Die Lyrik des Flamenco ist sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht ein reichhaltiger Teil der spanischen Gesangslyrik.

Geschichte Aufgrund philologischer Parallelen vermuten einige Autoren in den Einflüssen der andalusischen Gitanos auf die Interpretation der kastilischen Romanze einen wichtigen Beitrag zur Musik und Lyrik des Flamenco.

Nachdem erste Gruppen der zunächst egipcianos oder bohemianos genannten Gitanos 1425 in Zaragoza und 1447 in BarcelonaBiblioteca Histórica de la Universidad de Murcia Narciso Feliu de la Peña y Farell: Anales de Cataluña y Epilogo Breve de los Progressos, y Famosos Hechos de la Nación. Tomo II, Libro XVI, Capitulo XI, pg. 483. Barcelona 1709. Digitale Reproduktion (PDF), abgerufen am 7. Januar 2021 (spanisch). registriert wurden, erreichte im November 1462 in Jaén erstmals eine Gruppe von Gitanos „aus Klein-Ägypten“ das Territorium des heutigen Andalusiens.Diálogos. Revista Electrónica de Historia Ana Esmeralda Rizo López: Apuntes sobre la comunidad gitana española: breves trazos de su histor. . Abgerufen am 7. Januar 2021 (spanisch). Angeblich übernahmen die Gitanos alsbald die populären Romances in ihr musikalisches Repertoire und wandelten sie in eine eigene Form um.

Bei der Romanze handelt es sich um erzählende Gedichte mit zahlreichen Strophen. Achtsilbige Verse herrschen vor, jedoch mit zahlreichen Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten. In der Interpretation durch die andalusischen Gitanos kommt es zu weiteren sprachlichen Besonderheiten: Kastilische Wörter sind durch Gitano-Wörter ersetzt, auch grammatische Konstruktionen, die in der Hochsprache als Fehler gelten, sind nicht selten, beispielsweise überflüssige Wiederholungen von Bindewörtern und Anakoluthe.

Unabhängig vom überwiegend spekulativen Charakter dieser These kann zumindest als gesichert angesehen werden, dass sich Fragmente historischer Romanzenstoffe in einigen Regionen Andalusiens in den Gesangstexten lokaler Flamencointerpreten erhalten haben. So berichtet Serafín Estébanez Calderón über den Sänger El Planeta, wie er bei einem Fest in Triana in den 1830er JahrenBiblioteca virtual Miguel de Cervantes Serafín Estébanez Calderón: Un baile en Triana (Escenas andaluzas, 1842). (online, abgerufen am 31. Juli 2020) eine instrumental begleitete Version der Romance del Conde Sol sang.

Formen Spannung zwischen Überlieferung und Kreativität Im Flamenco existiert eine große Anzahl überlieferter Formen. Gleichzeitig werden fortwährend neue Formen erfunden und Abweichungen erprobt. Die großen Meisterinnen und Meister des Flamenco zeichnet aus, dass sie mit den Regeln vertraut sind und die richtige Balance zwischen Überlieferung und Neuschöpfung finden:

Dementsprechend sind die im Folgenden beschriebenen Konventionen nicht als starre Regeln zu verstehen, sondern als Muster mit mannigfachen Abweichungen. Sprachliche Merkmale Reime Wie in Volksliedern auf der ganzen Welt sind auch im Flamenco Strophen mit Endreimen die häufigste Form. Es überwiegen assonante Reime gegenüber dem Vollreim. Alliterationen kommen in den Texten gelegentlich vor, werden aber eher sporadisch verwendet.

Andalusischer Dialekt und Gitanismen

Der Flamenco ist tief in der Kultur der andalusischen Roma, der Gitanos, verwurzelt. In den Liedern des Flamenco äußert sich dies in zahlreichen sprachlichen Besonderheiten. Grammatische Formen, Wortformen und auch völlig eigenständige Wörter aus dem andalusischen Dialekt und aus dem Caló sind gang und gäbe. Auch in seinen Inhalten ist der Flamenco vielfältig mit der ethnischen Identität der Gitanos verbunden.

Typologie der Strophen Verspaare Am Anfang mancher Gesänge, aber nicht generell, findet man ein ungleiches Verspaar im Paarreim, mit einer fünfsilbigen Zeile zu Beginn und einer neun-, zehn oder elfsilbigen zweiten Zeile, wie in folgenden Beispielen:

Cuando va andando rosas y lirios va demarrando. Wenn sie geht verströmt sie Rosen und Lilien. Tiene los dientes como granitos de arroz con leche. Ihre Zähne sind wie Reiskörner mit Milch.

Dreizeilige Formen Unter den dreizeiligen Strophen ist die achtsilbige Tercerilla am häufigsten. Sie ist die übliche Form der Soleá corta:

Cuando yo más te quería fue presiso el orviarte porque si no me moría Als ich dich am meisten liebte musste ich dich vergessen, sonst wäre ich gestorben.

Mitunter ist die erste Zeile verkürzt. Demófilo und Francisco Rodríguez Marín sammelten eine ganze Reihe dieser Strophen. Sie nannten sie Soleariyas:

Por ti La horitas de la noche Me las paso sin dormí Wegen dir Durchlebte ich ohne Schlaf Die Stunden der Nacht.

Vierzeilige Formen Vierzeiler mit acht Silben je Vers bilden die Grundlage der volkstümlichen spanischen Lyrik und finden sich daher auch in der Flamencolyrik, wie im folgenden Beispiel einer Soleá:

Si te duelen soledades del bien que alegre te estuvo ayúdame con suspiros del alma consejos mudos. Wenn vom Guten, das dich glücklich fand, schmerzvolle Einsamkeit dir blieb, hilf mir mit Seufzern, den stummen Ratschlägen der Seele.

Eine sechssilbige Form des Vierzeilers stellen die Strophen der Alboreá dar:

En un verde prado tendí mi pañuelo salieron tres rosas como tres luceros. Auf der grünen Wiese breitete ich mein Tuch aus drei Rosen wuchsen daraus wie drei Sterne.

Als Beispiel eines fünfsilbigen Vierzeiler dient nachfolgende Copla einer Bulerías:

Ay, que te quiero te v’y a querer, aunque no tenga pan que comer. Ay, ich liebe dich. Ich liebte dich, auch wenn ich kein Brot zu essen hätte.

Auch in der Seguiriya sind vierzeilige Strophen die vorherrschende Form, dort jedoch mit mannigfachen Variationen in der Silbenzahl und im Versfuß, häufig auch innerhalb der Strophen. Beispiele dazu siehe oben im Abschnitt Themen.

Als vierzeilige Strophe mit einer angehängten Schlussformel erscheint die Debla: Vier Zeilen der Strophe sind achtsilbig, die angehängte Coda besteht aus der kryptischen Anrufungsformel „Deblica barea“, die nach Herkunft und Bedeutung umstritten ist. Nach Demofilo entstammt der Ausdruck dem caló der andalusischen Gitanos und bedeutet „Große Göttin“.

Jasta los árboles sienten Que se caigan las hojas Mira si sentiré yo Que jablen de tu persona. Deblica barea. Sogar die Bäume spüren dass sie ihre Blätter fallen lassen. Schau, (ob) ich spüre dass sie von dir sprechen. Deblica barea.

Fünfzeilige Formen

Die fünfzeilige Strophe, mit Vollreim oder mit assonantem Reim, ist typisch für Fandangos, Malagueñas, Granaínas und die verschiedenen Stile der Cantes de las minas. Das Reimschema ist in der Regel a-b-a-b-a.

In der gesanglichen Realisation werden die fünfzeiligen Fandango-Coplas durch Wiederholung einer Zeile zur Sechszeiligkeit erweitert:

Que ganamos en la mina marditos sean los dineros que ganamos en la mina, yo gastármelos prefiero, aunque viva en la rüina; por si de pronto me muero. Was wir in der Mine verdient haben verdammt sei der Lohn Was wir in der Mine verdient haben gebe ich lieber aus selbst wenn ich in einer Ruine wohne denn vielleicht sterbe ich ganz plötzlich.

Weitere Formen

Zehnzeilige Gedichte sind die Form der Guajira flamenca.

Themen Mit dem Flamenco untrennbar verbunden sind die tragischen Themen Tod, Schmerz und Trauer. Dem gegenüber stehen Liebesthemen und -geschichten, teils ernst und getragen, teils leidenschaftlich vorgetragen. Insofern der Flamenco sich mit gegenständlichen Themen beschäftigt, so neigt er dazu, sie zu personalisieren und sie mit starken Emotionen zu verbinden. Dies betrifft Objekte der Natur wie Tiere, Pflanzen, den Wind und das Meer, aber auch leblose oder künstliche Objekte wie Steine und Städte.

Die folgenden Beispiele können nur ansatzweise einen Einblick in die Vielfalt von Flamenco-Dichtung geben.

Krankheit, Tod und Trauer Der Tod

Indem der Flamenco sich mit dem Tod auseinandersetzt, reiht er sich in eine durchgängige literarische Tradition ein. Er wird als Urheber und Sinngeber des Lebens dargestellt; deshalb soll man die Furcht vor ihm überwinden. Diese Auffassung steht Francisco Gutiérrez Carbajo zufolge in der Tradition der antiken Philosophen Epikur und Seneca. In etlichen Versen wird der Tod sogar herbeigesehnt, beispielsweise in der folgenden Strophe, die Demófilo zufolge von Silverio Franconetti vorgetragen wurde:

Todos le piden a Dios la salud y la libertad y yo le pido la muerte y no me la quiere mandar. Alle bitten Gott um Gesundheit und Freiheit und ich bitte ihn um den Tod den er mir nicht schicken will.

Viele Gesangsstrophen im Flamenco beklagen den Tod einer nahestehenden Person: der Mutter, des Vaters, eines Kindes, eines Freundes. Besonders häufig ist es die Mutter, um die getrauert wird, wie in den folgenden, ebenfalls von Demófilo überlieferten Zeilen:

Doblen las campanas doblen con dolor. Se ha muerto la mare de mi alma de mi corazón. Die Totenglocken läuten in schmerzvollem Klang. Die Mutter meiner Seele, meines Herzens ist gestorben.

Besonders in der Seguiriya findet die Trauer um den Tod vielfach Ausdruck, beispielsweise in folgender Strophe aus Demófilos Sammlung:

Día de Santiago al ponerse el sol cómo mararonmarar (caló) = matar (kastilisch). Übersetzungen aus dem Caló, soweit nicht anders erwähnt, gemäß a mi bata y batobata, bato (caló) = madre, padre (kastilisch) miren qué dolor Am Jakobstag zum Sonnenuntergang töteten sie mir Mutter und Vater. Seht meinen Schmerz!

Eine Vielzahl von Strophen beschäftigt sich mit dem Begräbnis:

Si vendes mi ropa par pagar mi entierro mira que no vendas esa chaquetita de alamares negros Wenn du meine Kleidung verkaufst. um für mein Begräbnis zu bezahlen, sieh zu, dass du nicht die kleine Jacke mit den schwarzen Soutachen verkaufst.

Krankheiten des Körpers und der Seele Ein häufiger Schauplatz des Geschehens in der Flamenco-Dichtung ist das Krankenhaus, oft als Vorzimmer des Todes:

Dame la mano, hermana que no puedo más que de fatiga que mi cuerpo tiene se va al hospital Gib mir die Hand, Schwester, denn mein Körper ist so erschöpft dass ich nicht anders kann als ins Krankenhaus zu gehen.

Die Trauer Federico García Lorca sprach der Trauer im Flamencogesang menschliche Persönlichkeit zu:

Verständlicherweise wird häufig der Wunsch zum Ausdruck gebracht, der Kummer möge verschwinden, so in folgendem Beispiel aus Demófilos Sammlung:

Compañera, no más penas mira que no soy de bronce que una piedra se quebranta a fuerza de muchos golpes. Kein Kummer mehr, Gefährtin. Schau, ich bin nicht aus Bronze, schau, auch ein Stein zerbricht durch viele Schläge.

Liebe Liebe und Kummer sind im Flamenco, ebenso wie generell in der Lyrik, miteinander verknüpft. Eine Strophe aus Demófilos Sammlung, die von Enrique Morente gesungen wurde, setzt sich damit auseinander, was geschieht, wenn sich das Liebesbegehren erfüllt:

Deseada una cosa parece un mundo luego que se consigue tan sólo es humo Was man sich wünscht erscheint eine Welt wert. Wenn es sich erfüllt ist es nur Rauch.

Ein häufiger Gegenstand der Verehrung sind die Augen der begehrten Person, beispielsweise in folgender Strophe einer Sevillana, gesungen von Enrique Morente für die Tänzerin Nina Corti:

Niña, tus ojos Fuego y nieve despiden Fuego para quien quieres Nieve a los otros Y yo te ruego Que aunque me hagas ceniza Mi alma, me arrojes fuego. Mädchen, deine Augen sprühen Feuer und Schnee. Feuer für den, den du begehrst, Schnee für die anderen. Und ich flehe dich an: Selbst wenn du mich zu Asche machst, meine Liebste, schleudere Feuer zu mir.

Sehr direkt schildern die folgenden Zeilen einer Soleá nächtliches Liebesbegehren:

Sueño de noche contigo, gitana de mis amores; siento placeres muy grandes y al despertar mil sudores. Ich träume von der Nacht mit dir, geliebte Gitana; spüre übergroße Wonne und wache schweißgebadet auf.

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