mini|Portalfassade mit den Stümpfen der beiden Minarette von Osten, 2001

Der Schrein von Khwaja Abu Nasr Parsa (), heute Khwaja-Parsa-Moschee, ist ein Mausoleum und eine Moschee in der nordafghanischen Stadt Balch. Das Mausoleum wurde wenige Jahre nach dem Tod des Sufi-Gelehrten Khwaja Abu Nasr Parsa († 1460/61) in timuridischer Zeit in der historischen Region Chorasan gegründet. Dieses durch Patronage des Generals Mīr Sayyid Mazid Bahadur Arghun zuerst entstandene Mausoleum befand sich vermutlich Mitte des 16. Jahrhunderts in einem schlechten baulichen Zustand. Der erhaltene Kuppelbau (persisch gonbad, arabisch qubba) über einer oktogonalen Basis mit einem monumentalen Iwan-Portalvorbau (pischtak) und zwei Minarett­stümpfen wurde schriftlichen Quellen und stilistischen Merkmalen zufolge Ende des 16. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Schaibaniden, einer usbekischen Dynastie, erbaut. Dem entspricht die 1597/98 datierte älteste Bauinschrift des Schaibanidenfürsten und Stifters ʿAbd al-Muʾmin, der das Mausoleum mutmaßlich als Grabstätte für sich und seine Familie plante. Vom Ende des 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts entstanden um das Mausoleum sechs Madrasas, die das Stadtviertel zu einem Zentrum für religiöse Bildung machten. Ein Erdbeben Ende des 19. Jahrhunderts könnte für den teilweisen Einsturz der Kuppel und der beiden Minarette verantwortlich gewesen sein. Das Gebäude wurde 1975–76 und nach 2002 restauriert und liegt heute als Kulturdenkmal und Moschee im zentralen Park der Stadt.

Den Beinamen Grüne Moschee ()Die glasierten Fliesen an den Außenwänden am Mausoleum sind überwiegend türkisfarben, „türkisch-grün“. Wände islamisch-orientalischer Sakralbauten mit glasierten Fliesen (, wörtl. „aus [der Stadt] Kaschan“, dem mittelalterlichen Zentrum der Fliesenherstellung) haben häufig türkisfarbene, blaue, schwarze und weiße Muster, weshalb mehrere Moscheen so genannt werden. erhielt der Sakralbau im 19. Jahrhundert.

Geschichte Die zeitliche, funktionelle und kunstgeschichtliche Einstufung des Schreins war lange Zeit widersprüchlich und divergierend. Sowohl die historischen Quellen als auch die auf sie zurückgreifenden Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert und die wissenschaftlichen Untersuchungen im 20. Jahrhundert bezeichnen das Gebäude je nach Kontext als Mausoleum oder Schrein (mazār), als Moschee, gelegentlich auch als Islamhochschule (madrasa) oder Sufizentrum (chāneqāh), und waren sich über die Bauzeit in den 1460er Jahren, Ende des 15. Jahrhunderts oder Ende des 16. Jahrhunderts lange uneins. Außerdem wurde der Name Abu Nasrs häufig verwechselt und die Frage gestellt, ob er überhaupt in diesem Schrein beigesetzt worden sei.Robert D. McChesney, 2002, S. 92

Khwaja Abu Nasr Parsa Khwaja Abu Nasr Parsa war ein Scheich des Naqschbandīya-Ordens und stand in der geistlichen Tradition seines Vaters Khwaja Muhammad Parsa († 1420), von dem die geistliche Abstammungskette (silsila) über Ala ad-Din Attar († 1399) auf den Ordensgründer Baha-ud-Din Naqschband (1318–1389) zurückführt. Wie der Ordensgründer wirkte Muhammad Parsa, ein anerkannter Gelehrter, in Buchara an der Verbreitung des Ordens. Im Unterschied zum Vater erwähnen die zeitgenössischen Quellen Abu Nasr lediglich als den Erben dieser Tradition, es ist aber kein eigenständiges Schrifttum von ihm bekannt. Nach Aussagen zweier Historiker vom Ende des 15. Jahrhunderts besaß Abu Nasr eine bedeutende Rolle als religiöser Führer und als politischer Vermittler, woraus sich der Bau eines derart prächtigen Mausoleums erklären lässt.

Im Zusammenhang mit Nachfolgestreitigkeiten nach dem Tod des Timuridenfürsten Ulugh Beg (1394–1449) eroberte Abul-Qasim Babur Mirza (regierte 1447–1457) im Jahr 1447 Balch. Am Stadttor angekommen wurde er von Abu Nasr empfangen, wie es in einem zwischen 1465 und 1471 verfassten Bericht des persischen Historikers Abd-ar-Razzagh Samarghandi (1413–1482) heißt. Demnach scheint Abu Nasr, den der Historiker mit dem Ehrentitel Schaich al-Islam benennt, zu jener Zeit die führende Persönlichkeit der Stadt gewesen zu sein. Abgesehen von Abd-ar-Razzagh, der eine weitere Begebenheit schildert, und von Muʿin ad-Din Isfizārī, der 1491/92 eine Chronik von Herat verfasste, ist nur noch eine weitere Quelle aus dem Ende des 15. Jahrhunderts zu Abu Nasr überliefert. Immerhin geht aus diesen annähernd zeitgenössischen Quellen die damalige Wertschätzung Abu Nasrs hervor.Robert D. McChesney, 2001, S. 95 Über zweieinhalb Jahrhunderte blieb bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in einer Abfolge von acht Generationen die Verwaltung des Mausoleums in der Hand der Parsa-Familie.

Mīr Sayyid Mazid Bahadur Arghun Der aus Herat stammende persische Historiker Chwandamir (1475–1535) berichtet kurz vor 1497 vom mutmaßlich einflussreichen Feudalherren und General Mīr Sayyid Mazid Bahadur Arghun, der um die Mitte des 15. Jahrhunderts den timuridischen Herrscher Abu Sa'id unterstützte. Das Ethnonym „Arghun“ verweist auf die besondere mongolische Herkunft des kurz Mir Mazid genannten Timuridengenerals, der im Zusammenhang mit einer Reihe von militärischen Eroberungen erwähnt wird. Im Winter 1458/59 war er an der Einnahme von Herat durch Abu Sa'id beteiligt, wenig später im selben Jahr eroberte er die von Aufständischen gehaltene Festung Nirah-tu östlich von Herat und 1460 kam er im Auftrag von Abu Sa'id als Beobachter oder wahrscheinlicher als längerfristiger Verwalter nach Balch. Mir Mazid könnte in Balch demnach erst Abu Nasr in dessen Todesjahr getroffen haben. Robert D. McChesney (2001) hält es jedoch für gut möglich, dass sich die beiden bereits zuvor in Buchara begegnet waren, weil Abu Nasr von Balch aus verschiedentlich Kontakte nach Buchara gepflegt haben dürfte. Zwischen 1462 und 1468 soll sich Mir Mazid zumindest zeitweilig in Balch aufgehalten haben. Vermutlich in diesen Jahren ließ Mir Mazid in Balch einen Tschahār Bāgh (persischer Garten) anlegen, der eine beträchtliche Größe gehabt haben muss. Nach einer verlorenen Schlacht 1469 gegen die turkmenischen Aq Qoyunlu wurde Abu Sa'id hingerichtet. Der zunächst ebenfalls festgesetzte Mir Mazid erlangte die Freiheit und begab sich nach Badachschan. Über seine dortigen politischen Aktivitäten wird unterschiedlich berichtet, bis er einige Jahre später zu Tode kam.Robert D. McChesney, 2001, S. 97f

Zu der Frage, inwiefern der Naqschbandīya-Scheich und der timuridische General im Jahr 1460 in einer persönlichen Beziehung standen, lassen sich zwei Quellen heranziehen, die Ende des 15. Jahrhunderts und kurz nach der Mitte des 16. Jahrhunderts datieren. In Chwandamirs kurz vor 1497 entstandenem Werk Maʿāschir al-Mulūk heißt es, Mir Mazid habe ein geräumiges Gebäude und eine Madrasa am Schrein (mazār) von Abu Nasr errichten lassen. Hieraus leitet McChesney ab, dass Abu Nasr zunächst in einer offenen Grabstätte (hazira, üblicherweise eine erhöhte Plattform in einem umfriedeten Gelände) beigesetzt wurde, an deren Stelle kurze Zeit später ein Schrein trat. Bis zum Tod Mir Mazids um 1470 dürfte demnach eine Art Mausoleum mit einer Madrasa entstanden oder zumindest eine religiöse Stiftung zur Gründung eines Grabkomplexes ins Leben gerufen worden sein.

Die spätere Quelle ist Sultan Muhammad bin Darwisch Muhammad al-Balchis Werk Madschma' al-ghara'ib. Sultan Muhammad war Mufti von Balch und starb 1574. Sein Werk ist in einer Version von 1561 und einer zweiten, nach 1577 fertiggestellten Version bekannt, die beide in partiell abweichenden Kopien vor allem aus dem 19. Jahrhundert überliefert sind. In der zweiten Version werden der Bau eines großen Mausoleums (gonbad) für Abu Nasr im Jahr 1462/63 und die Existenz einer Madrasa erwähnt. Die Bezeichnung mazārāt (Plural von mazār, „Schrein“) ist ein Hinweis, dass es Ende des 15. Jahrhunderts um die Grabstätte von Abu Nasr mehrere Heiligengräber gab, die Ziel von Pilgerreisen (ziyāra) waren. Die Bestatteten waren wohl Nachfolger Abu Nasrs oder andere Personen, die ihre religiöse Verbundenheit mit ihm zeigen wollten. Außerdem berichtet Sultan Muhammad von der gerade stattfindenden Renovierung der Gesamtanlage, die im Jahrhundert zuvor gelitten habe, und von einer neuerbauten Madrasa in ihrer Nähe. Vor Sultan Muhammad erwähnt bereits Abd ar-Razzagh, Mir Mazid habe ein gonbad erbauen lassen. Gemäß der Lesung von McChesney bezieht sich Abd ar-Razzaghs Chronik dabei nicht ausschließlich auf ein Mausoleum für Abu Nasr, sondern auf eine Familiengrabstätte.

Nur ein Manuskript dieser Chronik, das in den Eton College Collections aufbewahrt wird, erwähnt, Mir Mazid habe in Balch ein Mausoleum für seinen gestorbenen Vater Pir Muhammad erbauen lassen. Unklar ist, ob es sich dabei um ein anderes Mausoleum handelt, oder ob dieses Mausoleum für den Vater zu einer ungewissen Zeit vor den 1490er Jahren auf Abu Nasr umgewidmet wurde. Wahrscheinlich, so folgert McChesney, ließ Mir Mazid umgekehrt an der bereits vorhandenen Grabstätte Abu Nasrs einen Kuppelbau errichten, in welchem sein Vater und später sein Bruder beigesetzt wurden. In den Folgejahren scheint der Ruhm des gestorbenen Abu Nasr beträchtlich gewachsen zu sein, während der Name Mir Mazid und die Funktion des Mausoleums als Grabstätte seiner Familie verblassten und gänzlich verschwanden.Robert D. McChesney, 2001, S. 99–101

Nachfolgende Verwalter im 16. und 17. Jahrhundert mini|hochkant|Portal und Tambour mit Kuppel. Zustand kurz nach der jüngsten Restaurierung, 1977.

Auf die Timuriden folgte ab 1506 die Herrschaft der Usbeken von Buchara über Balch, die mit kurzen Unterbrechungen bis ins 19. Jahrhundert währte.Vincent Fourniau: Balḵ. iii. From the Mongols to Modern Times. In: Encyclopædia Iranica, 15. Dezember 1988 Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts ist das Mausoleum in der Bevölkerung ausschließlich als Grabstätte Abu Nasrs bekannt, um die sich die Legenden von dessen Wirken als Heiliger ranken. Der Ort wurde bereits in früher Zeit ein Pilgerziel, wenngleich weniger bedeutend als die Grabstätten von Baha-ud-Din Naqschband in Buchara, ʿAbdallāh al-Ansārī in Herat oder das Ali-Mausoleum in Masar-e Scharif. Immerhin erschien Balch für viele, teilweise hochstehende Gläubige als ein würdiger Ort, um sich dort in der Nähe von Abu Nasr bestatten zu lassen. Die mit dem Schrein verbundenen Angehörigen der Parsa-Familie erhielten als Nachkommen Abu Nasrs bis ins 18. Jahrhundert hinein das Recht auf den Ehrentitel Schaich al-Islam. Welche Rechte und Funktionen mit dem seit Abu Nasr von den nachfolgenden Verwaltern den Schreins geführten Titel verbunden waren, ist unklar. Vermutlich waren die Parsa-Familienoberhäupter im 16. und 17. Jahrhundert nicht nur angesehene religiöse Persönlichkeiten, sondern bekleideten auch eine gewisse offizielle Position, die einem Qādī oder Mufti vergleichbar war.