21 Lektionen für das 21. Jahrhundert ist ein 2018 erschienenes Sachbuch des israelischen Historikers Yuval Noah Harari. In diesem dritten auf ein breites Publikum zielenden Buch möchte Harari im Rahmen einer „globalen Agenda“ Klärung und Aufklärung anbieten hinsichtlich wichtiger Fragen zum gegenwärtigen Geschehen und zur unmittelbaren Zukunft menschlicher Gesellschaften: „Was sind heute die größten Herausforderungen und Möglichkeiten? Worauf sollten wir achten? Was sollten wir unseren Kindern beibringen?“ (S. 12)
Zurückliegende eigene Publikationen und darauf bezogene Leserreaktionen sind laut Harari in den Erstellungsprozess dieses Werkes eingegangen. Der Verfasser rechtfertigt den in seinen Ausführungen weitreichenden Orientierungs- und Deutungsanspruch mit dem Tempo des gegenwärtigen Wandels. Gegenüber Philosophen hätten Ingenieure weit weniger Geduld – und Investoren noch weniger. „Wenn wir nicht wissen, was wir mit der Macht, Leben zu manipulieren, anfangen sollen, werden die Marktkräfte nicht ein Jahrtausend lang warten, bis wir eine Antwort gefunden haben.“ (S. 17)
Kapitelstruktur und Inhalte Die 21 titelgebenden Lektionen verteilt Harari auf fünf Teile des Buches mit je eigener Überschrift:
Teil I: Die technologischen Herausforderungen (Desillusionierung – Arbeit – Freiheit – Gleichheit) Teil II: Die politische Herausforderung (Gemeinschaft – Zivilisation – Nationalismus – Religion – Zuwanderung) Teil III: Verzweiflung und Hoffnung (Terrorismus – Krieg – Demut – Gott – Säkularismus) Teil IV: Wahrheit (Nichtwissen – Gerechtigkeit – Postfaktisch – Science-Fiction) Teil V: Resilienz (Bildung – Sinn – Meditation)
Desillusionierung Die in den Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts mit Faschismus und Kommunismus zuletzt triumphierende „liberale Erzählung“ hat seit der Finanzkrise von 2008 an Zugkraft verloren. (S. 23–25) Die ohne politisches Mandat von Forschung und Technik vorangetriebene „Zwillingsrevolution“ in der Informations- und Biotechnologie entzieht sich der Kontrolle liberal-demokratischer Systeme. (S. 26 f.) Das Wirtschaftswachstum als traditionelles liberales Lösungsinstrument für schwierige soziale und politische Probleme durch „Vergrößerung des Kuchens“ zur allgemeinen Bedürfnisbefriedigung ist zur Ursache der ökologischen Krise geworden. (39 f.) Die Akzeptanzchancen jeder künftigen politischen Programmatik hängen davon ab, dass künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Bioengineering in „ein neues sinnvolles Narrativ“ integriert werden können. (S. 42)
Arbeit Maschinelles Lernen und Robotik, so die allgemeine Erwartung, werden „von der Joghurtproduktion bis zum Yogaunterricht“ so gut wie jedes Metier verändern. (S. 43) Integrierte Computernetzwerke werden menschliche Individuen und Intelligenz in sehr vielen Bereichen ersetzen, beispielsweise bei der Fahrzeugsteuerung oder bei Krankheitsdiagnosen und -therapien. (S. 47–49) Künstliche Intelligenz wird Beschäftigungsfelder aber nicht nur beseitigen, sondern auch neue entstehen lassen: Drohnen machen Piloten zum Teil überflüssig, bedürfen aber der Instandhaltung, Fernsteuerung und Datenanalyse. (S. 55 f.) Die absehbaren „beispiellosen technologischen und ökonomischen Verwerfungen des 21. Jahrhunderts“ müssen durch neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Modelle aufgefangen werden. Dabei geht es mehr um die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse und um den Schutz des individuellen Selbstwertgefühls als um die Erhaltung von teils wenig attraktiven Arbeitsplätzen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, finanziert durch die Besteuerung der Reichsten und der großen Internetunternehmen könnte diesem Zweck ebenso dienen wie die geldliche Berücksichtigung von Kindererziehungsarbeit und vielen Arten gemeinnütziger Arbeit. (S. 66 f.)„Wenn es uns gelingt, ein allgemeines wirtschaftliches Sicherungsnetz mit starken Gemeinschaften und sinnvollen Tätigkeiten zu verknüpfen, könnte sich die Tatsache, dass wir unsere Arbeit an Algorithmen verlieren, in Wirklichkeit als Segen erweisen.“ (S. 74)
Freiheit In liberal-demokratisch verfassten Gesellschaften hat Freiheit als Wert oberste Priorität; die Menschenrechte sind mit ihr verknüpft. (S. 75) Freier Wille und individuelle Entscheidungsfreiheit – lange schon in Frage stehend – werden in der digitalen Revolution unter dem Einfluss von Big-Data-Algorithmen marginalisiert. So schwindet auch eigenes räumliches Orientierungsvermögen, wo Navigationssysteme allein noch die Richtung vorgeben. „Die Fähigkeit, sich zurechtzufinden, ist wie ein Muskel – man muss ihn betätigen oder er verschwindet. Gleiches gilt für die Fähigkeit, Ehepartner oder Berufe zu wählen.“ (S. 87 f.) Die eine Außensteuerung ermöglichende digitale Überwachung eröffnet neben allerlei Annehmlichkeiten beträchtliche Gefahren sowohl seitens der die Daten nutzenden Unternehmen oder Banken als auch seitens eines Überwachungsstaats, der das digitale Datenmaterial zum Vorteil der Bürger verwenden kann, etwa zur Optimierung der gesundheitlichen Vorsorge, aber auch als Druckmittel gegen die Bürger zur Erhaltung oder Festigung einer Diktatur. (S. 98–100 und 105)
Gleichheit Die fortschreitende Bedeutungszunahme von Biotechnologie und künstlicher Intelligenz birgt die Gefahr einer drastischen Verschärfung sozialer Ungleichheit auch in hochentwickelten Industriestaaten. Während die Globalisierung einerseits horizontal die Bedeutung der staatlichen Grenzen herabsetzt, fördert sie andererseits die vertikale Spaltung der Menschheit in jene, die „oben“ die Erträge monopolisieren, und jene Milliarden „unten“, die abgehängt werden: „Die Reichsten einhundert Menschen besitzen zusammen mehr als die ärmsten vier Milliarden.“ (S. 113 f.)„Und es könnte noch schlimmer werden. Wie schon gezeigt, könnte das Vordringen künstlicher Intelligenz den ökonomischen Wert der meisten Menschen zunichte machen. Gleichzeitig könnten es Verbesserungen im Bereich der Technologie ermöglichen, ökonomische Ungleichheit in biologische Ungleichheit zu übersetzen. […] Wenn sich neue Behandlungen zur Lebensverlängerung und zur Verbesserung körperlicher und kognitiver Fähigkeiten als kostspielige Angelegenheit erweisen sollten, könnte sich die Menschheit in biologische Kasten aufspalten.“ (S. 114) Biotechnologie zusammen mit künstlicher Intelligenz und Globalisierung könnten sogar zu Speziation führen, einer Aufspaltung der Menschheit in unterschiedliche biologische Arten. (S. 116) Entscheidend für die Verteilung von Reichtum und Macht wird im 21. Jahrhundert der Besitz von Daten sein, die bei Datenriesen wie beispielsweise Google gehortet werden. (S. 117 f.) Die Regelung des Datenbesitzes ist die vielleicht wichtigste gegenwärtig anstehende politische Zukunftsfrage. (S. 121)
Gemeinschaft Menschen haben Jahrmillionen in intimen Gemeinschaften gelebt, die wenige Dutzend Individuen umfassten; diese Kleingruppen sind seit dem 19. und 20. Jahrhundert in Auflösung begriffen, was mit relativer Vereinsamung einhergeht. (S. 127) Die mit der massenhaften Verfügbarkeit von Online-Kommunikationsmitteln wie Smartphones verbundenen Möglichkeiten, die u. a. kommerzielle Unternehmen wie Facebook dazu nutzen, neue Formen der Gemeinschaftsbildung zu propagieren und anzubieten, sind als Ersatz für traditionelles Gemeinschaftsleben und -erleben nicht geeignet, weil sie den menschlichen Körper als ganzheitlichen Organismus für Sinneswahrnehmungen und Impulsverarbeitung partiell unterfordern und verkümmern lassen. „Menschen, die sich ihrem Körper, ihren Sinnen und ihrer physischen Umgebung entfremdet haben, fühlen sich leicht isoliert und desorientiert.“ (S. 128–131)
Zivilisation Die These vom „Kampf der Kulturen“ erweist sich in mehrfacher Hinsicht als verfehlt: Eine Analogie zu biologischen Vorgängen besteht für gesellschaftsgeschichtliche Erscheinungsformen nicht. „In Wahrheit ist die europäische Zivilisation alles, was Europäer daraus machen, so wie das Christentum alles ist, was Christen daraus machen, der Islam alles, was Muslime daraus machen, und das Judentum alles, was Juden daraus machen.“ (S. 136–139) Anders als bei Tierarten, die sich nie vermischen, ist in der Menschheitsgeschichte die Verschmelzung unzähliger isolierter Stämme zu immer größeren Gruppen und einander angenäherten Zivilisationen geschehen. (S. 142 f.) Hatte vor tausend Jahren noch jede Kultur ihre eigene Erzählung vom Universum, haben Wissenschaftler heutzutage überall auf der Welt die gleichen Vorstellungen von Materie, Energie, Zeit und Raum. (S. 153) Die Veranstaltung Olympischer Spiele als globales Ereignis, die nur dreimal im 20. Jahrhundert aus Kriegsgründen ausfielen, stellt eine „erstaunliche globale Übereinkunft“ dar: „Bei allem Nationalstolz, den Menschen empfinden, wenn ihre Mannschaft eine Goldmedaille gewinnt und ihre Flagge gehisst wird, darf man mit deutlich mehr Recht stolz darauf sein, dass die Menschheit überhaupt in der Lage ist, solch ein Ereignis zu organisieren.“ (S. 148–150)
Nationalismus Nationalstaatliche Vereinigungen und daran geknüpfte Identifikation und Loyalität sind relativ junge Erscheinungen im menschlichen Sozialleben, entstanden als Reaktion auf Herausforderungen, die ein einzelner Volksstamm nicht zu bestehen vermochte. (S. 156 f.) Die Entwicklung von Kernwaffen und die wechselseitige Drohung mit atomarer Vernichtung hat zuerst erkennen lassen, dass globale Probleme mit nationalstaatlichen Mitteln nicht zu lösen sind. Nur eine „internationalistische Weltordnung“ hilft Kriege zu begrenzen, wenn nicht zu vermeiden. (S. 157 und 159–162) Gleiches gilt für den Umweltschutz und insbesondere für die dringliche Begrenzung der globalen Erwärmung, deren Notwendigkeit allerdings aus je nationalstaatlicher Perspektive teils sehr unterschiedlich oder zwiespältig wahrgenommen wird. (S. 163–168) Die Dynamik nationalstaatlicher Egoismen könnte auch bei der dritten großen Bedrohung der menschlichen Existenz im 21. Jahrhundert, bei der von Biotechnologie und künstlicher Intelligenz angetriebenen technologischen Disruption, eine fatale Rolle spielen und womöglich zu neuen Existenzformen führen, „die vollständig mit dem Hominidenmodell brechen“. (S. 169–171) Dagegen ankommen lässt sich nur mit einer „Globalisierung der Politik“, die sich aus regionalen und lokalen Impulsen und Initiativen speist. (S. 176)
Religion Traditionelle Religionen sind für technische und politische Probleme weitgehend irrelevant und bei Identifikationsproblemen zwar von großer Bedeutung, aber eher als Teil des Problems, kaum als potenzielle Lösung. (S. 178) Zwar vertreten sie „universelle Werte“ und beanspruchen „kosmische Gültigkeit“, dienen aber gegenwärtig „hauptsächlich als Handlanger des modernen Nationalismus“, so in Nordkorea mit seiner Ideologie Chuch'e (S. 189), in Russland, Iran oder Israel. (S. 190)
Zuwanderung