mini|Folkfestival Lenzburg (1975) mini|

Das Folkfestival Lenzburg war ein Musikfestival, das in den Jahren 1972 bis 1980 in der Regel am letzten Juniwochenende auf Schloss Lenzburg in Lenzburg im Kanton Aargau stattfand. Es war das erste und einflussreichste Folkfestival der Schweiz.Christine Burckhardt-Seebass: «Gang, hol d’Gitarre…» : das Folk-Festival auf der Lenzburg 1972-1980 und die schweizerische Folk-Bewegung : eine Skizze. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde. 1987, S. 156. (doi:10.5169/seals-117606)

thumb|Auftakt des Festivals 1972 durch Dani Perret am Dudelsack Musiziert wurde vorwiegend mit akustischen Saiteninstrumenten, auf den Bühnen im Schlosshof und im Rittersaal mit Mikrofonen verstärkt, gelegentlich mit Tonabnehmer ab halbakustischer Gitarre oder E-Bass. Im Lauf der Jahre entwickelte sich auf der Lenzburg eine Vielfalt von Stilen, Sprachen und Instrumenten. Seltene Gäste waren jedoch Folkrock- und Mundartrockbands mit Schlagzeug. Das lag zum einen am Selbstverständnis des Folkfestivals Lenzburg als Fest und Werkschau der Folkszene. Möglichst viele aktive Musiker sollten auftreten können, wenn auch im Viertelstundenrhythmus und ohne Gage. Pausen für Umbau und Soundcheck gab es nicht. Zum zweiten war der Zugang zum Schloss mit schwerem Equipment beschwerlich. Alles musste mit einem Handkarren den Schlossweg hinaufgeschleppt und dann mit der Seilwinde zur Eingangspforte hochgezogen werden.

Geschichte mini|Im Rittersaal (1975) mini|Tanz im Rittersaal (1975) Initiator war Daniel Perret vom British & American-Folksong Club Zürich. Zusammen mit Dick Watts und Ueli (Chita) Fricker vom Folk Club Bern organisierte er das erste Folkfestival auf der Lenzburg im Juni 1972.

Nach dessen Erfolg war man sich einig, dass das Festival im nächsten Jahr fortgesetzt und erweitert werden sollte. Man konstituierte das Organisationskomitee unter Beizug des Kassiers Helmut Marschall und des Radioredaktors Benno Kälin als Verein. Mitglieder der Folk Clubs wirkten als Helfer. Als das Festival wuchs, formierte sich ein schliesslich neunköpfiges, ehrenamtlich wirkendes Organisationskomitee mit Aktivisten der Folk Clubs Zürich, Bern und St. Gallen.Im Organisationskomitee wirkten mit: Daniel Perret, Zürich (1972 – 1978), Ueli (Chita) Fricker, Bern (1972 – 1979), Richard (Dick) Watts, Zürich (1972 – 1975), Benno Kälin, Bern (1973 – 1976), Helmut Marschall, Bern (1973 – 1980), Silvio Ballinari, Bern (1974 – 1980), Urs Klauser, Bühler AR (1974 – 1980), Peter Maurer, Grub AR (1974 – 1975), Peggy Moser, Zürich (1975), Christof Koch, St. Gallen (1975 – 1977), Urs Hostettler, Bern (1976 – 1978), Urs Eschmann, Zürich (1976 – 1980), Charly Kästle, Zürich (1976 – 1977), Doris Ballinari-Gerber, Bern (1977 – 1979), Bernhard Anliker, Bern (1978 – 1980), Mario Senti, Luzern (1978 – 1980), Marcus Caluori, St. Gallen (1979 – 1980).

1972 Das erste Folkfestival 1972 ging vom Samstagmittag bis abends um 22 Uhr im Rittersaal über die Bühne. Zudem wurde draussen frei musiziert.

Der Gründer Dani Perret eröffnete mit seinem Dudelsack, danach traten Bands und Einzelmusiker aus Zürich, Bern, St. Gallen, Basel und Lausanne mit Kurzprogrammen auf, u. a. war auch eine amerikanische Strassenmusikband mit dabei.

1973 mini|Plakat von 1973 1973 war das Festival etwas grösser, aber immer noch eintägig. Nun stand auch im Schlosshof eine Bühne, man konnte dank gutem Wetter mehr Besucher einlassen. Im Bestreben, die Schweizer Volksmusik mit der Folkmusik zu vereinigen, wurden Exponenten der Volksmusik eingeladen: Der junge Akkordeonist Carlo Brunner und der Historiker und Volkslied-Interpret Hans Peter Treichler traten auf. Bluegrass- und Countrybands begannen Schweizer Melodien zu integrieren.

Internationale Gäste waren John James aus Wales sowie Roy Bailey und Johnny Handle aus England.

1974 mini|Plakat von 1974 Zweitägiges Festival, wegen Terminkollisionen ausnahmsweise am 6./7. Juli. Neben der Hauptbühne im Schlosshof und dem Rittersaal wurden Stapferhaus und Bergfried für Workshops und Kleinkonzerte miteinbezogen. Erstmals erschienen die Höhepunkte der Lenzburg auf einer Doppel-Langspielplatte (LP). Mit darauf u. a. ein altes Schweizer Täuferlied (Dr Haslibacher) und der Politsong D Ballade vo dr Münschter-Fähri.

Das Festival war jetzt weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt. Ein Grund dafür war seine einzigartige Atmosphäre auf dem mittelalterlichen Schloss. Diese Einzigartigkeit hatte nicht nur Vorteile. Zum grossen Problem wurde der beschränkte Platz auf der Lenzburg angesichts einer rasch wachsenden Folkszene. 900 Tickets im Vorverkauf (Schlechtwetter-Variante), bei gutem Wetter noch 1500 Tickets an der Tageskasse – das war zu wenig. Weil viele Tausend Ticket-Bestellungen eingingen, Tendenz steigend, musste man die Eintritte verlosen.

Internationale Gäste waren Planxty und Na Filí aus Irland, Leon Rosselson, Roy Bailey, Pete Stanley und Roger Knowles und der Pianist Paul Millns aus England sowie wieder John James aus Wales.

1975 Am vierten Folkfestival auf der Lenzburg 1975 wurden neben ausländischen Bands wie immer auch Exponenten der Schweizer Volksmusik eingeladen. Diesmal die Walliser Gebrüder Volken mit ihrem vierhändig gespielten Hackbrett und die Kapelle Mythenholz. Deren Bassist Dominik Marty war die Attraktion des Festivals. Ein bärtiger 100-kg-Mann, der beim «Gäuerle», einem wilden Werbetanz, über sein in den Händen gehaltenes Fazenettli (Halstüchlein) sprang.

In der Schweiz und im süddeutschen Raum hatte sich inzwischen eine lebendige Liedermacherszene entwickelt. Einige Bands widmeten sich einheimischen Liedern und Tänzen oder entwickelten eigene Formen der akustischen Musik (am bekanntesten: Pfuri, Gorps & Kniri).

Noch immer war die Lenzburg vor allem ein Treffen der Folkmusikanten. Das Programm bestand aus 70 bis 80 Kurzauftritten. Gagen wurde keine ausbezahlt, nur Reisespesen und Verpflegung für die Auftretenden samt Begleitung. Die malerische Umgebung des mittelalterlichen Schlosses mit seiner Platzbeschränkung, Schlossmiete statt Sponsoren liessen keine Veranstaltung mit Stars und grossen Gagen zu. Publikumsmagnete waren auch nicht vonnöten. Der Publikumsandrang übertraf das Platzangebot um ein Mehrfaches.

Internationale Gäste waren aus den USA der innovative Banjoist Bill Keith, der Fingerpicking-Gitarrist Eric Schoenberg und (der in Antwerpen niedergelassene) Derroll Adams, Hannes Wader und Christof Stählin aus Deutschland, Rum aus Belgien, An Triskell aus der Bretagne, Pierre Bensusan aus Frankreich, aus England Martin Carthy, Roy Bailey und die Etchingham Steam Band.

Fotogalerie 1975

1976 1976 wurde die Volksliedersammlung Im Röseligarte neu aufgelegt, die bekannten Singbüchlein vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Folk war auch kommerziell interessant geworden. Folk-Lokale und , auch Folkfestivals vermehrten sich stark. Um die 140 Bands und Solisten bewarben sich für Auftritte auf der Lenzburg. Die Vielfalt war gross.

Das Festival-Wochenende vom 3. und 4. Juli 1976 war sehr sonnig und heiss. Einige Wetterstationen verzeichneten gar einen Hitzerekord. Kleinkonzerte im steinernen Bergfried und Workshops im Stapferhaus waren begehrt, manche verzogen sich unter den Schatten der Bäume, während die sengende Sonne im Schlosshof unter den Besuchern zu über vierzig Hitzschlägen führte. Saiteninstrumente auf der Hauptbühne waren trotz Baldachin bereits nach wenigen Minuten verstimmt, die Klänge zunehmend kakophonisch. Erst nach Einbruch der Dunkelheit wurde wieder mit Elan musiziert und auch getanzt. Mangels brauchbaren Materials wurde in diesem Jahr nur eine einfache statt einer Lenzburg-Doppel-LP gepresst.

Internationale Gäste waren neben dem Dauergast John James die Newgrass-Band Southbound, das Ensemble Catalin Tarcolea aus Rumänien, Lillebjørn Nilsen und Steinar Ofsdal aus Norwegen, Le Claque Galoche aus Frankreich, die Zwillinge Hein und Oss Kröher aus Deutschland und Almanacco Popolare aus Italien.

Ein Höhepunkt des Festivals war am Sonntagabend der Auftritt der Im Bode Band um den Bündner Songpoeten Walter Lietha.

1977 1977 wurde am ersten Juli-Wochenende erstmals auch das Folkfestival auf dem Gurten bei Bern durchgeführt. Platz war da fast unbeschränkt vorhanden. Lenzburg und Gurten hatten verschiedene Gesichter, arbeiteten aber zusammen. Die internationalen Gäste konnten an zwei Festivals auftreten, auch hatten die vielen Besteller, die kein Ticket für die Lenzburg zugelost bekamen, nun eine echte Alternative.

Ein Glanzpunkt des diesjährigen Festivals war die Husmusig Jeremias. Das war der alte Geiger Märku Hafner, ein Volksmusikant seit vielen Jahren und ein ausgezeichneter Kenner dieser Musik, der mit jüngeren Leuten aus der Folkszene zusammengespannt hatte. Der Parsenn Schuss wurde zur neuen Hymne der Schweizer Folkszene.

Gleichzeitig mit dem Folkfestival Lenzburg war auf Samstag, den 25. Juni, eine nationale Demo gegen das (im Bau befindliche) AKW Gösgen angesagt. Der Marsch auf Gösgen sollte auf dem Gelände des AKWs enden. Da sollte die Zufahrtstrasse durch eine Besetzung mit Zeltdorf und Festzelt blockiert werden. Gösgen war nur gerade 20 km von der Lenzburg entfernt. Viele junge Menschen hätten gerne an beiden Anlässen teilgenommen. Das betraf auch Musiker, die für die Lenzburg zugesagt hatten, ganz besonders den bekanntesten AKW-Protestsänger Aernschd Born. Der machte aus der Not eine Tugend: Er organisierte Shuttle-Busse zwischen der Lenzburg und Gösgen. Diese würden interessierte Musiker und Besucher am Samstagabend zum Fest in Gösgen fahren, auch zur Übernachtung, am Sonntagmorgen zurück auf die Lenzburg.

Der Demonstrationszug auf Gösgen wurde aber am Samstagnachmittag durch ein grosses interkantonales Polizeiaufgebot gestoppt und in die Flucht geschlagen. Es gab dort weder ein Fest noch ein Zeltlager. Aernschd Born musste sein Shuttle-Angebot rückgängig machen. Zudem war er empört über den harten Polizeieinsatz und tat dies auch kund. Als er so den Auftritt der Husmusig Jeremias im Rittersaal unterbrach, erntete er vom Tanzvolk Pfiffe und geriet mit dem Publikum in Konflikt. Dies machte eine Journalistin zur Schlagzeile, worauf wiederum Vertreter des Kantons Aargau dem Folkfestival Lenzburg ein Politstatut abverlangten.

Regengüsse am späten Samstagnachmittag und wechselhaftes Wetter am Sonntag führten zu zahlreichen Programmumstellungen. Am Sonntag ging das Hauptprogramm im Rittersaal über die Bühne, im Schlosshof musizierten während der Aufhellungen die flexibleren Strassen- und Tanzmusikgruppen.

Internationale Gäste waren die nordenglische A-cappella-Gruppe The Watersons, verstärkt durch den Gitarristen und Folksinger Martin Carthy. Roy Bailey war wieder da. Kolinda aus Ungarn, Gerd Schinkel, Moin und die Tonschusser aus Deutschland. Die Doppel-LP erschien als Joint Venture mit dem Gurtenfestival.

1978 Beim siebten Folkfestival auf der Lenzburg 1978 waren Immigranten-Gruppen das Schwerpunkt-Thema. In der Schweiz wohnende Italiener, Türken, Jugoslawen, Südamerikaner und Tibeter waren auf die Lenzburg eingeladen.

Zum ersten Mal überhaupt war das Wetter an diesem Festival durchwegs garstig. Heftige Platzregen machten Wiese und Kiesplatz sumpfig, auch wenn der Himmel zeitweise wieder aufhellte. Das wurde zum Problem für die Ensembles aus der Türkei, aus Bosnien und aus Kroatien, die alle Tanzgruppen mitgebracht hatten. Das wechselhafte Wetter machte geplante Tanzsessionen mehrfach zunichte, bis diese nur noch zu Kurzauftritten während der Essenszeit im Rittersaal kamen.