mini|Kopf des Asiatischen Laubholzbockkäfers (Anoplophora glabripennis) mit hypognathem Kauapparat mini|Tibia und Tarsenglieder eines Hinterbeins des Braunbindigen Zimmerbocks (Acanthcinus griseus) mini|Ein Einfarbiger Langhornbock (Monochamus sutor) auf einem zur Eiablage geeigneten frisch gefällten, noch nicht entrindetem Nadelbaum
Die Weberböcke (Lamiinae) () sind eine Unterfamilie der Bockkäfer (Cerambycidae). Sie sind die weitaus artenreichste Unterfamilie der Bockkäfer und mit mehr als 21.000 Arten in rund 3000 Gattungen weltweit verbreitet.Jean-Philippe Roguet: Lamiaires du Monde – Lamiines of World, lamiinae.org, 2004–2019, abgerufen am 1. August 2019. Die Unterfamilie umfasst mehr als die Hälfte aller Bockkäfer-Arten und wird nur in einigen Regionen der Welt beispielsweise in Australien, dem südlichen Südamerika und Teilen Nordamerikas von der Unterfamilie der Bockkäfer im engeren Sinn (den Cerambycinae) an Artenreichtum übertroffen.P. Svacha, J. F. Lawrence: Cerambycidae Latreille, 1802. In: Richard A. B. Leschen, Rolf G. Beutel, John F. Lawrence, N. P. Kristensen (Hrsg.): Handbook of Zoology. Arthropoda, Insecta, Coleoptera. Band 3. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2014, ISBN 978-3-11-027370-0, S. 158–159.
Merkmale Käfer Im Allgemeinen sind die Lamiinae unter den Bockkäfern durch ihren hypognathen (nach hinten gerichteten) Kauapparat mit schräg nach hinten weisender Mundöffnung und nach unten gerichteten Unterkiefern leicht zu erkennen. Von dieser Kieferstellung und der senkrechten Stirnregion haben die Lamiinae im Englischen den Trivialnamen flat-faced longhorn beetles („flachgesichtige Bockkäfer“) bekommen.P. Svacha, J. F. Lawrence: Cerambycidae Latreille, 1802. In: Richard A. B. Leschen, Rolf G. Beutel, John F. Lawrence, N. P. Kristensen (Hrsg.): Handbook of Zoology. Arthropoda, Insecta, Coleoptera. Band 3. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-027370-0, S. 160. Nur bei einigen tropischen Triben kann es zu Schwierigkeiten bei der Zuordnung zu den Lamiinae kommen. Das diagnostische Hauptkriterium, das es ermöglicht, die alle Vertreter dieser Unterfamilie einzuordnen, sind die oval geformten und am Ende eher spitz zulaufenden Unterkiefertaster. Bei allen anderen Bockkäfern sind diese dreieckig und am Scheitelpunkt abgeschnitten. Typisch für die meisten Arten der Lamiinae ist auch eine äußere Rille entlang der Tibien (Schienbeine).
Die Augen bleiben stets auf den oberen Teil der Käferseiten beschränkt.
Die Käfer werden 2,4 bis 100 Millimeter lang. Die großen Käfer leben vorwiegend in den tropischen Breiten beispielsweise Pseudomeges varioti aus der Tribus Monochamini oder die Arten der Batocerini wie Rosenbergia mandibularis.
Larven Die Larven haben einen verlängerten Kopf und besitzen keine oder nur sehr rudimentäre Beine. Sie sind rund im Querschnitt bis deutlich dorsoventral abgeflacht. Der Clypeus ist trapezoidal, aber nicht verengt. Die Mandibeln weisen keine Rundungen auf wie bei den Larven anderer Bockkäfer-Unterfamilien, hingegen haben sie verschiedene andere Ausformungen. Die hefeartigen Symbionten in bestimmten Zellen des Mitteldarms, die eine Rolle bei der Verdauung spielen, fehlen bei den Larven der Lamiinae.
Puppen Die Puppen der Lamiinae sind vollständig weiß und von den anderen Bockkäfern durch ihren breiten Kopf mit parallelen Seiten gut zu unterscheiden. Die Antennen bilden, wenn sie sehr lang sind, Schleifen um den Puppenkörper (z. B. bei den Acanthocinini) oder sind typischerweise spiralförmig aufgerollt (Lamiini, Batocerini).
Lebensweise Entwicklung Die Weibchen legen ihre Eier in frisches Totholz oder in lebende Pflanzenteile, sie verwenden jedoch keine entrindeten Bäume oder stark verrottetes Holz bzw. lange gelagertes trockenes Holz zur Eiablage. Meist bearbeiten sie die Legestelle mit ihren Mandibeln und legen dann mit dem Ovipositor die Eier einzeln oder in kleinen Gruppen ab. Die Eier der Lamiinae sind meist etwas größer als die anderer Unterfamilien der Bockkäfer. Die Entwicklung erfolgt meist sehr rasch, indem einige Larvenstadien übersprungen werden, die beobachtete Mindestanzahl ist drei Larvenstadien. Nur wenige Gattungen, beispielsweise aus der Tribus Dorcadiini, entwickeln sich in der Erde und fressen an unterirdischen Pflanzenteilen. Die Larven des Grauflügligen Erdbocks (Iberodorcadion fuliginator) fressen beispielsweise an Graswurzeln. Nur bei diesen Gattungen entwickelt sich die Puppe außerhalb der Wirtspflanze, bei allen anderen innerhalb. Bei einigen Arten, die sich innerhalb von Lianen ernähren, kommt es vor, dass sie zur Verpuppung den Baum, an dem sich die Liane rankt aufsuchen.P. Svacha, J. F. Lawrence: Cerambycidae Latreille, 1802. In: Richard A. B. Leschen, Rolf G. Beutel, John F. Lawrence, N. P. Kristensen (Hrsg.): Handbook of Zoology. Arthropoda, Insecta, Coleoptera. Band 3. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-027370-0, S. 157. Die Entwicklungszeit der Larven im Holz beträgt mehrere Jahre. Sie können dabei große Schäden z. B. an Bau- und Tropenholz anrichten.
Ernährung Während sich die Larven hauptsächlich von totem Holz ernähren, fressen die adulten Käfer der Lamiinae frisches Pflanzengewebe, Rinde oder Pilze. Sie sind selten auf Blüten zu finden und ernähren sich kaum von Pollen und Nektar, wie einige andere Spezialisten unter den Bockkäfern. Die Käfer sind relativ langlebig und die Lebenserwartung beträgt für die adulten Tiere, besonders bei den großen Arten, mehrere Monate.
Forschungsgeschichte Die Abgrenzung der Unterfamilie geht auf Latreille zurück. Wie Latreille selbst ausführt, wurde er nach der Erblindung von Lamarck beauftragt, dessen Vorlesungen am Jardin Royal des Plantes über die Wirbellosen Tiere zu übernehmen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, beschäftigte sich der Entomologe Latreille mit der Systematik des gesamten Tierreichs und veröffentlichte 1825 als Ergebnis seiner Studien ein Buch mit dem Titel Familles naturelles du règne animal, exposées succinctement et dans un ordre analytique avec l'indication de leurs genres (fr. Die natürlichen Familien des Tierreichs, kurz gefasst und in analytischer Ordnung dargestellt mit Angabe der zugehörigen Gattungen). Darin unterteilt er die Familie der Cerambyciden (von ihm unter dem Namen Longicornes - Langfühler geführt) in fünf Stämme (tribus): Prionii, Cerambycini, Necydalides, Lamiariae, und Lepturetae.Pière André Latreille: Familles naturelles du règne animal, exposées succinctement... Paris 1825 S. 401 In Anpassung an die heute gültigen Nomenklaturregeln wurden aus den Stämmen im Wesentlichen die Unterfamilien mit den Wortendungen -inae, (Prioninae, Cerambycinae, Lepturinae und Lamiinae). Die Lamiinae umfassen bei Latreille die Bockkäfer, bei denen die Augen teilweise die Einlenkung der Fühler umschließen und die Endglieder der Lippen- und Kiefertaster eiförmig (und nicht zylindrisch) sind und zugespitzt (nicht abgestutzt) enden. Der Kopf steht senkrecht zur Körperachse.
Namensgebung Die für die Unterfamilie namensgebende, seinerzeit noch weit gefasste Gattung Lamia wurde von Fabricius 1775 aufgestellt. Wie damals nicht unüblich, wurde auch der Gattungsname Lamia (gr., Λαμία oder Λάμια) aus der griechischen Mythologie entlehnt.Sigmund Schenkling: Nomenclator coleopterologicus 2. Auflage, Jena 1922 Der Namen Weberböcke leitet sich vom deutschen Namen des Weberbockes (Lamia textor) ab.
Systematik und Taxonomie Die Unterfamilie Lamiinae ist monophyletisch und hat einige Apomorphien aufzuweisen. Sie ist in zahlreiche Triben unterteilt.
Eine Auswahl der Arten findet sich bei Systematik der Bockkäfer.
Triben Die Einteilung in Triben erfolgte hauptsächlich nach morphologischen Gesichtspunkten, die jedoch nicht immer auf eine gemeinsame Abstammung hindeuten. Merkmale, wie z. B. die Flügellosigkeit, können im Lauf der Evolution mehrmals parallel entstanden sein und bedeuten nicht unbedingt eine Verwandtschaft dieser Arten. Daher ist die innere Systematik der Lamiinae instabil und erfordert künftige Revisionen. Bei einer Untersuchung der australischen Lamiinae im Jahr 2013A. Ṥlipiski, H. E. Escalona: Australian Long-horn Beetles (Coleoptera: Cerambycidae). Band 1: Introduction and Subfamily Lamiinae. CSIRO Publishing, Melbourne 2013. ergab sich eine Erhöhung der beschriebenen Arten seit 1947K. C. McKeown: Catalogue of the Cerambycidae (Coleoptera) of Australia. Memoirs of the Australian Museum, 10, S. 1–190, 1947. von 440 auf 550, aber eine Reduktion der Gattungen von 100 auf 74.
Nachfolgend eine Übersicht der Triben der Lamiinae. Die ursprüngliche Zusammenstellung erfolgte nach der Datenbank BioLib, sie wurde jedoch nach den Daten in Lamiinae of the World aktualisiert. Die Unterschiede zwischen den beiden Datenbanken sind unterhalb der Liste nochmals zusammengefasst. Es sind derzeit insgesamt 83 Triben verzeichnet.
(Die Zahlenangaben zu Gattungen und Arten dienen nur der Größenabschätzung und sind ständig im Wandel. Bei den Gattungen werden die Untergattungen, bei den Arten die Unterarten zusätzlich mitgezählt. Stand: August 2019)
In der Datenbank Lamiines of the World kam es zu einer Aktualisierung und damit zu folgenden Unterschieden zu BioLib:
Folgende Triben wurden zusammengelegt bzw. umbenannt: Die Tribus Crinotarsini Lacordaire, 1872 mit den Gattungen Crinotarsus und Sormida ist jetzt in der Tribus Desmiphorini enthalten. Die Tribus Emphytoeciini Lacordaire, 1872 mit den Gattungen Emphytoecia und Itheum ist jetzt in der Tribus Pteropliini enthalten. Die Tribus Pachystolini Aurivillius, 1922 heißt jetzt Neopachystolini. Die Tribus Velorini Thomson, 1864 ist mit den drei Gattungen Velora, Phyxium und Probatodes in der Tribus Desmiphorini enthalten, die Gattung Parapolyacanthia wurde in die Tribus Acanthoderini verschoben.
Neu hinzu kamen gegenüber BioLib in Lamiinae of the World die Triben: Ancitini Monochamini Morimonellini Neohippopsini Neopachystolini Obereini Onychogleneini Phytoeciini Aus den Tetraopini Thomson, 1860 wurde die Gattung Tetrops ausgegliedert und in eine eigene Tribus Tetropini Portevin, 1927 gestellt.
Forschung mini|hochkant|Excastra albopilosa wurde erst 2024 neu beschrieben Wissenschaftliche Beschreibungen der Arten und deren Zuordnungen sind seit dem neunzehnten Jahrhundert bekannt. In frühen Beschreibung werden teilweise wissenschaftliche Synonyme für Lamiinae genutzt. Beispiele: Clinocéphalides (Mulsant, 1839), Lamiariae (Latreille, 1825), Lamiens (Latreille, Planet, 1924), Lamiides (Latreille, Mulsant, 1863), Lamiitae (Latreille, Thomson, 1860), Lamitae (Latreille, Thomson, 1864), Metaulacnemitae (Thomson, 1864). Bedeutende Verdienste und etliche Publikationen zur Thematik der Lamiinae werden Stephan von Breuning zugeschrieben. Auch im 21. Jahrhundert ist die Erforschung der Lamiinae nicht abgeschlossen. Stand 2019 gilt die Zuordnung von 4 Gattungen und 2 Arten als ungesichert. Fortlaufenend werden Arten neu klassifiziert oder neu beschrieben. Neben der klassischen biologischen Forschung beschäftigt sich auch die Paläobiologie mit Lamiinae. In der Paleobiology Database sind entsprechende Funde bekannt.
Siehe auch Systematik der Bockkäfer
Einzelnachweise Erwin Stresemann, Bernhard Klausnitzer: Stresemann – Exkursionsfauna von Deutschland. Band 2: Wirbellose: Insekten. Spektrum Akademischer Verlag, 11. Auflage, 2011, ISBN 3-8274-2451-8, S. 496. Bousquet, Heffern, Bouchard, Nearns: Catalogue of family-group names in Cerambycidae (Coleoptera)., 2009 Magnolia Press, . Edmund Reitter: Fauna Germanica, Eintrag: Lamiinae. BioLib, z. s.: Taxon profile, Eintrag: Lamiinae, eingesehen am 2. August 2019. Lamiines of World, Übersicht neuer Arten und Publikationen, eingesehen am 2. August 2019. Bestimmungs-Tabellen der europäischen Coleopteren. In: Entomologische Nachrichten, Ausgabe 7, 1882, S. 101–102 (). Paleobiology Database: Subfamily Lamiinae Latreille, Eintrag: PaleoDB taxon number: 70756, eingesehen am 2. August 2019.