Die Toponymie von Tournai befasst sich mit dem Studium der Entwicklung und der Deutung der Etymologie bzw. der Toponomastik des Ortsnamens „Tournai“.
Aufgrund seiner Beständigkeit entwickelt sich ein Ortsname im Laufe der Zeit des Ortes, den er beschreibt und passt sich dabei entsprechend der Veränderung der Bevölkerung, der Sprache oder seiner Herrschaft an. Tournai ist heute eine Stadt in Belgien in der Provinz Hennegau und über 2000 Jahre alt. Dieses Toponym hat daher im Laufe der Jahrhunderte viele orthographische Änderungen erfahren und seine Herkunft war Gegenstand verschiedener etymologischer Untersuchungen, die mehr oder weniger seriös durchgeführt wurden.
Wie dies auch bei anderen Toponymen in Belgien der Fall ist, geht es bei der etymologischen Herkunft zumeist um die Wahl zwischen keltischer, germanischer oder lateinischer Herkunft. Da sich der belgo-römische Ortskern der Stadt auf einer leichten Anhöhe befand, wird in der gegenwärtig bevorzugten etymologischen Theorie heute das keltische Wort „tur“ für deutsch „Höhe“ als der Ursprung des Ortsnamens angesehen.Daniel Blampain (Hrsg.): Le français en Belgique. Duculot et C.F.B., Louvain-la-Neuve 1997, ISBN 978-2-8011-1126-0, S. 8. Des Weiteren existiert in der Schottisch-gälischen Sprache noch das Wort „tùr“ für deutsch „Turm“, einem Bauwerk, das meist höher als breit ist und oft als Ausguck benutzt wird.
Während die aktuelle toponymische Forschung weitgehend wissenschaftlicher Natur ist, wurde sie in der Vergangenheit auch von einem politischen Diskurs gestützt. Im Fall von Tournai zum Beispiel wurde eine mythische Etymologie, die sich auf die legendären Ursprünge der Stadt beziehen, erstmals im 12. Jahrhundert in den politisch-religiösen Anspruch des Bistums Tournai, (lat. Dioecesis Tornacensis, franz. Diocèse de Tournai) eingeschrieben, die völlig unabhängig von der des Bistums Beauvais (lat. Dioecesis Bellovacensis, franz. Diocèse de Beauvais) war. Das „nationale Erwachen Belgiens“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts ermutigte in der Folge auch lokale Intellektuelle, die Herkunft der Stadt und ihren Namen in Frage zu stellen.
Was die offizielle Schreibweise des Ortsnamens Tournai anbetrifft, so weicht diese gelegentlich von der mittelalterlichen Schreibweise Tournay oder der lateinischen Variante Tornacum ab, insbesondere dann, wenn es darum geht, den Namen der Stadt Tournai mehr oder weniger künstlich altern zu lassen. Dieses Phänomen findet sich sowohl in der Welt der Vereine als auch im Handel, wie z. B. bei Antiquitätenhändlern, der Biermarke Tournay Blonde dem gleichnamigen Mittelalterspiel Tournay (Spiel) und – nebenbei bemerkt – auch bei Autohändlern wieder.
Historische Entwicklung der Rechtschreibung Die Entwicklung der Schreibweise des Ortsnamens ist ein Phänomen, das mit den demographischen, politischen und sozialen Veränderungen korreliert, die die Stadt Tournai in ihrer Vergangenheit durchlaufen hat.
Antike und Frühmittelalter: Turnaco, Turnacum, Tornacum, Turnacensium mini|Ausschnitt aus der Tabula Peuteringeriana (Kopie von Konrad Miller, 1887–1888) Die älteste Erwähnung von Tournai findet sich im Itinerarium Antonini, das ins 3. Jahrhundert datiert wir, hier wird Turnacum genannt. In der Tabula Peutingeriana aus der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts, ist der Ort als Poststation unter dem Namen Turnaco verzeichnet. Hier kann man neben dem Rhein () und der Maas () auch zahlreiche antike Städte wie Tournai (Turnaco) und Castellum Menapiorum (Cassel) sehen.
Unter Diokletian wurde das Verwaltungszentrum der römischen Menapier (Civitas Menapiorum) von Castellum Menapiorum (Cassel) nach Tournai verlegt. Der Name der Civitas (deutsch, „Bürgerschaft“) lautete ab dann Civitas Turnacensium. Gleichzeitig erwähnte die Notitia dignitatum (in partibus occidentis, deutsch: im Teil des Westens) das Vorhandensein einer turnacensische Garnison (Numerus Turnacensium), die in Portus Lemanis (heute Lympne bei Dover in England) stationiert war.; Ein Abriss der Topographie Galliens in lateinischer Sprache mit dem Titel Notitia Galliarum vom Ende des 4. Jahrhunderts bezieht sich dabei auch auf einen Procurator gynaecii einer kaiserlichen Fabrik für militärische Ausrüstung in der Civitas tornacensis, die selbst in Belgien an zweiter Stelle stand.
Eine Version mit einem “h” existierte auch beim mittelalterlichen Chronisten Gregor von Tours, der heute als “Vater der Geschichte Frankreichs” gilt. Bei ihm wurden sowohl die Namen Thornaco und Thornacensis als auch Tornacum und Turnacensis verwendet.
Spätmittelalter: Tornai, Tornay Frédéric Hennebert wies darauf hin, dass die in den ältesten Unterlagen in romanischer Sprache in den Archiven der Stadt Tournai aus dem 13. Jahrhundert zu findende Schreibweise Tornai die am weitesten verbreitete ist. Das älteste Dokument in romanischer Sprache, das von ihm gefunden wurde, ist eine Urkunde aus dem Jahr 1223 und beginnt wie folgt: Dies ist einerseits ein Einblick in die Zukunft und die Herrlichkeit von Tornai, […].
Die Analyse der übrigen romanischen Dokumente desselben Repositoriums zeigte, dass die Schreibweise Tornai im 13. Jahrhundert weit verbreitet war und fast unveränderlich verwendet wurde. Er fügt jedoch in einer Fußnote hinzu, dass auch die Schreibweise Tournai verwendet wurde, insbesondere in einem Testament aus dem Jahr 1200, und dass er darin nur einmal die Verwendung eines “y” finden konnte.
Neuere Zeiten: Tournay, Tournaÿ Entsprechend einer Studie des Archivs der Stadt Tournai stellte Frédéric Hennebert fest, dass das “y” das “i” ab Ende des 13. Jahrhunderts ersetzte.
Zeitgenössische Zeit Das Land von Tournai oder Tournaisis
Die Tournaisis, das heißt das Land von Tournai, wurde im Laufe der Jahrhunderte in ein mehr oder weniger großes Gebiet umgewandelt und kannte daher verschiedene Schreibweisen. Sein Ursprung ist gallo-römisch und steht im Zusammenhang mit dem Konzept des Pagus (lat., „Flur, Gau“, pl. pagi) oder des Landes, das sich auf eine gallo-römische Gebietseinheit bezieht, die niedriger war als die der civitas (deutsch: halbautonome Verwaltungseinheit der mittleren Ebene) und dann im Mittelalter eine territoriale Unterteilung (nahe dem heutigen Kanton) besaß, die oft in einen Landkreis integriert wurden.
Der Begriff Pagus wurde bis ins 10. Jahrhundert hinein verwendet: nacheinander Pagus Tornacensi, Pagus Turnacense, Pagus Tornacinse, Pagus Tornacensis und Pagus Tornacense.
Auch wenn sich die Schreibweise heute gefestigt hat, ist es Realität, dass die Bezeichnung, die der Name abdeckt, so unscharf ist wie seine Grenzen, da er sich sowohl auf die Gesamtheit von Tournai beziehen kann, d. h. die Gemeinde Tournai, als auch auf das recht große Gebiet des Intercommunale de Développement du Tournaisis (IDETA) mit seinen 24 Gemeinden: Antoing, Ath, Belœil, Bernissart, Brugelette, Brunehaut, Celles, Chièvres, Ellezelles, Enghien, Flobecq, Frasnes-lez-Anvaing, Hensies, Jurbise, Lens, Lessines, Leuze-en-Hainaut, Mont-de-l’Enclus, Pecq, Péruwelz, Rumes, Silly, Soignies und Tournai. In der Tat ließ man als touristische Trumpfkarte die betroffenen Gemeinden mit Ausnahme von Hensies, Jurbise, Lens und Soignies durch große Autobahnschilder mit der Aufschrift „Tournaisis“ kennzeichnen, bevor das Interkommunale Unternehmen zur Entwicklung von Tournaisis (IDETA) die Beschilderung ab Juni 2009 nach dem Konzept der „Picardie Wallonie“ (deutsch: „Westlicher Hennegau“) aktualisierte.
Etymologische Theorien Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die neuesten etymologischen Forschungen auf keltische, gallische oder gallo-römische Ursprünge beziehen: Die Wurzel turno- bedeutet Höhe bzw. Anhöhe und das Suffix -acos wäre das etymologische Element, welches das Toponym Tournai erklärt. Ein früherer Einfluss wird jedoch von einigen Forschern wie dem belgischen Namensforscher und Paläografen Maurits Gysseling (1919–1997) verteidigt, der einen germanischen Ursprung vorschlägt oder Jean Loicq (* 1933), der radikal die vorkeltische Herkunft *tur- als Namen deutet.
Keltische oder gallo-römische Herkunft Turno- keltisch bedeutet Höhe In einem Nachschlagewerk über das gallische Vokabular schreibt Xavier Delamarre dem Toponym Tournai zu, dass es direkt vom gallischen „turno-“ gleichbedeutend mit „Höhe“ abstammt. Jean Loicq identifizierte die gleiche keltische Herkunft „tur-“, was „natürliche Höhe“ bedeutet, von den Kelten aber später in „turno-“ umgewandelt wurde. Den Ursprung des Begriffs *tur- führte er auf ein unbekanntes präkeltisches Idiom zurück, das die Kelten angenommen und später das Suffix „-no“ angehängt hätten. Das gallo-römische Suffix „-âcum“ würde jedoch beweisen, dass das Toponym des lateinischen Ortsnamens „Turnâcum“ nicht für einen prähistorischen Ursprung gilt, da der Ortsname bereits zu Zeiten seines Ursprungs *tur- genannt wurde. mini|Tournai – Turm der Loucherie Daniel Blampain (* 1946), der die Theorie von Delamarre weiterentwickelt hatte, erklärte, dass das lateinische Toponym „Turnacum“ aus dem keltischen Wort „tur-“ für „Höhe“ stammt und dass er auch für den Bezirk Loucherie in der Stadt Tournai gilt, in dem die ältesten Spuren menschlicher Präsenz in der Stadt gefunden wurden. Der Autor erinnerte sich auch an die Theorie von Maurits Gysseling, dass Belgien heute – mit Ausnahme der Ardennen – bereits vor der Ankunft der Römer teilweise germanisiert war, demzufolge prähistorische Toponyme von germanischen Einflüssen beeinflusst worden sein sollen.
Durnacus-Münzen (durnaciennes) Die Herkunft der gallo-römischen Münzen, die mit dem Namen „DURNACUS“ geprägt wurden, war im 19. Jahrhundert Gegenstand einer Kontroverse zwischen jenen, die sie der Stadt Tournai zuschrieben und denen, die sie einer Stadt im Gebiet der Eburonen oder den Haeduern zuschrieben. mini|Goldstater der Eburonen mit Triskele auf der Vorderseite und keltischem Pferd auf der Rückseite Ein Sammler und Numismatiker seiner Zeit, der Marquis Roger de Lagoy (1789–1860) schrieb diese Stücke Tournai zu, so wie er Verdun diejenigen mit dem Bildtext „VIRODU“ und den Eburonen solche mit dem Bildtext „EBURO“ zuordnete. Diese Art Klassifizierung entspricht dem fast einstimmigen Konsens in dieser Fragestellung, allerdings wären, sobald der Marquis de Lagoy die Hauptfundorte entdeckt hätte, gegenteilige Analysen erschienen.Hucher Eugène, Bulletin Bibliographique, in: Revue numismatique, série ?, Tome 8, 1863, S. 53–54. Tatsächlich fand man diese Stücke im Norden Galliens nur in sehr geringen Mengen, obwohl dort die Klassifizierung vorgenommen worden war. Die wichtigsten Entdeckungen wurden jedoch im Süden Galliens gemacht, wo sie in Massen vorkamen.Hucher Eugène (1814–1889)
Jean-Baptiste-Bonaventure Roquefort nahm diese Theorie 1829 in seinem Etymologischen Wörterbuch der französischen Sprache wieder auf:
In seiner Beschreibung über die gallischen Münzen in den Sammlungen der Königlichen Bibliothek Belgiens von 1846 verteidigt Adolphe Duchalais (1814–1854) die Idee, dass diese Münzen einem Ort namens Durnacus im Gebiet des keltischen Volksstamms der Eburonen zugeordnet werden sollten. Dabei weist er darauf hin, dass die Anhänge „dur“ und „acum“ in keltischen Begriffen äußerst verbreitet sind und Tournai keineswegs der einzige Ort in Gallien mit dem Namen „Tornacum“ oder „Durnacum“ sei, da „durum“ „Wasserlauf“ und „acum“ übersetzt „Wohnung“ bedeutet.
In einem Artikel im 11. Jahrgang des Bulletins de la Société Historique et Littéraire de Tournai über gallo-römische Münzen, die Tournai zugeschrieben wurden, verteidigte Graf Georges Alexandre François de Nédonchel (1813–1903) die tournaisische Hypothese von dem, was er „einen neuen Angriff gegen die von uns verteidigte Meinung“ aus der Ausgabe 1863–1864 der französischen numismatischen Zeitschrift nannte.