mini|hochkant=1.25|Stolpersteine in Deggendorf Die Liste der Stolpersteine in Deggendorf enthält die Stolpersteine, die vom Kölner Künstler Gunter Demnig in der niederbayrischen Kreisstadt Deggendorf verlegt wurden. Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Sie liegen im Regelfall vor dem letzten selbstgewählten Wohnsitz des Opfers.
Die ersten und bislang einzigen Verlegungen in Deggendorf erfolgten am 2. Oktober 2012. Der Vorschlag ein Teil des Demnigschen Projektes zu werden erfolgte durch die Grünen-Stadträtin Renate Franzel.
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde mini|links|hochkant=0.60|Der Judenmord in Deggendorf Spätestens ab dem 13. Jahrhundert lebten Juden in Deggendorf. Am 30. September 1338 verbrannte oder erschlug die Deggendorfer Bevölkerung unter Führung ihres Stadtrichters Conrad von Freyberg über 400 jüdische Männer, Frauen und Kinder, alle Juden des Ortes. Viele Bürger der Stadt waren bei jüdischen Kaufleuten und Geldverleihern hoch verschuldet. Anstatt ihre Schulden zu bezahlen, ermordeten und beraubten sie die Juden. Der nachträglich (mündlich 1361, schriftlich 1388) konstruierte Vorwurf lautete auf Hostienschändung, ein Grundmuster der mittelalterlichen Judenpogrome. Der bayerische Herzog verzieh, obwohl der Herzog den Juden gegen Geld seinen Schutz zugesichert hatte. Ihre Beute durften die Deggendorfer behalten, auch der Regensburger Bischof vergab. Der Pogrom in Deggendorf war der Auslöser für über 20 weitere Pogrome über Altbayerns Grenzen hinaus. An Stelle der vermutlich damals zerstörten Synagoge bauten die Deggendorfer in der Folge eine Kirche, die Heilig-Grab-Kirche, eingeweiht 1360. Vom 30. September bis zum 4. Oktober 1361 fand erstmals eine Prozession zum Gedenken an das Pogrom mit einem fünftägigen Ablass statt, genannt Deggendorfer Gnad. Mit dieser alljährlichen Prozession wurde der Antisemitismus des Mittelalters bis ins 20. Jahrhundert hinein weitertradiert. Die Wallfahrt wurde zu einer lukrativen Einnahmequelle für Deggendorf: 1721 kamen etwa 40.000 Pilger zur Prozession – im festen Glauben, Juden hätten dort anno 1338 Hostien geschändet. Erst 1992 wurde die Wallfahrt vom Regensburger Bischof verboten. Nach der Aufhebung des Jahrhunderte andauernden Ansiedlungsverbotes in Bayern siedelten sich 1871 wieder zwei Juden in Deggendorf an, 1880 waren von 6.226 Einwohnern acht Menschen jüdischen Glaubens. Zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten in Deggendorf 17 jüdische Bewohner. 1933 hatte ein ansässiger Malermeister von damals amtierenden Bürgermeister Anton Reus die sofortige Entfernung sämtlicher Juden verlangt, doch lehnte dieser ab. Auch die Drohung des Malermeister Reus aus dem Fenster zu werfen änderte nichts an der Ablehnung der Forderung. Reus wurde zwar Mitglied der NSDAP, aber trotzdem aus seinem Amt entfernt. Am 1. April 1933 erfolgte der erste Boykott jüdischer Geschäfte, dies betraf Lauchheimer & Roederer, das Kaufhaus Merkur und das Kaufhaus Silber. Das Kaufhaus Silber bestand noch bis 1935, das Kaufhaus Merkur wurde 1936 verkauft. Im April 1942 lebten nur noch 8 Menschen jüdischen Glaubens in Deggendorf. Mitte März 1942 erhielten die in Deggendorf ansässigen Familien Lauchheimer und Schwarz Merkblätter von der Gestapo. Ihnen wurde mitgeteilt: . Für die Abreise zur neuen „Heimat“ wurde ihnen gestattet einen Koffer, einen Rucksack und eine Bettrolle mitzunehmen. Lebensmittelkarten mussten abgegeben werden, auch die Wohnungen mussten gereinigt übergeben werden. Das Gepäck musste am Donnerstag, dem 2. April 1942, zur Polizeiwache gebracht werden, die betroffenen Familien hatten am Karfreitag, dem 3. April 1942, vor dem Rathaus zu stehen.mini|Heil- und Pflegeanstalt Deggendorf, später Kaserne, später Lager für Überlebende des Holocaust Am Vorabend des Abtransportes hatten sich alle jüdischen Familien, auch die noch nicht zum Transport befohlene befreundete Familie Roederer, bei einer befreundeten Familie versammelt, später gingen sie zur Wohnung der Lauchheimer-Roederers, auch zwei ehemalige Angestellte fanden sich zur Verabschiedung ein. Am nächsten Tag wurden beide Familien mit einem LKW nach Regensburg gebracht und von dort „in den Osten“ deportiert. In ihren Akten wurde „unbekannt verzogen“ vermerkt. Einige Wochen später, am 29. Mai 1942, musste auch Familie Roederer Deggendorf verlassen und im September 1942 wurde das betagte Ehepaar nach Theresienstadt deportiert. Am 29. Mai 1942 war Deggendorf „Judenrein“. Unmittelbar nach dem Untergang des NS-Regimes hatte Deggendorf etwa vier Jahre lang eine große jüdische Gemeinschaft. In der Heil- und Pflegeanstalt Deggendorf, vom NS-Regime als Kaserne genutzt, wurde im September 1945 ein UNRRA-Camp eingerichtet. Dort fanden zeitweilig bis zu 2000 Personen Unterkunft, teilweise displaced persons, teilweise Überlebende aus Theresienstadt. Den größten Anteil stellten in der Folge polnische Juden, die nach dem Pogrom von Kielce und anderen Gewalttaten des Jahres 1946 geflüchtet waren. Im Lager war für koschere Küche gesorgt, es gab eine Betstube, eine Talmud-Thora-Schule und ein Ritualbad, weiters auch Bildungs- und Kultureinrichtungen, beispielsweise einen Kindergarten, eine Volksschule, eine Berufsschule und eine Bibliothek. Für das Lager wurde eine eigene Währung ausgestellt. Für die Sicherheit sorgte die Lagerpolizei.Deggendorf (Bayern), abgerufen am 11. August 2019
Liste der Stolpersteine Die Tabelle ist teilweise sortierbar; die Grundsortierung erfolgt alphabetisch nach dem Familiennamen.
Bild Inschrift Standort Person, Leben120pxHIER WOHNTEILSELAUCHHEIMERJG. 1921DEPORTIERT 1942SCHICKSAL UNBEKANNTOberer Stadtplatz 13 wurde am 3. April 1921 geboren. Sie war die Tochter von Julius Isidor Lauchheimer aus erster Ehe mit Rosa geb. Neuburger. Sie hatte eine ältere Schwester, die 1911 geboren wurde. Ihre Mutter verstarb 1934.Alemannia Judaica: Lauchheimer Family of Schopfloch, abgerufen am 11. August 2019 (englisch). Sie wurde am 3. April 1942, am Karfreitag, zusammen mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und der Familie Scharf in einem LKW nach Regensburg gebracht und von dort in ein Vernichtungslager im Osten deportiert. Ilse Amalie Lauchheimer und ihre Familie wurden dort vom NS-Regime im Rahmen der Shoah ermordet.Yad Vashem: ILSE LAUCHHEIMER, abgerufen am 12. August 2019
Ilse Lauchheimers Schwester zog 1934 nach München und wanderte dann in die USA aus, wo sie eine verehelichte Rothschild wurde und mit ihrem Mann in Los Angeles lebte.120pxHIER WOHNTEJULIUS ISIDORLAUCHHEIMERJG. 1877'SCHUTZHAFT' 1938DACHAUDEPORTIERT 1942SCHICKSAL UNBEKANNTOberer Stadtplatz 13 wurde am 18. Juni 1877 in Schopfloch in Mittelfranken geboren. Seine Eltern waren Samuel Lauchheimer (1846–1932) und Sara geb. Jandorf (1850–1924). Er hatte fünf Schwestern und fünf Brüder. Er diente im Ersten Weltkrieg und wurde mehrfach für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Lauchheimer war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau, Rosa geb. Neuburger, verstorben 1934, hatte er zumindest zwei Töchter, die ältere wurde 1911 geboren, die jüngere, Ilse, 1921. Seine zweite Frau war Klementine geb. Haas. Er begründete ein Bekleidungs- und Textilgeschäft am Oberen Stadtplatz, welches er gemeinsam mit seinem Verwandten Leopold Röderer führte. Heute befindet sich an dieser Stelle das Schuhgeschäft Dettweiler. Während der Novemberpogrome 1938 wurde das Geschäft geschlossen, es war das letzte jüdische Geschäft in der Stadt. Isidor Lauchheimer wurde im KZ Dachau inhaftiert. Im Dezember 1938 wurden er und Roederer wieder entlassen, das Geschäftshaus mussten sie verkaufen. Ihnen blieb eine Wohnung im Haus, die die zwei Familien zusammen bewohnten. Die Lauchheimers versuchten zu flüchten, der Chefarzt des örtlichen Krankenhauses, Wilhelm Holz, hatte ihnen „eine Herzkur im Ausland“ verschrieben, doch die Behörden verweigerten die Zustimmung. Er wurde am 3. April 1942, am Karfreitag, zusammen mit seiner Tochter, seiner zweiten Ehefrau und der Familie Scharf in einem LKW nach Regensburg gebracht und von dort in ein Vernichtungslager im Osten deportiert. Julius Isidor Lauchheimer und seine Familie wurden dort vom NS-Regime im Rahmen der Shoah ermordet.