Die Austriahenae sind Matronen, die durch etwa 160 inschriftliche Belegen auf Weihesteinen am Fundort in Morken-Harff überliefert sind.
Auffindung Im Rahmen der Erweiterung des rheinischen Tagebaus wurden bei Bodenabdeckungen 1958 auf der Böschung eines trockenen Altarms der Erft ungefähr 150 m östlich der Morkener Pfarrkirche zunächst einige Matronensteine entdeckt, gesichert und in den folgenden Tagen durch das rheinische Bodendenkmalamt auf einer Fläche von 30 × 5 m zahlreiche Funde gesichert und geborgen. Neben circa 160 fragmentierten Weihesteinen mit unvollständigen und rudimentären Inschriften wurden neun vollständige inschriftentragende Steine gefunden, die in acht Exemplaren den Austriahenae gestiftet wurden. Lage und Zustand der Funde zeigen, dass diese in der Spätantike als Baumaterial für eine Furt verwendet wurden und dorthin von dem ursprünglichen Standort eines zu vermutenden Matronenheiligtums als Spolien verschleppt wurde.
Inschriften (Auswahl) Die vollständigenKolbe 2 = , Kolbe 3 = ,Kolbe 4 = , Kolbe 6 = ,Kolbe 8 = , Kolbe 9 = sowie fragmentierten Inschriftentragendenn und Weihesteine zeugen von den sozialen und kulturellen Verhältnissen in der Datierungszeit von 100 n. Chr. bis 250 n. Chr. in der Region durch die Stifter. Einige Steine wurden durch Legionsangehörige, sprich Militärs gestiftet.Kolbe Nr. 17, 43, 103 von Legionären der 30., der 1. und einer unbekannten Legion. Kolbe vermutet die 6., 7. oder 8. Legion. Die Steine bezeugen die Integration in die öffentliche römische Kultur durch die repräsentative Übernahme der römischen Namenssitte der Trinomina, deren Pseudogentilizen (Gentilname) jedoch die indigene germanische oder galloromantische Herkunft belegen. Zwei Steine tragen gebräuchliche germanische Kurznamen m. Leub-o und f. Leub-a, die durch spätere westgermanische Runeninschriften aus der Merowingerzeit gut belegt sind. Neben Kolbe Nr. 5, Nr. 27: [Matronis] / [Austriahe]n/[abus] Gavalli/[ani]a Leub/a et Iulia / nta ex / imperio . Robert Nedoma: Personennamen in südgermanischen Runeninschriften. Studien zur altgermanischen Namenkunde I, 1, 1. (= Indogermanische Bibliothek. 3. Reihe: Untersuchungen). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004, ISBN 978-3-8253-1646-4. Nr. 54 ff. Bei 29 Inschriften wurden Weiheformeln der Offenbarungs-Inschriften verwendet ex imperio, also auf Geheiß der Matronen (im Traum). In zwei Inschriften weicht der Gattungsname von der Form Matronae ab und nennt die Austriahenae Matres – eine Form, die mehrheitlich für ethnographische Beinamen (Matres Suebae... = den Suebischen M.) in den Inschriften der niederrheinischen Fundregion erscheinen.Kolbe Nr. 53 , 124 Des Weiteren zeugt die Weihung an die M. Austriatium von einer in einer Civitas organisierten Stiftergemeinschaft. Inschriftlich sind die Matronae Austriahenae nach den Matronae Vacallinehae die zweithäufigstbelegten Matronen in der Fundregion der Germania inferior
M(arcus) Iulius / Vassile/ni f(ilius) Leu/bo Matro/nis Austri/atium v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito)Kolbe Nr. 5 =
Matronis Aus/triahenis M(arcus) / M(arius) Cels/us ex imperio / ipsarum s(olvit) l(ibens) / m(erito)Kolbe Nr. 7 =
Beiname Günter Neumann deutet den Beinamen als Ableitung von einer Stelle beziehungsweise von einer Örtlichkeit oder Siedlung ab. Er stellt daher das erste Glied des Namens zu germanisch austra- = Osten und vergleicht dieses mit antiken und frühmittelalterlichen Toponymen der Germania.Zum Beispiel die Nordsee-Insel in der deutschen Bucht, resp. der Friesischen Inseln Austeravia (Plin. Nat. hist. 4,97) weitere bei: Corinna Scheungraber, Friedrich E. Grünzweig: Die altgermanischen Toponyme sowie ungermanische Toponyme Germaniens. Ein Handbuch zu ihrer Etymologie. Fassbaender, Wien 2014, S. 85f. Die Austriahenae stellt er zu einer Gruppe von topischen Matronen wie den Mahalinehae, Fachinehae, Textumeihae, zu denen Robert Nedoma zuletzt ebenfalls die Matronae Grusduahenae zählt.
Theo Vennemann leitet den Namen von einem gallo-romanischen konstruierten Ortsnamen Austriacum ab (*Austri-ac-in-ae > Austriahenae), den er in Erweiterung zu Neumanns Ansatz auf einen Gewässer/Flussnamen *Austra zurückführt. Vennemann belegt dessen Einwohner, beziehungsweise der Civitas, als latinisierte inschriftlich dokumentierte Austriates und zieht zum antiken Fundort die Bildung des heutigen Ortsnamens vom nahegelegenen Ort Oestrich heran.
Siehe auch Liste von Matronennamen
Literatur Andreas Kakoschke: Ammaca. Ein einheimischer Name aus Germania inferior. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 190, 2014. S. 287–290. Christoph B. Rüger: Gallisch-germanische Kurien. In: Epigraphische Studien 9, 1972, S. 251–260. Hans-Georg Kolbe: Die neuen Matroneninschriften von Morken-Harff, Kreis Bergheim. In: Bonner Jahrbücher 160, 1960, S. 50–124, doi:10.11588/bjb.1960.1.83617. Günter Neumann: Die germanischen Matronenbeinamen. In: Heinrich Hettrich, Astrid van Nahl (Hrsg.): Namenstudien zum Altgermanischen. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020100-0, S. 253–289. (kostenpflichtig GAO = Germanische Altertumskunde Online bei de Gruyter) Hermann Reichert: Lexikon der altgermanischen Namen, Band I, Teil 1: Textband. (Thesaurus Palaeogermanicus. 1,1). Unter Mitarbeit von Wilibald Kraml, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1987, ISBN 3-7001-0931-8. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 34. B. H. Stolte: Die religiösen Verhältnisse in Niedergermanien. In: Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 18, 1 Religion (Heidentum: Die religiösen Verhältnisse in den Provinzen). Walter de Gruyter, Berlin/New York 1986, ISBN 3-11-010050-9, S. 591–671; hier 662ff. (kostenpflichtig) Theo Vennemann: Die niederrheinischen Matronen: Vacallinehae, Austriahenae, Aufaniae. In: Alessia Bauer, Alexander Pesch (Hrsg.): Hvanndalir – Beiträge zur europäischen Altertumskunde und mediävistischen Festschrift für Wilhelm Heizmann. = Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Ergänzungsband 106. De Gruyter, Berlin, Boston 2018. S. 497–519. Leo Weisgerber: Der Dedikantenkreis der Matronae Austriahenae. In: Bonner Jahrbücher 162, 1962, S. 107ff.
Weblinks
Karte mit markierten Fundort (Epigraphische Datenbank Clauss Slaby)
Anmerkungen
Kategorie:Matronae