mini|Jonathan Franzen (1988) Schweres Beben (im engl. Original: Strong Motion) ist der Titel des zweiten Romans von Jonathan Franzen. Er erschien 1992 und behandelt in seinem Hauptthema die Umweltkriminalität der Führung eines Chemiekonzerns durch Verpressung giftiger Abwässer und damit verbunden die Verantwortung der Menschen für die Ökologie. In diesem Zusammenhang entwirft der Autor am Beispiel einer Familie ein vielfältiges Bild der nordamerikanischen Gesellschaft in den 1980er Jahren, z. B. die Kritik Jugendlicher an der Lebensweise ihrer Eltern, die Emanzipationsbestrebungen der Frauen, das Studentenmilieu, die Immobilien- und Aktiengeschäfte und die Aktionen von radikalen Abtreibungsgegnern. Die deutsche Übersetzung von Thomas Piltz wurde 2005 nach dem Erfolg von Die Korrekturen und dem dadurch entstandenen Interesse an den frühen Werken des Autors veröffentlicht.
Inhalt Strong Motion spielt Ende der 1980er Jahre in Boston (Massachusetts) und Umgebung, wo es in der Fiktion des Autors 1987 im Laufe eines Jahres zu einer Reihe von Erdbeben kommt, welche die Romanhandlungen um die beiden mit ihrem Leben unzufriedenen und auf der Suche nach einem Ziel schwankenden Hauptfiguren auslösen: Der dreiundzwanzigjährigen Louis Holland kehrt zu Beginn der Handlung nach Abschluss seines Studiums in Houston nach Boston zurück und arbeitet bis zum Verkauf des lokalen Radiosender SNE in Somerville an die Sekte des Reverend Stites dort als Sendetechniker. Die eigentliche zentrale Romanfigur ist seine Geliebte, die karriereorientierte und zugleich von Selbstzweifeln über ihr Singledasein und ihre Rolle als Frau erfasste dreißigjährige Harvard-Seismologin Dr. Renée Seitchek.
Teil 1 GESCHLECHT: K.A. (Kp. 1–6)
Im in personaler Form aus der Perspektive Louis‘ dargestellten ersten Teil werden die Ausgangssituation, die Personen und die von ihnen diskutiere Hypothese vorgestellt, dass die Erschütterungen durch den Chemiekonzern „Sweeting-Aldren Industries“ verursacht worden sei. Renée kommt auf die Spur während einer Party bei Louis‘ Schwester Eileen. Eileens Verlobter Peter Stoorhuys, der Sohn des derzeitigen Geschäftsführers von „Sweeting-Aldren“, plaudert in angetrunkenem Zustand unbedacht über die giftigen Abwässer der Fabrik, welche die Umwelt zerstören (Kp. 4). Bei ihren Recherchen findet Renée einen Artikel von A. Krasner aus dem Jahr 1969 über ihre Theorie von Erdölfeldern in großer Tiefe. Sie bringt beide Informationen mit den Erdbeben in Verbindung (Kp. 5) und vermutet, man habe 1970 erfolglos Versuchsbohrungen vorgenommen und dann viele Jahre lang in die Röhren illegal Abwässer aus dem Peabody-Werk verpresst. In der Folge sei das Gestein allmählich verrutscht (induzierte Seismizität).
Louis und Renée lernen sich zufällig am Ort des ersten Bebens kennen (Kp. 3). Sie hat ein wissenschaftliches Interesse. Bei ihm hat die Erschütterung eine persönliche, familiäre Komponente. Seine aggressiven anarchistischen Tendenzen verbinden sich mit der Auflehnung gegen seine bürgerliche, an gesellschaftlichen Normen angepasste und kommerzorientierte Familie (Kp. 1). Beim Erdbeben kam seine achtundsechzigjährige Stiefgroßmutter Rita Damiano Kernaghan in ihrem Haus ums Leben (Kp. 2). Dadurch erbt seine Mutter Melanie nicht nur die großzügige Villa an der „Argilla Road“, sondern auch schätzungsweise 22 Millionen Dollar in Aktien der „Sweeting-Aldren Industries“, deren Vorstand ihr Vater Jack angehört hatte. Die Verwendung des Geldes führt zu einem Streit zwischen ihm, seiner Schwester Eileen und seiner Mutter. Nachdem in der Nähe der Fabrik ein Fluss durch schädliche Chemikalien verschmutzt wird, offenbar durch beim Erdbeben beschädigte Tanks oder illegale Einleitungen, fallen die Aktienkurse stark. Melanie Holland überlegt darauf, ob sie ihr Erbe schnellstmöglich verkaufen oder warten soll, bis der Wert wieder steigt. Sie will selbst nicht die Verantwortung übernehmen und die Entscheidung an eine Expertin abgeben. Sie trifft sich mit Renée, um die Einschätzung der Seismologin zu hören (Kp. 9). Sie schließen eine Wette ab, die Melanies Anwalt Henry Rudman von der Sozietät Arger, Kummer & Rudman vertraglich absichert. Die Millionenerbin verpflichtet sich, der Wissenschaftlerin bis zu 600 000 Dollar (abzüglich Steuern) zu zahlen, wenn sich deren Einschätzung der Kursentwicklung als richtig erweist. Wenn nicht, verliert sie ihr als Gegenleistung hinterlegtes Vermögen von 8000 Dollar. Darauf gibt Renée ihr den Rat, die Aktien der „Sweeting-Aldren Industries“ zu verkaufen. Später, bevor sie zur Abtreibungsklinik fährt, zerreißt Renée den ihr zugeschickten Vertrag und am Ende des Romans auch den Scheck (Kp. 11, 17). Melanie folgt Renées Einschätzung und rettet dadurch ihr Vermögen (Kp. 16).
Eine andere, metaphysische, Theorie vertritt Reverend Philip Stites mit seiner „Kirche der christlichen Aktion“. Er sieht das Beben als Gottesurteil an und behauptet, das erdbebengefährdete und eigentlich unbewohnbare Wohnzentrum und Gotteshaus der Sekte sei als Zeichen der Anerkennung verschont geblieben, während die Zerstörungen anderer Gebäude als Strafe Gottes für die von ihnen bekämpften Abtreibungen anzusehen seien. Als Renée Seitchek sich in einem Fernsehinterview gegen diese irrationale Deutung sowie gegen die Aktionen der Sekte ausspricht, wird sie in Briefen und Anrufen beschimpft und bedroht.
Teil 2 ICH ♥ DAS LEBEN (Kp. 7–11) Im aus der Perspektive Renée Seitcheks dargestellten zweiten Teil verlagern sich die inhaltlichen Schwerpunkte. Einmal wird in Verbindung mit einer Beschreibung ihrer Biographie ihre komplizierte Persönlichkeit auf der Suche nach Selbstverwirklichung deutlich. Ihre Rolle als emanzipierte, auf ihren Beruf konzentrierte Frau in der Gesellschaft und ihre existentielle Situation reflektiert sie im langen Gespräch mit Reverend Stites, der die christliche Position vertritt (Kp. 10). Zuvor kommt es zum ersten Kontakt zwischen den beiden, als sie Stites und seine Gemeinde erfolglos vor dem Bewohnen der einsturzgefährdeten Gebäude warnte. Die entscheidende Konfrontation entsteht schließlich vor der Klinik im Holyoke Center, in der Renée ihren von Louis empfangenen fünfwöchigen Fötus abtreiben lässt, als sie sich öffentlich vor den Demonstranten zu ihrer Entscheidung bekennt und dies mit ihrem Frauenrecht auf Selbstbestimmung begründet. Renée wollte das Kind nicht austragen, nachdem sie sich von Louis getrennt hatte. Der Grund dafür lag in Louis unentschlossenem Verhalten, als Lauren Bowles, seine exaltierte verwöhnte Freundin aus der Houstoner Studienzeit (Kp. 3), bei ihm plötzlich auftauchte und er sie nicht sofort verabschiedete. Lauren bedauert ihre Entscheidung gegen ihn und ihre Heirat mit Emmett Andrew Osterlitz und gesteht ihm ihre Liebe (Kp. 6). Louis ist immer noch von ihrer engelhaften Schönheit beeindruckt und sie verbringen einige Tage zusammen. Doch beide sind unsicher über die Tragfähigkeit einer Beziehung in Louis‘ kleinem Zimmer, zumal sie mit ihrem anspruchsvollen Lebensstil finanziell von ihren reichen Schwiegereltern abhängig ist. Sie bittet um Bedenkzeit und kehrt nach Austin zurück. Als Louis Renée die Situation erklären will, ist sie für ihn nicht mehr zu sprechen.
Im zweiten Handlungsstrang führt Renée ihre seismologischen Untersuchungen weiter und überprüft ihrer Hypothese durch einzelne Aktionen: Sie trägt ihre Vermutungen dem ihr skeptisch und ablehnend eingestellten Amt für Umweltschutz vor (Kp. 8), sie überfliegt das Werksgelände der „Sweeting-Aldren Industries“, fotografiert die Anlagen und kann durch eine List die Aufnahmen vor der Beschlagnahmung durch den Sicherheitsdienst retten (Kp. 9), sie findet, durch ein Bild im „Globe“ angeregt, private Aufnahmen von Bohrtürmen auf dem Fabrikgelände aus den 1970er Jahren (Kp. 10).
In den letzten beiden Romanteilen wird die Kriminalhandlung aufgelöst, wobei die Informationen über die beiden beteiligten Familien Kernaghan und Stoorhuis bei Louis zusammenlaufen und er die Aufklärung vorantreibt.
Teil 3 ARGILLA ROAD (Kp. 12–13) Der dritte Teil führt wieder zurück zu den Hollands. Louis ist auf Einladung seines Vaters zu einem Besuch ins Elternhaus in Evanston, Illinois, zurückgekehrt. Die beiden sprechen sich aus und Bob, dessen Biographie und linksliberale, ökologische Haltung als Geschichtsprofessor an der Northwestern University in der Campus Szene der 1970er Jahre vom auktorialen Erzähler in das Gespräch eingeschoben ist, erzählt seinem Sohn die Familiengeschichte seiner Frau Melanie. Sie steht für ihn repräsentativ für die durch Natur- und Menschenausbeutung, durch weltweiten Handel im Kolonialzeitalter und Industrialisierung entstandene Macht- und Reichtumskonzentration profitgieriger Siedlerfamilien in den Neu-Englandstaaten. In diesen Zusammenhang ordnet er die Hintergründe des „Sweeting-Aldren Industries“–Aktienkaufs seines Schwiegervaters in die Tradition wirtschaftskrimineller Manipulationen ein. (Kp. 12 u. 13): Jack Kernaghan war Jurist der Anwaltskanzlei Troob, Smith, Kernaghan & Lee und arbeitete als Berater des Konzerns, der viel Geld mit Sprengstoffen für den Zweiten Weltkrieg, mit Pestiziden, Entlaubungsmitteln für den Vietnam-Krieg, elastischen synthetischen Textilfasern usw. verdiente. Als er sechsundfünfzigjährig Vorstandsmitglied wurde und seine Position und sein Geld für die Affären mit jüngeren Frauen nutzte, begann sein privater Wirtschaftskrimi. Um die junge Chemikerin Anna Krasner zu bewegen, seine Geliebte zu werden, musste er ihre bei Fachleuten umstrittene, im „Bulletin of the Geological Society of America“ veröffentlichte Forschungsidee, in Tiefen von vier Meilen befänden sich riesige subkrustale Erdölfelder, unterstützen und bei Mr. Aldren senior eine teure Bohrung durchsetzen. Allerdings gelang ihm das nur mit einer neuen Idee, man könne, wenn man, wie zu erwarten, kein Öl finde, ein Entsorgungsproblem lösen, indem man durch die Leitung giftige Abwässer in die Tiefe pumpt. Kernaghans Sekretärin und frühere Geliebte Rita Damiano beobachtete eifersüchtig die geheimen Aktionen, fand schließlich den wahren Grund für die Tiefenbohrungen heraus und informierte Anna darüber. Diese verlor die Hoffnung auf ihren wissenschaftlichen Erfolg und verließ die Firma, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. 1972, einen Tag vor Kernaghans zweiundsiebzigsten Geburtstag, an dem er in Ruhestand ging, erpresste Rita ihn mit der Drohung, sein geheimes Abwasserprojekt anzuzeigen. Um dies zu verhindern, heiratete er sie und schichtete zugleich sein Vermögen durch den Kauf weiterer „Sweeting-Aldren Industries“–Aktien um. Dadurch erzwang er ihr Schweigen, denn sie hatte jetzt ein finanzielles Interesse an der Geheimhaltung.
Teil 4 IM SCHWARZEN (Kp. 14–17) Nach Boston zurückgekehrt findet Louis bei seiner Schwester Unterschlupf und erfährt dort vom Attentat auf Renée nach dem Schwangerschaftsabbruch vor ihrer Wohnung (Kp. 14). Durch diesen Anschlag mildern sich die Spannungen in der Familie Holland, man spricht wieder miteinander über ihre Probleme, und so erfährt Peter von Renées Vermutungen über die Erdbebenursache und verbindet sie mit seinem Hintergrundwissen über Rita Kernaghan, für deren esoterische Publikationen er die Öffentlichkeitsarbeit übernommen hatte, und die Geschäfte seines Vaters (Kp. 15).