Lucrecia’s Dreams ist eine mikrohistorische Studie, verfasst von Richard L. Kagan, in der es um Träume und Prophezeiungen der jungen Spanierin Lucrecia de León am Ende des 16. Jahrhunderts geht. Für ihre Träume bezüglich Spaniens politischer Zukunft wurde sie von der spanischen Inquisition als evil dreamer charakterisiert und schließlich wegen Blasphemie und weiteren Delikten angeklagt. Das zentral Erkenntnisinteresse des Autors gilt den persönlichen und politischen Konsequenzen, der Niederschrift und der Verbreitung der prophetischen Inhalte von Lucrecias Träumen. Ihre prophetischen Träume, die darauffolgenden Reaktionen und die Gegebenheiten, welche zu ihrer Verhaftung führten, werden anhand der erhaltenen Prozessakten rekonstruiert.

Fragestellung und Erkenntnisinteresse Ziel des Autors ist es, Lucrecias Träume und ihre persönliche Geschichte in historischen Ereignissen zu verorten und das 16. Jahrhundert Spaniens unter Philipp II. zu rekonstruieren. Basierend auf den historischen Quellen des Prozesses werden Lucrecias Leben, ihre Persönlichkeit und ihr Charakter ebenfalls dargestellt.

Die Frage, welche sich die Inquisition stellt und worauf die Recherche des Autors basiert, ist: Waren Lucrecias Träume echt und welche Hintergedanken leiteten die Niederschrift und Veröffentlichung ihrer Träume? Kagan fand die einmaligen Dokumente aus Lucrecias Prozess und baute darauf seine Studie auf. Fasziniert war er von der schwer fassbaren Figur Lucrecias sowie von dem allgemeinen Einfluss von Prophezeiungen auf die politisch Situation Spaniens.

Quellen Die Quellen, auf die sich dieses Buch stützt, sind 30 Dream Registers mit den Aufzeichnungen von Lucrecias Träumen im Zeitraum vom 1. Dezember 1587 bis zum 18. April 1590. Zudem sind weitere Dokumente aus dem Prozess der spanischen Inquisition von 1590 bis 1595 zentrale Bestandteile der Studie.Richard L. Kagan: Lucrecia’s Dreams: Politics and Prophecy in Sixteenth-Century Spain. University of California Press, Berkley 1990, ISBN 978-0-520-20158-3.

Lucrecia diktierte und erzählte ihre Träume verschiedenen Geistlichen, welche diese danach niederschrieben. Kagan stieß auf Hinweise zu Lucrecias Fall im Rahmen seiner Recherchen zu einem anderen Forschungsprojekt. Fasziniert davon, untersuchte er die gesamten Prozessakten zu Lucrecias Fall.Kimberly Lynn, Erin Kathleen Rowe: The Early Modern Hispanic World: Transnational and Interdisciplinary Approaches. Cambridge University Press, Cambridge 2017.

Die Aufzeichnungen sind von einer einfachen Syntax und spärlichen rhetorischen Ausschweifungen geprägt. Die Formulierung in erster Person spiegelt die gesprochene Sprache von damals sowie Lucrecias Sprachstil wider. Allerdings lassen gewisse Passagen der Aufzeichnungen die Beteiligung der Geistlichen an der Formulierung vermuten. Die von Kagan herangezogenen Dokumente befinden sich im Archivo Historico Nacional de Madrid und enthalten neben den Prozessakten ungefähr 400 transkribierte Niederschriften von Lucrecias Träumen. Wie der Autor selbst unterstreicht, muss dieses einmalige Material angesichts der möglichen Manipulierungen mit Vorsicht behandelt werden.

Inhalt mini|König Philipp II. (Porträt von Alonso Sánchez Coello, um 1570) In Lucrecia’s Dreams werden mehrere Themen untersucht. Die wichtigsten sind hierbei die Figur Lucrecias und der Prozess vor der spanischen Inquisition, die politischen Gegebenheiten unter dem Monarchen Philipp II. sowie die soziale und religiöse Rolle der Frau im 16. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen zudem die Inhalte und die Analysen der prophetischen Träume Lucrecias bzw. der Niederschriften davon. Der Leser wird chronologisch durch die wichtigen Ereignisse von Lucrecias Leben bis hin zu ihrer Verhaftung und dem Prozess geführt.

Lucrecia de León Lucrecia de León war eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen, welche im Spanien des späten 16. Jahrhunderts lebte. Schon in ihren jungen Jahren fing sie an prophetische Träume zu haben. Informationen über die gesamte Biographie Lucrecias sind keine vorhanden, da ihr traza de la vida (Lebenslauf) bei den untersuchten Dokumenten fehlt. Ihr Charakter und ihre Persönlichkeit wurden von Kagan mit einer mikrohistorischen Vorgehensweise aus den vorhandenen Quellen eruiert. Religion war in Lucrecias Leben zentral, sie hielt sich größtenteils an die gesellschaftlichen Regeln und war aktiv in verschiedenen Kirchengemeinden. Sie wurde von ihren Mitmenschen als religiös und devot beschrieben. Ihr Charakter bleibt trotz den vertieften Recherchen des Autors nicht ganz durchschaubar. Einerseits stellte sie sich selbst als naiv, nicht gebildet und unschuldig dar, andererseits wurde sie auch als angeberisch, selbstbewusst und eingebildet beschrieben.

Das Frauenbild des 16. Jahrhunderts war von der Überzeugung geprägt, dass Frauen das schwache Geschlecht seien. Mit dieser Schwäche war auch die Anfälligkeit gegenüber diabolischen Kräften verbunden, was auch in Lucrecias Fall so behauptet wurde. Dies war ein Faktor, welcher ihre Glaubwürdigkeit schmälerte. Hinzu kam, dass sie, im Gegensatz zu anderen anerkannten Prophetinnen, keine religiöse Berufung innehatte und somit von keiner religiösen Institution gestützt wurde.

Lucrecias prophetische Träume Lucrecias Träume beinhalten Elemente aus ihrem Leben sowie auch Geschehnisse aus ihrem Alltag. Für allgemeines Interesse sorgten jedoch ihre Träume bezüglich historischer Ereignisse und Voraussagen, welche die Königsfamilie und Spaniens Zukunft betrafen. Damit verbunden war meistens auch Kritik an König Philipp II. und an seine Kirchen- und Steuerpolitik. Durch die Bekanntschaft mit den beiden Klerikern Alonso de Mendoza und Lucas de Allende wurden Lucrecias Träume einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Überzeugt von ihren Gaben als Prophetin begannen sie Protokolle ihrer Träume anzufertigen. Daraufhin kam Lucrecia in Kontakt mit dem adeligen Milieu Spaniens, wo sie einerseits Unterstützung fand, aber auch auf Ablehnung stieß. Ihre Unterstützer am Hofe Philipp II. und Lucrecia selbst standen in Verbindung mit der politischen Opposition, wobei auch Antonio Pérez eine signifikante Rolle spielte. Die Veröffentlichung ihrer Träume (trotz verschiedener Warnungen) empfanden ihre Unterstützer als Pflicht, da diese als Gottes Botschaften und Warnungen an den König angesehen wurden.

Die Publikation der Träume Lucrecias trafen das Königreich jedoch in einer eher heiklen Phase, welche von Niederlagen und Unruhen sowie von der verschlechterten Gesundheit des Königs geprägt war. Dies, zusammen mit der Ungewissheit über die Glaubwürdigkeit ihrer Träume, weckte das Interesse der Inquisition. Lucrecia wurde dementsprechend als eine direkte Bedrohung für die Krone angesehen. Nach der Flucht von Antonio Pérez wurde Lucrecia von der Inquisition schlussendlich verhaftet.

Der Prozess in Toledo mini|Das Wappen der Spanischen Inquisition Die Anklage lautete: Erfindung von Träumen mit verschiedenen blasphemischen und häretischen Thesen, hetzerische und verleumderische Aussagen gegenüber dem Monarchen Spaniens (Philipp II.). Am 31. Mai 1590 befanden sich alle Verdächtigen (darunter Lucrecia, Allende, Mendoza etc.) inhaftiert im Gefängnis der Inquisition in Toledo und kurz darauf begannen die Anhörungen. Ziel der Inquisition war es, basierend auf der Voraussetzung der Schuld des Angeklagten, ein Geständnis zu erzeugen.

Die Verteidigungsargumente Lucrecias sind über die verschiedenen Anhörungen in sich nicht kohärent. Anfänglich stellte sich Lucrecia als unschuldiges Opfer von Allende und Mendoza dar. Sie nutzte das damalige Frauenbild zu ihren Gunsten und plädierte auf ihre Ignoranz und Unfähigkeit, solche komplexen Träume zu erfinden. Die Untersuchung führte zu keinem Ergebnis, sodass nach fünf Jahren Haft die Suprema (Hoher Rat der Inquisition) einschritt. Unter der Führung neuer Inquisitoren wurde Lucrecia erstmals in ein Folterverhör gebracht, wo sie mehrere Dinge gestand: Zuerst gab sie zu, einige Träume erfunden zu haben. In einem zweiten Verhör sagte sie jedoch aus, dass Allende und Mendoza einige Träume abgeändert und sie zum Lügen angestiftet hätten. Vor der Ratifizierung ihrer Aussagen änderte sie nochmals ihr Geständnis und stritt alle Anklagen ab.

Das Urteil Bei der Urteilsverkündung wurden Lucrecia erstmals alle Anklagepunkte vorgelegt: Blasphemie Verbreitung von Unwahrheiten Frevel/Lästerung Anstiftung zur Aufruhr Teufelspakt Verbreitung der Traumprotokolle Lucrecia wurde zu 100 Peitschenhieben, Verbannung aus Madrid und zu zwei Jahren Rückzug in ein Kloster verurteilt. Die anderen Angeklagten wurden ebenfalls zu eher milden Strafen verurteilt, wie Exil, Ermahnungen und Rückzug ins Kloster. Die letzten Aufzeichnungen von Lucrecias Fall verorten sie in einem Spital in Toledo, daraufhin verlieren sich ihre Spuren. Aufgrund von Spekulationen und Recherchen von Briefen, anderen Quellen und Akten kommt Kakao zu unterschiedlichen Vermutungen über Lucrecias Schicksal nach ihrer Entlassung aus der Haft. Möglich könnte es sein, dass sie Straßenwahrsagerin geworden, in eine Wohlfahrtseinrichtung für Frauen gegangen sei oder als Dienstmädchen, Bettlerin oder Prostituierte gearbeitet habe.

Bedeutung des Werkes Lucrecias Geschichte kann als ein aussagekräftiger Fall im Hinblick auf die gesellschaftlich definierten Geschlechterrollen im 16. Jahrhundert und auf deren Einfluss auf Lebensumstände von Frauen und Männern gesehen werden. Der Fall Lucrecia zeigt dank der umfangreich erhaltenen Dokumente, wie ihr Einzelfall repräsentativ für die sozialen, religiösen und politischen Gegebenheiten des 16. Jahrhunderts sein kann. Die Selbstdarstellung Lucrecias als schwache und von mächtigen Männern manipulierte Frau wurde während des Prozesses immer wieder als Verteidigungsstrategie genutzt. Dies deutet darauf hin, dass sie sich dieser gesellschaftlichen Rollenverteilung bewusst war und dies auch zu ihrem Vorteil nutzte. Kagans Werk und die Untersuchung Lucrecias Figur gibt einen wichtigen Einblick in die theologischen und die sozialen Gender-Konstrukte im Spanien des 16. Jahrhunderts. Gillian T. W. Ahlgren: Book Reviews. Lucrecia’s Dreams: Politics and Prophecy in Sixteenth-Century Spain. By Richard L. Kagan. In: Church History Journal, Band 63/1994, Nr. 1, Cambridge University Press 2009, S. 99–100.

Die Frage nach der Motivation hinter Lucrecias prophetischer Karriere könnte man mit dem Wunsch beantworten, politisch Einfluss zu nehmen. Ein möglicher Weg, für eine Frau im 16. Jahrhundert die Politik zu beeinflussen, bot die Tugend der spirituellen und geistigen Gaben. Durch diese konnte eine Frau Autorität erlangen und Einfluss ausüben. Richard L. Kagan: Lucrecia’s Dreams: Politics and Prophecy in Sixteenth-Century Spain. University of California Press, Berkley 1990, ISBN 978-0-520-20158-3, S. 166. Laut dem Autor können diese gesellschaftlichen vordefinierten Rollen der Frauen im Spanien des 16. Jahrhunderts jedoch nicht Lucrecias persönliche und private Interessen erklären. Trotzdem führten ihre prophetischen Träume zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und eröffneten ihr die Opportunität eines sozialen Aufstiegs. Ihre Persönlichkeit ist jedoch gespalten und aufgrund der vorhandenen Quellen ist es nicht erkennbar, welcher nun der Hauptgrund für ihre Träume und der Verfolgung der Karriere als Prophetin war. Es lässt sich jedoch vermuten, dass Lucrecia anfänglich als Instrument für die Interessen ihrer Unterstützer genutzt wurde und ihre Träume des Untergangs Spaniens als Legitimation für ihre Beschwerden gegenüber dem König und seiner Maßnahmen gedient haben.