Waves ist ein romantisches Filmdrama von Trey Edward Shults, das am 30. August 2019 beim Telluride Film Festival seine Premiere feierte und am 15. November 2019 in die US-Kinos kam. In Deutschland lief der Film wegen der COVID-19-Pandemie verspätet am 16. Juli 2020 an.
Handlung Tyler Williams und seine Schwester Emily leben mit ihrem Vater Ronald und ihrer Stiefmutter Catherine in einem geräumigen Vorstadthaus in Südflorida zusammen. Der 18-Jährige ist ein Ringer an seiner Highschool, soll an den Landesmeisterschaften teilnehmen und hofft auf ein Universitätsstipendium. Sein Vater, der ihnen bislang ein gutbürgerliches Leben ermöglichte, erklärt seinem Sohn, sie als Afroamerikaner könnten sich den Luxus nicht erlauben, durchschnittlich zu sein.
Eigentlich läuft alles rund in Tylers Leben. Er hat sein eigenes Auto und seine hübsche Freundin Alexis. Nach einer Schulterverletzung und infolge des Drucks, der nicht nur von seinem Vater, sondern auch von seiner Mannschaft auf ihn ausgeübt wird, greift der junge Athlet zu den Schmerzmitteln seines Vaters, wodurch sein scheinbar perfektes Leben ins Wanken gerät. Tylers Leben wird noch stressiger, als seine Freundin Alexis ihm mitteilt, dass sie nicht nur schwanger ist, sondern sich entschlossen hat, das Baby gegen seinen Wunsch zu behalten.
Unterdessen hat sich Tylers Schwester Emily in seinen Teamkollegen Luke verliebt. Gemeinsam unternehmen sie einen Roadtrip, um dessen im Sterben liegenden Vater zu besuchen.
Produktion Stab und Aufbau Regie führte Trey Edward Shults, der auch das Drehbuch schrieb. Er gliedert seinen Film in zwei klar definierte Hälften, beide eine eigene Liebesgeschichte, zuerst die von Tyler Williams, dann die seiner Schwester Emily. Peter Debruge von Variety beschreibt den Fokuswechsel in der Mitte des Films als eine Veränderung, die so radikal ist wie die der Duschszene in Psycho und für die sich Shults von der gegabelten Struktur von Wong Kar-wais Chungking Express inspirieren ließ. Wenn Emily aus Tylers Schatten auftaucht, behaupte sie ihren Platz als wahre Protagonistin des Films. Insbesondere werde diese Transformation durch eine romantische Verbindung mit Tylers weißem Teamkollegen Luke ausgelöst.Peter Debruge: Telluride Film Review: 'Waves'. In: Variety, 30. August 2019. Was als Flirt in der Schule beginnt, mündet in einen lebensverändernden Roadtrip der beiden, den sie als Seelenverwandte erleben und ihre Liebe beflügelt.Sheri Linden: 'Waves': Film Review. In: The Hollywood Reporter, 30. August 2019. Dieser Roadtrip ist das Herzstück des zweiten Teils des Films.Tim Lindemann: Kritik zu Waves. In: epd Film, 21. Februar 2020. Während sich Tyler im ersten Teil zu einer furchtbaren Gewalttat hinreißen lässt, erzählt der zweite Teil von den Konsequenzen der Tat, da seine Schwester Emily nach der völlig unangemessenen Verurteilung des Bruders unter dem Verlust leidet und sich in eine Isolierung flüchtet, die erst Luke zu durchbrechen vermag.Knut Elstermann: Waves – Ein Meisterwerk, das bei den Oscars 2020 übersehen wurde. In: MDR Kultur, 16. Juli 2020.Jan-Philipp Kohlmann: Waves. In: kinofenster.de. 15. Juli 2020. So handelt es sich im Kern zwar um einen Film, dieser besteht jedoch aus zwei getrennten Erzählungen.Gregory Ellwood: 'Waves': An Impressive Ensemble Bare Their Souls In Trey Edward Shults’ Unwieldy Ambitious Drama. In: The Playlist, 31. August 2019.
Philipp Bühler schreibt in der Berliner Zeitung, Shults wage mit diesem Ansatz ein Experiment, wenn er die Perspektive und zwischendurch sogar das Bildformat wechsele und bemerkt: „Der zweite Teil, der den ersten in vielen Elementen spiegelt, gibt indes Gelegenheit, die Dinge noch einmal anders zu bewerten, in ruhigerer Stimmung dieses Bild einer afroamerikanischen Familie im Kopf neu zusammenzusetzen. Zehnmal mehr müssten Schwarze sich anstrengen in dieser weißen Welt, hat der Vater dem Sohn eingeschärft, in einem Film, für den Hautfarbe ansonsten keine Rolle zu spielen scheint.“Philipp Bühler: Wenn der Bildersturm implodiert. In: Berliner Zeitung, 15. Juli 2020.
Besetzung und Dreharbeiten Sterling K. Brown übernahm die Rolle des Familienvaters Ronald Williams, Kelvin Harrison Jr. spielt seinen 18-jährigen Sohn Tyler Williams, Taylor Russell seine jüngere Schwester Emily. Renée Elise Goldsberry spielt Catherine, die äußerst geduldige Stiefmutter der beiden, die die Familie Williams zusammenhält. Alexa Demie spielt Tylers Freundin Alexis, Lucas Hedges seinen Teamkollegen Luke, der mit Emily zusammenkommt.
Die Dreharbeiten wurden am 9. Juli 2018 im Broward County, Florida begonnen.http://www.projectcasting.com/casting-calls-acting-auditions/trey-edward-shults-new-movie-waves-open-casting-call/ Als Kameramann fungierte Drew Daniels, als Filmeditoren Isaac Hagy und Regisseur Trey Edward Shults. Im dramatischen Mittelpunkt des Films verengen sie das Bildformat, um den steigenden Druck auf Tyler zu visualisieren.
Filmmusik und Veröffentlichung Die Filmmusik komponierten Trent Reznor und Atticus Ross. Neben deren Synthie-Soundtrack werden im Film Songs von Frank Ocean, Animal Collective und Kendrick Lamar verwendet. What a Diff’rence a Day Makes von Dinah Washington kommt in beiden Teilen des Films vor. Ein Album mit 14 Songs wurde im Dezember 2019 veröffentlicht.Alex Young: Trent Reznor and Atticus Ross reveal new film score for Waves: Stream. In: 14. Dezember 2019.
Der Film feierte am 30. August 2019 beim Telluride Film Festival seine Premiere.Gregory Ellwood: Telluride 2019: 'Ford v. Ferrari', 'Judy' & 'Uncut Gems' Are Official World Premieres. In: theplaylist.net, 29. August 2019. Ab 10. September 2019 wurde er beim Toronto International Film Festival im Rahmen der Special Presentations gezeigt.Waves. In: tiff.net. Abgerufen am 16. August 2019. Am 15. November 2019 kam er in die US-Kinos. Ein Kinostart in Deutschland und Österreich war für den 19. März 2020 geplant.Starttermine Deutschland. In: insidekino.com. Abgerufen am 26. Oktober 2019.Waves. In: uncut.at. Abgerufen am 13. März 2020. Der Termin in Deutschland wurde jedoch wegen der Coronavirus-Pandemie auf den 16. Juli 2020 verschoben.Schicksalswellen. In: Der Spiegel. 11. Juli 2020, S. 116. Focus Features und Universal Pictures sicherten sich von A24 die internationalen Rechte am Film.Jeremy Kay: Focus Features acquires international rights to TIFF selection ‘Waves’. In: screendaily.com, 6. September 2019.Patrick Hipes: A24’s 'Waves' To Roll Overseas In Deal With Focus Features And Universal. In: deadline.com, 6. September 2019. Am 16. März 2022 wurde Waves in das Programm von Amazon Prime Video aufgenommen.Sebastian Minnich: Die Highlights bei Netflix, Disney+ und Amazon Prime Video im März 2022. In: heise.de, 2. März 2022.
Rezeption Altersfreigabe In den USA erhielt der Film von der MPAA ein R-Rating, was einer Freigabe ab 17 Jahren entspricht.Waves. In: boxofficemojo.com. Abgerufen am 20. April 2020. In Deutschland wurde der Film von der FSK ab 12 Jahren freigegeben. Tim Lindemann von epd Film bemerkt hierzu, auch wenn Waves für die meisten über 25-Jährigen ein wenig zu viel Schmalz, zu viel Musik, zu viele visuelle und narrative Gimmicks bieten dürfte, könnte sich das Teenager-Melodram für junge Filmfans der Generation Z als effektive Einstiegsdroge in die Welt des ambitionierten, kreativen Kinos erweisen.
Kritiken und Einspielergebnis Der Film überzeugte bis Februar 2022 bei Rotten Tomatoes 84 Prozent der Kritiker und erhielt hierbei eine durchschnittliche Bewertung von 7,8 der möglichen 10 Punkte.
Peter Debruge von Variety schreibt, der Film, der in Südflorida spielt, bewege sich gar nicht so weit weg von dem Mikrokosmos, den Barry Jenkins in Moonlight beleuchtete, obwohl die soziale Klasse und auch die Möglichkeiten der Figuren andere seien, und sei dabei ein gelungener Versuch, die Liebe innerhalb einer Familie in den USA einzufangen und den Druck, der auf den Familienmitgliedern lastet, in diesem Fall Afroamerikanern. Für Trey Edward Shults, der weiß ist, bedeute das, solche Erfahrungen über sich selbst hinaus zu projizieren, um all das zu erfassen, was an seinen vier zentralen Figuren universell und einzigartig ist. Mit seinen vier Hauptdarstellern und einer äußerst innovativen Machart könne der Film vom Zuschauer intuitiv verstanden werden, und tauche so in das Leben seiner Figuren ein, dass Details enthüllt würden, die die Familie Williams so real machen und in die sich der Zuschauer hineinfühlen kann. Waves lehne zudem den reduzierenden Begriff von Gut und Böse ab, der so oft im Film verwendet wird, so Debruge weiter. Vielmehr gehe es um Vergebung und Akzeptanz in ihren vielen Formen und darum, dass unsere Eltern und Geschwister, auch wenn sie nicht vollkommen sein mögen, manchmal die einzige Unterstützung sind, die wir haben. So zeige Shults, wie wichtig das Thema Familie für ihn ist, das der Kern aller seiner drei Filme war, die er bis dato drehte. mini|hochkant=0.9|Die zweite Hälfte des Films konzentriert sich auf Tylers Schwester Emily, gespielt von Taylor Russell Auch Bert Rebhandl von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschreibt den Handlungsort als auch das Grundthema, afroamerikanische Männlichkeit am Rande der Destruktivität, ähnlich wie bei Moonlight. Das bestimmende Motiv in Waves sei die Frage, wie in afroamerikanischen Familien die Kompensation für vergangene oder zum Teil eben sogar nicht einmal vergangene Diskriminierungen als Überkompensation tendenziell tragisch wird, so Rebhandl.Bert Rebhandl: Kinderblicke auf Nazis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. September 2019.
Gregory Ellwood von The Playlist schreibt, der Schmerz, den die Figuren verspüren, werde von jedem einzelnen Schauspieler, so Kelvin Harrison Jr., Taylor Russell, Sterling K. Brown und Renée Elise Goldsberry auf eine Weise gezeigt, die sich unglaublich real anfühle. Es sei selten, dass so viele Ensemblemitglieder diesen Punkt erreichten, aber diese Besetzung gebe wirklich alles. Ihre Auftritte würden jedoch des Öfteren von den hohen stilistischen Ambitionen Shults’ überschattet. Weiter bemerkt Ellwood die Arbeit von Kameramann Drew Daniels, der blinkende Partylampen oder Polizeiautos nutze, um Szenen auch dann vollständig zu beleuchten, wenn die Lichtquellen weit außerhalb des gezeigten Bildausschnittes liegen. Es gebe eine Reihe beeindruckend langer One-Shot-Sequenzen, in denen Shults einer Figur, meist Tyler, durch ein ganzes Gebäude oder Gebiet folgt. Ellwood beschreibt diese Art der Aufnahmen, als würde Terrence Malick zeitgenössische Musikvideos inszenieren wollen, in denen er die ersten feststehenden Aufnahmen erst nach gut 20 Minuten oder mehr verwendet. Diese Ästhetik werde von der elektronischen Filmmusik von Trent Reznor und Atticus Ross unterstützt, ebenso durch eine Fülle von Tracks von Radiohead, Frank Ocean, Animal Collective und Kendrick Lamar, die dem Film ständig einheizten. Das Gesamtergebnis sei umwerfend, könne aber bisweilen schwindelerregend und zu offensichtlich für das Storytelling sein.
Knut Elstermann von MDR Kultur schreibt, Shults habe einen formal brillanten Film gedreht, in dem die kreisende Kamera, die flirrenden Lichter für den Kontrollverlust der Figuren stehen. Vor allem aber gelinge es ihm, mit seinem fantastischen Darstellerensemble von der Vielschichtigkeit einer Familie unter enormer Spannung zu erzählen und von zerstörerischen Männlichkeitsbildern. Ganz unterschwellig gehe es auch um die Folgen des täglichen Rassismus, der diesen großen Leistungsdruck in der Familie erst erzeugt hat. Elstermann resümiert, man könne nur grübeln, warum ein so innovatives, in jeder Hinsicht überwältigendes Werk 2020 keine einzige Oscarnominierung erhielt: „Wie kann eine ganze Akademie ein solches Ereignis verschlafen? Das deutsche Kinopublikum sollte unbedingt hellwach sein und diesen Film nicht verpassen.“