mini|hochkant=0.6|Wappen des Adelshauses Vergy

Gemma di Vergy ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „tragedia lirica“) in zwei Akten von Gaetano Donizetti über ein Libretto von Giovanni Emanuele Bidera. Die Handlung basiert auf dem Drama Charles VII chez ses grands vassaux („Karl VII. und seine großen Vasallen“) von Alexandre Dumas d. Ä.William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 89 und 365Kurzinfo über Gemma di Vergy in der Liste von Donizettis Opern auf operone.de (abgerufen am 7. August 2019) Die Oper entstand für die Karnevalssaison 1834–1835 in der Mailänder Scala und erlebte ihre Uraufführung am 26. Dezember 1834 mit der berühmten Sopranistin Giuseppina Ronzi de Begnis in der Titelpartie. Im 19. Jahrhundert war Gemma di Vergy eine der beliebtesten Opern Donizettis.

Die Oper sollte nicht verwechselt werden mit Donizettis Gabriella di Vergy, die zu Lebzeiten des Komponisten nie aufgeführt wurde.

Inhalt Die Oper spielt in Frankreich mitten im Hundertjährigen Krieg, im Schloss des Grafen von Vergy im Berry.Das ehemalige Schloss von Vergy war ursprünglich eine Festung bei Reulle-Vergy, von der heute nur noch wenige Überreste erhalten sind; ein Modell des ehemaligen Aussehens sieht man auf der Website der Société d’histoire et d’archéologie du Pays de Vergy (französisch; abgerufen am 6. August 2019) Die Vergy waren ein bedeutendes mittelalterliches Adelsgeschlecht, aus deren Reihen mehrere männliche Mitglieder mehrfach verheiratet waren, aber eine Frau mit dem italienischen Vornamen Gemma existierte nicht. Die Namen in Dumas’ Charles VII chez ses grands vassaux waren ohnehin anders und wurden für die Donizetti-Oper geändert: die Titelfigur Gemma di Vergy heißt bei Dumas „Bérengère de Savoisy“ und der arabische Sklave Tamas „Yaquob“.William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 628 (Fußnote 132)

Erster Akt (Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Originallibretto.)Giovanni Emanuele Bidera & Gaetano Donizetti: Gemma di Vergy, Giacomo Pirola, Mailand 1834.

Rolando, der Schildknappe des Grafen, bringt aus Avignon ein päpstliches SchreibenHier wird auf das sogenannte Exil der Päpste in Avignon angespielt. mit dem offiziellen Dispens für die Scheidung des Grafen von seiner Frau Gemma. Während Rolando den anwesenden Soldaten und Bogenschützen von der Jungfrau von Orléans erzählt, drückt Guido sein großes Mitleid mit Gemma aus. Als Guido alle auffordert, für Gemma zu beten, kommt es zu einem Streit zwischen Rolando und dem Sarazenen Tamas, weil dieser nicht mitbetet. Tamas ist unglücklich über sein Schicksal als christlicher Gefangener fern seiner Heimat, wofür er Rolando die Schuld gibt; er ist außerdem heimlich in Gemma verliebt. Plötzlich erscheint Gemma und gebietet den Streitenden Einhalt. Als sie von der Rückkehr ihres Mannes erfährt, ist sie überglücklich.

Doch nachdem sich alle anderen zurückgezogen haben, teilt Guido der völlig ahnungslosen Gemma mit, dass ihr Mann sie wegen ihrer Kinderlosigkeit verstoße und eine andere Frau heiraten wolle, und dass Gemma sich in ein Kloster zurückziehen solle. Gemma fällt aus allen Wolken und reagiert mit hilfloser Verzweiflung und Trauer.

Inzwischen hat Tamas Rolando im Streit erstochen und legt den blutigen Dolch ganz in Gedanken auf einen Tisch. Er träumt davon Gemma zu rächen und dann sich selbst umzubringen.

Der Graf erscheint. Als er den blutigen Dolch entdeckt, glaubt er im ersten Moment, Gemma habe sich aus Verzweiflung das Leben genommen, und hat Schuldgefühle. Als er erfährt, dass sie lebt, ist er zwar erleichtert, will jedoch, dass sie umgehend das Schloss verlässt, damit er problemlos seine neue Braut empfangen kann.

Im Gerichtssaal muss sich Tamas vor dem Grafen für den Mord an Rolando verantworten. Da der Graf begreift, das der Sarazene unglücklich ist, schlägt er diesem aus Mitleid vor, er solle in seine Heimat zurückgehen und bietet ihm Geld an. Doch Tamas schlägt das Angebot aus und sagt dem Grafen offen ins Gesicht, dass er ihn ermorden wolle. Im nun folgenden Tumult droht Tamas sich umzubringen. Plötzlich tritt Gemma dazwischen, verhindert den Selbstmord und bittet um Gnade für Tamas. Voller Trauer stellt sie den Grafen wegen ihrer plötzlichen Trennung zur Rede und fällt vor ihm auf die Knie, aber als dieser hart bleibt, schlagen ihre Gefühle in Hass um.

Zweiter Akt Guido hat mittlerweile dafür gesorgt, dass Gemma das Schloss verlässt, und überreicht dem Grafen von Vergy in ihrem Auftrag Gemmas Ehering als Andenken. Als er von ihrer Trauer berichtet, steigen im Grafen Erinnerungen auf, und er ist gerührt. Erst der Gedanke an seine zukünftigen Kinder tröstet ihn.

Ida, die neue Braut des Grafen, ist inzwischen angekommen. Gemma erscheint ganz in Schwarz und gibt sich der naiven Ida gegenüber anfangs als ihre eigene Dienerin aus, bis sie in offene Empörung ausbricht und ihrer Rivalin vorwirft, ihr den Mann gestohlen zu haben. Als der Graf Ida zu Hilfe eilen will, eskaliert der Streit, und Gemma droht, Ida umzubringen. Da tritt unerwartet Tamas hinzu und nimmt Gemma den Dolch weg, um sie vor einer Tat zu bewahren, die sie später bereuen würde. Alle vier sind in hellster Aufregung.

Nachts ist Gemma allein im Schloss. Tamas erscheint und schlägt ihr vor, mit ihm zu fliehen, was sie zuerst ablehnt. Als er ihr klarmacht, dass in der Schlosskirche bald die Hochzeit des Grafen mit Ida gefeiert wird, kann Gemma dies zuerst nicht glauben, fordert ihn aber dann auf, sie umzubringen. Da Tamas sie liebt, lehnt er dies ab; zwar macht er Andeutungen über seine Gefühle, aber Gemma begreift nicht. Schließlich willigt Gemma in die Flucht ein.

Wieder allein, hört Gemma von weitem den Beginn der Hochzeitszeremonie. Sie ist halbwahnsinnig vor Verzweiflung, verflucht das Brautpaar, aber als die Hochzeitsglocken erklingen, weiß sie nicht mehr, wo sie ist, und findet schließlich Frieden im Gebet. Plötzlich tauchen Guido, Ida und ihr Gefolge mit Fackeln auf, und Gemma erfährt, dass Tamas den Grafen ermordet hat. Bevor Tamas sich selber ersticht, gesteht er, dass er es aus Liebe zu Gemma getan hat. Alle sind entsetzt, und Gemma beteuert ihre Unschuld und bittet den Himmel um Hilfe.

Musikalische Gestaltung Struktur Sinfonia

Erster Akt Nr. 1 – Introduzione und Cavatina der Gemma: Qual guerriero sul bruno destriero – Una voce al cor d’intorno (Guido, Coro, Rolando, Tamas, Gemma) Nr. 2 – Duett Gemma, Guido: Ripudiata? Me infelice! Nr. 3 – Chor und Cavatina des Grafen: Lode al forte guerriero, ed onore – Qui un pugnale! Chi’ l confisse (Chor, Conte, Guido) Nr. 4 – Finale I: Assassino, che il ferro immergesti (Chor, Tamas, Guido, Conte, Gemma)

Zweiter Akt Nr. 5 – Chor, Scena und Aria des Grafen: Come luna, che al tramonto (Chor, Ida, Conte, Guido) Nr. 6 – Chor und Quartett: Vieni, o bella, e ti ristora – Rea cagion de’ mali miei (Chor, Gemma, Ida, Conte, Tamas) Nr. 7 – Chor und Duett Gemma & Tamas: D’Ida è pari la beltà – Non è ver: non è quel tempio (Chor, Gemma, Tamas) Nr. 8 – Aria Finale der Gemma: Fian mia cura insino a morte (Gemma, Guido, Ida, Tamas, Chor)

Besonderheiten mini|links|hochkant=0.7|Gaetano Donizetti

Gemma di Vergy entstand während einer Phase Donizettis und der italienischen Oper, die sich durch sehr ausdrucksvolle Melodik von einer besonderen Süße (dolcezza) auszeichnet, unterstützt durch eine entsprechende Instrumentierung. Man kann mit einem gewissen Recht von „Melodienseligkeit“ sprechen. Der spezielle Stil dieser Oper erinnert teilweise an Donizettis nur ein Jahr zuvor ebenfalls für Mailand komponierte Lucrezia Borgia (UA am 26. Dezember 1833), dabei ist Gemma di Vergy jedoch musikalisch mehr aus einem Guss. Das Kolorit der Oper setzt sich aus zwei sehr gegensätzlichen Charakteren zusammen: einer sehr lebhaften, spritzigen und leichtfüßigen Feststimmung, die im Kontrast zu den ausgesprochen lyrischen, melancholischen, wohlgeformten und lang ausgesponnenen Melodiebögen à la Bellini stehen. Diese beiden Stimmungen erklingen nicht nur abwechselnd, sondern vor allem im ersten Akt oft auch gleichzeitig, womit Donizetti z. B. in der Introduzione einen sehr schönen Effekt erzielt, wenn der Bass Guido mit einer langen Kantilene die verstoßene Gemma bemitleidet, während Rodrigo und der Chor über die Jungfrau von Orléans in einem kurz abgestoßenen Parlando sprechen.Diese Szene wird auch von Ashbrook als beeindruckend („impressive“) gelobt, der die Oper insgesamt allerdings allzu kritisch beurteilte. William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 366 Im zweiten Akt setzen sich inhaltsbedingt die melancholischen und tragischen Töne immer mehr durch, obwohl Donizetti auch hier in diversen Chören die Vorfreude auf die Hochzeit des Grafen mit Ida besingen lässt, und dadurch immer wieder Kontraste setzt.

Die Titelfigur der Gemma durchlebt zwar widersprüchlichste Gefühle, ist jedoch anders als z. B. Donizettis schillernde und gefährliche Lucrezia Borgia ein grundsätzlich unschuldiger und sympathischer Charakter, ein Opfer schicksalhafter Umstände.Ashbrook sieht Gemma auch eindeutig als unschuldiges Opfer, aber aus seiner persönlichen Sicht, und im Vergleich mit anderen Opern-Heroinen, ist sie ihm nicht sympathisch genug. Er übersieht aber, dass z. B. die von ihm als Vergleich herangezogene mächtige Norma in völlig anderen Lebensumständen steckt. William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 366 Die sehr anspruchsvolle Partie schrieb Donizetti seiner Lieblingssängerin Giuseppina Ronzi de Begnis auf den Leib, die hier ein ideales Betätigungsfeld für ihre außergewöhnlichen expressiven und sängerischen Qualitäten fand. Die Tessitura der Gemma liegt relativ hoch und verlangt eine in jeder Hinsicht sehr bewegliche Stimme, die die anmutigen Verzierungen und langen Melodiebögen mit Ausdruck erfüllen kann. Montserrat Caballé fand die Partie sogar schwieriger als Bellinis Norma und meinte, eine Gemma sei drei Normas wert – in Anspielung an Lilli Lehmanns bekannten Ausspruch, dass eine Norma drei Wagner-Brünnhilden wert sei!William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 365

Musikalische Höhepunkte der Oper sind das Finale des ersten Aktes und Gemmas große Scena mit Preghiera und Aria finale am Ende des zweiten Aktes, wo die Darstellerin die verschiedensten oft gegensätzlichen Gefühle (wie in einer Wahnsinnsszene) ausdrücken muss.Die Qualitäten der Aria finale kann selbst der kritische Ashbrook nicht ignorieren. William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 368

Auch für die tiefen Männerstimmen (Guido und den Conte) schuf Donizetti hier wundervolle und sorgfältig aufgebaute Arien voller Lyrismus und Ausdruckskraft. Die eher kleine, wenn auch dramaturgisch entscheidende Tenor-Rolle des sarazenischen „Sklaven“ Tamas, der als unglücklicher und von Anfang an selbstmordgefährdeter Außenseiter dargestellt wird, der sich in heimlicher Liebe zu seiner (nichts ahnenden) „Herrin“ Gemma verzehrt und schließlich sogar einen Mord begeht, weil er glaubt, dass er ihr damit hilft, kann als ein Vorläufer von Verdis Außenseiterfiguren des buckligen Hofnarrs Rigoletto und der Zigeunerin Azucena in Il trovatore gelten. Freilich hat Verdi seinen Figuren 20 Jahre später etwas mehr Gewicht verliehen. Die Cabaletta des Tamas „Mi togliesti a un sole ardente“ (Akt I) spielte ab 1847 eine symbolische Rolle im italienischen Risorgimento (siehe unten: Werkgeschichte).William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 366 und S. 629 (Fußnote 134) Auch in musikalischer Hinsicht weist die Oper in mancherlei Hinsicht auf Verdi voraus.

Werkgeschichte Entstehung und Uraufführung