Der Antisemitismus in der Türkei ist in der Türkei trotz gegenteiliger Beteuerungen besonders in nationalistischen oder muslimisch-konservativen Kreisen gesellschaftlich verankert. Der Antisemitismus zeigt sich in Verschwörungstheorien, im Antizionismus oder in der politischen Auseinandersetzung, bei der Gegner wahlweise als Dönme, Sabetaycılar oder Juden diffamiert werden. In Büchern, Zeitungen und Fernsehprogrammen wird die angebliche jüdische Herkunft bestimmter Personen mit dem Ziel „aufgedeckt“, diese zu diffamieren.
Geschichtlicher Hintergrund Bereits in vorislamischer Zeit lebten jüdische Gemeinschaften in Anatolien. Die älteste Gemeinschaft wurde im heutigen Bursa nachgewiesen. Die Juden im Osmanischen Reich waren eine heterogene Gemeinschaft. Zu nennen sind Romanioten, Karäer, Aschkenasim und zu guter Letzt die Sephardim, die sich nach ihrer Vertreibung von der Iberischen Halbinsel im 15. und 16. Jahrhundert nach einem Ferman im Osmanischen Reich niederließen. Im 19. Jahrhundert lebten Juden als eigenständiges Millet im Osmanischen Reich. Die größten Gemeinschaften auf dem heutigen Staatsgebiet der Türkei lebten in Istanbul, der Ägäis und in Ostthrakien. Weitere Gemeinschaften lebten in Diyarbakır, İzmir, Mardin, Adana, Antakya, Mersin, Van und Tokat.Siehe die verschiedenen Kapitel in Rıfat N. Bali: Türkiye'deki Yahudi Toplumlarından Geriye Kalanlar. Istanbul 2016. Frühester Anlass heutiger Ressentiments gegen Juden war die Zwangskonversion Schabbtai Zvis, der sich zuvor zum Messias (Sabbatianismus) ausgerufen hatte. Seine Anhänger konvertierten ebenfalls, hingen und hängen aber, so die gängige Überzeugung, als kryptojüdische Dönme ihrem alten Glauben an.
Trotz diskriminierender Einschränkungen und trotz Ritualmordlegenden wie der Damaskusaffäre mit nachfolgenden Ausschreitungen hatten die Juden im Osmanischen Reich verbriefte Rechte. Sie genossen Religionsfreiheit, Niederlassungsfreiheit, freie Berufswahl, Reisefreiheit und das Recht, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln. Sie waren gegen Zahlung der Haraç und Cizye vom Militärdienst befreit. Juden gründeten Synagogen und eigene Bildungs- und Kultureinrichtungen. Nach Gründung der Republik Türkei wurden diese Rechte 1923 im Lausanner Vertrag fortgeschrieben. Nur zwei Jahre später verzichtete die jüdische Gemeinschaft allerdings nicht freiwillig auf die ihnen zugestandenen Sonderrechte aus Art. 42 des Vertrages.Berna Pekesen: Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien. München 2012, S. 151
Jüdische Gemeinschaften waren in der laizistischen Türkei ebenso wie die muslimischen und christlichen Einrichtungen Einschränkungen ausgesetzt. Im Jahr 1927 betrug die geschätzte Zahl der Juden in der Türkei ca. 81.400. Fuat Dündar: Türkiye Nüfus Sayımları Azınlıklar. Istanbul 1999, S. 154 Die Zahl der Juden im Land ging durch die Alija der Juden aus der Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg stark zurück. In der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts verblieben ca. 17.000 Juden in der Türkei. Die große Mehrheit lebt in Istanbul. Einzelpersonen oder Familien leben beispielsweise in Ankara, Edirne oder Adana.
Die Politik der Regierung in den Anfangsjahren der Republik war primär darauf ausgerichtet, eine homogene Bevölkerung zu schaffen. Sie zielte im Hinblick auf die Juden möglicherweise darauf ab, die Auswanderung zu forcieren.Rıfat N. Bali: 6-7 Eylül 1955 Olayları : Tanıklar Hatıralar. Istanbul 2010, Seite 5–7 Juden galten der türkischen Führung nach Worten von Mehmet Fuat Köprülü, anders als die beiden anderen offiziell anerkannten Minderheiten wie Griechen und Armenier, als die einzige türkisierbare nichtmuslimische Minderheit. Sie sahen sich daher einem besonders hohen Assimilierungsdruck ausgesetzt.Ahmet Yıldız: Ne Mutlu Türküm Diyebilene. Istanbul 2013, S. 269 Eine erste öffentliche Debatte über die Dönme entwickelte sich bereits 1924, als ein gewisser Karakaşzade Mehmet Rüştü Efendi, der selbst ein Dönme der Karakaşlar-Sekte war, eine Petition einbrachte, die Heirat zwischen Türken und Dönme zu verbieten, da seine Glaubensgenossen weder in rassischer, moralischer oder spiritueller Hinsicht Türken seien.Rıfat N. Bali: A Scapegoat for All Seasons: The Dönmes Or Crypto-Jews of Turkey. Istanbul 2008, S. 27 Einer der Protagonisten der türkischen Nationalisten jüdischer Herkunft war Munis Tekinalp. Die Anpassung der Dönme und Juden führte allerdings nicht zum Abebben der Ressentiments oder der Verschwörungstheorien über den Einfluss von Kryptojuden. Die kemalistische Presse in den Anfangsjahren der Republik verbreitete ein negatives Judenbild. Darüber hinaus entstand unter dem Einfluss von Cevat Rıfat Atilhan und Nihal Atsız eine eindeutig rassistische und antisemitische Presse. Es erschienen Zeitschriften wie Bozkurt, Orhun, Çınaraltı oder Millî İnkılâp, die dem Nationalsozialismus kaum nachstanden.Rainer Pöschl: Vom Neutralismus zur Blockpolitik. Hintergründe der Wende der türkischen Außenpolitik nach Kemal Atatürk. München 1985, S. 129f. Die Repatriierung von Juden durch türkische Diplomaten wie Selahattin Ülkümen, Behiç Erkin oder Necdet Kent zeigt aber auch, dass sich türkische Amtsträger über staatliche Maßnahmen für ehemalige türkische Juden hinwegsetzten und damit hunderte Juden vor der Shoah bewahrten.Berna Pekesen: Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien. München 2012, S. 26
Noch Ende der 1980er Jahre war gemäß Jacob M. Landau der Antisemitismus in der Türkei ein peripheres Phänomen. Jacob M. Landau: Exploring Ottoman and Turkish History. London 2004, S. 17 1992 wurde die 500-jährige Präsenz der Juden im Lande im Anschluss an ihre Vertreibung aus Spanien mit einem Staatsakt gewürdigt. Der Hahambaşı İshak Haleva bekräftigte nach dem antisemitischen Anschlag gegen die Istanbuler Synagogen im Jahr 2003, es gebe im Hinblick auf Antisemitismus keine Probleme in der Türkei.Ayşe Hür: Küreselleşen Anti-Semitizm ve Türkiye, in: Birikim Dergisi vom 18. Oktober 2005 Benlisoy hingegen schrieb 2014, der Antisemitismus sei im Lande keine Sache der Extremisten mehr, den es zu verurteilen gelte. Er sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen.Foti Benlisoy: “Aptalların antiemperyalizmi” olarak antisemitizm. Evrensel Kültür, Nr. 273, September 2014, S. 71–73.
Der Antisemitismus ist in türkischen Medien nie ausreichend analysiert und von türkischen Wissenschaftlern nicht erforscht worden. Man betrachtete Antisemitismus nicht als Problem, das die Türkei oder die Türken betreffe. Zudem gab und gibt es festgefügte Vorstellungen über Juden und Israel: Israel sei ein Ausbeuterstaat, der die Palästinenser unterdrücke. Juden würden unter jedem Stein einen Antisemiten vermuten und Kritik an Israel als Antisemitismus abstempeln. Außerdem würden Juden fortwährend vom Holocaust reden und Nutzen daraus ziehen. Der Holocaust diene ihnen auch, um den Genozid, den sie an den Palästinensern begingen, zu verschleiern.Rıfat N. Bali: Komplo Teorileri. Cehaletin ve Antisemitizmin Resm-I Geçidi. İstanbul 2016, S. 45f.
Antisemitische Pogrome und Anschläge gegen jüdische Einrichtungen Es gab Ausschreitungen und Anschläge, die sich gegen Juden in der Türkei richteten. Zu nennen sind hier die Elza-Niyego-Krawalle (1927), das Thrakien-Pogrom (1934), die Varlık Vergisi (1942), der Überfall palästinensischer Terroristen auf die Neve-Schalom-Synagoge (Istanbul) (1986), die Terroranschläge gegen Synagogen in Istanbul (2003) und der Mord an dem jüdischen Zahnarzt Yasef Yahya.Musevi diye öldürdük Tageszeitung Vatan, 18. März 2004
Ursachen und Funktion Zwar lassen sich antisemitische Ausschreitungen beschreiben, aber die Motive der Täter bleiben unbekannt, da die Quellen darüber keine Aussage zulassen. So spielten vermutlich neben Judenhass bei einzelnen Personen auch wirtschaftliche Interessen wie die Ausschaltung eines Konkurrenten eine Rolle.Berna Pekesen: Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien. München 2012, S. 57. Nährboden des Antisemitismus bei der Bevölkerungsmehrheit ist der türkische Nationalismus und ein damit einhergehendes Überlegenheitsgefühl, das sich in Redewendungen wie „Bir Türk dünyaya bedeldir “ (ein Türke wiegt die ganze Welt auf) äußert. Ein weiterer Umstand, der Antisemitismus befeuert, ist der islamische Antisemitismus. Damit ist der Antijudaismus gemeint, der durch judenfeindliche Aspekte aus Koran und Hadith begründet wird. Hinzu kommen der tief verwurzelte Antizionismus und die Ablehnung Israels, für dessen Politik man auch die türkischen Juden verantwortlich macht. Zusätzlich erwartete man Dankbarkeit von den Juden, da diese in früheren Zeiten – so die gängige Überzeugung – von den gastfreundlichen Türken nach der Vertreibung von der Iberischen Halbinsel aufgenommen worden seien.
Verschwörungstheorien Verschwörungstheorien in der Türkei sind ein Indikator für Antisemitismus. Vielen Verschwörungstheorien ist die Angst gemeinsam, dass die Türkei durch dunkle Mächte erneut geteilt und vernichtet wird. Diese Verschwörungstheorien werden unter dem Sèvres-Syndrom subsumiert. Dabei wird wahlweise Juden, dem Mossad, Israel oder den Zionisten die Rolle des Bösen zugeschrieben. Ein Klassiker unter diesen antisemitischen Verschwörungstheorien ist die Überzeugung, dass das Südostanatolien-Projekt von Juden initiiert worden sei, um die Region Eretz Israel anzugliedern. Beispielsweise die Sozialdemokratin Rahşan Ecevit vertrat diese Theorie.Rıfat N. Bali: Komplo Teorileri. Cehaletin ve Antisemitizmin Resm-I Geçidi. İstanbul 2016, S. 117f.
Als Theodor Herzl bei einem Besuch im Mai 1901 dem Sultan Abdülhamid II. vorschlug, Palästina abzukaufen, um dort Juden anzusiedeln, hatte der Sultan dies abgelehnt. Eine der gängigsten Verschwörungstheorien, die von türkischen, kurdischen und sogar armenischen Intellektuellen geteilt wird, besagt, dass „die Juden“ sich dafür gerächt hätten, indem sie 1908 die jungtürkische Revolution angezettelt hätten, bei der Juden, Dönme und Freimaurer eine führende Rolle gespielt hätten. Damit werden Juden für den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches verantwortlich gemacht.Rıfat N. Bali: A Scapegoat for All Seasons: The Dönmes Or Crypto-Jews of Turkey. Istanbul 2008, S. 37f. Hinter dem Islamischen Staat wird in der Türkei oft Israel als Drahtzieher vermutet. Denn, so die landläufige Erklärung, der IS habe nie Israel angegriffen. Ein Hund beiße seinen Herrn nicht. Der Werteverfall wird ideologie-übergreifend als Werk des Imperialismus begriffen. Dieser Imperialismus instrumentalisiere in dieser Vorstellung Prostitution, Glücksspiel und Drogen, um die Menschen zu beherrschen. Hinter dem Imperialismus steckt nach gängiger Überzeugung das Finanzkapital und somit die jüdische Lobby. Diese Vorstellung ist islamischen, nationalistischen und linken Kreisen gemeinsam. Die explizite Nennung von Juden wird durch Verwendung von Begriffen wie Faiz lobisi (Zinslobby), Mossad, Dönme, Siyonistler (Zionisten), Sabetaycılar (Anhänger von Schabbtai Zvi), tefeciler (Wucherer), Baronlar (Barone) vermieden.
Islamisch-konservativer Antisemitismus In islamischen und nationalistischen Kreisen der Türkei ist der Antisemitismus am tiefsten verwurzelt. Die Protokolle der Weisen von Zion, eine antisemitische Fälschung, werden in Publikationen und Medien dieser Schicht oft für bare Münze genommen. Einen großen Anteil an der Verbreitung des islamischen Antisemitismus hat die Palästinenserfrage. Die Palästinenser werden als Opfer der israelischen, zionistischen oder schlicht jüdischen Aggression wahrgenommen und ihnen gilt als Glaubensgenossen eine besondere Solidarität. Antisemitismus wird in diesen Kreisen oft als ein Phänomen betrachtet, das vom arabischen Nationalismus importiert worden und somit der türkischen Tradition fremd sei.Şahin Alpay: Siyasal İslam'ın başarı şansı. Sözleşme Nr. 1, November 1997, S. 20–22