mini|hochkant=1.4|Stolpersteine für die Familie Pick
Die Liste der Stolpersteine in Passau enthält die Stolpersteine, die vom Kölner Künstler Gunter Demnig in der bayrischen Stadt Passau verlegt wurden. Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Sie liegen im Regelfall vor dem letzten selbstgewählten Wohnsitz des Opfers.
Die ersten und bislang einzigen Verlegungen in Passau erfolgten am 24. Juli 2015.
Zur Geschichte der Juden von Passau mini|links|Angeblicher Hostienfrevel in Passau im Jahr 1477 (ein Jude sticht mit einem Dolch in eine Hostie mit dem Antlitz Jesu Christi, die Blut verliert), Ausschnitt eines Gemäldes aus dem 16. Jahrhundert, Oberhausmuseum Passau
Schon in der Zeit um 900 haben sich Juden im Osten Bayerns angesiedelt. In der Raffelstettener Zollordnung (902–906) wurden sie neben Bayern, Slaven und Russen ausdrücklich erwähnt. Nachweise für die konkrete Niederlassungen in Passau gibt es aus dem frühen 12. Jahrhundert. Bischof Wolfger von Erla fungierte als Schutzherr in Vertretung des Kaisers. Er gestattete einigen Juden, sich in Passau anzusiedeln und Geld zu verleihen. Sie wohnten – ghettoartig abgeschirmt – in der Schlinggasse, der späteren Judengasse und heutigen Steiningergasse. Aus dem 14. Jahrhundert ist eine Synagoge am Innufer bezeugt, in der damals so genannten Judenschulstraße. Sie heißt heute Zinngießergasse. 1338 kam es zu Pogromen in Deggendorf und Pulkau. Wie weit die Passauer Juden ebenfalls von Mord und Verfolgung betroffen waren, lässt sich nicht feststellen. Zwischen 1409 und 1412 wurden die Juden jedenfalls in der entfernten Ilzstadt angesiedelt. Fürstbischof Georg von Hohenlohe kaufte dafür ein vom Stadtrichter Niclas Czeller errichtetes Gebäude. Das „Judenstädtl“ erhielt eine Synagoge und einen Friedhof und war aus der allgemeinen Rechtsprechung ausgenommen. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Passauer Juden weiterhin mit Geld- und Pfandverleih. Der Handel mit Waren war damals weitgehend in christlichen Händen. Vermutlich fünfzehn jüdische Familien lebten anfangs in der Ilzstadt. Vermehrt suchten Juden aus Niederbayern und Österreich Zuflucht in Passau. 1442 ließ Fürstbischof Leonhard von Laiming ein weiteres Gebäude in der Ilzstadt errichten. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts lebten 54 Familien im Städtl. Im gesamten 15. Jahrhundert erlebte der Hostienkult große Verbreitung. Zwar bemühte sich der päpstliche Gesandte Nikolaus von Kues um 1450, die Praktiken zu unterbinden, doch nutzten verschiedene kirchliche Strömungen den Vorwurf des Hostienfrevels ohne Skrupel. In Passau wurde dem Christen Christoph Eysengreißheimer vorgeworfen, er habe acht gestohlene Hostien verkauft. Die Juden hätten diese Hostien dann gemartert. Am 10. Februar 1478 wurden alle erwachsenen Männer des Judenstädtl verhaftet und durch Folter zu Geständnissen gezwungen. Am 10. März 1478 wurden zehn der Angeklagten hingerichtet, darunter zwei Fremde. Sie wurden mit glühenden Zangen zerfleischt und verbrannt beziehungsweise, wenn sie sich zuvor taufen ließen, enthauptet. Die Synagoge wurde zerstört, die anderen Juden wurden vertrieben. Angeblich sollen damals 40 Juden zum Katholizismus konvertiert sein um in der Stadt bleiben zu dürfen. Kurz vor seinem Tod, am 14. August 1479, legte Fürstbischof Ulrich von Nußdorf den Grundstein für die Sühnekirche St. Salvator. Das Gotteshaus wurde 1495 fertiggestellt und diente der Pflege des katholischen Antisemitismus und Antijudaismus. Ein Messer, welches angeblich zum Durchstechen der Hostien verwendet worden sein sollte, wurde in eine prunkvolle Monstranz eingearbeitet. In Tafelbildern wurde der angebliche Hostienfrevel gezeigt. Der Versuch, ähnlich der Deggendorfer Gnad, auch in Passau eine antisemitische Wallfahrt zu etablieren, fand jedoch weniger Anklang.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten sich Juden wieder in Passau ansiedeln. Im Jahr 1867 lebten acht Juden in der Stadt, 1880 sechzehn, 1900 waren es 34 und 1910 lebten 73 hier. Das waren damals 0,3 % der Bevölkerung. Danach sank die Zahl der Juden wieder ab, bis 1933 auf 40 Personen. Zu einer Gründung einer eigenständigen jüdischen Gemeinde kam es nicht mehr. Unter dem NS-Regime wurden fast alle Juden aus der Stadt vertrieben, in die Emigration gezwungen oder in Vernichtungslagern ermordet. Zwei Frauen überlebten in Passau in sogenannten Mischehen.Stadtjugendring Passau: Dokumentation Stolpersteine in Passau, S. 36–38, abgerufen am 11. August 2019 Nach 1945 bildete sich in der Stadt eine jüdische Gemeinde aus überlebt habenden Lagerhäftlingen. Im Januar 1946 wurde eine jüdische Gemeinde gegründet und bis August desselben Jahres stieg die Zahl auf 150 jüdische Personen an. Nach Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wanderten die meisten Juden aus.Alemannia Judaica: Jüdische Geschichte in Passaum abgerufen am 29. Januar 2020 haGalil, Jüdisches Leben online: „Die Juden zu Passau“ und „Des Knaben Wunderhorn“, 26. Januar 2011, abgerufen am 29. Januar 2020Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Passau/Donau (Bayern), abgerufen am 29. Januar 2020Dr. Herbert Wurster (Diözesan-Archivar, Passau): Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Passaus, abgerufen am 29. Januar 2020Moritz Stern: Der Passauer Judenprozeß 1478. In: J. Wohlgemuth (Hrsg.): Jeschurun. Monatsschrift für Lehre und Leben im Judentum. 15. Jahrgang, Heft 11/12, 1928, S. 647–673. Auf Uni-Frankfurt.de, abgerufen am 30. August 2022.
Liste der Stolpersteine Die Tabelle ist teilweise sortierbar; die Grundsortierung erfolgt alphabetisch nach dem Familiennamen des Opfers. Die Verlegedaten finden sich in einem eigenen Absatz unterhalb der Liste.
Bild Inschrift Standort Leben120px HIER WOHNTEANNA K. BURIANGEB. LIPPMANNJG. 1882ANTISEMITISCHE HETZEUNFREIWILLIG VERZOGEN1929 MÜNCHENDEPORTIERT 1941KAUNAS FORT IXERMORDET 25.11.1941Angerstraße 41 geb. Lippmann wurde am 14. November 1882 in Würzburg geboren.The Central Database of Shoah Victims’ Names: Anna Kathinka Burian, abgerufen am 23. November 2019 Sie war ab 1907 verheiratet mit Emil Burian, einem aus Wien stammenden Kaufmann in Passau. Das Ehepaar begründete das Tuchlager Burian & Zinner, ein angesehenes Kaufhaus an der Maxbrücke. Anna und Emil Burian hatten drei Kinder: Gertrud Karolina, Kurt und Otto Heinrich (siehe unten). Aufgrund einer antisemitischen Kampagne gegen Kaufhaus und Familie bereits im Jahr 1929 sahen die Burians keinen anderen Ausweg, als das Geschäft aufzugeben. Sie verließen Passau und übersiedelten nach München. Tochter Gertrud ging nach Berlin und studierte dort, beide Söhne kamen mit nach München. Hier lebten sie zuerst in der Tengstraße 6. Alle drei Kinder der Burians konnten rechtzeitig auswandern und sich in Sicherheit bringen. Sie drängten ihre Eltern nach Italien zu flüchten. Sohn Kurt hatte eine Wohnung für sie in Mailand gemietet, alle Sachen waren in Containern verpackt und es gab eine polizeiliche Abmeldung mit 31. August 1935 für Mailand. Doch am 1. September 1938 erfolgt eine Registrierung des Paares für die Steinheilstraße 20 in München. Die Burians entschieden sich kurzfristig gegen die Auswanderung nach Italien, nachdem Kurt Burian sie über den antisemitischen Kurs Benito Mussolinis informierte. Die Brüder schickten den Eltern Geld, es wurden illegale Visa für Kuba besorgt. Doch die Ausreise fand nicht statt und war ab dem 23. Oktober 1941 aufgrund eines Befehls Heinrich Himmlers, der es Juden des Reiches verbot, dieses zu verlassen, auch nicht mehr möglich. Anna Kathinka Burian und ihr Mann mussten in eine bescheidenere Wohnung umziehen, sie zogen zuerst in die Reichenbachstraße, später in die Zweibrückenstraße 6. Ihr Mobiliar war zuvor schon zerstört worden. Am 20. November 1941 wurden die Burians ins IX fortas in Kaunas deportiert. Ihr restliches Hab und Gut wurde beschlagnahmt und versteigert. Anna Kathinka Burian und ihr Mann wurden am 25. November 1941 in Kaunas ermordet.
Die drei Kinder konnten sich durch Emigration retten.120px HIER WOHNTEEMIL BURIANJG. 1877ANTISEMITISCHE HETZEUNFREIWILLIG VERZOGEN1929 MÜNCHENDEPORTIERT 1941KAUNAS FORT IXERMORDET 25.11.1941Angerstraße 41 wurde am 24. August 1877 in Wien-Hernals geboren. Seine Eltern waren Adolf Burian und Rosa geb. Benesch. Er hatte eine Zwillingsschwester, Marie und einen jüngeren Bruder, Oskar. Burian machte eine Lehre als Schaufensterdekorateur und Verkäufer in einem Wiener Kaufhaus. 1898 übersiedelte er nach Passau und fand Arbeit bei verschiedenen jüdischen Geschäftsleuten. 1904 erhielt Burian das Heimatrecht. 1906 wurde er Bürger der Stadt und übernahm die Leitung von „Pick & Friedmann“ in der Wittgasse 9. 1907 heiratete er Anna Kathinka geb. Lippmann, Tochter eines vermögenden Bankiers aus Würzburg. Das Paar bekam drei Kinder: Gertrud Karolina (geboren 1908), Kurt (geboren 1913) und Otto Heinrich (geboren 1918). Eine gute Ausbildung der Kinder war den Burians sehr wichtig. Mit Unterstützung von Julius Pick, Emil Burians bisherigem Arbeitgeber, eröffnete das Ehepaar im Jahr ihrer Hochzeit das Tuchlager Burian & Zinner, ein rasch zu Ansehen gelangendes Kaufhaus im Hause Roßtränke 12 an der Maxbrücke.Anna Rosmus: From Passau to Broadway — Kurt Burian and His Roots, abgerufen am 11. August 2019 Emil Burian wurde Mitglied der Industrie- und Handelskammer und im örtlichen ADAC. Die Familie lebte in einem großen Haus mit Blick auf Donau und Altstadt. Emil Burian wird von seinem Sohn als großer Musikliebhaber beschrieben, der ein Berdux-Piano und eine Schuster-Violine sowie viele Noten besaß. Ein prämiertes Kostüm der Tochter beim ADAC-Faschingsball 1928 wurde vom Stürmer, einem nationalsozialistischen Hetzblatt, zum Ausgangspunkt für eine antisemitische Kampagne gegen die Burians und ihr Kaufhaus genommen. Emila Burian klagte erfolgreich gegen den Stürmer, doch kam es zu einem Boykott des Geschäfts durch die Passauer Bürger. Emil Burian sah 1929 keinen Ausweg mehr, musste das Geschäft aufgeben und übersiedelte mit der Familie nach München. Hier war Burian Vertreter, war im Besitz eines Autos von Graham-Paige, konnte so seine Kunden besser bedienen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es zu immer mehr Einschränkungen für Juden. 1934 ging die Firma, für die Emil Burian arbeitete, bankrott und er verlor seinen Job. Alle drei Kinder konnten sich in Sicherheit bringen. Die Kinder versuchten ihre Eltern zu retten, doch dies misslang (siehe Anna Burian). Emil Burian und seine Frau wurden am 20. November 1941 von München nach Kaunas in Litauen deportiert. Emil Burian und seine Frau wurden dort am 25. November 1941 ermordet.The Central Database of Shoah Victims’ Names Emil Burian, basierend auf dem Gedenkbuch Opfer Der Verfolgung der Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland 1933–1945, abgerufen am 28. Januar 2020
Die drei Kinder überlebten durch Emigration.