadt) abgerufen am 19. Februar 2020. Die Juden integrierten sich schnell, achteten aber auch auf die Wahrung ihrer kulturellen und religiösen Identität. Das Tuchgeschäft des ersten jüdischen Bürgers der Stadt, Salomon Oettinger, wurde 1906 an die Herren Kraus und Ambach verkauft und von diesen mit großem Erfolg fortgeführt.
1882 entstand durch die Gebrüder Goldschmidt die erste Fahrradfabrik Europas, die Velocipedfabrik, aus der die Express Werke hervorgingen und zur größten Fahrradfabrik Europas wurden. Im Laufe der Zeit wurde die Firma eine der wichtigsten Industriebetriebe Neumarkts, die schließlich neben Fahrrädern auch Motorräder und Autos produzierte. 1938 wurde die Fabrik arisiert. Auch das Sägewerk Dreichlinger & Goldschmidt war in jüdischer Hand und trug zum Wohlstand der Stadt bei. Fazit der Stadt:
Pogrom, Enteignung, Deportation und Ermordung 1933 lebten noch 105 Menschen jüdischen Glaubens in Neumarkt. Bis 1938 verließen aufgrund der zunehmenden Repressalien weitere dreißig Gemeindemitglieder die Stadt.
Die Nationalsozialisten wüteten während der Novemberpogrome auch in Neumarkt. Es kam zu Übergriffen auf jüdische Geschäfte und Wohnungen. Die Synagoge wurde verwüstet, die Inneneinrichtung des Betsaals zertrümmert, die Thorarollen zerrissen und das Gemeindearchiv in Beschlag genommen. Die Schulräume und die Wohnungen im Obergeschoss wurden ebenfalls nicht verschont. Josef Neustädter, der dort wohnte, wurde so brutal geschlagen, dass ihm laut Augenzeugenberichten . Er kam danach nicht in ein Spital, sondern zwecks „Schutzhaft“ ins Neumarkter Gefängnis. Helene Baruch, ebenfalls dort wohnhaft, wurde die Treppen runtergestoßen. Auch andernorts kam es zu Misshandlungen, teilweise mit Todesfolge. Nach drei Tagen wurden die „arbeitsfähigen“ Juden, darunter auch der schwer verletzte Josef Neustädter, der Gestapo in Regensburg überstellt. Diese schickte die Neumarkter Juden weiter ins KZ Dachau. Nach den Exzessen des November 1938 war das verbindende soziale Netz zwischen Juden und Nicht-Juden in Neumarkt definitiv zerrissen. Auch wenn einzelne Bürger versteckt Hilfe leisteten, den verbliebenen jüdischen Bürgern war klar, dass sie ihres Lebens in der Heimatstadt nicht mehr sicher waren. Der Vorsteher der Gemeinde, Ludwig Landecker, und Leopold Löw waren an den Folgen der in der Reichspogromnacht erlittenen Misshandlungen verstorben. Ende 1941 wurden die in der Stadt verbliebenen Juden auf drei sogenannte „Judenhäuser“ aufgeteilt. Eines dieser Quartiere war die frühere Synagoge, geschändet im November 1938. Dort musste unter anderem Julius Neustädter mit der Familie Landecker zusammen leben.
Schließlich wurden am Karfreitag, dem 3. April 1942, alle Juden von Neumarkt unter 65 Jahren von der örtlichen Polizei verhaftet und zur Gastwirtschaft „Ostbahn“ abgeführt. Die Gaststätte in der damaligen Hindenburgstraße, der heutigen Bahnhofstraße, wurde von der Gestapo als Sammelplatz gewählt, weil sie nahe dem Bahnhof gelegen war. Die 15 verhafteten Juden wurden rasch und weitgehend unbemerkt von der Bevölkerung zum Bahnhof geführt und von dort nach Regensburg deportiert. Am nächsten Tag startete ein Transport mit insgesamt 989 Juden ins Ghetto Piaski in Polen. Als Vergütung für die Reisekosten in die Vernichtungslager musste jeder Neumarkter Jude 50 Reichsmark Reisegeld bezahlen. Darüber hinaus wurden alle Wertgegenstände beschlagnahmt, so musste zum Beispiel Julius Neustädter sein Fahrrad und alles Bargeld, was ihm verblieben war, 11,85 RM, an die NS-Schergen abgeben. Ein vertraulicher Akt der Gestapo Regensburg vom 26. März 1942 zeigt, dass die Judenaktion akribisch geplant war. Alle an diesem Tag deportierten Juden wurden vom NS-Regime ermordet. Mit einer weiteren Deportation am 28. Mai 1942 war Neumarkt schließlich „judenrein“. Die Synagoge wurde in den letzten Tagen des Krieges 1945 zerstört. Nach 1945 zog nur noch ein Mensch jüdischen Glaubens in die Ortschaft, um hier zu leben.Neumarkt/Oberpfalz (Bayern). Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde im deutschen Sprachraum; abgerufen am 19. Februar 2020.Geschichte der Neumarkter Juden (PDF; 1,5 MB) abgerufen am 19. Februar 2020.
Liste der Stolpersteine Die Tabelle ist teilweise sortierbar; die Grundsortierung erfolgt alphabetisch nach dem Familiennamen.
Stolperstein Inschrift Standort Name, Leben 120px HIER WOHNTE HELENE HENRIETTE BARUCH GEB. ROTHSCHILD JG. 1896 DEPORTIERT 1942 PIASKI ERMORDET Bahnhofstraße 13 , geborene Rothschild, wurde am 2. März 1896 in Frankfurt am Main geboren. Ihr Vater war Inhaber einer Hutmanufaktur. In ihrer Heimatstadt lernte sie ihren zukünftigen Ehemann Kurt Baruch kennen. 1924 wurde der gemeinsame Sohn Hermann geboren. 1933 zog die Familie nach Neumarkt in der Oberpfalz, wo der Vater von Kurt Baruch ein Geschäft hatte. Dort übernahm Helene Baruchs Ehemann das Herrenkonfektionsgeschäft seines Vaters. Am 4. Januar 1938 schloss er das Geschäft. Helene Baruch und ihre Familie mussten ihre Wohnung in der Bahnhofstraße verlassen und in eine kleinere Wohnung über der Synagoge einziehen, in der Reichspogromnacht wurde sie von SA-Männern eine Treppe hinuntergestoßen. Am 3. April 1942, einem Karfreitag, wurden sie, ihr Ehemann und der gemeinsame Sohn über Regensburg ins Ghetto Piaski deportiert. Kurt Baruch sandte am 26. Juni 1942 eine Karte aus Chełm, aus dieser geht hervor, dass die Familie noch zusammen war. Helene Henriette Baruch, ihr Ehemann und ihr Sohn haben die Shoah nicht überlebt.Exzess der Gewalt: SA-Männer stießen Frau Baruch die Treppe runter. nordbayern.de; abgerufen am 1. Februar 2020.Helene Baruch. The Central Database of Shoah Victims’ Names; beruhend auf dem Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945, abgerufen am 1. Februar 2020.Familie Baruch – Bahnhofstr. 13. stolpersteine-guide.de; abgerufen am 1. Februar 2020. 120px HIER WOHNTE HERMANN BARUCH JG. 1924 DEPORTIERT 1942 PIASKI ERMORDET Bahnhofstraße 13 wurde am 29. Oktober in Frankfurt am Main geboren. Seine Eltern waren Helene Henriette Baruch und ihrem Ehemann Kurt. 1933 zog seine Familie von Frankfurt nach Neumarkt an der Oberpfalz, wo sein Vater das Geschäft seines Großvaters, ein Herrenkonfektionsgeschäft, übernahm. Seit dem Schuljahr 1935/36 besuchte er die Dietrich-Eckart-Realschule und war einer von drei jüdischen Schülern bei 139 Schülern insgesamt. Ende April 1938 verließ er die Schule. Am 3. April 1942, einem Karfreitag, wurde er zusammen mit seinen Eltern über Regensburg ins Ghetto Piaski deportiert. Sein Vater Kurt Baruch sandte am 26. Juni 1942 eine Karte aus Chełm, aus der hervorgeht, dass die Familie noch zusammen war. Hermann Baruch und seine Eltern haben die Shoah nicht überlebt. 120px HIER WOHNTE KURT BARUCH JG. 1890 ‘SCHUTZHAFT’ 1938 DACHAU DEPORTIERT 1942 PIASKI ERMORDET 30.6.1942 Bahnhofstraße 13 wurde am 8. August 1890 in Czempiń geboren. Seine Eltern waren Adolf (geboren als Abraham) und Ernestine Baruch (geborene Menke). Er hatte zumindest eine Schwester, Selma (geboren 1889). Spätestens ab 1900 wohnte die Familie in Neumarkt an der Oberpfalz, zuerst in der Bahnhofstraße 4, ab 1902 im neu errichteten Haus in der Bahnhofstraße 13 (das Haus wurde vom Brauereibesitzer Johann Yberle errichtet). 1903 erhielt Adolf Baruch das Bürgerrecht in der Stadt, führte ein auf Herren- und Knabenbekleidung spezialisiertes Ladengeschäft am Oberen Markt 1A und er war Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Neumarkt. Kurt Baruch ging nach Frankfurt, lernte dort Helene Henriette Rotschild, Tochter eines Hutmanufakteurs, kennen und heiratete sie. 1924 wurde der gemeinsame Sohn Hermann geboren. 1931 starb Kurt Baruchs Mutter. 1933 ging die Familie nach Neumarkt, ihm von seinem Vater das Konfektionsgeschäft übertragen wurde. Kurt Baruch konnte dieses noch vier Jahre halten. Am 4. Januar 1938 sperrte er es zu. Während der Novemberpogrome wurde Kurt Baruch verhaftet und im KZ Dachau interniert. Seine Frau wurde in derselben Nacht misshandelt.laut Quelle Alemannia Judaica wurde Adolf Baruch in der Pogromnacht so schwer misshandelt, dass er in der Nacht darauf starb. Bei dieser Information dürfte es sich um einen Irrtum handeln.Neumarkt in der Oberpfalz (Kreis Neumarkt) Jüdische Geschichte / Synagoge. alemannia Judaica; abgerufen am 3. Februar 2020. Er wurde aus Dachau entlassen, doch am 3. April 1942, einem Karfreitag, wurden er, seine Frau und der Sohn über Regensburg ins Ghetto Piaski deportiert. Kurt Baruch sandte am 26. Juni 1942 aus Chełm eine Karte an seinen Schwager. Aus dieser geht hervor („wir sind gesund“), dass die Familie noch zusammen war. Kurz nach dieser Postkarte erreichte seine Schwester eine weitere Postkarte mit der Mitteilung, dass sei. Center for Jewish history; abgerufen am 3. Februar 2020. Kurt Baruch wurde am 30. Juni 1942 ermordet.