Als Judenmission bezeichnet man eine Missionstätigkeit von Christen, die Juden zum Glauben an Jesus Christus bringen soll, das heißt an die Messiaswürde und Gottessohnschaft des Juden Jesus von Nazaret. Judenmissionare setzen dabei voraus, dass Juden das Heil nur durch die christliche Taufe erlangen könnten. Ihre Bekehrungsversuche verlangen die Aufgabe des jüdischen Glaubens und tendieren damit zur Aufhebung des Judentums im Sinne der Substitutionstheologie.
Die Judenmission ist Bestandteil des christlichen Antijudaismus, von dem die Großkirchen seit dem Holocaust allmählich abgerückt sind. Ob und in welcher Form Judenmission danach fortgesetzt werden kann und soll, wird im Christentum seit etwa 1960 diskutiert. Die Römisch-Katholische Kirche, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und andere Kirchen vollzogen seitdem eine schrittweise Abkehr von der Judenmission.
Frühchristentum Das frühe Christentum war eine Gruppe von Juden innerhalb des Judentums in Israel und verstand sich als endzeitliche Heilsgemeinschaft in dessen Rahmen. Die frühen Christen bekannten den Juden Jesus von Nazaret als den Christus, das heißt als den Messias Israels, und setzten dabei JHWHs Erwählung ganz Israels voraus. Für sie hatte Jesus selbst durch seine Lebenshingabe diese Erwählung ultimativ bekräftigt . Seine Anhänger folgten seiner Verkündigung vom Reich Gottes, die seine Tora-Auslegung bestimmte, und versuchten anfangs vor allem andere palästinische Juden für den Glauben an den zur endgültigen Rettung ganz Israels gekommenen Sohn Gottes zu gewinnen. Dabei beriefen sie sich auf den vorösterlichen Auftrag Jesu :
So gehörte die Reich-Gottes-Verkündigung an das Volk Israel, keine generelle „Judenmission“, zum Selbstverständnis der ersten Christen in Israel. Doch mit Jesu stellvertretendem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung sahen sie Gottes Reich schon eingebrochen in diese vergehende Welt. Sie glaubten, die Endzeit habe begonnen und das Endgericht JHWHs stehe bevor. Der auferstandene Jesus begründete für sie den universalen Missionsauftrag :
„Völker“ (griech. ethne, Singular ethnos) bezeichnet im Evangelium nach Matthäus wie auch sonst im NT immer die Völker der Nichtjuden (hebr. Gojim), die gemäß biblischer Tradition dem erwählten Volk Israel gegenüber stehen. Dieses wird hier (etwa in Mt 2,6) repräsentiert durch die verarmte Landbevölkerung (griech. laos) aus allen Landstrichen Gesamtisraels. Demnach gehören die Israeliten und ihre Nachkommen nicht zu den Adressaten des österlichen Missionsauftrags, weil sie für die ersten Christen Gottes erwähltes Volk waren und blieben. Als ihre Aufgabe sahen sie, den nichtjüdischen Völkern Gottes Auferweckung des aus Israel gekommenen, für Israel gestorbenen Menschensohns zu verkünden und sie die Tora so zu lehren, wie Jesus sie gelehrt und stellvertretend für Gottes Volk erfüllt habe.Georg Eichholz: Der Begriff „Volk“ im Neuen Testament. In: Georg Eichholz: Tradition und Interpretation: Studien zum Neuen Testament und zur Hermeneutik. Christian Kaiser, München 1965, S. 78–84
Demgemäß wird die christliche Taufe im NT als Aufnahme in den Israelbund verstanden, die zur Nachfolge Jesu verpflichtet. Mit ihr ist das Halten der Toragebote nach Jesu Auslegung, allen voran der Gottes- und Nächstenliebe, unlösbar verbunden. Diese hatte Jesus nach als zentrale Lehre des Judentums bestätigt und nach betont:
Die ersten Apostelpredigten beim Tempel in Jerusalem richteten sich daher an andere Juden und boten ihnen als ersten Gottes Heil und Vergebung an :
Nicht Anklage und Drohung, sondern die vom Gott Israels vorgesehene Schuldübernahme und die so geschaffene wunderbare Wendung vom Tod zum Leben steht im Zentrum dieser Botschaft an die Juden in Israel. Zuvor hieß es (v. 21): „Wer den Namen dieses Gottes anruft, der wird gerettet werden.“ Nirgends wird ein Umkehrschluss formuliert, etwa, wer Jesus nicht mit diesem Gott identifiziere, werde verdammt werden. ergänzt die Zusage „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet“ mit der Warnung „wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“; doch die Fortsetzung macht klar, dass hier die getauften Christen selbst angeredet sind. Ihre Aufgabe bestehe gerade darin, mit der heilenden Kraft ihres Glaubens dasselbe zu tun, was Jesus ihnen vorgelebt hatte: Dämonen auszutreiben, in neuen Sprachen zu reden, Kranke gesund zu machen.Rat der EKD (Hrsg.): Christen und Juden I–III. Die Studien der Evangelischen Kirche in Deutschland 1975–2000. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, ISBN 3-579-02374-8, S. 156–162
Als die Evangelien verfasst wurden (um 70–130 n. Chr.), hatte eine Mehrheit der damaligen jüdischen Bewohner Israels Jesus als ihren Messias schon abgelehnt. Gleichwohl hielten die frühen Christen fest : „Das Heil kommt von den Juden.“ Paulus von Tarsus, der Begründer der Völkermission, bekräftigte angesichts der Ablehnung Jesu durch die meisten seiner Mitjuden: Dies geschehe, damit die Nichtjuden umso mehr verstünden, dass ihr Heil allein auf der Treue Gottes zu Israel beruhe :
Deshalb sah er nicht die Verstockung der noch nicht an Jesus Christus glaubenden Juden, sondern die Überheblichkeit der Christen aus den Völkern gegenüber dem Volk Israel als Hauptproblem :
Er erwartete, dass Gott allein zuletzt ganz Israel retten werde . Darum sollten die Christen das erste Gebot achten und aller Welt den unkündbaren Bund Gottes mit Israel verkünden, der die Völker durch Jesus Christus aus reiner Gnade an diesem Bund teilhaben lasse .Bertold Klappert: Traktat für Israel (Römer 9–11). Die paulinische Verhältnisbestimmung von Israel und Kirche als Kriterium neutestamentlicher Sachaussagen über die Juden, Teil II: Versuch einer kirchenkritischen Interpretation von Römer 9–11. In: Martin Stöhr (Hrsg.): Jüdische Existenz und die Erneuerung der christlichen Theologie. Christian Kaiser, München 1981, ISBN 3-459-01376-1, S. 58–137, hier S. 72–86
Kirchenväter Nach der Tempelzerstörung im Jahr 70 grenzten sich Juden und Christen gegenseitig voneinander ab, auch weil die herrschenden Römer sie noch kaum voneinander unterschieden und sie zeitweise gemeinsam verfolgten. Um 100 löste sich das Christentum aus dem Verbund des Judentums. Heidenchristen prägten nun seine Theologie und definierten Judenchristen, die an der Tora festhielten, als Ketzer. So schrieb Ignatius damals, Christen seien nicht zum Glauben an das Judentum Christen geworden, sondern damit Juden an das Christentum glaubten. Nur durch Aufgabe ihrer Bräuche, etwa des Sabbats, könnten Juden Christen sein.
Judenchristen begründeten ihre Befolgung jüdischer Gesetze mit Gottes bleibender Erwählung Israels: Ihr Bund ist auch unser Bund. Der Barnabasbrief vertrat dagegen um 130 die Substitutionstheologie (Barn 4,7): Heinz Kremers: Judenmission heute? Neukirchen-Vluyn 1979, S. 72. Zwar gestand Justin der Märtyrer Judenchristen um 150 zu, sie dürften auch als Christen jüdische Vorschriften befolgen, solange sie ihre nichtjüdischen Mitchristen nicht ebenfalls dazu zu bewegen versuchten. Doch im selben Jahrzehnt predigte Melito von Sardes bereits den Gottesmord aller Juden als unaufhebbaren Grund ihrer Verfluchung und ihres Heilsverlustes. Diese Ansicht verbreitete sich in der ganzen Alten Kirche. Juden, die Christen wurden, mussten dann ihre Zugehörigkeit zum Judentum, ihren Glauben an die Erwählung Israels, ihre Torabefolgung und ihre jüdische Deutung des Evangeliums vollständig aufgeben.
Juden besaßen seit 212 in den Reichsprovinzen das römische Bürgerrecht und genossen als religio licita (erlaubte Religion) auch relative Religionsfreiheit. Mit dem Aufstieg der Kirche wurden ihnen diese Privilegien nach und nach entzogen. Konstantin I. (306–337) erlaubte 313 in der Mailänder Vereinbarung das Christentum und förderte es gegenüber dem Judentum. Er versuchte, Juden zum Übertritt zur Kirche zu bewegen, indem er ihnen Schutz gegen Übergriffe ihrer ehemaligen Glaubensgenossen anbot.
Seit das Christentum 380 zur Staatsreligion geworden war, bestimmte die Kirche den Umgang der Behörden mit Juden mit. Im 5. Jahrhundert zerstörten Christen Synagogen und erzwangen Massentaufen von Juden. Doch der römische Staat hielt an der traditionellen Duldung der jüdischen Religion fest.Heinz Kremers: Judenmission heute? Neukirchen-Vluyn 1979, S. 12–23 u.ö.; siehe auch Georg Strecker: Judenchristentum. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 17, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1988, S. 319–323. Augustinus von Hippo (354–430) lieferte dafür eine theologische Begründung, die lange maßgebend blieb: Demnach gelte der christliche Missionsauftrag zunächst den Nichtjuden; erst nach ihrer aller Bekehrung, am Ende der Zeit, werde die Mehrheit des jüdischen Volks zum Glauben an Christus finden. Das schloss nicht aus, einzelne von ihnen schon vorher zu Christen zu machen.Bernhard Blumenkranz: Die Judenpredigt Augustins. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen in den ersten Jahrhunderten. (Nachdruck der Erstausgabe von 1946) Paris, Études Augustiniennes, 1973
Mittelalter Da die jüdische Minderheit sich nicht in die Kirche eingliedern ließ, schränkten zahlreiche kaiserliche „Judenedikte“, die in das Corpus iuris civilis eingingen, ihre Religionsausübung ein. Seit dem 4. Jahrhundert wurden Juden in vielen Teilen Europas, darunter Spanien, dem Byzantinischen Reich und dem Frankenreich unter den Merowingern, ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben, zwangsgetauft oder ermordet.
Die Päpste verboten von Gregor I. (540–604) bis zum Decretum Gratiani 1150 Zwangstaufen von Juden mit zahlreichen Sicut-Iudaeis-Bullen und erlaubten Judenmission nur in Form von Predigten. Zugleich verboten sie jedoch auch die Christenmission von Juden und die Konversion von Christen zum Judentum. 938 erlaubte Papst Leo VII. die Vertreibung nicht bekehrungswilliger Juden. Um 1009 verboten die katholischen Bischöfe Christen, mit Juden Handel zu treiben, wenn diese sich nicht taufen ließen und alle jüdischen Riten ablegten.Marianne Awerbuch: Christlich-jüdische Begegnung im Zeitalter der Frühscholastik. Christian Kaiser Verlag, München 1980, S. 17.
Nach einer vorübergehenden Blütezeit im 10. Jahrhundert zerstörten die Kreuzzügler 1096, 1147 und 1189/90 viele der europäischen Judengemeinden und stellten deren Mitglieder vor die Wahl zwischen „Taufe oder Tod“, was fast immer auf Massenmorde hinauslief. 1150 begannen Kirchenvertreter, Juden zu öffentlichen Disputationen um die Messianität Jesu Christi zu nötigen. Jüdische Talmudschulen bildeten bald Berufsdisputanten aus. Dies änderte nichts daran, dass jüdische Gemeinden vielfach nur zwischen Unterwerfung oder Scheiterhaufen wählen konnten.
mini|Auto de Fe, Gemälde von Francisco Ricci, 1683. Szene auf der Plaza Mayor, den 30. Juni 1680, während der Spanischen Inquisition