mini|hochkant|Der Webb Ellis Cup

Die Rugby-Union-Weltmeisterschaft 2023 () fand vom 8. September bis zum 28. Oktober 2023 (dem 200. Jahrestag der „Erfindung“ des Rugby Union durch William Webb Ellis) in Frankreich statt. Es war die zehnte Weltmeisterschaft im vierjährlichen Turnierzyklus, der vom Weltverband World Rugby organisiert wird, und die sechste in der nördlichen Hemisphäre. Nach den Weltmeisterschaften 2015 (England) und 2019 (Japan) war es das dritte aufeinanderfolgende Turnier in einem Land der Nordhemisphäre. Frankreich war zuvor Mitgastgeber bei den Weltmeisterschaften 1991 und 1999 gewesen; beide Turniere wurden zusammen mit den damaligen Five Nations England, Irland, Schottland und Wales ausgetragen; und danach Gastgeber der Weltmeisterschaft 2007, mit einzelnen Spielen in Cardiff und Edinburgh im Vereinigten Königreich; insgesamt war Frankreich bei vier Turnieren Gastgeber, mehr als jedes andere Land. Dies war jedoch die erste Weltmeisterschaft, die ausschließlich in Frankreich ausgetragen wurde. Dazu war das Land im Juli 2017 vom Weltverband World Rugby bestimmt worden, weitere Bewerber waren Irland und Südafrika gewesen.

Das Turnierformat von 2003, 2007, 2011, 2015 und 2019 blieb unverändert und 20 Rugby-Union-Nationalmannschaften nahmen an der Rugby-Union-Weltmeisterschaft 2023 teil: die zwölf direkt qualifizierten Mannschaften der Weltmeisterschaft 2019 (Argentinien, Australien, England, Fidschi, Frankreich, Irland, Italien, Japan, Neuseeland, Schottland, Südafrika und Wales), zusammen mit den acht besten Mannschaften der Qualifikation (Chile, Georgien, Namibia, Portugal, Rumänien, Samoa, Tonga und Uruguay). Chile nahm erstmals an einer Weltmeisterschaft teil, während Kanada sein erstes Turnier verpasste. Damit war es die erste Weltmeisterschaft mit drei südamerikanischen Mannschaften und nach der WM 1999 die zweite mit drei spanischsprachigen Teilnehmern. Nachdem die Vereinigten Staaten in der Repechage ebenfalls ausgeschieden sind, war es das erste Turnier ohne nordamerikanisches Team.

Während der Weltmeisterschaft wurden 48 Spiele absolviert, darunter 40 in der Vorrunde und acht in der Finalrunde, einschließlich des Finales. Die Mannschaften waren in vier Gruppen zu je fünf Teams eingeteilt, wobei jedes einmal gegen die anderen der Gruppe antrat. Die beiden besten Mannschaften jeder Gruppe erreichten hiernach das Viertelfinale, während sich die besten drei Mannschaften jeder Gruppe – wieder zwölf Mannschaften – direkt für die darauf folgende Weltmeisterschaft 2027 in Australien qualifizierten. Es war das letzte Turnier an dem 20 Nationalmannschaften teilnahmen; für die darauf folgende Weltmeisterschaft 2027 in Australien wurde die Teilnehmeranzahl auf 24 erhöht.

Vor Beginn der Weltmeisterschaft galten Neuseeland, Frankreich, Südafrika und Irland als Favoriten auf den Titelgewinn. Sowohl Frankreich als auch Irland konnten ihre Gruppenspiele gegen Neuseeland bzw. Südafrika gewinnen, in ihren Viertelfinals unterlagen beide europäische Teams jedoch knapp den beiden späteren Finalisten. Fidschi sorgte mit einem 22:17-Sieg über den zweimaligen Weltmeister Australien für den ersten Überraschungssieg des Turnieres. Nachdem die Wallabies auch den Walisern mit 6:40 deutlich unterlagen, schieden sie erstmals bereits in der Vorrunde aus. Danach sorgte Portugal mit seinem 24:23-Sieg über Fidschi für eine weitere Überraschung, dies war ihr erster WM-Sieg überhaupt. Der Titelverteidiger Südafrika gewann das Finale im Stade de France in Saint-Denis gegen Neuseeland mit 12:11 und wurde damit die erste Mannschaft, die den Webb Ellis Cup zum vierten Mal in Empfang nehmen konnte und nach Neuseeland 2015 das zweite Team, dem die Titelverteidigung gelang. Außerdem war dies nach 1995 ihr zweiter Finalsieg über Neuseeland, nach 2007 ihr zweiter Finalsieg auf französischem Boden und sie wurden die erste Mannschaft, die zwei aufeinanderfolgende Weltmeistertitel auswärts gewinnen konnte. Es war nach dem Eden Park in Auckland und Twickenham in London das dritte Rugbystadion, in dem mehr als ein Finale ausgetragen wurde. England wurde Dritter und Argentinien Vierter, nachdem beide Mannschaften nach der Gruppenphase im Spiel um Platz 3 erneut aufeinander trafen.

Mit etwa 1,33 Milliarden Fernsehzuschauern weltweit war die Rugby-Union-Weltmeisterschaft 2023 eine der meistgesehenen Rugbyweltmeisterschaften bisher. Insgesamt wurden etwa 2,4 Millionen Eintrittskarten für die 48 Spiele verkauft, was einem Zuschauerschnitt von 50.775 pro Spiel entspricht.

Vergabe mini|400px|Bewerbungen für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2023 Nach dem Beginn des Ausschreibungsverfahrens im Mai 2015 hatten die an der Austragung interessierten Landesverbände bis zum 1. Juni 2017 Zeit, ihre Kandidatur einzureichen. Südafrika, Irland und Frankreich bewarben sich um die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2023, während Italien seine anfängliche Kandidatur später zurückzog.

Frankreich hatte die WM 2007 veranstaltet und war Mitgastgeber bei den Turnieren 1991 und 1999. Die Fédération française de rugby reichte ihre Kandidatur für die WM 2023 offiziell am 9. Februar 2017 ein, die 19 mögliche Spielorte und ein umweltfreundliches Verkehrskonzept umfasste. Die Anzahl der Spielorte wurde zunächst auf zwölf und schließlich auf neun reduziert.

Südafrika, das bereits die Weltmeisterschaft 1995 veranstaltet hatte, galt als Favorit, nachdem die Kandidaturen für 2011, 2015 und 2019 gescheitert waren. Im April 2016 untersagte die Regierung der South African Rugby Union (SARU), die Kandidatur weiter voranzutreiben, da ihre Bemühungen um die Integration schwarzer Spieler in die Nationalmannschaft bisher ungenügend gewesen seien. Die SARU konnte in Verhandlungen den Sportminister Fikile Mbalula vom Gegenteil überzeugen, woraufhin er das Verbot wieder aufhob. Die am 9. Mai 2017 offiziell eingereichte Kandidatur sah Spiele in den folgenden acht Städten vor: Bloemfontein, Durban, Johannesburg, Kapstadt, Mbombela, Port Elizabeth, Pretoria und Soweto.

Die Regierungen Irlands und Nordirlands sowie die Irish Rugby Football Union hatten bereits am 5. Dezember 2014 in einer gemeinsamen Erklärung ihre Absicht bekanntgegeben, sich um die Austragung zu bewerben. Allgemein rechnete man sich gute Chancen aus, zumal Irland noch nie Alleingastgeber gewesen war und eine Vereinbarung getroffen worden konnte, mehrere Stadien der Gaelic Athletic Association (darunter Croke Park) nutzen zu dürfen. Vorgesehen waren zwölf Stadien in den neun Städten Belfast, Castlebar, Cork, Derry, Dublin, Galway, Killarney, Kilkenny und Limerick.

Italien war ebenfalls an einer Kandidatur interessiert und die Federazione Italiana Rugby (FIR) gab im März 2015 eine entsprechende Absichtserklärung ab. Italien ist neben Argentinien die einzige Rugbynation der ersten Stärkeklasse, die noch keine Spiele während einer Weltmeisterschaft veranstaltete. Als Austragungsorte vorgesehen waren Rom, Bari, Bologna, Florenz, Genua, Mailand, Neapel, Padua, Palermo, Turin und Udine. Am 28. September 2016 zog die FIR die Kandidatur jedoch zurück. Grund dafür war die Entscheidung von Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi, eine Kandidatur für die Olympischen Sommerspiele 2024 nicht zu unterstützen, weshalb eine Unterstützung für die Rugby-Weltmeisterschaft ebenfalls fraglich erschien.

Die drei übrig gebliebenen Verbände stellten am 25. September 2017 ihre Kandidaturen der Delegiertenversammlung von World Rugby vor. Bis zum 31. Oktober analysierte eine neutrale Expertenkommission die eingereichten Unterlagen anhand von fünf Kriterien. Dabei bewertete sie die Kandidatur Südafrikas am besten, vor Frankreich und Irland. Die Delegiertenversammlung trat am 15. November 2017 in London zusammen. Entgegen der Empfehlung der Expertenkommission gab sie der Kandidatur Frankreichs den Vorzug, die sich im zweiten Wahlgang mit 24 von 39 Stimmen durchsetzte. Damit war es nach der Weltmeisterschaft 1991 in Südafrika, der Weltmeisterschaft 2003 in Australien, der Weltmeisterschaft 2011 in Neuseeland und der Weltmeisterschaft 2019 in Japan das fünfte Turnier, das von einem einzigen Gastgeber ausgetragen wird. +Ergebnis der Gastgeberwahl Kandidaten Zufriedenheit nach Aktendurchsicht 1. Wahlgang 2. Wahlgang 75,88 % 18 24 78,97 % 13 15 Irland und Nordirland 72,25 % 8 —Abgegebene Stimmen insgesamt 39 39

Organisationskomitee mini|Der Webb Ellis Cup bei der Pressekonferenz zur WM 2023 2018 gründete sich eine öffentliche Interessengruppe zur Vorbereitung des Turnieres in Frankreich. Jacques Rivoal, ehemaliger Präsident von Volkswagen Frankreich, wurde zum Präsidenten des Organisationskomitees ernannt, während Claude Atcher, Leiter der Bewerbungskommission, Direktor des Organisationskomitees wurde. Claude Atcher wurde am 2. September 2022 suspendiert und bis zum Abschluss eines Disziplinarverfahrens durch seinen Stellvertreter Julien Collette ersetzt, nachdem eine Untersuchung der Arbeitsinspektion wegen einer „tiefen sozialen Misere“ innerhalb des Organisationskomitees eingeleitet worden war. Im Oktober 2022 folgte Atchers endgültige Entlassung.

Die Fédération française de rugby (FFR) besaß 62 % der Rechte und Pflichten der öffentlichen Interessengruppe (37 % gehörten dem französischen Staat und 1 % dem Comité National Olympique et Sportif Français). Im Januar 2023, acht Monate vor dem Turnier, trat FFR-Präsident Bernard Laporte von seinem Posten zurück und kam damit der Aufforderung der französischen Rugby-Ethikkommission und des Sportministeriums nach, nachdem er vom Pariser Gericht in erster Instanz der „passiven Korruption“, „Bestechung“, „rechtswidriger Zinsnahme“, „Verschleierung des Missbrauchs von Gesellschaftsvermögen“ und „Missbrauch von Gesellschaftsvermögen“ schuldig gesprochen wurde.

Sébastien Chabal war als Vorsitzender des Spielerkomitees für die Unterkünfte von Spielern und Teams während des Turnieres verantwortlich. Sein Botschafterstatus ermöglichte ihm den Kauf von rund hundert Eintrittskarten für Turnierspiele, während die Mitarbeiter des Organisationskomitees bis zu acht Eintrittskarten kaufen konnten. Nachdem verschiedene Medien ihn des Tickethandels verdächtigt hatten, machte er geltend, dass er diese Plätze ohne Gewinn an sein Umfeld verteilt hatte.

Qualifikation

mini|Grafik zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2023 World Rugby spezifizierte im Juni 2020 den Qualifikationsprozess. Demzufolge wurden ab 2021 acht der 20 Startplätze in der Qualifikation ausgespielt. Die Qualifikation bestand aus fünf kontinentalen Gruppen: Afrika, Nordamerika zusammen mit Südamerika, Asien, Europa und Ozeanien. Jeweils zwei Plätze waren für die Kontinentalverbände Amerikas und Europas und jeweils einer für Afrika und Ozeanien reserviert. Die letzten zwei Startplätze wurden in einer interkontinentalen Qualifikationsrunde (Play-off Asien-Ozeanien) sowie einer Repechage im November 2022 ausgespielt. Zusammen mit den automatischen Qualifikanten nahmen 34 Nationalmannschaften an der Qualifikation zur Endrunde in Frankreich teil.