mini|Das Oberste Gericht in Warschau Am modernen Bau des Obersten Gerichts (polnisch Sąd Najwyższy) Polens in Warschau gegenüber dem Krasiński-Palast, heute Nationalbibliothek, sind 86 Inschriften zu lesen. Es sind lateinische Rechtssätze, vorwiegend römische, mit Quellenangaben sowie ihre polnische Übersetzung. Selbst dem nur Vorübergehenden fallen sie ins Auge. Denn die ehernen Lettern der Inschriften sind vorwiegend an den markanten mit der Waage der Iustitia geschmückten Stützpfeilern der gläsernen Außenfassade angebracht, einige wenige Inschriften befinden sich auf Pfeilern im Innenbereich des 1999 fertig gestellten Komplexes der Architekten Marek Budzyński und Zbigniew Badowski.
Die Quellen der lateinischen Inschriften Hauptquelle der ausgewählten lateinischen Inschriften ist die umfassende Kodifikation des Römischen Rechts, das sogenannte Corpus Iuris Civilis, das der oströmische Kaiser Justinian I. in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts n. Chr. veranlasste. Insgesamt 73 Inschriften stammen direkt oder indirekt aus dem mehrteiligen Werk, dessen Einzelteile Institutionen, Digesten oder Pandekten und Codex Iustinianus auf den Stützpfeilern jeweils mit ihren Anfangsbuchstaben als I., D. und ad D. (Erläuterung zu) sowie C. und ad C. abgekürzt sind. Zu den übrigen Inschriften der insgesamt 86 Sentenzen gehört als älteste ein Ausschnitt aus dem Zwölftafelgesetz, der ersten Kodifikation des Römischen Rechts, aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr., zwei Inschriften sind dem juristischen Lehrbuch des namhaften Juristen Gaius unter den römischen Kaisern des 2. Jahrhunderts n. Chr. entnommen, eine kleine Gruppe umfasst Zitate römischer Schriftsteller, sie entstammen dem Werk De Lingua Latina (Über die Lateinische Sprache) des Varro, 116 bis 27 v. Chr., den Werken Ciceros, 106 bis 43 v. Chr., De Officiis (Vom pflichtgemäßen Handeln), De Re Publica (Über den Staat), De Legibus (Über die Gesetze) und der Verteidigungsrede für Milo – Pro Milone, sowie den Briefen an Lucilius – Epistulae morales ad Lucilium von Seneca, ca. 1 v. Chr. bis 65 n. Chr., dem Philosophen und Erzieher Neros, und den Saturnalien – Saturnalia des Macrobius, 385/390 bis ca. 430 n. Chr., der als Kommentator des Somnium Scipionis von Ciceros Schrift De re publica bekannt ist. Polnischen Ursprungs sind nur zwei Inschriften. Die eine greift auf eine Inschrift zurück, die bereits in den Gerichten des alten Polens zu lesen war und an den Psalm 75,3 des Alten Testaments angelehnt istF. Longchamps de Bérier, 429, die andere ist aus dem Jedlno-Krakau-Privileg, der sogenannten polnischen „Magna Charta“, die 1433 von König Władysław II. Jagiełło bestätigt wurde.
Das Auswahlgremium Ausgewählt und ins Polnische übersetzt wurden die 86 Sentenzen von einem Team unter Vorsitz des Juraprofessors Witold Wołodkiewicz, zu dessen Spezialgebieten das römische Recht und dessen Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Rechtskultur sowie Rechtsgeschichte und Rechtsvergleich gehören.
Die lateinischen Sentenzen mit Quellenangabe samt dt. Übersetzung Wortlaut und Reihenfolge der lateinischen Inschriften werden im Folgenden aufgeführt, wie es von W. Wołodkiewicz für das Oberste Gericht in Warschau vorgegeben wurde, danach folgt die Übersetzung ins Deutsche.
Qui munus publice mandatum accepta pecunia ruperunt, crimine repetundarum postulantur (D. 48.11.9) – Wer das ihm übertragene öffentliche Amt durch Annahme von Geldgeschenken missbraucht, wird wegen Bestechung gerichtlich belangt Minime sunt mutanda, quae interpretationem certam semper habuerunt (D. 1.3.23) – Keineswegs darf man ändern, was stets eine bestimmte Auslegung gehabt hat Qui non facit quod facere debet, videtur facere adversus ea, quia non facit (D. 50.17.23) – Wer das Gebotene unterlässt, gilt als einer, der entgegen dem Gebotenen handelt, weil er nicht handelt Ubi eadem legis ratio, ibi eadem legis, dispositio (ad D. 9.2.32 pr) – Wo der Grundgedanke des Gesetzes gleich ist, ist auch die Anordnung des Gesetzes gleich Ius publicum privatorum pactis mutari non potest (D. 2.14.38) – Das öffentliche Recht kann durch Verträge von Privatpersonen nicht geändert werden Non ex regula ius sumatur, sed ex iure quod est regula fiat (D. 50.17.1) – Das Recht soll nicht aus der Regel abgeleitet werden, sondern umgekehrt die Regel aus dem Recht In legibus magis simplicitas quam difficultas placet (I. 2.23.7) – Bei der Formulierung der Gesetze findet eher die einfache als die schwierige Anklang Optima est legum interpres consuetudo (D. 1.3.37) – Die beste Interpretin der Gesetze ist die Gewohnheit Ius civile vigilantibus scriptum est (D. 42.8.24) – Das Recht der (römischen) Bürger ist für die Wachsamen geschrieben Leges ab omnibus intellegi debent (C. 1.14.9) – Gesetze müssen von allen verstanden werden Scire leges non hoc est verba earum tenere, sed vim ac potestatem (D. 1.3.17) – Die Gesetze zu kennen heißt nicht, sich an ihren Wortlaut zu halten, sondern an ihren Sinn und ihre Bedeutung Placuit in omnibus rebus praecipuam esse iustitiae aequitatisque quam stricti iuris rationem (C. 3.1.8) – Man hat für gut empfunden, dass in allen Fällen die Rücksicht auf Gerechtigkeit und Angemessenheit höher steht als die Rücksicht auf das strikte Recht Non omnis vox iudicis iudicati continet auctoritatem (C. 7.45.7 pr.) – Nicht jedes gesprochene Wort des Richters hat die Autorität einer gerichtlichen Entscheidung Advocatorum error litigatoribus non noceat (C. 2.9.3 pr.) – Ein Irrtum der Anwälte soll den Streitparteien nicht schaden Incivile est nisi tota lege perspecta una aliqua particula eius proposita iudicare vel respondere (D. 1.3.24) – Nicht dem Recht gemäß ist es, ein Urteil zu sprechen oder einen richterlichen Bescheid zu geben, wenn man nur irgendein kleines Detail zugrunde legt, ohne das Gesetz als Ganzes zu berücksichtigen Iura non in singulas personas, sed generaliter constituuntur (D. 1.3.8) – Rechtsbestimmungen werden nicht für einzelne Personen, sondern für die Allgemeinheit verfasst Omnis definitio in iure civili periculosa est: parum est enim, ut non subverti posset (D. 50.17.202) – Jede Definition des für römische Bürger geltenden Rechts ist gefährlich: selten nämlich ist sie unwiderlegbar Satius enim esse impunitum relinqui facinus nocentis quam innocentem damnari (D. 48.19.5 pr.) – Es ist nämlich besser, dass das Verbrechen eines Täters ungestraft bleibt als dass ein Unschuldiger verurteilt wird Nullus videtur dolo facere, qui iure suo utitur (D. 50.17.55) – Wer von seinem Recht Gebrauch macht, gilt nicht als jemand, der arglistig handelt Nemo enim in persequendo deteriorem causam, sed meliorem facit (D. 50.17.87) – Durch Strafverfolgung macht jeder niemand einen Fall nicht schlimmer, sondern besser Iuris prudentia est divinarum atque humanarum rerum notitia, iusti atque iniusti scientia (D. 1.1.10.2) – Rechtswissenschaft ist die Kenntnis der menschlichen und göttlichen Dinge, die Wissenschaft vom Gerechten und Ungerechten Dolum malum facit qui ex aliena iactura lucrum quaerit (D. 14.3.17.4) – Arglistig handelt, wer aus fremdem Verlust Gewinn macht Is damnum dat, qui iubet dare (D. 50.17.169) – Derjenige fügt den Schaden zu, der dessen Ausführung anordnet Nam hoc natura aequum est neminem cum alterius detrimento fieri locupletiorem (D. 12.6.14) – Denn dies ist von Natur aus gerecht und billig, dass keiner sich zum Nachteil eines Mitmenschen bereichert Nulla pactione effici potest, ne dolus praestetur (D. 2.14.27.3) – Vertraglich kann nicht erreicht werden, dass für eine List nicht gehaftet wird Reformatio in peius iudici appellato non licet (D. 49.1.1 pr) – Einem Richter, den man (zwecks Berufung) angerufen hat, ist eine Urteilsänderung zum Schlechteren nicht erlaubt Nemo auditur propriam turpitudinem allegans (ad C. 7.8.5) – Niemand wird Gehör geschenkt, der sich auf sein eigenes schändliches Handeln beruft Cogitationis poenam nemo patitur (D. 48.19.18) – Niemand wird für den bloßen Gedanken bestraft Dolus non praesumitur (D. 22.3.18.1) – Von Arglist wird nicht ausgegangen Iustitias vestras iudicabo (napis na ścianie trybunałów w dawnej Polsce – eine Inschrift in den Gerichten des alten Polen) – Ich werde eure Gerechtigkeit richtenIm Reichstribunal in Lublin war die Inschrift neben dem Kruzifix angebracht und damit Jesus in den Mund gelegt, vgl. F. Longchamp de Bérier, 429. Ihr gingen die unmittelbar an die Richter adressierten Worte voraus „Iuste iudicate, nam“ – „Richtet gerecht, denn“. Vgl. online (PDF). Im AT lautet der Psalmausschnitt „Iustitias iudicabo“ – Ich werde gerecht richten. Neminem captivabimus nisi iure victum (na podstawie przywilejów Władysława Jagiełły z lat 1430-33 – basierend auf dem Privileg des Władysław Jagiełło)Ladislaus Jagellio, Großfürst von Litauen, wurde 1386 durch die Heirat mit Hedwig von Anjou (genannt Jadwiga), die seit 1384 gekrönter „König“ von Polen war, König von Polen. Nachdem die beiden zuerst gemeinsam regierten, herrschte König Ladislaus Jagiellio nach dem Tod seiner Gemahlin (1399) noch bis 1434. Beigesetzt ist er im Wawel in Krakau. – Niemanden werden wir gefangen setzen, es sei denn er ist vom Gericht überführt Cessante ratione legis, cessat ipsa lex (ad D. 35.1.72.6) – Fällt der Sinn eines Gesetzes weg, so fällt das Gesetz selbst weg Cum in verbis nulla ambiguitas est, non debet admitti voluntatis quaestio (D. 32.25.1) – Wenn die Worte unzweideutig sind, darf nach dem Gemeinten nicht gefragt werden Male nostro iure uti non debemus (Gaius 1.53) – Wir dürfen unser Recht nicht missbrauchen Ius est ars boni et aequi (D. 1.1.1 pr.) – Das Recht ist die Kunst des Guten und Angemessenen Non exemplis, sed legibus iudicandum est (C. 7.45.13) – Nicht anhand von Beispielen, sondern nach Gesetzen ist ein Urteil zu fällen Nulla poena sine lege (D. 50.16.131.1) – Keine Strafe ohne Gesetz Quod ad ius naturale attinet, omnes homines aequales sunt (D. 50.17.32) – Nach dem Naturrecht sind alle Menschen gleich Delicta parentium liberis non nocent (ad C. 6.7.2 pr) – Verbrechen, die die Eltern begangen haben, gereichen den Kindern nicht zum Nachteil Nulla iniuria est, quae in volentem fiat (D. 47.10.1.5) – Kein Unrecht ist, das an jemanden mit dessen Einwilligung geschieht Dura lex, sed lex (ad D. 40.9.12.1) – Das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz Quod omnes similiter tangit, ab omnibus comprobetur (C. 5.59.5.2) – Was alle in ähnlicher Weise angeht, bedarf der Zustimmung von allen Summum ius summa iniuria (Cicero, de off. 1.33) – Das höchste Recht kann zur höchsten Ungerechtigkeit werden (durch allzu spitzfindige, aber arglistige Auslegung des Rechts) Alienus dolus nocere alteri non debet (D.44.4.11 pr.) – Fremde Arglist darf einem anderen nicht schaden Res iudicata pro veritate accipitur (D. 50.17.207) – Ein rechtskräftiges Urteil gilt als Wahrheit Legem brevem esse oportet (Seneca, ep. 94.38) – Ein Gesetz soll kurz sein In omnibus quidem, maxime tamen in iure aequitas spectanda sit (D. 50.17.90) – Gewiss ist in allem auf Gerechtigkeit zu achten, vorrangig jedoch beim Recht Vanae voces populi non sunt audiendae (C. 9.47.12) – Auf die unzuverlässigen Stimmen des Volkes darf man nicht hören Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi (D. 1.1.10 pr.) – Gerechtigkeit ist der beständige und nachhaltige Wille jedem sein Recht zu gewähren Non omne quod licet honestum est (D. 50.17.144 pr.) – Nicht alles, was erlaubt ist, ist ehrenhaft Leges bonae ex malis moribus procreantur (Macrobius sat. 3.17.10) – Gute Gesetze erwachsen aus schlechten Sitten Quid est enim civitas nisi iuris societas civium (Cicero, de re publ. 1.49) – Was ist ein Staat nämlich anderes als eine Rechtsgemeinschaft von Bürgern Legem bonam a mala nulla alia nisi naturae norma dividere possumus (Cicero, de leg. 1.44) – Ein gutes Gesetz können wir von einem schlechten nur unterscheiden, wenn wir den Maßstab der Natur anlegen