Mustafa Z () ist ein Spielfilm des tunesischen Regisseurs Nidhal Chatta aus dem Jahr 2017 nach einem Drehbuch von Sophia Haoues. Das Drama zeichnet 24 Stunden des Lebens eines gewöhnlichen Tunesiers, Mustafa Z, im Griff der Absurdität des Systems nach. Am Vorabend der ersten freien Präsidentschaftswahl in Tunesien 2014 beschließt Mustafa, den seine Frau für seinen mangelnden Ehrgeiz verantwortlich macht und dessen Sohn ihn verachtet, gegen ein willkürliches System zu revoltieren, das ihn erstickt und einengt. Weltpremiere feierte der Film mit Nominierung als Bester Film beim Carthage Film Festival 2017 in Tunesien. Es folgten zahlreiche weltweite Festivalteilnahmen und weitere Auszeichnungen als Bester Film.

Handlung Mustafa, ein 44-jähriger Tunesier und Radiomoderator, bereitet sich auf einen Tag und eine ganz normale Nacht vor. Um seine Ehe steht es nicht gut, seine Frau kommuniziert oft nur noch via post-it mit ihm. Farah, erfolgreich und ständig beruflich unterwegs, lässt kaum ein gutes Wort an Mustafa. Nach einem Streit am Morgen ist sie wieder mal auf Reisen. Als wäre das alleine noch nicht genug, fängt Mustafas Alptraum gerade erst an. Während er sich im Badezimmer auf den Tag vorbereitet, fällt einer seiner Zähne aus. Dann, auf dem Schulweg, bricht das turbulente Verhältnis zu Malek sich erneut Bahn, als sein Sohn im Teenageralter, ihn böse beschimpft. Seine eigene Mutter manipuliert ihn, doch Mustafa nimmt all das passiv hin. Sein Arbeitstag beginnt mit einem Paukenschlag. Seine Chefin kündigt ihm fristlos, da er zu wenig jung und dynamisch für den Radiosender sei. Mustafa wird nie wieder die Nachrichten im Radio präsentieren. Er sucht Ruhe, indem er sich zu Hause verkriecht und einschläft. Beim Aufwachen stellt er mit Bestürzung fest, dass Blut in seinem Urin ist. Keine Zeit sich weiter darum zu kümmern macht sich Mustafa auf den Weg um Malek abzuholen. Dann geht ihm plötzlich der Treibstoff aus und er muss sein Auto auf der Suche nach Benzin an einer defekten Parkuhr stehen lassen. Auf seiner Suche gerät er mit dem Tankwart heftig aneinander. Bei seiner Rückkehr entdeckt er, dass sein Auto vorbereitet wird um abgeschleppt zu werden. Verärgert versucht er vergeblich Gemeindebeamte zu bestechen. Völlig entnervt, angesichts der Widrigkeiten, unternimmt er eine letzte Geste der Rebellion und sperrt sich in sein Auto ein. So kommt es, dass er mit diesem zusammen zum städtischen Autohof transportiert wird. Inzwischen filmen Schaulustige die Szene und posten sofort die Ereignisse in den sozialen Medien, ohne dass Mustafa davon Kenntnis hat. Der Vorgang erntet reichlich Kommentare.

Die bevorstehende Nacht entfaltet sich genauso unerwartet wie der Tag für Mustafa. Er weigert sich beharrlich aus seinem Auto wieder herauszukommen. Und endlich lehnt sich Mustafa, dieser passive Mann, auf. Gefangen in der Enge des Autos stellt er sich dem System. Auch er macht jetzt seine Not über das Internet publik und postet einen persönlichen Protest gegen den Staat. Er nutzt diesen Moment des Ruhms, um all jene an den Pranger zu stellen, die hinter Korruption und der Gewalt stehen, die im Land herrscht. Er verweist auf die Absurdität bestimmter Gesetze und die Funktionsstörung öffentlicher Institutionen. Mit dieser Aktion wird er unversehens im Internet zum Volkshelden. Hat man ihn anfangs noch verlacht, hat sich inzwischen eine Menschenmenge ebenfalls am Autohof angesammelt, auch die Medien sind auf den Mann aufmerksam geworden, der das ganze System für seine Misere verantwortlich macht und aus Protest verkündet, er würde auch nicht wählen gehen. Seine Frau, sein Sohn, eine Polizistin und sogar ein Staatsminister, sie alle versuchen Mustafa zu überreden aufzugeben, vergeblich. Er verwandelt sich über Nacht von einem gewöhnlichen leichtgläubigen Bürger zu einem Helden, der es wagt, „nein“ zu sagen und sein Recht auf individuelle Freiheit geltend macht. All dies geschieht zu einem geeigneten Zeitpunkt, am Vorabend der ersten freien Präsidentschaftswahlen in Tunesien nach der Revolution, einem entscheidenden Termin für die junge Demokratie.

Entstehungsgeschichte Die Entstehung des Films geht auf ein Wiedersehen von Abdelmonem Chouayet und Chatta zurück, die bereits für Le Dernier Mirage zusammenarbeiteten. Chouayet hatte die Idee einen Film zu machen, wo der Held des Films die meiste Zeit im Auto agiert. Die Idee gefiel Chatta und er nahm die Herausforderung an. Das Projekt war so ganz anders als das, was Chatta bisher verfilmte. Die Art der Umsetzung war neu in Tunesien, aber, laut Chatta, weit verbreitet in den USA, indem der Hauptdarsteller eingebunden wird in Entwicklung, Umsetzung und Produktion. Auch Chouayet nahm diese Form der Herausforderung an und so wurde Sophia Haoues für das Drehbuch engagiert. Die folgenden 3 Monate wurde unermüdlich gearbeitet um das Drehbuch fertigzustellen. Chouayet steuerte neben seinem Spiel auch Dialoge für den Film bei. Sicher gibt es ähnliche Kollaborationen dieser Art im tunesischen Kino, aber für Chatta war die Zusammenarbeit mit Chouayet und Haoues, nach eigener Aussage, ein Vorteil und brachte am Ende seiner Meinung nach mit Sicherheit einen besseren Film hervor. Chouayet arbeitete bei den Castings und Proben eng mit den Schauspielern des Films zusammen, eine absolut grundlegende Arbeit in dieser, laut Chatta, kritischen Phase, in der die Dialoge und das Spiel und die Persönlichkeit eines jeden Einzelnen seine endgültige Form annimmt. Laut Chatta sei es Chouayets entscheidender Beitrag für den Film gewesen, dass er diese unglaubliche Idee und das Talent hatte, einen gewöhnlichen Mann zu verkörpern, gefangen in seinen eigenen Widersprüchen, und ihn zu einem Helden zu machen, der er nicht sein will.

Es fällt auch auf, dass die Mehrheit derer, die Mustafa Probleme bereiten, Frauen sind: die Polizistin, seine Chefin, seine Mutter und seine Frau, sodass die Frage aufkam, warum Mustafa nicht auch noch eine Tochter, statt eines Sohnes, hat. Diese Wahl gehe laut Chatta auf eine Beobachtung zurück, der die beinahe Abwesenheit des Vaters im tunesischen Kino oder die Abwesenheit des Vaters, der auf einen Schatten reduziert ist, zugrunde liegt. Chouayet und er hätten früh in der Entwicklungsphase über dieses Thema gesprochen und kamen überein, dass ein Mädchen vermutlich sanfter mit ihrem Vater sein würde, was gegen den latenten Konflikt Mustafas mit seinem Nachkommen sprach.

Nidhal Chatta:

So schloss sich der Kreis, da Mustafa durch seine Rebellion auch die Achtung seines Sohnes rückerobert. Chatta teilt seinen Film in 2 Teile auf. Zunächst lässt er seinen Hauptcharakter leidend und ohne zu reagieren erscheinen. Die Ablehnung seiner Frau, der Konflikt mit seinem Sohn, die Zurückweisung seiner Chefin und die ihn manipulierende Mutter, all das beschränkt die Situation des Charakters auf das Absurde, weil, laut Regisseur, das Gesetz selbst, unser eigenes Funktionieren, manchmal absurd ist. Laut Chatta ist das Auto für Mustafa tatsächlich ein Schutz. Der Charakter würde, laut Chatta, also an die Grenze seiner eigenen Logik und letztlich bis zu seiner Entscheidung „Nein“ zu sagen, gehen. Dadurch erobere Mustafa seinen Lebensraum zurück. Der Moment in dem Mustafa sich entschließt zu reagieren, ist der Punkt, der für ihn die Wende bringt. Von diesem Moment an führt er eine Konfrontation, die durch das Wort und die absolute und ausschließliche Kontrolle über seinen Lebensraum, nämlich sein Auto, geht. Er steht im Gegensatz zu den Entscheidungen anderer, derer um ihn herum, die vergeblich versuchen, ihn zum Aufgeben zu bewegen. Der Film lässt auch einen möglichen Ehebruch seiner Frau vermuten, was vom Regisseur weder moralisch gewertet wird noch von Mustafa mit einer direkten Reaktion bedacht wird. Dazu führte Chatta aus, dass es ihnen am Herzen gelegen hätte, zu diesem komplexen Thema kein Urteil zu fällen, weit entfernt von jeglicher Psychoanalyse des Boulevards. Er merkte weiter an, dass Mustafa natürlich eine Erklärung seiner Frau erbitte, aber auch nicht wirklich eine Antwort erwarte, da er viel zu sehr damit beschäftigt wäre sich der Kaskade von Katastrophen zu widmen die auf ihn einprasseln. Laut Chatta ist es der Autohof, auf dem sich Mustafa als Gefangener in seinem Auto befindet, der paradoxerweise einen Sieg für Mustafa bedeute, da die Leute gezwungen sind sich zu ihm zu begeben. Zur Entstehung der Rolle der Polizistin, die ohne überzeugenden Grund ihre Entscheidung zu ändern scheint, sagte Chatta, dass er einen Charakter gewollt habe, der sich von der starken und der weichen Seite zeigt. Chatta denke auch, dass eine Frau in derlei Krisenzeiten zu mehr Mitgefühl und Intelligenz fähig ist. Darüber hinaus versuche die Polizistin, sich an die Situation anzupassen, vor allem, wenn sie Zeugin der Unfähigkeit des Ministers wird, Mustafas Problem zu lösen. Der Charakter des Ministers entstammt laut Chatta den Beobachtungen von hölzernen Politikdebatten. Deshalb lässt Mustafa diesen Minister auch vor diesem Hintergrund sprechen, verweigert ihm aber als einzigem den Zutritt zu seinem Auto.

Die Dreharbeiten fanden 2016 in Tunis statt. Der Regisseur bedient sich für sein fiktives Rezept dem Gesetz der Serie: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“, Murphys Gesetz. Der Film spielt in der Innenstadt von Tunis und steht mit seinen kakophonen Klängen in Kontrast zur vermeintlichen Ruhe der Hauptfigur, frustriert in einer Situation steckend, die Mustafa nicht kontrollieren kann. Der Film hinterfragt auch den Zustand des Landes und die Folgen der Revolution und ihre Unvollkommenheiten. Im Rhythmus von Hédi Jouinis Lied „Suis moi, nous construisons une vie en couleurs“ werden Schwarz-Weiß-Fotos gezeigt, die nach der Revolution aufgenommen wurden und die Verhaltensweisen von Unzivilität, anarchischen Konstruktionen und überquellende Mülltonnen unter freiem Himmel zeigen, überall auf den Straßen und Vierteln der Hauptstadt.

Schauspieler und Stab Die weibliche Hauptrolle der Figur Farah wird von Fatma Nasser gespielt. Nasser ist eine tunesische Schauspielerin, die ihre Schauspielkarriere in Ägypten startete, wo sie auch zeitweise lebt. Ihre erste Rolle hatte sie im Film Advertisement des ägyptischen Regisseurs Amr Salama. Durch ihr Spiel in Mustafa Z ist sie auch in der Heimat Tunesien mehr in den Fokus gerückt.

Issa Harrath (auch: Aissa Harrath), in der Rolle des Wächters des Platzes auf den Mustafas Auto geschleppt wird, ist eine führende Figur im tunesischen Theater und Kino, der sich aufgrund der Rollen, die er seit langem in TV-Serien und Filmen spielt, großer Bekanntheit erfreut. Mit Chouayet hat er mehrfach im Theater und Filmen wie Bastardo oder Parfum de printemps zusammengearbeitet. Er ist dem deutschen Publikum auch bekannt durch die Filme Halfaouine – Zeit der Träume von Férid Boughedir oder Les siestes grenadine des Regisseurs Mahmoud Ben Mahmoud.

Der Staatsminister wird dargestellt von Férid Memmich. Memmich ist Partner in Chattas Produktionsfirma und schlüpft neben seinen diversen politischen oder kulturellen Aktivitäten in Tunesien, immer mal wieder in die Rolle des Schauspielers in Chattas Produktionen. Vor diesem Hintergrund verwundert es vielleicht nicht, ihn hier als Minister zu sehen. Er war während seiner Zeit als politischer Berater des Übergangspräsidenten Faoued Mebazaa, die der Zeit der ersten freien Präsidentschaftswahl in Tunesien vorausging, „mit Ruhe und Deutlichkeit bemüht, in vollkommener Übereinstimmung mit Staatschef Mebazza, zu handeln, um mit allen Komponenten der Zivilgesellschaft und der politischen Kräfte ein Projekt einer neuen Gesellschaft zu schaffen“.