mini|Ausschnitt des Titelblatts, 1940
Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind ist der Titel eines Ratgebers für Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus über Schwangerschaft und Entbindung, das Wochenbett sowie die Säuglingspflege im ersten Lebensjahr des Kindes. Es wurde von der Lungenfachärztin Johanna Haarer (1900–1988) verfasst und ein Jahr nach der Machtergreifung 1934 in erster Auflage veröffentlicht. Zusammen mit ihren Publikationen Unsere kleinen Kinder (1936) und Mutter, erzähl von Adolf Hitler! (1939) verfasste Haarer die bekanntesten Erziehungsbücher im sogenannten Dritten Reich und prägte die Erziehung im Nationalsozialismus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Haarers Bücher zunächst von den Alliierten verboten. Unter dem Titel Die Mutter und ihr erstes Kind wurde ihr erfolgreichstes Buch in überarbeiteter Fassung und ohne Hinweis auf die Erstausgabe später erneut herausgegeben, 1987 in letzter Auflage. Mit der Frage, wie diese Ratgeber noch heute Einfluss auf die Kriegskinder und deren Kinder nehmen, haben sich zahlreiche Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen befasst. Unter ihren Veröffentlichungen hat das Buch von Sigrid Chamberlain mit dem Titel Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind besondere Beachtung gefunden.
Die Autorin
Nachdem Johanna Haarer (1900–1988) im Alter von 23 Jahren ihr Staatsexamen als Ärztin abgelegt hatte, war sie in den folgenden zehn Jahren in ihrem Beruf tätig. Ihre erste Ehe scheiterte. In zweiter Ehe gebar sie 1933 Zwillinge und bekam später drei weitere Kinder. Mit der Geburt der Zwillinge gab sie ihre ärztliche Tätigkeit auf und begann zu schreiben – Kolumnen und Bücher zur Säuglingspflege und Kindererziehung. Eine pädagogische Ausbildung besaß sie nicht. Unter anderem veröffentlichte sie im Völkischen Beobachter. Im Jahr 1937 trat sie der NSDAP bei. 1945 wurde sie inhaftiert und verbrachte ein Jahr in drei verschiedenen amerikanischen Internierungslagern. 1946 nahm sich ihr zweiter Mann das Leben. Alle fünf Kinder wurden später „auf irgendeine Weise psychisch krank“, gab Sigrid Chamberlain an.
Nach dem Krieg erhielt Haarer keine Erlaubnis, sich als Ärztin in eigener Praxis niederzulassen. Bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 1965 war sie in verschiedenen Gesundheitsämtern in Bayern tätig. Sie starb 88-jährig. Anna Hutzel, eine ihrer Töchter, teilte in einem Telefonat mit Susanne Blumesberger von der Universität Wien im November 2000 mit, ein Gespräch über das Dritte Reich sei mit ihrer Mutter „nie möglich“ gewesen. Ihre nationalsozialistische Einstellung habe die Mutter bis zu ihrem Tod nicht aufgegeben. Innerfamiliäre Konflikte seien „mit Gewalt gelöst“ worden. Die Kinder hätten unter „der Gefühlskälte“ ihrer Mutter gelitten. Annas Schwester Gertrud veröffentlichte 2012 und damit knapp 25 Jahre nach dem Tod der Mutter sowohl deren Autobiografie als auch ihre eigene, in der sie die Angaben der Schwester bestätigte.
Die Dokumentarfilmerin Gabriele Dinsenbacher – selbst Jahrgang 1952 und Tochter eines Lehrerehepaares – besuchte Gertrud Haarer in Italien und ließ die 1942 geborene Tochter aus ihrem Leben erzählen. Im September 2019 veröffentlichte der Bayerische Rundfunk die Dokumentation auf seinem YouTube-Kanal. Sie war zuvor in der Reihe Lebenslinien unter dem Titel Meine deutsche Mutter gesendet worden.
Das Buch Inhalt mini|Mutter mit drei Kindern, Februar 1943
Das Buch umfasst zwölf Kapitel auf 275 Seiten. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde es um einen Anhang mit Ratschlägen zur Beschaffung der Säuglingsausstattung im Krieg unter Verwendung der Säuglings-Kleiderkarte ergänzt.
Kapitel I: Die erste Hälfte der Schwangerschaft Kapitel II: Die Aussteuer für das Kind Kapitel III: Die zweite Hälfte der Schwangerschaft Kapitel IV: Kleidung und äußere Erscheinung in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft Kapitel V: Kurz vor der Entbindung Kapitel VI: Die Entbindung Kapitel VII: Das Wochenbett Kapitel VIII: Die natürliche Ernährung an der Brust, das Stillen Kapitel IX: Die Pflege des jungen Säuglings Kapitel X: Die ausschließlich oder teilweise künstliche Ernährung im ersten Halbjahr Kapitel XI: Die Ernährung im zweiten Halbjahr Kapitel XII: Der ältere Säugling
Im Vorwort An die deutsche Frau! schreibt Haarer:zitiert nach Haarer, Die deutsche Mutter, 1941, S. 5 ff. Digitalisat des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien.
Zeitgenössische Rezeption Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind wurde ein Bestseller. Allein bis Kriegsende wurden 690.000 Exemplare verkauft.
Die Zeitschrift des Deutschen Frauenwerks schrieb über das Buch:zitiert nach Haarer, Die deutsche Mutter, 1941. Digitalisat des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien.
Haarers Ratschläge trugen die herrschende Ideologie in die Kinderstuben, wurden von den Nationalsozialisten gefördert und in den sogenannten Reichsmütterschulungen gelehrt – beispielsweise in der Reichsmütterschule Wedding und anderen Mütterschulen. Bis April 1943 hatten bereits drei Millionen Frauen an solchen Schulungen der NS-Frauenschaft teilgenommen. Auch in Kindergärten und Heimen war Haarers Ratgeber Grundlage der Erziehung.
Nach 1945 wurde das Buch – „vom gröbsten Nazijargon bereinigt“, mit etwas verändertem Titel und in anderen Verlagen – bis 1987 wieder veröffentlicht, jedoch ohne dass in den Nachkriegsausgaben ein Hinweis auf Titel und Jahr der Erstveröffentlichung erfolgte. Insgesamt erzielte das Buch eine Auflagenstärke in Millionenhöhe.
Kritik im 21. Jahrhundert Die Journalistin Anne Kratzer schrieb darüber 2018 in der Wochenzeitung Die Zeit:
Sigrid Chamberlain, die Haarers Erziehungsratgeber einer ausführlichen sozial- und politikwissenschaftlichen Analyse unterzogen und ihr ein ganzes Buch gewidmet hat, fasst die Ratschläge Haarers in einem Interview bei Barbara Tambour wie folgt zusammen:
Erwachsene, so Haarer, hätten sich „ruhig über die Fehler und Schwächen der Kinder lustig machen und sie verspotten dürfen“, ergänzt Chamberlain und erwähnt Zeitzeugen, die berichteten, wie sie beschämt und bloßgestellt wurden, nicht nur von den Eltern, sondern auch von Erzieherinnen. Zu den Folgen einer solchen Erziehung gehören unter vielem Anderen die Schwierigkeit, „liebevoll, einfühlsam und warmherzig“ mit den eigenen Kindern umzugehen, aber beispielsweise auch, die eigene „Wohnung schön und gemütlich einzurichten“, so Chamberlain. Hinzu komme eine große Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit.
Noch lange nach dem Krieg wurden viele Kinder von ihrer Mutter nie in den Arm genommen. Körperlichkeit beschränkte sich auf die Reinlichkeitserziehung, ansonsten war für Haarer „Hautberührung […] unerwünscht“.
Als geradezu „perfide“ bezeichnet Kratzer den Rat Haarers an die Mütter, „die Bedürfnisse ihrer Babys gezielt zu ignorieren“, weil besonders diese Empfehlung die transgenerationale Weitergabe befördere: „Wenn eine ganze Generation systematisch dazu erzogen worden ist, keine Bindungen zu anderen aufzubauen, wie kann sie es dann ihren Kindern oder Enkelkindern beibringen?“ Kinder, „die verführbar sind, nicht denken und nicht fühlen“, seien, so der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch, „praktisch für eine Kriegernation“.
In der 1949 gegründeten DDR wurde Haarers Buch nicht verlegt.
Die Autorin Annette Schlemm, 1961 in der DDR geboren, fand ein in ihrem Geburtsjahr in einem VEB-Verlag erschienenes Buch mit dem Titel Kleine Enzyklopädie. Die Frau. Darin werde betont, dass bei der Säuglingspflege „neben ‚größter Sauberkeit‘ auch ‚Regelmäßigkeit‘ besonders wichtig“ sei. Schlemm zitiert: „Schon der Säugling muß erfahren, daß er durch noch so kräftiges Schreien nicht die Erfüllung seiner Wünsche erzwingen kann“ – und quittiert dieses Zitat mit der Bemerkung „Johanna Haarer läßt grüßen“. Sie zitiert weiter: „Durch die Erziehungsmaßnahmen soll das Kind bei voller Entfaltung seiner persönlichen Eigenart lernen, daß es sich seiner Umgebung anzupassen hat und daß das Leben in Gemeinschaft nicht nur Vorteile, sondern auch Pflichten und Verzichte mit sich bringt, die das Kind nicht widerwillig, sondern freiwillig und freudig auf sich nehmen muß.“ Zum Ende ihrer vergleichenden Betrachtung von Erziehungsbüchern gibt Schlemm ihrer Hoffnung Ausdruck, „dass wenigstens die hier genannte Härte und Gefühllosigkeit als Ursache von gestörter Freude- und Lebensfähigkeit endgültig der Vergangenheit“ angehöre.
Der Verlag mini|hochkant|Ratgeber im Lehmanns Verlag
Die Erstveröffentlichung des Haarer-Buches erfolgte bei Julius Friedrich Lehmann (1864–1935), der seinen Verlag im September 1890 gegründet und ihm den Firmennamen J. F. Lehmanns gegeben hatte. Dieser Verlag sollte sich zu einem bedeutenden medizinischen Fachverlag entwickeln – nicht nur, aber auch wegen seiner anatomischen Atlanten.
Mario Heidler, der 2006 im Historischen Lexikon Bayerns die Verlagsgeschichte nachzeichnete, beschrieb, wie der Verlag „seit dem Ersten Weltkrieg zunehmend auch wehrwissenschaftliche sowie rassenkundliche und rassenhygienische Schriften“ herausgab. Seit 1929 förderte Lehmann die NSDAP und verlegte medizinische, völkische und rassistische Werke, darunter medizinische Ratgeber, welche die von ihm bevorzugte Ideologie zu verbreiten halfen. Auch hatte er den Verlag der Zeitschrift Münchener Medizinischen Wochenschrift (MMW) gekauft, die später in MMW – Fortschritte der Medizin umbenannt und von einer Tochtergesellschaft des Springer Medizin Verlages herausgegeben wurde. Dieser Neuerwerb festigte seine marktbeherrschende Stellung.
Friedrich Schwartz leitete nach Lehmanns Tod im Wesentlichen den Verlag, der im Dritten Reich mehrfach ausgezeichnet und, wie Heidler schreibt, als „kriegswichtig“ eingestuft wurde. Deshalb musste er, anders als andere Verlage, seine Tätigkeit nicht einstellen.
Die Alliierten verboten den Verlag 1945. Das medizinische Programm kaufte 1946 der Verlag Urban & Schwarzenberg auf. 1950 wurde der Verlag wiederbegründet und setzte seine Tradition fort – mit seinem Sortiment, aber auch politisch mit seiner Nähe zur Gesellschaft für freie Publizistik. Im Jahr 1979 wurde der Verlag aufgelöst, ohne seine frühere Bedeutung wiedererlangt zu haben. Der ursprüngliche Firmenname hielt sich für eine medizinische Buchhandlung noch bis 1997, als es zu einer Umbenennung in Lehmanns Fachbuchhandlung und – später – Lehmanns Media kam.
Analysen Unter dem Titel Brutstätten der Nation war 1988 von Ute Benz eine erste kritische Analyse des Haarer-Ratgebers im vierten Band der Dachauer Hefte publiziert worden, welcher der Medizin im NS-Staat gewidmet war.
Dreißig Jahre später sprach Rose Ahlheim in einem Interview über die innerseelischen Folgen der von Haarer vertretenen Pädagogik. Im selben Jahr ging Anne Kratzer mit ihrem Essay in Zeit Online der Frage nach, warum es zu diesem andauernden Einfluss kam. Ausführlicher als alle Anderen beschrieb Sigrid Chamberlain Haarers Ratgeber und die Spätfolgen dieser Erziehung.
Rose Ahlheim Unter dem Titel Nazi-Pädagogik und die Folgen: Johanna Haarer’s langer Schatten wurde im September 2018 ein Interview mit der Kinder- und Jugendlichenanalytikerin Rose Ahlheim auf YouTube veröffentlicht. Sie ist Herausgeberin der 2012 erschienenen Autobiografien von Johanna Haarer und ihrer Tochter Gertrud. Zu Beginn des Interviews, das Sachinformationen ergänzt durch Anekdoten vermittelt, korrigiert sie einen häufigen Irrtum: Haarer werde oft für eine Kinderärztin gehalten, sei tatsächlich aber Lungenfachärztin gewesen.
Haarers Buch