|} Die Kreisbahn Norderdithmarschen war eine Schmalspurbahn in Meterspur, die das östlich der Kreisstadt Heide gelegene Gebiet des Kreises Norderdithmarschen ringförmig erschloss.
Geschichte Um 1900 war der Kreis Norderdithmarschen verkehrsmäßig im Bahnhof Heide an das Eisenbahnnetz und im Hafen Pahlhude an den Schiffsverkehr auf der Eider angeschlossen. Während die Marsch mit den in Heide kreuzenden Eisenbahnstrecken schon befriedigende Anschlüsse zu Märkten und Lieferanten besaß, waren die Gemeinden auf der östlich gelegenen Geest lediglich durch Straßen erschlossen, auf denen die Pferdefuhrwerke nur unzureichende Transportmöglichkeiten boten.
Im Kreistag von Norderdithmarschen beschlossen die Vertreter der Gemeinden am 11. Juli 1901 einstimmig, eine Kleinbahn zur Erschließung der östlich gelegenen Geestgebiete des Kreises zu bauen. Das zu erwartende Betriebsdefizit sollte der Kreis zur Hälfte übernehmen, die Stadt Heide sollte 10 %, Tellingstedt 20 %, Hennstedt 10 % und weitere Gemeinden zusammen 10 % beisteuern. Die Entscheidung fiel auf schmalspurige, von Dampflokomotiven gezogene Fahrzeuge, weil nur solche Anlagen vom preußischen Staat bezuschusst wurden. Immerhin deckte der Zuschuss von 1.212.000 Mark 40 % der Baukosten. Dass die Schmalspur am Ende den Ausschlag zur Einstellung der Bahn geben würde, konnten die Gründerväter nicht überblicken.Schöning 1980, S. 10–11
Während das gebildete Bahnbaukomitee im Süden des Kreises über Tellingstedt am Geestrand entlang parallel zur Kreisgrenze zu Süderdithmarschen schnell eine Trasse festlegen konnte, wollte im Norden auf dem Weg in Richtung Delve und Pahlhude jede Ortschaft ihren Bahnanschluss bekommen. Dies wurde durch eine Trasse mit vielen Kurven gelöst, zumal das verfügbare Geld weitere Zweigtrassen nicht ermöglichte. Insbesondere waren im Osten des Kreises große Moorgebiete zu umgehen, andererseits aber auch zu erschließen. So entstand eine typische Erschließungsbahn. Genau genommen entstanden zwei Bahnstrecken, die vom Kreisbahnhof in Heide ausgehend nach Pahlhude an der Eider führten, wo es einen Hafen gab. Der „Nordring“ über Hennstedt und Delve war 23,5 km lang: die Züge hatten eine Fahrzeit von rund 1,5 Stunden. Der „Südring“ über Tellingstedt mit einer Ausbuchtung nach Wrohm und Dellstedt war 30,5 km lang; die Fahrzeit war etwas länger als auf dem „Nordring“. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 30 km/h. Durchgehende Züge über Pahlhude hinaus gab es nicht. mini|links|Eröffnungszug der Kleinbahn Die Eröffnung fand auf dem Nordring in zwei Etappen am 17. Mai und 5. Oktober 1905 statt, anschließend auf dem Südring in vier Abschnitten zwischen dem 14. Oktober und 23. Dezember 1905.
Der Betrieb begann erwartungsgemäß mit Verkehrssteigerungen. Schon nach acht Jahren wurden die Höchstwerte von 288.379 Personen, 57.426 Gütertonnen und 21.546 Stück Vieh verzeichnet. Auf der Geest hatte eine rege Bautätigkeit eingesetzt und die Grundstückspreise stiegen. Das Frühjahr brachte in den Betriebsjahren die wichtigsten Erträge. 1912 begann die Stadt Heide ihre Straßen mit Kopfsteinpflaster zu befestigen. Die Kleinbahn übernahm die Steine vom Eiderschiff in Pahlhude und brachte sie in die Stadt. 1913/14 durfte die Kreisbahn zum Kasernenbau in Heide das Baumaterial heranbringen. Diese Jahre brachten bescheidene Gewinne. Der Erste Weltkrieg brachte nach anfänglicher Euphorie durch Einberufungen von Fahrpersonalen Personalengpässe und bewirkte bald eine Materialverknappung, die Reparaturen an Fahrzeugen und Strecken erschwerte. Bei Kriegsende kamen aufgrund der politischen Umwälzungen keine neuen Impulse, um die Spuren der Kriegsverluste zu beseitigen. Die in Rücklagen eingestellten mageren Gewinne gingen in der anschließenden Inflation verloren. Die aus dem Krieg zurückgekehrten Mitarbeiter wurden wieder eingestellt. 1921 war mit 92 MitarbeiternSchöning 2006, S. 23 der höchste Personalstand erreicht. Das führte zu einer personellen Überbelegung, so dass die Kleinbahn 1923 durch Entlassungen die Belegschaft auf 60 Personen reduzieren musste. 1922 musste wegen der Materialknappheit der Verkehr reduziert werden. In der Folge wurden weitere 23 Mitarbeiter entlassen. mini|links|Fahrplan der Kreisbahn In der Regel fuhren drei Personenzugpaare auf jedem Abschnitt. Über die Bahnstrecke wurden Dünger und Kalk zur Kultivierung der Moore, insbesondere des Dellstedter Birkwildmoors, in die Region gebracht. Das in Dellstedt hergestellte Torfstreu wurde mit Hilfe der Bahn abtransportiert. Der übrige Güterverkehr – hauptsächlich landwirtschaftliche Erzeugnisse, insbesondere Schweine – auf dieser Strecke war bescheiden. Trotzdem besaß die Bahn im Jahre 1928 insgesamt acht Dampflokomotiven, zwölf Personenwagen, vier Packwagen und 87 Güterwagen. Zu den Personenwagen gehörte ein Salonwagen.
Der Krieg hatte zu der Erkenntnis geführt, dass Eisenbahnen und Pferdefuhrwerke für die anstehenden Transportaufgaben zu schwerfällig waren. Deswegen waren Kraftwagen in Mengen produziert worden, so dass nach dem Krieg Produktionskapazitäten und Fahrzeuge neue Aufgaben suchten, die der Kleinbahn zur Konkurrenz wurden. 1927 war offensichtlich, dass nur noch Rationalisierungsmaßnahmen den Betrieb retten könnten. Für Investitionen etwa in Triebwagen der Waggonfabrik Wismar wie bei anderen Kleinbahnen oder – so die diskutierten Alternativen – gar Einführung eines Rollbockverkehrs oder eine Umspurung fehlten die Mittel. 1930 zeigte die Buchführung des Kreises eine gesammelte Schuldenlast von 288.271 Reichsmark. mini|links|Kleinbahnzug Nach wenig mehr als drei Jahrzehnten kam das Ende. Auf dem Nordring wurde der Personenverkehr am 29. Februar 1936 eingestellt, die übrigen Betriebsteile folgten bis zum 2. Oktober 1937. Den Personenverkehr übernahmen Omnibusse. Die Gleise wurden abgebaut. Noch heute sind in einigen Orten Bahnhofsgebäude und Straßennamen zu sehen, die an die Kleinbahn erinnern. Einige Trassenabschnitte in und zwischen den Orten sind noch zu finden.Schöning 1980, S. 43–66
Anlagen der Kleinbahn Für eine Kleinbahn besaß die Kreisbahn viele, recht große, teilweise repräsentative Gebäude, die ein Prestigedenken der Gründer ausdrücken. Während etwa die betrieblich vergleichbare Rendsburger Kreisbahn bei 45 Kilometern Streckenlänge nur zwei feste bahneigene Gebäude besaß, unterhielt die Kleinbahn an 22 Stationen neun eigene Bahnhofsgebäude. Zur Standardausstattung der nach zwei Grundtypen in Klinkerbauweise und im gekalkten Äußeren erbauten, der von Bahnagenten vor Ankunft bis nach Abfahrt der Züge besetzten Stationen gehörten in den festen Gebäuden eine Gaststätte. Deren Gastraum diente als Wartesaal III. Klasse. Dazu kam ein getrennter Warteraum II. Klasse mit mehreren Tischen in Nischen. Mehrere Gastwirte in den angefahrenen Gemeinden hatten ihre Gastwirtschaften zur Verfügung gestellt und die Rolle des Bahnagenten übernommen. Ihre Aufgaben beinhalteten den Verkauf von Fahrkarten, die Abfertigung von Stückgut, dazu das Ausstellen der Frachtpapiere und Hilfe beim Be- und Entladen. Meist hatten die Agenten Frachtempfänger zu benachrichtigen und mit der Bahn angelieferte Post zuzustellen. Die Verladung von ländlichen Gütern und von Vieh übernahmen die Bauern. Die Bahn stellte nur Verladegleise und Rampen, teilweise wurde das Verladegeschäft am Streckengleis erledigt. Die Bahnhofsanlagen waren mit einfachen Lademaßen und als Gleissperren über die Schienen legbaren Balken ausgestattet. Nur wenige Bahnhöfe besaßen mehr als das Durchgangsgleis.
Kleinbahnhof Heide
Der Kleinbahnhof Heide war der größte und wichtigste Bahnhof der Trasse. Hier trafen die beiden Äste der Kreisbahn aufeinander. Da der Bahnhof als Kopfbahnhof angelegt war, wendeten die Lokomotiven mittels einer Drehscheibe. Von der einst großen Bahnhofsanlage mit sechs Gleisen ist nur noch das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude erhalten.
Nordast Heide–Pahlhude Am Nordast verlief die Strecke am Rande eines Moores zunächst nach Ostrohe Für den Ort, in dem 1925 260 Einwohner lebten, hatte die Gesellschaft einen in Fachwerk gebauten Güterschuppen, der zwar nur ein Provisorium sein sollte, jedoch bis zum Ende des Kleinbetriebes unverändert bestehen blieb, und ein kleines abseits stehendes Agenturgebäude errichtet. Das Gleis verlief nach Ostrohe am Straßenrand; die Züge überquerten die Broklandsau und hielten im Haltepunkt an der Gaststätte Aukrug Hier gab es keine weiteren Bahnanlagen. Nach einem weiteren Stück neben der Straße zweigte die Strecke ab und erreichte nach einem Kilometer Süderheistedt Der zugehörige Ort hatte 1925 216 Einwohner; hier standen ein mittelgroßes Agenturgebäude, ein Güterschuppen und ein Abort – alle in Klinkerbauweise. Die Strecke schwenkte danach nach Südosten. Nach einer Fahrt zwischen Wiesen und Knicks kreuzte sie die Chaussee nach Pahlen und erreichte Barkenholm Der Ort, der 1925 216 Einwohner zählte, erhielt Hochbauten mit landschaftstypischem grau/gelben Klinkerbau und ein Ausweichgleis mit Anschluss der Ziegelei Kruse. Ebenso wie in Pahlen, Linden und Schalkholz konnte hier von den Bauern in Handarbeit mit dem guten Lehm der Dithmarscher Landschaft ein guter Nebenverdienst erwirtschaftet werden. 1905 entstand eine Dampfziegelei, die ihre Produkte mit der Kleinbahn verschickte. Die Lehmvorräte waren 1915 erschöpft und die Bahnhofsanlagen wurden 1921 ersatzlos abgebrochen. Insgesamt produzierten die Ziegeleien auf der Norderdithmarscher Geest pro Jahr etwa zwei Millionen Ziegel.
Die Strecke verließ auf der Zufahrt zur Ziegelei den kleinen Bahnhof, wandte sich nordwärts und erreichte Linden Der Ort zählte 1925 692 Einwohner. Hier entstand eine Ladestraße, ein kleiner Güterschuppen, eine kleine gemauerte Viehladerampe und ein stattliches, von Bäumen umstandenes, villenähnliches Bahnhofsgebäude.
Wieder wurde Weidegelände durchquert, das sich hier Brandmoor nennt. Die Strecke erreichte mit Hennstedt einen 1925 mit 1574 Einwohnern bereits größeren Ort. Das Aufkommen im Personenverkehr, Güterverkehr und bei der Schweineverladung machten den Ort zur größten Station an der Nordstrecke. Dazu waren drei Abstellgleise, ein Güterschuppen und mehrere Lagerschuppen vorhanden, die von einem stattlichen Klinkerbau als Bahnhofsgebäude überragt wurden. 1913 war ein Wasserturm und ein Stall ergänzt worden. Nachdem anfangs nur eine Kopframpe für die Viehverladung zur Verfügung stand, wurden ab 1927 größere Viehverladerampen gebaut, an denen vier bis fünf Viehwagen beladen werden konnten.
Hinter dem Bahnhof Hennstedt wurde die Straße von Albersdorf nach Friedrichstadt gekreuzt und die Strecke verlief durch das Hollingstedter Südergehölz und erreichte dicht an der Hollingstedter Windmühle vorbei Hollingstedt einen Ort mit 1925 361 Einwohnern mit einem kleinen Agenturgebäude und angrenzendem Güterschuppen an zwei Gleisen mit einer Ladestraße im Norden des Ortes. In den Gebäuden befindet sich nun ein Kinderheim (Stand 2015).
Nach kurzer Fahrt ostwärts wandte sich die Strecke in Delve ein Ort, der 1925 608 Einwohner hatte. Hier existierte ein stattliches Empfangsgebäude aus rotem Klinker. Der Bahnhof besaß zwei Gleise, eine Ladestraße, einen kleinen Güterschuppen und ein Abort. Da der Hafen von Delve nach seiner Blüte zum Ende des 19. Jahrhunderts kaum noch Bedeutung hatte, wurde kein Hafenanschluss errichtet.
Südlich des Bahnhofs kreuzen die Straßen nach Hennstedt und wenige 100 m weiter nach Pahlen, bevor der Haltepunkt Schwienhusen erreicht wurde, der den Ort mit 1925 157 Einwohnern anschloss, von dem die Eiderfähre Bargen erreicht werden konnte. Hier existierte eine Bohlenplattform als Bahnsteig, jedoch kein Gebäude.
Nach kurzer Fahrt durch die Marsch der Eiderniederung wurde Wallen erreicht, zu dem eine Siedlung mit 1925 62 Einwohnern gehörte, die oberhalb des damaligen beachtlichen Bahnhofsgebäude lag.
Nach einer Fahrt auf einem Damm durch das Wallener Moor erreichte der Zug mini|Lokschuppen der Kreisbahn in Pahlhude (2018) mini|Lokschuppen der Kreisbahn in Pahlhude (2018)