mini|Beginn des Buchs Sapientia Salomonis im Codex Gigas, 13. Jahrhundert
Das Buch der Weisheit oder auch die Weisheit Salomos (abgekürzt Weish oder SapSal als Abkürzung von ) gehört zu den sogenannten Spätschriften des Alten Testaments. Seine Besonderheit besteht darin, dass es einerseits von einem hellenistisch geprägten Juden verfasst wurde, andererseits aber im Judentum nie den Status einer heiligen Schrift hatte. Seine Wirkungsgeschichte entfaltete es nur im Christentum, wo es seit der Spätantike als Teil der Septuaginta betrachtet wird. Innerhalb der Septuaginta ist das Weisheitsbuch ein Spätling und reicht fast an die Zeit des Neuen Testaments heran. Diese zeitliche Nähe erklärt auch inhaltliche Bezüge zwischen der Weisheit und dem Neuen Testament.Markus Witte: "Die Weisheit Salomos (Sapientia Salomonis)", in: J. Chr. Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments, Göttingen 2019 (6. Aufl.), 540–550, hier 549.
Als ursprünglich in griechischer Sprache abgefasstes Buch wurde es nicht in den jüdischen Tanach aufgenommen. In der Frage, ob das Buch der Weisheit als kanonisch, d. h. verbindlich, anzusehen sei, folgen die Römisch-katholische Kirche und die Griechisch-orthodoxe Kirche der Tradition der Septuaginta, der Protestantismus dagegen der masoretischen Tradition.
Name und Stellung im Kanon Im Judentum gehörte das Buch der Weisheit nie zu einer autoritativen Schriftensammlung.Karl-Wilhelm Niebuhr: Einführung in die Schrift. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 3–38, hier S. 7f. Das rabbinische Judentum rezipierte die Schrift überhaupt nicht, so dass ihre Wirkungsgeschichte auf das Christentum beschränkt war.Alfons Fürst: Die Weisheit als Prinzip des Seins und der Erkenntnis. Zur Rezeption der Sapientia Salomonis im antiken Christentum und zu ihrer Auslegung bei Origenes. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 293–318, hier S. 293.
Das Buch der Weisheit wurde in der Alten Kirche hoch geschätzt. Das spiegelt sich auch darin, dass es in einem Kanonverzeichnis unter den neutestamentlichen Schriften aufgeführt wird, nämlich im Kanon Muratori (nach dem Brief des Judas und zwei Johannesbriefen, vor der Johannes- und der Petrusapokalypse): „die Weisheit, die von Freunden Salomos zu dessen Ehre geschrieben ist“.Alfons Fürst: Die Weisheit als Prinzip des Seins und der Erkenntnis. Zur Rezeption der Sapientia Salomonis im antiken Christentum und zu ihrer Auslegung bei Origenes. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 293–318, hier S. 293.
In vielen Septuaginta-Handschriften trägt das Buch den Titel „Weisheit Salomos“ (gelegentlich auch: „Die allvorzügliche Weisheit Salomos“) und ist zwischen dem Hohenlied und Jesus Sirach eingeordnet. In der lateinischen Tradition lautet der Titel dagegen einfach Liber Sapientiae „Buch der Weisheit.“ Hieronymus betrachtete die Weisheit nicht als Teil des AT und übersetzte sie nicht. Die Vulgata übernahm sie in der Textform der Vetus Latina und ordnete sie am Ende der Salomo zugeschriebenen Schriften ein (ebenfalls nach dem Hohenlied, vor Sirach).
In der Lutherbibel hat das Buch den Titel Die Weisheit Salomos und befindet sich unter den Apokryphen zwischen den Büchern Judit und Tobit.Markus Witte: Die Weisheit Salomos (Sapientia Salomonis), Göttingen 2019, S. 541. Die Neuübersetzung der Zürcher Bibel erschien 2007, zunächst ohne die Apokryphen. Erst 2009 wurde mit deren Übersetzung begonnen. 2019 war die Übersetzung abgeschlossen und im Separata-Band «Deuterokanonische Schriften» publiziert. Der darin verwendete Titel lautet «Das Buch der Weisheit Salomos».Neuerscheinungen Frühjahr 2019, Theologischer Verlag Zürich. Es gibt seit 2019 Ausgaben der Zürcher Bibel mit und ohne deuterokanonische Schriften.
Salomofiktion Nach ist Salomo der Inbegriff eines weisen Königs. Der Ruf seiner überragenden Weisheit lässt sogar die Königin von Saba aus einem exotischen fernen Land anreisen, so . Salomo verdankt sein „weises und verständiges Herz“ nicht einer besonders guten Bildung, sondern dies wurde ihm auf seine Bitte hin von Gott geschenkt, so die Schlüsselszene . Deshalb wurden mehrere weisheitliche Schriften sowohl des hebräischen als auch des Septuaginta-Kanons unter die Verfasserschaft Salomos gestellt. Charakteristisch ist, dass andere Salomotraditionen (Salomo als Thronnachfolger, als Erbauer des Tempels, als sagenhaft reicher Herrscher) für diese Weisheitsschriften keine Rolle spielen. Das ist auch beim Weisheitsbuch zu beobachten.Karl-Wilhelm Niebuhr: Einführung in die Schrift. In: Ders. (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 3–39, hier S. 3f.
In hellenistischer und römischer Zeit war der biblische Salomo für gebildete Juden und später auch Christen sehr interessant, da er einerseits die ganze Weisheit Israels verkörperte, andererseits aber offen war für Bildungstraditionen der Umwelt und sozusagen als „Mischung aus Sokrates und Solon“ interpretiert werden konnte.Karl-Wilhelm Niebuhr: Einführung in die Schrift. In: Ders. (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 3–39, hier S. 5.
Verfasser, Entstehungszeit und -ort Textbeobachtungen, die für eine längere Entstehungsgeschichte sprechen, stehen neben solchen, die das Weisheitsbuch als planvolle Komposition erscheinen lassen. Dieser Befund wird unterschiedlich erklärt: Vielleicht handelt es sich um einen Autor, der über längere Zeit an diesem Werk arbeitete. Vielleicht war es auch keine einzelne Autorenpersönlichkeit, sondern eine Verfassergruppe. Vielleicht arbeiteten mehrere Redaktoren nacheinander an diesem Text.Markus Witte: Die Weisheit Salomos (Sapientia Salomonis), Göttingen 2019, S. 544f.
Allgemein wird eine Entstehung in Alexandria um die Zeitenwende (zwischen dem letzten Viertel des 1. Jahrhunderts v. Chr. und der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.) angenommen.Markus Witte: Die Weisheit Salomos (Sapientia Salomonis), Göttingen 2019, S. 547. In fällt der Begriff „Herrschaft“. Als Octavian am 1. August 30 v. Chr. nach dem Sieg über Antonius und Kleopatra die Herrschaft in Ägypten antrat, wurden Dokumente nach dieser neuen Ära der krátēsis datiert. Wenn das Weisheitsbuch darauf anspielt, wurde es nach diesem Datum verfasst. Da Paulus von Tarsus das Weisheitsbuch zu kennen scheint, ist es wahrscheinlich vor den Paulusbriefen verfasst worden.Hans Hübner: Die Weisheit Salomos, Göttingen 1999, S. 17f.;
Für Alexandria als Abfassungsort sprechen neben der Ähnlichkeiten mit Philon von Alexandria die hellenistische Stadtkultur, die philosophische und literarische Bildung, an der das Buch partizipiert, die Kenntnis von Mysterienreligionen und die polemische Auseinandersetzung speziell mit Erscheinungsformen der ägyptischen Religion.
Adressaten Das Weisheitsbuch ist an Richter, Könige und Herrscher gerichtet. Das ist eine literarische Fiktion. Das „würde dem Verfasser eine kaum überbietbare Naivität zuschreiben: Gegenüber nichtjüdischen Herrschern und Königen wäre die Argumentation des Verfassers und seine Darstellung der kritisierten Auffassungen und Verhaltensweisen weder für eine politische noch für eine philosophische Diskussion geeignet.“ Tatsächlich setzt es Leser voraus, die die Septuaginta so gut kennen, dass sie die zahlreichen Anspielungen darauf verstehen.
Gattung, Sprache und Stil Das Buch der Weisheit ist in poetischer Sprache verfasst und der hellenistischen Gattung des Logos protreptikos zuzuordnen, d. h. es ist eine Werbeschrift für eine bestimmte Lebensführung. Im Buch begegnen weitere Gattungen: das Enkomion, die Reihung von Beispielen und die vergleichende Gegenüberstellung (Synkrisis).Silvia Schroer: Das Buch der Weisheit, Stuttgart 2016, S. 490f. Markus Witte: Die Weisheit Salomos (Sapientia Salomonis), Göttingen 2019, S. 545f.
Es handelt sich nach einhelliger Meinung der Forschung um ein griechisch verfasstes Werk, für das es keine hebräische oder aramäische Vorlage gab.Markus Witte: Die Weisheit Salomos (Sapientia Salomonis), Göttingen 2019, S. 547.
Ebenso wie die Schriften des Neuen Testaments ist das Weisheitsbuch in Koine-Griechisch verfasst und sprachlich von den älteren Teilen der Septuaginta beeinflusst. Beispiele für diese bibelgriechische Tradition sind die Vorliebe für die Parataxe sowie die Verwendung des Parallelismus membrorum im Weisheitsbuch. Darüber hinaus bewegt sich der Verfasser aber in einem gebildeten Milieu, in dem man bewusst an das klassische Griechisch anknüpfte. Damit steht er Philon von Alexandria nahe.Karl-Wilhelm Niebuhr: Einführung in die Schrift. In: Ders. (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 3–39, hier S. 10. Ein Beispiel dafür, dass der Verfasser des Weisheitsbuchs und Philon einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund haben:Heinz-Günther Nesselrath: Zur Sprache und Stilistik der Sapientia Salomonis. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 137–154, hier S. 144.
„Der Gerechte (δίκαιος) aber wird, wenn er früh stirbt, in der Ruhe (ἐν ἀναπαύσει) sein.“ (, Übersetzung: Septuaginta Deutsch) „Daher schildert er … den Liebling Gottes und Freund der Tugend, der in der Sprache der Hebräer Noah heisst, in der Sprache der Hellenen Ruhe oder der Gerechte (ἀναπαύσις ἣ δίκαιος), Bezeichnungen, die für den Weisen sehr passend sind.“ (Philon: De Abrahamo 27)
Auffällig ist der reichhaltige Wortschatz des Weisheitsbuchs: mehr als 1700 verschiedene Wörter bei einem Gesamtbestand von etwa 7000 Wörtern. Zahlreiche Wörter, die in der Septuaginta sonst nicht vorkommen, sind ein Indiz für eine gute Schulbildung des Verfassers, denn sie finden sich bei Homer, den Tragikern (Aischylos, Sophokles, Euripides) und Platon, also im literarischen Kanon des hellenistischen und dann auch römischen Schulunterrichts.Heinz-Günther Nesselrath: Zur Sprache und Stilistik der Sapientia Salomonis. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 137–154, hier S. 140f. Markus Witte: Die Weisheit Salomos (Sapientia Salomonis), Göttingen 2019, S. 546. Ein Beispiel für seine Vertrautheit mit den Klassikern liefert der Verfasser mit folgender Passage: Man wird hier einerseits an die Argonautika des Apollonios von Rhodos, andererseits an die Ilias erinnert.Heinz-Günther Nesselrath: Zur Sprache und Stilistik der Sapientia Salomonis. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 137–154, hier S. 154. Vgl. Argonautika 744–751 und Ilias 4,443.
Eine Vorliebe für Parataxe heißt nicht, dass das Weisheitsbuch eine schlichte Syntax böte. Im Gegenteil präsentiert der Verfasser im Proömium eine Kostprobe eines kunstvoll gebauten parataktischen Satzes (mehrere Homoioteleuta, Chiasmus) und entspricht damit den Erwartungen antiker Leser, die gerade in der Eröffnung eines Textes solche Feinheiten zu schätzen wussten.Heinz-Günther Nesselrath: Zur Sprache und Stilistik der Sapientia Salomonis. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 137–154, hier S. 148f. Insgesamt ist die Abfolge von Aussagen und Begründungen kennzeichnend, was den Eindruck logischer Argumentation erweckt. Es fällt dann auf, wenn der Autor dieses Schema verlässt, um eine weit gespannte Satzperiode einzufügen. So erzeugt er Spannung und gibt bestimmten Aussagen mehr Gewicht.Heinz-Günther Nesselrath: Zur Sprache und Stilistik der Sapientia Salomonis. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Sapientia Salomonis (Weisheit Salomos), Tübingen 2015, S. 137–154, hier S. 149f.
Inhalt Das Buch der Weisheit lässt sich in drei Hauptteile gliedern: