mini|Grabplatte für Werner Teske auf dem Südfriedhof in Leipzig mini|Unterschrift Werner Siegfried Teske (* 24. April 1942 in Berlin; † 26. Juni 1981 in Leipzig) war ein hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR, der 1981 rechtswidrig wegen angeblich vollendeter Spionage und versuchter Fahnenflucht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Dies war die letzte Vollstreckung eines Todesurteils in der DDR und auf deutschem Boden.Norbert Pötzl: Nach Verhandlung Kopfschuss In: Spiegel Online, 25. Juni 2021, abgerufen am 30. Juni 2021.
Studium und Beruf Werner Teske studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Finanzökonomie. auf www.mdr.de Er war anschließend dort als wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent tätig und wurde 1969 promoviert. 1967 warb ihn das MfS als inoffiziellen Mitarbeiter an, ab 1969 arbeitete er hauptamtlich für dessen Hauptverwaltung A in der Wissenschaftsspionage im westlichen Ausland.
Strafverfahren und Hinrichtung Ab Mitte der 1970er Jahre entwickelte Teske erhebliche Zweifel am politischen System der DDR und seiner Aufgabe darin. Er spielte mit dem Gedanken, sich in die Bundesrepublik abzusetzen, und brachte als mögliche Mitgift für den Frontwechsel über Jahre hinweg geheime Unterlagen nach Hause. Aufgrund des Überlaufens des MfS-Offiziers Werner Stiller in die Bundesrepublik 1979 wurden innerhalb des MfS die Sicherheitsmaßnahmen deutlich erhöht. Auch Teske wurde überprüft. Neben einem völlig chaotischen Inhalt seines Panzerschrankes, der eine Inventur der als geheim eingestuften Dokumente praktisch unmöglich machte, kamen auch Unregelmäßigkeiten bei der Weitergabe von MfS-Geldern an Informanten zu Tage. Erst später stellte sich die Summe der veruntreuten Operativgelder (20.244,50 DM und 21.478 DDR-Mark) heraus. Unter einem Vorwand wurde Teske am Abend des 4. September 1980 in ein konspiratives Objekt des MfS verbracht. Man führte dort jedoch zunächst nur eine interne Ermittlung bis zum 11. September durch. Als Teskes Wohnung durchsucht wurde, fand das MfS auch die von Teske entwendeten Akten in den von ihm preisgegebenen Verstecken in einem unerwarteten Umfang. Er gestand am 11. September gegen 2:00 Uhr morgens, 1978 über eine Flucht in die Bundesrepublik nachgedacht zu haben.
In einem auch innerhalb des MfS geheim gehaltenen Prozess vor dem 1. Militärstrafsenat des Obersten Gerichtes der DDR wurde Teske wegen vollendeter Spionage in einem besonders schweren Fall (§ 97 i. V. m. § 110 StGB-DDR) in Tateinheit mit vorbereiteter Fahnenflucht im schweren Fall (§ 254 StGB-DDR) angeklagt und, obwohl nur das Sammeln der geheimzuhaltenden Informationen vollendet, es aber nicht zum Verrat gekommen war, am 12. Juni 1981 zum Tode verurteilt, obwohl die Mindeststrafe für Spionage bei fünf Jahren, im besonders schweren Fall bei lebenslänglicher Freiheitsstrafe lag. Hintergrund für die Härte dieses Urteils war nicht zuletzt die erfolgreiche Flucht Stillers, da man Nachahmer abschrecken wollte. Nach Ablehnung seines Gnadengesuchs durch Honecker wurde Teske in die Strafvollzugseinrichtung Leipzig (Alfred-Kästner-Straße) überführt. In deren zur Zentralen Hinrichtungsstätte der DDR umgebauten Hausmeisterwohnung wurde das Urteil vom letzten Henker der DDR, dem Abteilungsleiter der Strafvollzugseinrichtung Leipzig, Hermann Lorenz, mittels einer Pistole vom Typ Walther P38 mit aufgesetztem Schalldämpfer durch Genickschuss vollstreckt. Der Todesschuss erfolgte, wie in der DDR nach Abschaffung der Guillotine im Jahr 1968 üblich, von hinten und ohne Vorwarnung unmittelbar nach Betreten des Vollstreckungsraumes („unerwarteter Nahschuss“). Dort hatte der Staatsanwalt Teske zuvor lediglich mitgeteilt: „Das Gnadengesuch ist abgelehnt. Ihre Hinrichtung steht unmittelbar bevor.“Francisca Zecher: Die Todesstrafe im sozialistischen Einheitsstaat. In: Die Gazette, 16. Januar 2004. Die Leiche wurde anschließend in das Krematorium auf dem Leipziger Südfriedhof gebracht und dort eingeäschert.
Die Hinrichtung Teskes wurde auch innerhalb des MfS streng geheim gehalten. Auch gegenüber den engsten Familienangehörigen gab man keinerlei Informationen preis. Einem Verwandten, der nach Teske suchte, erklärte das MfS, er sei bei einem Unfall ums Leben gekommen, und verbot weitere Nachforschungen. Teskes Witwe Sabine und ihre Tochter mussten aus Ost-Berlin wegziehen; beide erhielten eine neue Identität und wurden verpflichtet, über die Umstände des Todes von Werner Teske sowie über ihre Vergangenheit zu schweigen.
Rehabilitierung und Strafprozess gegen beteiligte Juristen Das Urteil gegen Teske wurde 1993 nach dem Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz aufgehoben, da es mit rechtsstaatlichen Prinzipien nicht vereinbar war.
1998 verurteilte das Landgericht Berlin den DDR-Militärrichter Karl-Heinz Knoche und den Militärstaatsanwalt Heinz Kadgien, die an dem Todesurteil gegen Teske sowie 1979 am Todesurteil im Falle des MfS-Majors Gert Trebeljahr verantwortlich mitwirkten, wegen Totschlags und Rechtsbeugung beziehungsweise Beihilfe zu vier Jahren Freiheitsstrafe. Das Urteil erhielt mit einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs 1999 Rechtskraft.Verurteilungen wegen DDR-Todesurteilen rechtskräftig. Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs vom 6. August 1999. Begründet wurden die Verurteilungen beider Juristen damit, dass die ursprüngliche Entscheidung selbst nach dem damals gültigen DDR-Recht völlig unverhältnismäßig gewesen sei, da Teskes Planungen zu keinem Zeitpunkt über das Versuchsstadium hinausgekommen waren. Mit diesem Argument hatte auch Teskes Verteidiger vergeblich versucht, das Todesurteil abzuwenden.
Film Das Filmdrama Nahschuss aus dem Jahr 2021 ist von der Lebensgeschichte Werner Teskes inspiriert.
Siehe auch Liste in der DDR hingerichteter Personen
Literatur
Bernd Florath: Werner Teske. In: Roger Engelmann, Bernd Florath, Helge Heidemeyer, Daniela Münkel, Arno Polzin, Walter Süß (Hrsg.): Das MfS-Lexikon. 4. aktualisierte Auflage. Ch. Links, Berlin 2021, ISBN 978-3-96289-139-8, S. 331 f., Online-Version. Gunter Lange: Der Nahschuss. Leben und Hinrichtung des Stasi-Offiziers Werner Teske. Ch. Links Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-96289-117-6. Weblinks
Stasi-Mediathek, Dokumentensammlung zum Verfahren gegen Werner Teske Stasi-Mediathek: Geschichte – Verräter aus den eigenen Reihen Nahschuss ins Hinterhaupt. Artikel im Stern 2006 MDR Figaro: Vor 25 Jahren: Die letzte Hinrichtung in der DDR. Der Feind ist mir nie begegnet. Artikel in Der Spiegel 7/1992 "Die grausame Todesstrafe der Welt" Aufbereitung des Falles Teske auf Simplicissimus
Einzelnachweise
Kategorie:Hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit Kategorie:Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR Kategorie:Hingerichtete Person (DDR) Kategorie:Opfer der Diktatur in der DDR Kategorie:Deutscher Kategorie:DDR-Bürger Kategorie:Geboren 1942 Kategorie:Gestorben 1981 Kategorie:Mann Kategorie:SED-Mitglied