Binding Passions. Tales of Magic, Marriage and Power at the End of the Renaissance ist ein Buch des Historikers Guido Ruggiero, welches 1993 bei der Oxford University Press erschienen ist. In fünf Abschnitten werden die Themen Sexualität, Ehe, Macht, Magie und Alltagsleben in der Region Venedig zur Zeit der italienischen Renaissance untersucht. Das Buch kann der Forschungsdisziplin der Mikrogeschichte zugeordnet werden, diese Einordnung ist aber umstritten.
Erkenntnisinteresse und Vorgehen Dem Buch liegt die These zugrunde, dass Ende des 16. Jahrhunderts die verborgenen Leidenschaften passions, besonders die körperlichen Leidenschaften passions of the flesh, in eine Parallelwelt mit eigenen Werten, Regeln und eigener Kultur verschoben wurden. Dies, da die christlich geprägte Gesellschaft eine Unterdrückung dieser passions verlangte.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 12. Das Ziel des Buches ist die Erforschung dieser Parallelwelt. Ruggiero legt dabei weitere Aspekte fest, deren Funktion und Signifikanz er näher untersuchen will und definiert sie als: „Prostitution, Konkubinat, Liebes-Zauber, abtrünnige Kleriker, Doppelstandards bezüglich männlicher Promiskuität, soziale Hierarchie die über die Schikane der Frauen unterer Klassen hinwegsieht und ein Bild von Sex das mit einer passiv-aktiven Dialektik die leicht in Gewalt abrutschen kann einhergeht.“Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 12. Bereits in der Einleitung wird erwähnt, dass seine Erwartungen einer grundsätzlich gegensätzlichen Parallelwelt nicht erfüllt wurden. Er stieß stattdessen auf eine leicht verschobene Parallelwelt, in der ähnliche Formen im Umgang mit passions vorherrschten, wie sie auch in der Gesamtgesellschaft vorzufinden waren. Jedoch waren die damit verbundenen Bedeutungen anders als in der Gesamtgesellschaft und laut Ruggiero oft auch poetischer aufgeladen.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 13.
Der Autor geht davon aus, dass im untersuchten Zeitraum Ende des 16. Jahrhunderts die Parallelwelt durch die lokale Inquisition sichtbarer und fassbarer wurde, da viele detaillierte Befragungs- und Prozessakten entstanden.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 12. So stützte er sich in seiner Arbeit hauptsächlich auf Prozessakten und Unterlagen aus dem Staatsarchiv von Venedig, dem Archivio della Curia Vescovile di Feltre und auf die Aufzeichnungen aus dem Archiv des Holy Office von Venedig.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 19. Das Holy Office of Venice wurde 1547 im Rahmen der lokalen Inquisition gegründet und stellte eine Kooperation zwischen der säkularen Stadtregierung von Venedig und der Kirche dar. Das Ziel dieses Körpers war die Bekämpfung von Häresie, Hexerei, Magie und des Aberglaubens.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 9.
Aus seinen Recherchen baute Guido Ruggiero fünf Geschichten auf, welche er mit historischen Hintergründen und Einordnungen ergänzte. So verwendete er beispielsweise auch Literatur aus dem 16. Jahrhundert, wie im ersten Kapitel Auszüge aus Pietro Aretinos Ragionamenti, die er kommentierte und mit deren Hilfe er versuchte, einzelne Motive in damalige Perspektiven einzuordnen.
Guido Ruggiero beschreibt sein Vorgehen als historisches Geschichtenerzählen, wobei er versucht das Geschichtenerzählen mit der Mikrogeschichte zu verbinden. Sein Ziel ist es, analytische Technik um eine ästhetische Dimension zu erweitern und somit das Leseerlebnis unterhaltsam zu gestalten.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 19–20. Es ist nicht sein Anliegen, endgültige Wahrheiten darzulegen, sondern den Leser mit gut recherchierten Geschichten an die Alltagswelt und das Thema der passions im Venedig des späten 16. Jahrhunderts heranzuführen.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 18. Einflüsse auf die historische Erzählschreibweise stammen laut Guido Ruggiero von den Historikern Carlo Ginzburg, Edoardo Grendi, Natalie Zemon Davis, Gene Brucker, David Sabean, Robert Darnton und John Demo.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 18–19. Das Buch ist Natalie Zemon Davis und Gaetano Cozzi gewidmet.
Inhaltsangabe Das Buch ist in fünf Abschnitte unterteilt in welchen jeweils voneinander unabhängige Geschichten erzählt werden.
Einleitung: Carne Vale and Carnival
In der Einleitung wird anhand des Falles zweier junger Edelmänner, die eine Prostituierte während des Karnevals in Venedig bedrängten, in die Fragestellung, methodische Vorgehensweise, Hintergründe und Themenkomplexe des Buches eingeführt (siehe dazu Erkenntnisinteresse und Vorgehen). Am Bild des Karnevals, einer Zeit des Ausnahmezustands erläutert Ruggiero das titelgebende Thema der Binding Passions, zu Deutsch etwa: das (Zurück-)Binden der Leidenschaften. Laut ihm werden in der westlichen Tradition das Fleisch/der Körper und seine Leidenschaften seit jeher auf verschiedene Arten als bedrohlich eingestuft. Dem Gegenüber stünden jeweils auch „korrekte“ Formen der Leidenschaften, welche zur Ordnung der Gesellschaft beitrügen.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 11.
Love Bound: Adriana Savorgnan, Common Whore, Courtesan and Noble Wife
Der erste Teil des Buches handelt von Adriana Savorgnan, einer Kurtisane aus der Stadt Venedig. Sie heiratete Marco Dandolo, der einer der wichtigsten Familien der Stadt angehörte. Seine Familie wollte die Ehe annullieren lassen und klagte Adriana vor dem Holy Office an, Marco mittels eines Liebes-Zaubers an sich gebunden und zur Ehe gezwungen zu haben. Die Themen, welche in diesem Abschnitt näher beleuchtet werden, umfassen die Beziehung zwischen den Welten der Kurtisanen und Eliten, sowie das Leben der Prostituierten und die sozialen Stufen, welche unter den Prostituierten existierten.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 20. In diesem Kapitel konzentriert sich Ruggiero vor allem auf die Grenzen von Klasse und Status, die Adriana in ihrer Rolle als Prostituierte festbanden und die auch Marco mithilfe von Werten und Familienehre gebunden hatten. Dabei untersucht er die Aspekte der Prostitution, des Konkubinats und der Liebes-Zauber genauer und wie sie mit den Grenzen von Klasse und Status zusammenhingen.
„More Dear to Me Than Life Itself“: Marriage, Honor, and a Woman’s Reputation in the Renaissance
Im zweiten Teil wird Elena Cumano vorgestellt. Elena Cumano war die Tochter eines Anwalts und lebte in der kleinen Stadt Feltre. Sie wurde von ihrem aus angesehener Familie stammenden Liebhaber Gianbattista Faceno geschwängert, nachdem dieser ihr das Versprechen gegeben hatte sie zu heiraten. Bevor er dieses jedoch eingelöst hatte, verschwand er aus ihrem Leben. Ihr wurde vom Holy Office vorgeworfen, sie habe versucht Gianbattista Faceno mittels einer Wachsfigur, Magie und Hexerei an sich zu binden. In diesem Abschnitt werden die Themen der Hochzeit, Ehe, Familie, Familienehre, Sozialer Hierarchie, Liebes-Zauber, Anschuldigungen der Hexerei und deren Auswirkungen behandelt.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 21. Dabei versucht Ruggiero die komplexen Zusammenhänge zwischen Ehe, Ehre und Ansehen aufzuzeigen und wie dieses Geflecht von einzelnen Frauen zu ihrem Vorteil genutzt wurde.
That Old Black Magic Called Love
Der dritte Abschnitt des Buches handelt von der Zusammenarbeit zwischen der venezianischen Kurtisane Paolina di Rossi und dem Kleriker Don Felice di Bibona. Hauptsächlich geht es hierbei um die Welt der Liebes-Zauber, welche durch Frauen und deren Netzwerke geprägt wurde. Damit verbunden waren auch spirituelle, körperliche, räumliche und verbale Dimensionen, auf welche in diesem Abschnitt näher eingegangen wird.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 21. Ruggiero geht außerdem besonders auf die Adaption von christlichen Zeichen, Worten und Symbolen im Bereich von magischen Handlungen ein. Wobei aufgezeigt wird, wie in dieser Parallelwelt des Glaubens an das Magische bekannte Systeme aufgegriffen und in ihrer Bedeutung abgewandelt oder ergänzt wurden.
The Women Priests of Latisana: Apollonia Madizza and the Ties That Bind
Im vierten Teil geht es um Apollonia Madizza, die aus der kleinen Stadt Latisana stammte. Apollonia und ihre Verbündeten wurden als Hexen angeklagt. Dennoch wurden sie von der Dorfgemeinschaft stark geachtet. Ihre Magie war eingebettet in spirituelle Praktiken, welche für die Gemeinschaft von so großer Bedeutung waren, dass Apollonia und ihre Verbündeten als eine Art Priesterinnen des Dorfes betrachtet wurden. In diesem Abschnitt wird die Magie der Liebes-Zauber in einen lokalen Kontext gestellt. Dabei wird vor allem auch auf die Stereotypen eingegangen, welche sich in Bezug auf Hexen, Magie und die Macht der Frauen entwickelt haben.Guido Ruggiero: Binding Passions: Tales of Magic, Marriage and Power from the End of the Renaissance. Oxford University Press, New York 1993, S. 21. Dabei streicht Ruggiero heraus, wie wichtig die spirituellen Praktiken, welche nicht direkt von der Kirche kamen für das Alltagsleben der Bewohner der kleinen Stadt waren. Er beschreibt ihre Spiritualität als von Kirche und alternativen Praktiken gleichermaßen geprägt. Diese alternativen Praktiken waren stark von kirchlichen Motiven beeinflusst und auf alltägliche Themen wie beispielsweise Liebe, Leidenschaften und Krankheit angepasst.
„The Fortune-Telling Fair“: Fra Aurelio di Siena and the Wages of Sin
Die letzte Geschichte handelt vom Priester und Mönch Aurelio di Siena, der sich agil zwischen den Welten bewegte. Neben seiner Arbeit als Geistlicher hielt er sich eigene Kurtisanen und verdiente viel Geld mit Prophezeiungen und magischen Handlungen der Liebe und Gesundheit. Er wurde mindestens viermal vom Holy Office angeklagt und musste schlussendlich auch ins Gefängnis.