Als Imperialismus (von ; imperium ‚Weltreich‘; etwa bei Imperium Romanum) bezeichnet man das Bestreben eines Staatswesens bzw. seiner politischen Führung, in anderen Ländern oder bei anderen Völkern politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu erlangen, bis hin zu deren Unterwerfung und zur Eingliederung in den eigenen Machtbereich. Typischerweise geht das damit einher, eine ungleiche wirtschaftliche, kulturelle oder territoriale Beziehung aufzubauen und aufrechtzuerhalten.Ronald John Johnston: The Dictionary of Human Geography. 4. Auflage, Wiley-Blackwell, 2000, ISBN 0-631-20561-6, S. 375 (books.google.ca).
Der Begriff als solcher wurde im 16. Jahrhundert geprägt und galt damals als Negativbezeichnung für eine im Gegensatz zum Rechtsstaat auf Militärmacht und Despotie basierende Herrschaft. Als eigentliches Zeitalter des Imperialismus gilt das späte 19. Jahrhundert, wozu auch die verschiedenen marxistischen Imperialismustheorien beitrugen. Im Nachhinein wurde Imperialismus auch für eine Reihe von antiken Großreichen angenommen.
Der Begriff Imperialismus umfasst mehr als Kolonialismus und muss deshalb vor allem von Kolonisierung getrennt werden. Edward Said sieht beim Imperialismus , der Provinz. Said zufolge sei Kolonisierung nicht mehr als die Besiedlung entfernter Länder. Robert J. C. Young stimmt dem insoweit zu, als Imperialismus aus dem Zentrum operiere, als staatliche Politik, während Kolonisierung nicht mehr als Siedlungs- oder Wirtschaftsentwicklung bedeute.
Von der bewussten Politik der Machtprojektion und der Erweiterung von Regierungsgewalt auf verschiedene Territorien ist der weiter gefasste Begriff des Kulturimperialismus zu unterscheiden, wie auch der der kulturellen Hegemonie im Sinne Antonio Gramscis. mini|hochkant|The Rhodes Colossus, Karikatur von Edward Linley Sambourne zum Kap-Kairo-Plan von Cecil Rhodes im Punch, 1892
Begriffsgeschichte Traditionelle Begriffsverwendung Die Begriffe und entstanden im 16. Jahrhundert: Sie bezeichneten in der Frühen Neuzeit in der Regel Anhänger des römisch-deutschen Kaisers. In diesem Sinne war auch der Begriff Imperialismus bei seinem ersten belegten Auftauchen gemeint: 1791 wurde in Frankreich erstmals die Geisteshaltung von Anhängern des habsburgischen Kaiserhauses als impérialisme bezeichnet.Dieter Groh: Cäsarismus. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Studienausgabe, Band 1. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, S. 726–771, hier S. 731 f. Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts verstand man sowohl im englischen als auch im französischen Sprachraum unter einem Imperialisten einen Parteigänger Napoleons und später einen Befürworter der Herrschaftsansprüche von dessen Familie. Mit dieser Bedeutung taucht 1826 auch im Deutschen das Wort Imperialist auf.Dieter Groh: Cäsarismus. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Studienausgabe, Band 1. Stuttgart 2004, S. 732. Der Begriff fand erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung, wofür der Staatsstreich Napoleons III. von 1851 den Anlass bot. In der Folgezeit wurde Imperialismus gewöhnlich etwa im selben Sinn wie Cäsarismus, Napoleonismus und Bonapartismus verwendet. Dabei ging es nicht um territoriales Expansionsstreben, sondern um den Anspruch der Herrscherfamilie, den Staat zu regieren. Daneben war aber schon in der ersten Jahrhunderthälfte vereinzelt ein etwas anderer Sprachgebrauch vorgekommen, bei dem die Vorstellung von militärischem Erfolg und nationaler Größe im Vordergrund stand, die mit dem Namen Napoleon verbunden war. Wer in Frankreich einen so orientierten Nationalismus kultivierte, war ein impérialiste, aber nicht notwendigerweise Bonapartist.Richard Koebner, Helmut Dan Schmidt: Imperialism. The Story and Significance of a Political Word, 1840–1960, Cambridge 1964, S. 2 f.
In den 1850er, 1860er und 1870er Jahren zeichnete sich ein langsamer Bedeutungswandel ab. Man verstand unter Imperialismus in erster Linie weiterhin dasselbe wie unter Cäsarismus: die Alleinherrschaft eines Machthabers, der sich nach dem Vorbild Caesars auf militärische Machtmittel und auf sein persönliches Prestige stützt, womit er einen Mangel an verfassungsmäßiger Legitimität verdeckt. Diesen Herrschertypus verkörperte nach damaligem Verständnis Napoleon III. Damit verband sich zunehmend – wiederum in Anknüpfung an das antike römische Muster – die Vorstellung von Expansionstendenz und Streben nach Weltherrschaft. Daher wurde der Begriff Imperialismus nun auch für das Britische Weltreich („Empire“) verwendet, obwohl dort keine Alleinherrschaft im Sinne von Cäsarismus bestand.Dieter Groh: Imperialismus III-VI. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Studienausgabe, Band 3. Stuttgart 2004, S. 175–221, hier: 175 f. Allerdings dominierte weiterhin die traditionelle Bedeutung; so äußerte Wilhelm I. im Herbst 1870 nach der Gefangennahme und Absetzung Napoleons III., der „Imperialismus liege zu Boden“, wobei er darunter das Kaisertum im Stil Napoleons III. verstand.Dieter Groh: Cäsarismus. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Studienausgabe, Band 1. Stuttgart 2004, S. 761. Noch 1888 wurde in Meyers Konversations-Lexikon Imperialismus als politischer Zustand definiert, in welchem .
Neuere Begriffsverwendungen Begriffswandel mini|Weltreiche und Kolonien im Jahre 1898
Eine neuere Begriffsverwendung setzte sich zunächst in Großbritannien in den 1870er Jahren durch. Dabei ging es um eine innenpolitische Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern einer starken Verknüpfung der überseeischen Gebiete mit dem Mutterland und ihren liberalen Widersachern. Diese, Gegner der Politik des Premierministers Benjamin Disraeli, pflegten die Position der Gegenseite als Imperialismus zu kennzeichnen.Dieter Groh: Imperialismus III-VI. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Studienausgabe, Band 3. Stuttgart 2004, S. 180. Dabei knüpften sie bewusst an die traditionelle negative Konnotation dieses Begriffs in Zusammenhang mit dem in Großbritannien verhassten Bonapartismus an. Ihnen war eine offizielle Weltreichspolitik suspekt, da sie auf bedenkenloser Anwendung militärischer Macht beruhe. Sie befürchteten als Folge der imperialistischen Expansion eine Machtzusammenballung, die eine Mentalität erzeugen könnte, welche eine Schwächung der parlamentarischen Kontrolle und letztlich Despotismus auch in Großbritannien selbst zur Folge hätte.Dieter Groh: Imperialismus III-VI. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Studienausgabe, Band 3. Stuttgart 2004, S. 185–187.Dieter Flach: Der sogenannte römische Imperialismus. In: Historische Zeitschrift, Band 222, 1976, S. 1–42, hier: S. 15–17.
Die ursprünglich abwertend gemeinten Begriffe Imperialist und Imperialismus wurden bald auch von den Befürwortern der imperialen Machtentfaltung aufgegriffen und als Selbstbezeichnung in positivem Sinn verwendet. Da der Begriff durch die traditionelle negative Konnotation und die Polemik der Kritiker der Expansionspolitik vorbelastet war, sprach man zwecks Abgrenzung von „imperialism in its best sense“ oder „true imperialism“. Dieser neue Sinn des Begriffs bürgerte sich langsam auch in Deutschland als Nebenbedeutung ein; man verstand unter Imperialisten eine bestimmte Strömung in innenpolitischen Auseinandersetzungen Englands.Dieter Groh: Imperialismus III-VI. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Studienausgabe, Band 3. Stuttgart 2004, S. 177–179.
Die Verwendung des Begriffs Imperialismus im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart bezieht sich insbesondere auf die europäische Expansionswelle zwischen 1870 und 1914 und deren Folgen. Das Großmachtstreben der europäischen Mächte führte dann auch zum Ersten Weltkrieg, mit dem das Zeitalter des klassischen Imperialismus endete.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff Imperialismus ganz allgemein für Bemühungen benutzt, die – aus ideologisch-missionarischen Gründen – eine Weltherrschaft oder zumindest die Herrschaft über großräumige Gebiete außerhalb des eigenen Staates anstreben. So sprach und spricht man insbesondere vom Sowjet-Imperialismus und vom US-Imperialismus. Zur Abgrenzung vom heutigen Neo-Imperialismus wird mit Blick auf das Zeitalter des Imperialismus heute vom historischen Imperialismus gesprochen.
Imperialismustheorien
Im Marxismus wurde der Imperialismus zunächst von Karl Kautsky im Anschluss an Platons Dialog Der Staat als eine bestimmte Politik zur Unterwerfung eines außerhalb des Staates liegenden, agrarischen Territoriums verstanden.Karl Kautsky. In: Die Neue Zeit, Nr. 2, 11. September 1914, S. 909; angeführt bei Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. In: Lenin Werke, Bd. 22, S. 272. Dem widersprach die marxistische Wirtschaftstheorie, die den Imperialismus als besondere Entwicklungsstufe des Kapitalismus beschrieb. Die ältere diesbezügliche Theorie Rosa Luxemburgs ging dabei analytisch von der Sättigung des inneren Marktes, der Eroberung des Weltmarktes und der Konkurrenz um ihn durch die nationalen Kapitale aus.Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals. In: Gesammelte Werke 5, Dietz Verlag Berlin 1975. Dagegen ging Wladimir Iljitsch Lenins spätere Imperialismustheorie vom Auftreten bestimmter Erscheinungen (wie dem Verschmelzen von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital) aus. Lenin sah zudem die monopolistische Phase des Kapitalismus, die er als den Imperialismus kennzeichnend bezeichnete, als dessen höchstes und letztes Stadium überhaupt an.Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. In: Lenin Werke, 22, siehe auch Lenin Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus. In: Lenin Werke, 23, beides Dietz Verlag, Berlin (Ost) 1974. Am Ende seines Lebens sah Lenin allerdings abweichend von seiner früheren Auffassung des Imperialismus in seinem Brief „Zur Frage der Nationalitäten“ die Möglichkeit imperialistischer Beziehungen der sozialistischen Sowjetunion zu anderen Staaten.Lenin: Zur Frage der Nationalitäten oder der Autonomisierung. In: Lenin Werke, 36, S. 596. Während Lenin, Luxemburg und Kautsky den Imperialismus und Kolonialismus als Teil eines Gesamtsystems kapitalistischer Unterdrückung entschieden ablehnten, gab es allerdings auch Gegenstimmen wie jene des niederländischen Sozialdemokraten Henri van Kol, der koloniale Eroberungen außereuropäischer Regionen als „Zivilisationspolitik“ verteidigte. Derartige Ansichten blieben jedoch eine kleine Minderheit innerhalb des Marxismus, theoretisch und politisch prägend waren die imperialismuskritischen Analysen.Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Schmetterling, Stuttgart 2011, S. 167 f.
Im Gegensatz zur marxistischen Auffassung sah der Ökonom Joseph Schumpeter den Imperialismus nicht als notwendiges Ergebnis der Konkurrenz in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung an. Vielmehr sah er ihn als Ausdruck eines irrationalen Chauvinismus von Oberschichten zur Festigung ihrer Macht. Insofern könne er in allen Stadien der Geschichte und in verschiedenen politischen Systemen vorkommen.Kees van der Pijl: Vordenker der Weltpolitik: Einführung in die internationale Politik aus ideengeschichtlicher Perspektive. Leske + Budrich, Opladen 1996, S. 104 f.
Jawaharlal Nehru identifizierte 1940 den Nazismus „als ‚Zwillingsbruder‘ des westlichen Imperialismus“, der in Europa so funktionieren sollte wie der westliche Imperialismus in Übersee.Pankaj Mishra: Auf den Ruinen des Imperiums. In: Le Monde Diplomatique. Januar 2013, S. 12. Pankaj Mishra argumentiert, dass nach 1945 die Schrecken des Nationalsozialismus und Kommunismus vergessen machten, dass die moderne britische und die US-amerikanische Gesellschaft auf einem rassistischen Imperialismus gegründet wurden.Pankaj Mishra: Politik im Zeitalter des Zorns. In: Heinrich Geiselberger (Hrsg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation unserer Zeit. suhrkamp, Berlin 2017, S. 175–196, hier: S. 191.