mini|Das Bastarda-Alphabet nach der Pantographia von Edmund Fry (1799) Die Bastarda ist eine spätmittelalterliche gebrochene Schrift, die als Buchschrift in Handschriften gebräuchlich war und auch in Kanzleien verwendet wurde. Sie gehört zur Gruppe der gotischen Schriften und ist die häufigste aller mittelalterlichen Schriftarten. Ihren von dem Begriff Bastard abgeleiteten Namen hat sie erhalten, weil sie eine „unechte“ Buchschrift ist, die auch Merkmale einer Geschäftsschrift aufweist. Von manchen Paläographen wird sie Hybrida genannt. Als Mischform ist sie gleichsam die Frucht einer Kreuzung verschiedener Arten: Sie verbindet die Kursivität der Geschäftsschrift mit Elementen der nichtkursiven, kalligraphisch gestalteten Buchschrift Textura (Textualis).
Im Lauf des 14. Jahrhunderts wurde die Bastarda als Kanzleischrift (Kanzleibastarda) entwickelt. Sie entstand aus dem Bedürfnis nach einer einerseits flüssig schreibbaren, andererseits aber auch ästhetischen Ansprüchen genügenden Schrift für Dokumente. Im späten 14. Jahrhundert drang sie in die Handschriftenproduktion ein und setzte sich dort schnell durch. Als Buchschrift (Buchbastarda) und Geschäftsschrift fand sie in einer Vielzahl von teils regional gehäuft auftretenden, teils auf einzelne Zentren beschränkten Ausprägungen weiteste Verbreitung. Im 15. Jahrhundert dominierte sie das gesamte Schriftwesen. Nach der Einführung des Buchdrucks bildete sie auch die Vorlage für Drucktypen. Wegen der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen wird oft der Plural verwendet; man spricht von „den Bastarden“.
Aus der Kanzleibastarda entwickelte sich im frühen 16. Jahrhundert die deutsche Kurrentschrift.Karin Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten, 3., durchgesehene Auflage, Berlin 2014, S. 84 (online).
Definition, Systematik und Terminologie
Im Bereich der kursiven gotischen Schriften des Spätmittelalters hat sich bisher keine einheitliche Systematik und Terminologie durchgesetzt. Ein Grund für die gravierenden Klassifikationsprobleme ist die Unübersichtlichkeit, die sich aus dem gegenüber früheren Epochen stark gesteigerten Formenreichtum ergibt. Eine Vielzahl von Besonderheiten einzelner Regionen, Zentren und Schreiber sowie die fließenden Übergänge zwischen manchen Schriftarten erschweren die systematische Erfassung der Phänomene und die Einführung einer universell verwendbaren Nomenklatur.Siehe dazu Martin Steinmann: Aus der Forschung zur gotischen Schrift in den letzten fünfzig Jahren. In: Archiv für Diplomatik 50, 2004, S. 399–415, hier: 406 f.; Elke von Boeselager: Schriftkunde, Hannover 2004, S. 38; Karin Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten, 3., durchgesehene Auflage, Berlin 2014, S. 68–72. Aufgrund dieser Umstände hat der Begriff Bastarda keine fest umrissene Bedeutung. Als Bastarden bezeichnet man alle gotischen Schriften, die Kursivität und einen überwiegend aus der Geschäftskursive stammenden Formenbestand mit einem mehr oder weniger ausgeprägten kalligraphischen Anspruch verbinden.
Nicht nur die Abgrenzung gegenüber anderen Kursiven, sondern auch die Bestimmung und räumliche Eingrenzung der einzelnen Ausprägungen und Schreibstile innerhalb des Bereichs der Bastarden ist problematisch. Der Bibliothekswissenschaftler Joachim Kirchner (1890–1978), dessen Tafelwerke starke Verbreitung fanden, versuchte ab 1928 die in Deutschland verbreiteten Buchbastarden zu klassifizieren. Unter Bastarden verstand er nicht alle kursiven Buchschriften, sondern nur solche von guter Qualität mit deutlichem kalligraphischem Anspruch. Die vereinfachten, schnell geschriebenen, ästhetisch anspruchslosen Buchschriften nannte er „Buchkursiven“. Diese Kursiven zählte er nicht zu den Bastarden, sondern rückte sie in unmittelbare Nähe der Bedarfsschrift. Kirchner bemühte sich um die Herausarbeitung regionaler Besonderheiten, die es ermöglichen sollten, Handschriften aufgrund ihrer Schrift bestimmten Regionen zuzuordnen.Joachim Kirchner: Die gotischen Schriftarten in der Epoche der Handschrift. In: Ernst Crous, Joachim Kirchner: Die gotischen Schriftarten, 2. Auflage, Braunschweig 1970 (1. Auflage Leipzig 1928), S. 7–25, hier: 16–22; Joachim Kirchner: Germanistische Handschriftenpraxis, München 1950, S. 21–24. Obwohl er seine Einteilung der Bastarden in regionale Stile zurückhaltend formulierte, fand sein System viel Anklang; vor allem in germanistischen Publikationen wurden häufig Schriften nach seiner Einteilung beschrieben. Eine solche Systematik kann aber bestenfalls eine grobe Orientierung bieten, da viele Schreiber – etwa Bettelmönche und Studenten, aber auch Berufsschreiber – sehr mobil waren und einzelne Schreibstile das Ergebnis des Zusammentreffens unterschiedlicher Einflüsse und Erfordernisse waren. Karin Schneider überprüfte die von Kirchner angebotenen Unterscheidungskriterien für den süddeutschen Raum und kam 1994 zu dem Ergebnis, dass sie zu allgemein und zu subjektiv seien und dass es sehr schwierig sei, einheitliche und klar definierbare regionale Schrifttypen innerhalb der Bastarda herauszuarbeiten. Zur Bestimmung des Entstehungsraums deutschsprachiger Handschriften kann die Paläographie demnach kaum beitragen.Karin Schneider: Die datierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München, Teil 1, Stuttgart 1994, S. XXIX–XXXII. Schneiders Untersuchung führte in der Forschung zu einer Abwendung von der früher gängigen Klassifikation Kirchners.Martin Steinmann: Aus der Forschung zur gotischen Schrift in den letzten fünfzig Jahren. In: Archiv für Diplomatik 50, 2004, S. 399–415, hier: 405–407; Albert Derolez: The Palaeography of Gothic Manuscript Books, Cambridge 2003, S. 168 f. In Handbüchern ist die Unterscheidung regionaler Typen jedoch weiterhin anzutreffen.So bei Friedrich Beck, Lorenz Friedrich Beck: Die Lateinische Schrift, Köln 2007, S. 51 und Hans Foerster, Thomas Frenz: Abriss der lateinischen Paläographie, 3., überarbeitete Auflage, Stuttgart 2004, S. 250.
Im Jahr 1953 wurde die Nomenklatur auf einer Tagung in Paris erörtert, aus der das Comité International de Paléographie Latine hervorging. Dort trug der niederländische Paläograph und Kodikologe Gerard Isaac Lieftinck eine neue Terminologie vor. Er teilte die gotischen Schriften in drei Arten auf: die nichtkursive littera textualis, die flüssige Gebrauchsschrift littera cursiva und die zwischen diesen stehende Mischform Bastarda. Innerhalb der Textualis und der Cursiva unterschied er eine relativ anspruchslose Ausführung (scriptura currens), eine konservative, kalligraphisch hochwertige (scriptura formata) und eine mittlere, die gewöhnliche, aber gepflegte Schrift, für die er keine besondere Bezeichnung einführte.Gerard Isaac Lieftinck: Pour une nomenclature de l’écriture livresque de la période dite gothique. In: Nomenclature des écritures livresques du IXe au XVIe siècle, Paris 1954, S. 15–34.
Lieftincks Nomenklatur erwies sich jedoch als problematisch. Mit dem Namen Bastarda übernahm er eine traditionelle Bezeichnung, die im französischen Sprachraum sowohl lateinisch (littera bastarda) als auch französisch (lettre bâtarde) bereits im Spätmittelalter verwendet wurde. Damals hatte sie aber eine andere Bedeutung als in Lieftincks System. Daher änderte er die Benennung und führte den neu geschaffenen Namen Hybrida ein. Unter einer Hybride versteht man in der Biologie ein Individuum, das aus der Kreuzung verschiedener Arten hervorgegangen ist; die Bedeutung entspricht also der von Bastarda.Gerard Isaac Lieftinck: Manuscrits datés conservés dans les Pays-Bas, Bd. 1 (Textband), Amsterdam 1964, S. XV und Anm. 6.
Zur Abgrenzung von der Cursiva definierte Lieftinck die Hybrida als Buchkursive, deren lange Schäfte alle keinerlei Schlingen aufweisen; als weitere Unterscheidungsmerkmale nannte er die Form der Buchstaben a, f und langes s. Damit führte er objektive, leicht nachprüfbare Kriterien ein. Sein Vorschlag stieß aber in der Fachwelt auf teils heftige Kritik. Eine Schwäche seines Systems besteht darin, dass sein Befund auf der Untersuchung von Codices aus dem niederländischen Raum basiert. Als versucht wurde, seine Einteilung auf Handschriften aus anderen Regionen anzuwenden, zeigte sich, dass das Vorhandensein oder Fehlen von Schlingen kein Klassifizierungsmerkmal ist, das für die gesamte Handschriftenproduktion Geltung beanspruchen kann. Lieftincks System lässt sich also nicht ohne weiteres verallgemeinern. Eine scharfe Abgrenzung zwischen Cursiva und Hybrida hat sich als unmöglich erwiesen, da es eine Vielzahl von Übergangs- und Mischformen gibt. Diese Problematik veranlasste Lieftincks Schüler Peter Gumbert, die Nomenklatur durch die Einführung eines vierten Typs, den er „Semihybrida“ nannte, zu erweitern. Gumbert führte zur Präzisierung von Lieftincks System ein komplexes „kartesisches“ Modell ein, das er graphisch als „kartesischen Würfel“ präsentierte. Auch daraus ergab sich aber keine allseits akzeptierte Lösung der terminologischen Probleme.Martin Steinmann: Aus der Forschung zur gotischen Schrift in den letzten fünfzig Jahren. In: Archiv für Diplomatik 50, 2004, S. 399–415, hier: 403–405; Charlotte Ziegler: Aspekte zur böhmischen und österreichischen Paläographie des 15. Jahrhunderts anhand von Beispielen des Bestandes der Stiftsbibliothek Zwettl. In: Codices manuscripti 4, 1978, S. 120–130, hier: 121.