Der Bristol 406 Zagato ist ein britisch-italienischer Sportwagen, der die Technik des Bristol 406 Saloon mit einer von Zagato entworfenen und gebauten Karosserie verbindet. Das vielfach als exzentrisch empfundene Sondermodell entstand im Auftrag des Bristol-Händlers Tony Crook und wurde in sehr geringer Stückzahl hergestellt. Es ist leichter, kleiner und schneller als das Basisfahrzeug mit Werkskarosserie. Daneben erhielten auch einige ältere Bristol-Chassis nachträglich vergleichbare Zagato-Karosserien. Der 406 Zagato gehört heute zu den teuersten Klassikern der Marke.

Entstehungsgeschichte mini|Bristols Standardmodell ab 1958: 406 Saloon mini|Britisch-italienische Kooperation: Bristol-Zagato Bristol Cars, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründete Automobilabteilung des Flugzeugherstellers Bristol Aeroplane Company, produzierte ab 1946 Oberklassefahrzeuge, die auf BMW-Technik beruhten.Peter Hingston: The Enthusiasts’ Guide to Buying a Classic British Sports Car, Hingston Publishing Company, 2007, ISBN 978-0-906555-25-5, S. 46. Das Chassis und die Motoren waren von den vor dem Krieg entwickelten BMW-Typen 326, 327 und 328 abgeleitet,Detaillierte Darstellung bei Christopher Balfour: Bristol Cars. A very British story, Haynes Publishing, 2009, ISBN 978-1-84425-407-1, S. 52–61. deren Konstruktionspläne möglicherweise als KriegsreparationSo etwa Dieter Günther: Man lebt nur zweimal. Modellgeschichte des Bristol 400 und des 401 in: Oldtimer Markt, Heft 9/1996, S. 228 ff.; dagegen Christopher Balfour: Bristol Cars. A very British story, Haynes Publishing, 2009, ISBN 978-1-84425-407-1, S. 48: freiwillige Überlassung oder Kauf durch Bristol. nach Großbritannien gekommen waren. Auf das Debütmodell 400, das außerdem eine an ein BMW-Coupé angelehnte Karosserie hatte,Bristols Designer Dudley Hobbs orientierte sich bei der Gestaltung der Karosserie des 400 an einem Aufbau, den Peter Schimanowski 1938 für den BMW 327 entworfen hatte und den das Darmstädter Karosseriewerk Autenrieth aufgebaut hatte. Vgl. Classic Cars Spezial: Englische Oldtimer, S. 6 ff. folgten die von Touring karossierten Modelle 401, 402 und 403,Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, 2017, ISBN 978-88-96796-41-2, S. 552. die in der Literatur als eine einheitliche Modellfamilie angesehen werden,Michael Palmer: Bristol Cars Model by Model, Crowood, 2015, ISBN 978-1-78500-077-5, S. 27 bevor 1953 mit dem zweitürigen 404 und ein Jahr später mit dem viertürigen 405 die dritte Bristol-Generation erschien, deren Technik weiterhin auf BMW-Konstruktionen zurückzuführen war. Die meisten dieser Baureihen entstanden in jeweils dreistelliger Stückzahl, wobei das Produktionsniveau Mitte der 1950er-Jahre nur noch etwa halb so hoch war wie in den Anfangsjahren. Im Herbst 1958 führte Bristol schließlich mit dem viersitzigen 406 Saloon die vierte Modellgeneration ein, die eine Abkehr von der anfänglich betont sportlichen Ausrichtung der Marke bedeutete:Till Schauen: High Fashion, British Classics, Heft 6/2014, S. 84. Er war größer, schwerer und luxuriöser als alle bisherigen Bristol,Dieter Günther: Bristol Cream. Der Motor macht’s: Die Bristol-Modelle 406 und 407, In: Oldtimer Markt Sonderheft 14 („Gran Turismo: Die Großen Reisecoupés“), 1994, S. 34. verlor die Bristol-typische Agilität und war trotz eines größeren Motors langsamer als die Vorgänger,L. J. K. Setright: And now a quick look at Setright’s Bristols. Car, Januar 1974. sodass er teilweise als untermotorisiert empfunden wurde.Mike Browning: British as Boiled Beef. Unternehmensgeschichte und Vorstellung des Bristol 411 in: Wheels vom Februar 1973.Dean Bachelor, Chris Poole, Graham Robson: Das große Buch der Sportwagen. Müller, Erlangen 1990, S. 100.

Bristol beabsichtigte anfänglich, dem 406 Saloon werksseitig einen kürzeren und schnelleren Zweisitzer zur Seite zu stellen. Entsprechend wurde 1958 ein Prototyp gebaut,Dieser werksintern 406 S-P1 genannte Prototyp baute auf einem verlängerten Fahrgestell des Bristol 404 auf, dessen Radstand mit 2743 mm zwischen dem kurzen 404 (2438 mm) und dem regulären 406 Saloon (2896 mm) liegt. Der Wagen erhielt eine zweisitzige Fließheckkarosserie von Dudley Hobbs, die Elemente des 404 mit denen eines Beutler-Entwurfs für das 406-Standardchassis verband als besonderes Designmerkmal spitze Heckflossen hat. Der 406 S-P1 existiert noch. Vgl. Christopher Balfour: Bristol Cars. A very British story, Haynes Publishing, 2009, ISBN 978-1-84425-407-1, S. 241. das Projekt jedoch aus Kostengründen und wegen unklarer Zukunftsaussichten des Unternehmens eingestellt. Im folgenden Frühjahr griff Tony Crook, Mitglied im Vorstand von Bristol Cars und zugleich größter Händler der Marke, die Idee eines sportlichen Sondermodells auf 406-Basis wieder auf. Daraus wurde der 406 Zagato, der formal kein Modell von Bristol Cars, sondern ein eigenständiges Projekt von Anthony Crook Motors war. Der 406 Zagato sollte Bristol zu seinem Ursprung zurückbringen: Er war „für Fahrer (bestimmt), die bereit waren, zugunsten sportlicher Leistungen Abstriche beim Komfort und beim Raumangebot in Kauf zu nehmen“ (Tony Crook). Nach Crooks Verständnis gehörte dazu vor allem eine leichte und kompakte Karosserie. Mit deren Gestaltung und Aufbau beauftragte er die italienische Carrozzeria Zagato, die für Leichtbau bekanntAlessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, 2017, ISBN 978-88-96796-41-2, S. 609.Doug Blain: Automatic GT. Forecast for the Future? Bristol 407 GTZ Zagato in: Road & Track, Februar 1962. und deren britischer Generalimporteur Crook seit Jahren war.Simon Taylor: Soul Survivors. Classic & Sports Car, Heft 8/2006, S. 132 ff. (139).Michael Palmer: Bristol Cars Model by Model, Crowood, 2015, ISBN 978-1-78500-077-5, S. 164. Außerdem sollte Abarth die Motorleistung steigern.

Der Prototyp des 406 Zagato wurde genau ein Jahr nach dem 406 Saloon präsentiert. Er debütierte vom 21. bis 31. Oktober 1959 auf der Londoner Earls Court Motor Show, wo er je nach Quelle auf dem Stand von Bristol CarsChristopher Balfour: Bristol Cars. A very British story, Haynes Publishing, 2009, ISBN 978-1-84425-407-1, S. 250. oder dem von Anthony Crook Motors bzw. Zagato gezeigt wurde. Im Herbst 1959 begann die reguläre Fertigung, die ein Jahr später endete. Der Bristol 406 war nur über Anthony Crook Motors erhältlich; die anderen Bristol-Händler hatten keinen Zugriff darauf.

Der 406 Zagato war nicht erfolgreich: Statt der geplanten zehn entstanden lediglich sechs Fahrzeuge, und selbst die ließen sich nur schwer absetzen. Gleichwohl war der sportliche Gran Turismo der Ausgangspunkt einer langjährigen Zusammenarbeit Bristols mit Zagato: 1960 entstand ein kurzer Sportwagen mit 406-Technik und Fließheckkarosserie von Zagato (406S Zagato), dem 1961 ein ähnlich gestaltetes Auto auf der Basis des Bristol 407 mit Achtzylinder-V-Motor von Chrysler folgte (407 GTZ Zagato). Während diese beiden Fahrzeuge Einzelstücke blieben,Christopher Balfour: Bristol Cars. A very British story, Haynes Publishing, 2009, ISBN 978-1-84425-407-1, S. 249. verkaufte Bristol von 1975 bis 1993 insgesamt etwa 90 Exemplare des Targa-Coupés 412 und seines Nachfolgers Beaufighter, dessen Karosserie Giuseppe Mittino für Zagato entworfen hatte.Rex Greenslade: Bristol Fashion. Road Test Bristol 412, Motor vom 5. März 1977.

Nomenklatur Der von Bristol Cars werksseitig hergestellte Viersitzer, der 1958 den Bristol 405 in der Rolle des Hauptmodells ablöste, wird in der englischsprachigen Literatur zumeist als 406 Saloon bezeichnet. Das leichtere Sondermodell mit italienischer Karosserie hingegen wurde als 406 Zagato vermarktet; in der jüngeren Literatur finden sich teilweise auch die (1959 nicht verwendeten) Bezeichnungen 406 Z, 406 GTZGeorg Amtmann, Halwart Schrader: Italienische Sportwagen, Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 357. oder 406 GT Zagato.

Modellbeschreibung

Chassis und Fahrwerk Der 406 Zagato ist auf einem aus Stahl gefertigten Kastenrahmen mit Längsträgern und Quertraversen aufgebaut, dessen Konstruktion und Abmessungen mit dem des regulären 406 Saloon übereinstimmen. Der Rahmen geht in den Grundzügen auf das Chassis des BMW 326 von 1936 zurück. Die Vorderräder sind einzeln an Querlenkern und einer unteren Querblattfeder aufgehängt. Hinten hat der Wagen eine Starrachse mit Watt-Gestänge und einem Längslenker, Drehstabfedern mit Traghebeln und selbst konstruierten Stoßdämpfern.Zu den Einzelheiten s. Motor vom 6. November 1946Dieter Günther: Bristol Cream. Der Motor macht’s: Die Bristol-Modelle 406 und 407, In: Oldtimer Markt Sonderheft 14 („Gran Turismo: Die Großen Reisecoupés“), 1994, S. 33. Das Auto verzögert mit vier Scheibenbremsen von Dunlop.

Motor und Kraftübertragung mini|Bristols SechszylindermotorDas Bild zeigt eine 2,0-Liter-Version in einem Arnolt-Bristol. Alle 406 Zagato werden von Bristols Reihensechszylinder-Ottomotor angetrieben. Die hier verwendete 2,2 Liter große Version (2216 cm³, Bohrung × Hub: 68,69 bzw. 99,64 mm) ist eine Weiterentwicklung des bereits im 400 eingebauten Motors, der auf eine BMW-Konstruktion (328) von 1938 zurückgeht.Peter Hingston: The Enthusiasts’ Guide to Buying a Classic British Sports Car, Hingston Publishing Company, 2007, ISBN 978-0-906555-25-5, S. 48. In den wesentlichen Merkmalen gleicht der Bristol-Motor dem BMW-Motor; allerdings ist Bristols Version nicht nach metrischen, sondern in Zoll-Maßen konstruiert, und die verwendeten Materialien sind teilweise andere.Till Schauen: High Fashion, British Classics, Heft 6/2014, S. 88. Der Motor hat halbkugelförmige Brennräume mit V-förmig hängenden Ventilen, die über Stößel, Stoßstangen und Kipphebel von der unten liegenden Nockenwelle gesteuert werden. Die Auslassventile werden über zusätzliche Stoßstangen quer über den Zylinderkopf und je einen zweiten Kipphebel betätigt.Zum Motor insgesamt: Dieter Günther: Man lebt nur zweimal. Modellgeschichte des Bristol 400 und des 401, in: Oldtimer Markt, Heft 9/1996, S. 230. Das Gemisch bereiten drei über dem Motorblock installierte Solex-Fallstromvergaser vom Typ 32 PBI/7 auf.

Im 406 Zagato war der Motor mit zwei unterschiedlichen Leistungsstufen erhältlich:Michael Palmer: Bristol Cars Model by Model, Crowood, 2015, ISBN 978-1-78500-077-5, S. 165.

Einzelne Fahrzeuge, darunter der im Oktober 1959 öffentlich ausgestellte Prototyp, sind mit der Basisversion des Motors ausgestattet, die auch in allen 406 Saloon eingebaut wurde (Type 110). Sie leistet 105 bhp (78 kW, 106 PS). Das Drehmoment von 175 Nm fällt bei 4700 Umdrehungen pro Minute an.Martin Buckley: Bristol Fashion, Vorstellung und Fahrbericht des Bristol 406 Zagato, in: Classiccars 9/2001, S. 105.Für die technischen Daten des Bristol 406 Saloon s. N. N.: Seventh of the Line, Autocar vom 29. August 1958.

Die meisten 406 Zagato haben eine leistungsgesteigerte Version des Sechszylindermotors (Type 110S), die im 406 Saloon nicht erhältlich war. Sie kommt bei unverändertem Hubraum auf eine Höchstleistung von 130 bhp (97 kW, 132 PS). Das maximale Drehmoment ist mit 166 Nm niedriger als in der Basisversion, wird allerdings bereits bei 3750 Umdrehungen pro Minute erreicht. Die Leistungssteigerung wurde durch eine auf 9,0:1 erhöhte Verdichtung,Christopher Balfour: Bristol Cars. A very British story, Haynes Publishing, 2009, ISBN 978-1-84425-407-1, S. 248. eine geänderte Nockenwelle und eine neue Auspuffanlage samt Krümmer von Abarth erreicht.