Martin Lennings (* 6. Dezember 1904 in Schwelm als Hans Martin Otto Lennings; † 19. September 1962 in KölnSterberegister des Standesamtes Köln-Altstadt Nr. 1656/1962, Sterbeurkunde Martin Lennings (Online. Abgerufen am 23. Juni 2021.)) war ein deutscher SA-Angehöriger. Lennings erlangte im Jahr 2019 postume Bekanntheit aufgrund der Auffindung einer von ihm im Jahr 1955 abgegebenen eidesstattlichen Erklärung, in der er sich selbst der Mitwirkung an der Inbrandsetzung des Berliner Reichstagsgebäudes am 27. Februar 1933 bezichtigte.
Leben und Angaben zu seiner Involvierung in den Reichstagsbrand Lennings stammte aus dem heutigen Wuppertal und wuchs in Hannover auf.Conrad von Meding: Wer war der wahre Brandstifter? In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 26. Juli 2019, S. 2–3 (mit Abdruck der eidesstattlichen Erklärung als Fotokopie). Sein Vater Heinrich Lennings (1871–1923), der das erste und zweite Examen in evangelischer Theologie absolviert hatte, unterrichtete seit 1902 am Progymnasium mit Realschule in Schwelm und ab 1907 an der Oberrealschule an der Lutherkirche in Hannover. In: opac.bbf.dipf.de. Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, 13. Dezember 2010, abgerufen am 24. August 2019.Franz Kössler: Lennings, Heinrich. In: Personenlexikon von Lehrern des 19. Jahrhunderts. Berufsbiographien aus Schul-Jahresberichten und Schulprogrammen 1825–1918 mit Veröffentlichungsverzeichnissen. Band: Labs–Lyon. (PDF; 5,5 MB) In: geb.uni-giessen.de. Elektronische Bibliothek der Universität Gießen, 18. Dezember 2007, abgerufen am 24. August 2019, S. 138. Lennings älterer Bruder Heinrich jun. wurde Pastor.
Wie Lennings eidesstattlich versicherte, habe er sich seit 1924 in der deutsch-völkischen Bewegung – laut dem Historiker Rainer Orth bei den Artamanen – betätigt und sei 1926 Mitglied der NSDAP geworden. Er sei mit Ernst Röhm befreundet gewesen und von diesem kurz vor dem 30. Januar 1933 als einfacher Truppführer in die SA, den Straßenkampfverband der NSDAP, aufgenommen worden, nachdem er zuvor 1930 ein Angebot von Röhm abgelehnt habe, in die Führung der SA einzutreten.Eidesstattliche Versicherung von Lennings, 1955, abgedruckt in HAZ, 26. Juli 2019, S. 3 Auch laut seinem 1948 abgeschlossenen Entnazifizierungsverfahren hatte er beste Kontakte zur NSDAP-Führung, zum Beispiel habe er im Sommer 1930 nach einer Schlägerei mit Kommunisten Besuch von Adolf Hitler im Krankenhaus bekommen und Röhm mehrfach auf Reisen begleitet. Im Februar 1933 habe er einem Berliner SA-Sondertrupp („zur besonderen Verwendung“) angehört und in Zivilkleidung einen Arbeitsdienst der sogenannten Christlichen Kampfschar in der General-Pape-Straße bespitzelt. Am Abend des 27. Februar 1933 will Lennings als Angehöriger seines SA-Trupps in die Vorgänge um die Inbrandsetzung des Reichstagsgebäudes verwickelt worden sein.
Im Jahr 1955 gab Lennings, der als Beruf Kaufmann angab und bei seinem Bruder, dem Pastor Heinrich Lennings, in Bad Pyrmont wohnte, vor dem Notar Paul Siegel in Hannover eine auf den 8. November 1955 datierte eidesstattliche Erklärung ab, die anschließend in die Urkundenrolle des Notars beim Amtsgericht Hannover mit der Urkundenrollennummer 501 genommen wurde und folgende Angaben enthielt: Am Abend des 27. Februar 1933 habe er, Lennings, vom Führer der SA-Untergruppe Berlin-Ost, Karl Ernst, den Befehl erhalten, einen jüngeren Mann von einem SA-Lazarett in der Lützowstraße im Berliner Tiergarten mit einem Automobil zum Reichstagsgebäude zu fahren. Der Auftrag erfolgte nicht direkt, sondern über einen Polizeispitzel in einer Gastwirtschaft in Berlin-Mahlsdorf.Nach Lennings ein gewisser Max Becker, ehemaliges Mitglied des Rotfrontkämpferbundes. Er wies sich mit einem schriftlichen Sonderausweis aus. Wahrscheinlich handelte es sich um die Gastwirtschaft Zum strammen Kater in der Hönower Straße 147.Reichstagsbrand 1933: Eine Spur führt nach Mahlsdorf. In: tagesspiegel.de, 6. August 2019. Als Eigentümer wird ein Gastwirt „F. Gruhn“ genannt. Diesen Befehl hätten er und zwei weitere SA-Angehörige in Zivil gekleidet zwischen 20.00 und 21.00 Uhr ausgeführt und den jungen Mann zum Reichstag transportiert. Während der Fahrt habe der Mann „kein Wort“ gesprochen und einen „benommenen“ Eindruck gemacht. Am Reichstag hätten er und die anderen beiden SA-Männer, so Lennings, den ihm unbekannten Mann an einem Nebeneingang an einen dort wartenden, ebenfalls „in bürgerlicher Kleidung“ auftretenden SA-Mann übergeben, der sie angewiesen habe, sich schnell wieder zu entfernen, wobei Lennings bemerkt habe, dass „ein eigenartiger Brandgeruch herrschte und dass auch schwache Rauchschwaden durch die Zimmer hindurchzogen“.
In den folgenden Tagen habe er, so Lennings in seiner Erklärung weiter, aufgrund der in den Zeitungen abgebildeten Fotografien des im brennenden Reichstagsgebäude verhafteten niederländischen Anarchosyndikalisten Marinus van der Lubbe in diesem jenen Mann erkannt, den er und die anderen zwei SA-Männer am Abend des 27. Februar 1933 vom Berliner Tiergarten zum Reichstagsgebäude gebracht hätten. Nachdem Lubbe in der Presse als Brandstifter hingestellt wurde, obwohl er, Lennings, und seine Kameraden gewusst hätten, dass dieser nicht der Brandstifter gewesen sein konnte, da das Gebäude ja bereits gebrannt habe, als sie Lubbe dort abgeliefert hätten, hätten sie sich beschwerdeführend an seine Vorgesetzten gewandt: „Weil nach unserer Überzeugung van der Lubbe unmöglich der Brandstifter gewesen sein konnte, da ja nach unseren Feststellungen der Reichstag schon in Brand gesetzt sein musste, als wir van der Lubbe dort ablieferten.“ Er und andere SA-Männer hätten aus diesem Grund gegen die Verhaftung und angeblich wahrheitswidrige öffentliche Hinstellung Lubbes als Brandstifter protestiert: Sie seien daraufhin in Schutzhaft genommen worden und hätten Reverse unterschreiben müssen, in denen sie erklärten, „dass wir von nichts etwas wissen“. Nach einer Woche seien sie auf Befehl von Röhm wieder entlassen worden.
Lubbe als einziger offiziell überführter Tatverdächtiger wurde derweil im Reichstagsbrandprozess vor dem Leipziger Reichsgericht im Dezember 1933 zum Tode verurteilt und im Januar 1934 hingerichtet. Lennings zufolge seien später fast alle zum engeren Kreis der am Reichstagsbrand beteiligten Personen gehörende SA-Angehörigen während der Röhm-Affäre erschossen worden und er vermutete auch, dass das der Grund für die Ermordung von Karl Ernst gewesen war. Er selbst, so Lennings, sei jedoch gewarnt worden und in die Tschechoslowakei geflüchtet. Nach seiner Ausweisung aus der Tschechoslowakei und einer zwischenzeitlich erfolgten Amnestie kehrte er nach eigenen Angaben 1934 wieder nach Deutschland zurück. Wegen Äußerungen gegen das Regime sei er Ende 1934 kurz in Schutzhaft genommen worden und 1936 in das Gestapo-Gefängnis Hotel Silber in Stuttgart, nachdem er das Grab eines beim Röhm-Putsch Erschossenen in Rudolstadt besucht habe. Nach Haft in verschiedenen Schutzhaftlagern sei er dann 1937 in Stuttgart entlassen worden.
Lennings meldete sich 1940 als Freiwilliger zur Wehrmacht, wurde bei den Besatzungstruppen in Dänemark eingesetzt, aber schon 1941 wieder aus ihr entlassen. Danach arbeitete er als Dienstverpflichteter in der Rüstungsindustrie, bevor er 1943 eine Anstellung in der großen Staudengärtnerei von Karl Foerster in der Nähe von Potsdam erhielt. Dort habe er auch die Not verfolgter Juden gesehen, die ihn erschüttert habe. Einigen jüdischen Menschen habe er helfen können, eine Beschäftigung zu erhalten oder unterzukommen. Diese Behauptung Lennings’ spielte auch in seinem späteren Entnazifizierungsverfahren eine Rolle.Rainer Orth: Martin Lennings und das Rätsel des Reichstagsbrandes. Kohlhammer, Stuttgart 2021, S. 99f. Bei der Verteidigung Potsdams wurde er nochmals zum Militärdienst herangezogen und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Im Frühjahr 1946 wurde er daraus entlassen, hielt sich zunächst in Stuttgart auf und war ab Februar 1947 in einem Genesungsheim des evangelischen Hilfswerks für entlassene Kriegsgefangene im württembergischen Sachsenheim untergebracht.Rainer Orth: Martin Lennings und das Rätsel des Reichstagsbrandes. Kohlhammer, Stuttgart 2021, S. 103.
In seinem Entnazifizierungsverfahren wurde Lennings am 29. April 1948 durch die Spruchkammer Ludwigsburg als „entlastet“ eingestuft. Dazu wurde ausgeführt, dass Lennings „zu den alten Kämpfern der NS-Bewegung gehört“ und anfänglich den Aufbau der NS-Gewaltherrschaft gefördert, aber schnell seinen Irrtum erkannt und schließlich „gegen den Nationalsozialismus gearbeitet“ habe.Rainer Orth: Martin Lennings und das Rätsel des Reichstagsbrandes. Kohlhammer, Stuttgart 2021, S. 100–106, Zitat S. 106. Die Angaben Lennings’, jüdische Personen in Potsdam während der letzten Kriegsjahre unterstützt zu haben, wurden durch Erklärungen vertrauenswürdiger Personen bestätigt, an erster Stelle des Kunstschriftstellers Oskar Beyer, dessen jüdische Frau Margarete 1945 im KZ Auschwitz starb und der selbst ein erklärter NS-Gegner war.Rainer Orth: Martin Lennings und das Rätsel des Reichstagsbrandes. Kohlhammer, Stuttgart 2021, S. 100f.
Seine Beweggründe, die ihn selbst belastenden Angaben vor einem Notar eidlich zu Protokoll zu geben, erklärte Lennings selbst in seiner Erklärung 1955 damit, dass er gläubiger Katholik sei und die Aussage auf Anraten seines Beichtvaters mache. Anlass für den Entschluss Lennings´, ausgerechnet 1955 seine Erklärung abzugeben, war nach eigener Aussage die Verwendung in einem damals diskutierten Wiederaufnahmeverfahren des Reichstagsbrandprozesses von 1933. Er selbst habe vor, in Kürze das Land zu verlassen. Er ermächtigte den Anwalt im Wiederaufnahmeprozess Arthur Brandt in seiner eidesstattlichen Versicherung, diese im Prozess zu verwenden.
Dem Artikel von Meding zufolge gibt es Abschriften von Briefen von Lennings an seinen Bruder aus den 1950er Jahren im Bundesarchiv. Danach verschwieg Lennings in seiner eidesstattlichen Erklärung einige Fakten, die ihn noch hätten selbst belasten können. So soll es einige Tage vor dem Reichstagsbrand im Trompeterschlösschen in Dresden ein Treffen von Mitgliedern der SA, darunter Edmund Heines, gegeben haben, bei dem über den bevorstehenden Brand gesprochen und die Männer dafür ausgewählt worden seien.
Über Lennings’ Leben nach seiner Entnazifizierung ist wenig bekannt. Ab 1951 war er in Leonberg in der Nähe von Stuttgart als wohnhaft registriert. Im Jahr seines Todes 1962 bewohnte er als Untermieter ein möbliertes Zimmer im sauerländischen Meschede. Er starb am 19. September 1962 in Köln, als er einen Bekannten besuchen wollte und einen diabetischen Anfall erlitt.Rainer Orth: Martin Lennings und das Rätsel des Reichstagsbrandes. Kohlhammer, Stuttgart 2021, S. 106.
Öffentliche Rezeption Vor der Prüfung des Sachverhalts