Martin Atlas (geboren am 23. Februar 1878 in Tasádfö, Komitat Bihar, Ungarn; gestorben nach 1926) war ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er die Zukunftsromane Die Befreiung und Titan.

Leben Atlas war der Sohn eines Dorfregalienpächters. Nach dem Besuch der Volksschule, des Gymnasiums und der Handelsschule in Grosswardein absolvierte er die „Königlich Ungarische Orientalische Handelsakademie“ in Budapest. 1898 wurde er Beamter des Ungarischen Handelsmuseums in Konstantinopel, von wo er in den folgenden sieben Jahren Reisen in verschiedene Gebiete des Osmanischen Reiches machte. Ab 1905 hielt er sich während der Wintermonate als Vertreter des Handelsmuseums in Kairo auf und unternahm während der Sommermonate Reisen in Ungarn, Deutschland und Frankreich. 1927 wohnte er in BudapestIschler Badeliste, 2. September 1927, abgerufen am 16. August 2019.; spätere Lebensdaten sind nicht bekannt.

Die Befreiung Das Handlungsgeschehen des Zukunftsromans Die Befreiung setzt ein auf einer neu aufgetauchten Insel im Atlantik, auf welcher „Penon“, eine utopische Nation, entstanden ist. Dort soll der Ich-Erzähler des Romans das Nachrichtenwesen einrichten. Auf dieser Insel haben sich die besten Wissenschaftler und Techniker der Welt zusammengefunden, die sich mit Hilfe einer Plansprache namens „Fimol“ verständigen. Alsbald werden dort bahnbrechende Entdeckungen gemacht, und durch das „Mial“, eine „Form der allgemeinen Fernwirkung“Die Befreiung. 1910, Bd. I, S. 45., wird ein technisches Schlaraffenland realisiert. Man plant Gewaltiges:

Die Armee des deutschen Kaisers, der sich dieser Menschheitsbeglückung widersetzen will, wird per Fernwirkung entwaffnet:

Durch das Mial werden nicht nur optische und akustische Signale übertragen, sondern auch Gegenstände werden von einer Zentrale, wo deren Eigenschaften gespeichert sind, „entsendet“ und am Zielort materialisiert. Die so erzeugten Kleider und Wohnungseinrichtungen etc. sind zwar nur „Eindrücke“, unterscheiden sich von echten Gegenständen aber nur durch ihre Transformierbarkeit. Das Resultat ist eine Utopie totaler Reproduzierbarkeit:

Diese mialische Reproduktion lässt selbstverständlich auch eine unbegrenzte Vervielfältigung zu, wodurch Fabriken überflüssig werden. Da alle Grundbedürfnisse des Menschen befriedigt sind, werden Staaten überflüssig und verschwinden schließlich. Und es kann nicht nur reproduziert, sondern auch modifiziert werden, also Eigenschaften verändert und Zeitabläufe beschleunigt oder verlangsamt werden. Die implizierte technische Macht hat ausschließlich positive Wirkung und dient nur dazu, die von Arbeit und Plage befreiten Menschheit in einen Zustand umfassenden Wohlbehagens zu versetzen.

Die von dem österreichischen Science-Fiction-Spezialisten Franz Rottensteiner vorgenommene Charakterisierung des Romans als „debile Utopie“ nennt Nessun Saprà, Verfasser des Lexikons der deutschen Science Fiction & Fantasy 1870–1918, „hart, aber nicht ungerecht“. Die Zeitgenossen sahen das freundlicher. So schrieb der Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald an Atlas: „Ich freue mich sehr, in Ihnen einen Energetiker begrüßen zu können, der die wesentlichen Seiten dieser Lehre richtig und fruchtbringend aufgefaßt hat, und auch Ihre Kulturideale sind mir weitgehend sympathisch; auch finde ich in ihnen viel Eigenes und Originales.“

Titan Der Protagonist Paul Hardt ist ein einsamer Erfinder, dem es gelungen ist, in einem „Heliodit“Titan. Leipzig 1913, S. 22. genannten Apparat „die Energie der Sonne aufzufangen, in Elektrizität umzuwandeln und diese beliebig aufzubewahren“.Titan. Leipzig 1913, S. 4. Die damit verbundene Macht will die deutsche Regierung sich aneignen. Hardt wehrt sich dagegen und will lieber selbst Weltherrscher werden. Außerdem hat Hardt eine Flugmaschine namens „Parahel“ erfunden, deren Propeller mit in elektrischen Akkumulatoren gespeicherter Sonnenenergie angetrieben werden. Aus dem Versuch, Hardts Erfindungen zu stehlen, entwickelt sich eine konventionelle Handlung im Stil des Kriminal- bzw. Agentenromans. Schließlich gelingt es den Regierungen, die Massen gegen Hardt aufzuhetzen und sich in den Besitz seiner Erfindung zu bringen. Hardt muss fliehen und baut in der Sahara eine geheime Parahel-Fabrik auf, rüstet sich mit einer neuen Waffe, einer „elektrischen Kanone“, flieht weiter nach Amerika und zerstört am Schluss in aussichtsloser Lage die Heliodit-Fabrik, steigt mit seinem Flugapparat der Sonne entgegen in höchste Höhen und stürzt sich von dort in die Tiefe.

Der Wiener Literaturwissenschaftler Roland Innerhofer bemerkt, dass in der Figur des Paul Hardt sich der Anspruch des Ingenieurs und Erfinders als Klasse auf Mitwirkung und gesellschaftlichen Aufstieg anmelde. Dazu gehören die Beziehungen Hardts zu Frauen, bei denen Hardt Stufe um Stufe erklimmt, beginnend mit einer ehemaligen Studentin aus bescheidenen Verhältnissen, über eine „Klavierkünstlerin“ bis hin zur Gräfin aus einflussreichsten Kreisen, mit der zusammen er am Ende nach dem Muster des Ikarus in die Tiefe stürzt. Diese Liebesbeziehungen finden gern in symbolisch aufgeladenen Flugerlebnissen ihren Höhepunkt. Das liest sich dann so:

Dass im Roman wie im Zitat mehr als einmal ein titanischer Sturz von den Höhen nietzscheanischen Übermenschentums in die Tiefen des Kitsches erfolgt, wird auch von Rottensteiner und Innerhofer vermerkt. Saprà nennt den Roman „sich symbolisch gerierend[…], meist aber nur pathetisch.“

Bibliografie Die Befreiung: Ein Zukunftsroman. 2 Bde. Ferdinand Dümmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin 1910 (2. Aufl. 1915 ebd.), . Titan: Ein literarischer Luftschiffer- und Zukunftsroman. Theodor Gerstenberg, Leipzig 1913, (mindestens drei Auflagen).

Literatur Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 6. Aufl. Reclam, Stuttgart 1913, Bd. 8, S. 129, s. v. Atlas, Martin. Hans-Edwin Friedrich: Science Fiction in der deutschsprachigen Literatur : Ein Referat zur Forschung bis 1993. De Gruyter, 1995, ISBN 3-484-60307-0, S. 173, 199. Roland Innerhofer: Deutsche Science Fiction 1870–1914: Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung. Böhlau, Wien, Köln & Weimar 1996, ISBN 3-205-98514-1, S. 79, 207–211, 432–434, 450. Tessy Korber: Technik in der Literatur der frühen Moderne. Dissertation Erlangen-Nürnberg 1997. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 1988. Nachdruck: Springer, 2013, ISBN 978-3-663-09029-8, S. 34 f. Franz X. Riederer: The German Acceptance and Reaction. In: Sylvia E. Bowman (Hrsg.): Edward Bellamy Abroad: An American Prophet’s Influence. Twayne Publishers, New York 1962, S. 189 f. Claus Ritter: Kampf um Utopolis oder Die Mobilmachung der Zukunft. Verlag der Nation, 1987, ISBN 3-373-00083-1, S. 224–236. Franz Rottensteiner, Michael Koseier (Hrsg.): Werkführer durch die utopisch-phantastische Literatur. Corian-Verlag Heinrich Wimmer, Meitingen 1989 ff., Artikel Die Befreiung und Titan. Nessun Saprà: Lexikon der deutschen Science Fiction & Fantasy 1870–1918. Utopica, 2005, ISBN 3-938083-01-8, S. 36.

Weblinks

Einzelnachweise Roland Innerhofer: Deutsche Science Fiction 1870–1914: Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung. Böhlau, Wien, Köln & Weimar 1996, ISBN 3-205-98514-1, S. 432–434.

Roland Innerhofer: Deutsche Science Fiction 1870–1914: Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung. Böhlau, Wien, Köln & Weimar 1996, ISBN 3-205-98514-1, S. 207–211.

Claus Ritter: Kampf um Utopolis. Verlag der Nation, 1987, S. 225.

Franz Rottensteiner: Martin Atlas. Die Befreiung. In: Werkführer durch die utopisch-phantastische Literatur. Corian-Verlag Heinrich Wimmer, Meitingen 1994.

Franz Rottensteiner: Martin Atlas. Titan. In: Werkführer durch die utopisch-phantastische Literatur. Corian-Verlag Heinrich Wimmer, Meitingen 1989.

Nessun Saprà: Lexikon der deutschen Science Fiction & Fantasy 1870–1918. Utopica, 2005, ISBN 3-938083-01-8, S. 36.

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