Sandra Bem (geboren am 22. Juni 1944 in Pittsburgh, Pennsylvania, als Sandra Ruth Lipsitz, gestorben am 20. Mai 2014 in Ithaca, New York) war eine US-amerikanische Psychologin und Psychotherapeutin, die Pionierarbeit in der Forschung zu Gender Studies, Geschlechterrollen und Androgynie geleistet hat. Bekanntheit über die Wissenschaft hinaus erlangte Bem durch ein Porträt ihrer egalitären Ehe mit Daryl J. Bem, das 1972 in der US-Zeitschrift Ms. veröffentlicht wurde. Im selben Jahr war Bem als Expertin Teil eines Gerichtsverfahrens gegen den Telekommunikationskonzern AT&T, der aufgrund der hohen Schlichtungs-Summe weitreichende Öffentlichkeit erfuhr. Der postum in der New York Times veröffentlichte Artikel The Last Day of Her Life beleuchtet ihr Lebensende, das durch ihre Alzheimer-Erkrankung geprägt war. Im Alter von 69 Jahren beging sie im Beisein ihres Ehemanns Suizid.
Biografie mini|Die Allderdice-High-School
Sandra Ruth wurde als ältere von zwei Töchtern im Stadtteil Squirrel Hill in Pittsburgh in einem jüdisch-orthodoxen Haushalt geboren. Ihre Schwester heißt Beverly. Ihre Eltern, Peter und Lilian, waren der Arbeiterklasse zugehörig: Lilian war Sekretärin, Peter war Postbote. Die Familie wohnte in einer Sozialwohnung. Sandra besuchte die Taylor Allderdice High School. Sandra Bems eigenen Erinnerungen nach warnte ihre Mutter sie, dass „Hausarbeit wenig erstrebenswert sei“. Die Sozialpsychologin Meghan George, Mitbegründerin der Psychology’s Feminist Voices, vermutet in dieser Aussage einen richtungsweisenden, für Bems Biografie prägenden Charakter: Bem begann früh ihre Überzeugung der Gleichheit der Geschlechter auszudrücken. Genauso früh begann sie zu lernen, dass die Gesellschaft wenig tolerant gegenüber egalitären Ideen war. Sie weigerte sich bereits in der Grundschule, die als Schulkleidung vorgeschriebenen Röcke zu tragen, und bestand auf Hosen; dafür wurde sie fast ihrer Schule verwiesen.
Auch in den folgenden Jahren prägten ihr Aufwachsen Konflikte mit ihren Eltern, in Bems Tagebüchern beschreibt sie Streitigkeiten mit ihrer Mutter, bei denen diese „oft Gegenstände an die Wände warf“.
Da sich Sandra Bem das Verlassen des Elternhauses nicht leisten konnte, schrieb sie sich im Institute of Technology der Carnegie Mellon University in Pittsburgh ein und wohnte weiter bei ihren Eltern. Zu diesem Zeitpunkt gab es an der Carnegie Mellon University noch das „Margaret Morrison Carnegie College“, das ausschließlich Frauen vorbehalten war. Sie erwarb dort im Jahr 1965 einen Bachelor of Science in Entwicklungspsychologie (developmental psychology) und wechselte darauf für kurze Zeit an die Indiana University. Kurz nach dem Wegzug starb Bems Großvater mütterlicherseits, sodass sich Bems Mutter einer großen Belastung ausgesetzt sah. Sandra Bem kehrte nach Pittsburgh zurück und studierte fortan erneut an der Carnegie-Universität. mini|Daryl Bem, 1983 Im Jahr 1965 stellte Sandra Bems Mitbewohnerin ihr den neuen Assistenz-Professor für Psychologie vor, Daryl Bem. Vier Monate nach diesem Kennenlernen heirateten Sandra und Daryl. Da Sandra zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Volljährigkeit von 21 Jahren erreicht hatte, musste sie die Einwilligung ihrer Eltern für die Eheschließung einholen. Diese waren enttäuscht, dass keine jüdische Hochzeitszeremonie angestrebt wurde. Ihrem Vater schrieb Sandra diesbezüglich einen Brief, die Ehe fand mit unkonventioneller Zeremonie wenig später im Beisein ihrer Familie statt:
Nach der Heirat lebte Sandras sechs Jahre jüngere Schwester Beverly für mehrere Jahre bei ihr, da die Ehe ihrer Eltern „unglücklich“ war.
Die egalitäre Aufteilung von Hausarbeit und der Kompromisse in der Karriere zu Gunsten der Beziehung wurde im Jahr 1972 in dem Artikel „A Marriage of Equals“ in der feministischen Zeitschrift Ms. porträtiert. Nach der Hochzeit zog Sandra Bem nach Ann Arbor in Michigan, um dort ihr postgraduiertes Studium abzuschließen, während ihr Mann an der Carnegie-Tech verblieb. Nachdem sie ihren Doktorgrad 1967 in Entwicklungspsychologie erworben hatte, zog sie zurück nach Pittsburgh und begann ebenfalls an der Universität ihres Mannes zu arbeiten. Zu dieser Zeit war sie bereits Expertin für Diskriminierung gegenüber Frauen im Berufsleben. In Pittsburgh begann sie, über geschlechterdiskriminierende Inserate für Arbeitsstellen zu forschen, was sie als Expertin im 1969 beginnenden Gerichtsverfahren National Organization for Women (NOW) gegen die Pittsburgh Press qualifizierte. Die Pittsburgh Press bot zu diesem Zeitpunkt zwei Kategorien für Stelleninserate an: Male help wanted und Female help wanted. Die Kategorie, die Männer ansprach, enthielt wesentlich mehr Anzeigen. Die Kategorie für Frauen enthielt lediglich wenige Inserate, dazu mit Tätigkeiten, die als „frauen-typisch“ galten. Sandra Bem untersuchte in einer Studie, ob sich Frauen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf ein an Männer gerichtetes Angebot bewarben, wenn die Anzeigen insgesamt alphabetisch sortiert statt nach Geschlecht kategorisiert waren. Bems Studie belegte dies, der Supreme Court der Vereinigten Staaten entschied 1973 mit fünf zu vier Stimmen gegen diese diskriminierende Praxis der Pittsburgh Press. In der Folge änderten Zeitungen landesweit diese bis dahin gängige Praxis.
Nach dreijähriger Lehrtätigkeit an der Carnegie Mellon Universität bekamen sowohl Daryl als auch Sandra Bem ein Angebot, an die Universität Stanford zu wechseln, was beide annahmen. Bem forschte weiter zu Gender und Sexualität, allerdings wurde ihr der Tenure-Track verwehrt. Daraufhin wechselten beide Eheleute an die Cornell University, an der sie bis zum Ruhestand verblieben.
Nach ihrer Rückkehr an die Ostküste der Vereinigten Staaten trennten sich Sandra und Daryl einvernehmlich im Jahr 1994. Daryl begann eine homosexuelle Beziehung zu einem anderen Professor, verblieb aber in Freundschaft zu Sandra und war wöchentlich zu Gast. Sandra Ruth Lipsitz Bem und Daryl Bem haben zwei gemeinsame Kinder: Emily (* 1974) und Jeremy (* 1976). Ihre Kinder erzog die Familie Bem auf „gender-neutrale Art“: Jeremy beispielsweise trug rosa Kleidung zum Kindergarten, Emily wurde regelmäßig an einer bestimmten Baustelle vorbei gefahren, da dort eine Frau arbeitete. Ihren Familien-Alltag organisierten die Bems über einen Kalender, in dem der „diensthabende Elternteil“ wöchentlich eingetragen war.
Erkrankung und Suizid Sandra Bem erlebte seit etwa 2007, was sie als „cognitive oddities“ (kognitive Kuriositäten) bezeichnete. Sie verwechselte gelegentlich Begriffe und konnte manchmal Alltagsgegenstände nicht weiter mit Sicherheit benennen. Der Verdacht auf eine neurodegenerative Erkrankung ergab sich für sie durch die HBO-Dokumentationssendung The Alzheimer’s Project, die im Mai 2009 erstmals ausgestrahlt und von Bem gesehen wurde. In der Dokumentation wird ein einfacher Gedächtnistest gezeigt, als Teil einer Alzheimer-Diagnostik. Bem versuchte diesen Test spontan zu absolvieren – und scheiterte. Sie war nicht in der Lage, drei Begriffe zu erinnern, vor deren Reproduktion sie den Satz I was born in Pittsburgh. („Ich wurde in Pittsburgh geboren.“) niederschrieb.
Sandra Ruth Lipsitz Bem lebte im Jahr ihrer Diagnose, 2009, bereits rund 15 Jahre von ihrem Ehemann Daryl Bem getrennt. Daryl Bem begleitete sie dennoch zu ihrer neuropsychologischen Untersuchung in der Universitätsklinik der University of Rochester, bei dem die Erstdiagnose „milde kognitive Beeinträchtigung“ vom Arzt Mark Mapstone gestellt wurde. Die Untersuchung umfasste das Nachmalen einer Linie, nachdem einige Minuten vergangen waren, das Erinnern einer Wortliste und das Sortieren von Ziffern und Buchstaben nach einer vorgegebenen Ordnung. Bem erlebte nach eigenen Angaben Erleichterung, als sie die Abstufung mild in ihrer Diagnose erfuhr. Als sie dann erfuhr, dass sich die meisten der „milden kognitiven Beeinträchtigungen“ binnen zehn Jahren zu einer vollständigen Alzheimer-Erkrankung entwickeln, schwor sich Sandra Bem, einen Weg für einen selbstbestimmten Tod zu finden.
Sandra Bem begann den Verlauf ihrer Erkrankung und die Auswirkungen auf ihr Leben in einem Tagebuch zu dokumentieren. Ihre Beeinträchtigung beschreibt sie als „maddening capriciousness“ (unerträgliche, verrücktmachende Willkür).
Daryl Bem stand Sandra Bem während ihrer letzten Lebensmonate bei. Sechs Monate vor ihrem Suizid setzte Sandra Bem alle Medikamente ab. Bereits zum Anlass einer Diagnose mit Ovarialkrebs ihrer Schwester Beverly gab es in der Familie Gespräche über Suizid, da der Bundesstaat Oregon – Beverlys Wohnort – assistierte Suizide für Personen mit tödlicher Erkrankung gestattet. Am 20. Mai 2014 verstarb sie im Beisein ihres Mannes durch Suizid.
Wirken Sandra Bem wurde durch ihre Forschung zu einer Pionierin der Gender Studies. Dabei vertrat sie eine feministische Position, die Geschlechts-Stereotype ablehnte oder aufbrach.
Eleanor Smeal, Präsidentin der Feminist Majority Foundation, bewertet Sandra (und Daryl) Bems Wirken retrospektiv wie folgt:
Auch Cheryl Kasson erinnert Sandra Bem auf Medium.com als „Psychologin ersten Ranges“. Während ihres Studiums der Women’s Studies sei Bem als eine wichtige Figur in der Geschichte der Psychologie und der Zweiten Welle des Feminismus betrachtet worden.
Das von Sandra Bem entwickelte Bem Sex Role Inventory ist bis heute einer der meistgenutzten Fragebögen, um maskuline und feminine Persönlichkeitseigenschaften zu erfassen.
Verschiedene ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichungen befassen sich mit der Überprüfung psychologischer Erkenntnisse und Theorien, die oft von Männern formuliert wurden. In ihrem 1989 im Fachblatt Child Development veröffentlichten Paper Genital Knowledge and Gender Constancy in Preschool Children etwa kritisiert Bem das aus Lawrence Kohlberg und Jean Piaget folgende Paradigma, nach dem Kinder im Vorschulalter aufgrund ihrer kognitiven Entwicklung nicht in der Lage seien, Geschlechter über veränderte Äußerlichkeiten und deren Wahrnehmung hinweg zu erkennen. Nach Piaget befinden sich Kinder in diesem Alter im Stadium der präoperationalen Intelligenz, in der das Geschlecht durch saliente Merkmale wie Frisur und Kleidung abgeleitet würde – nicht aber durch den Gedanken, dass Geschlecht und äußere Erscheinung einer Person unabhängig voneinander sein können.
Zwischen 1978 und 1985 leitete Bem den damals neu geschaffenen Studiengang Women’s studies (Frauenforschung) und war dann in den Jahren ab 2001 Leiterin des neu-benannten Studienganges „Feminist, gender and sexuality studies“.
Ihr 1993 veröffentlichtes Buch The Lenses of Gender wurde in der New York Times als „bahnbrechend“ bezeichnet.
Im Jahr 2000 wurde Bem Psychotherapeutin; sie betrieb für zehn Jahre eine Praxis in Teilzeit. Bis zu ihrem Ruhestand arbeitete sie an der Cornell University.
Bem Sex Role Inventory