mini|Baltendeutsche Umsiedler im Baltenlager Posen, 1940 Die Umsiedlung der Deutsch-Balten war eine zu Beginn des Zweiten Weltkrieges vom Deutschen Reich initiierte Aktion, in deren Rahmen die Deutsch-Balten aus ihrer Heimat größtenteils in die vom Reich annektierten Gebiete Polens umgesiedelt wurden. Von Oktober bis Dezember 1939 verließen so 14.000 Personen Estland und 52.500 Personen Lettland.Michael Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit in den unabhängigen Staaten Estland und Lettland. In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder. 2. Auflage. Siedler, Berlin 2002, ISBN 3-88680-774-6, S. 430. Bei einer Nachumsiedlung Anfang 1941 folgten weitere 17.000 Menschen aus diesen Ländern. Damit endete nach mehr als 700 Jahren die Epoche der deutschen Kultur im Baltikum.
Die Umsiedlung der Deutsch-Balten ist im Rahmen einer umfassenderen nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik unter der Parole „Heim ins Reich“ zu sehen, von der auch andere Auslandsdeutsche wie Südtiroler, Kanaltaler, Wolhyniendeutsche, Bessarabiendeutsche, Bukowinadeutsche, Dobrudschadeutsche, Galiziendeutsche, Litauendeutsche und Gottscheer betroffen waren.
Vorgeschichte
Die deutsche Bevölkerung im Baltikum ging auf die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter zurück, beschränkte sich dort allerdings auf das städtische Bürgertum und die adlige und kirchliche Oberschicht auf dem Lande. Bis in das 19. Jahrhundert konnten die Deutschen unter wechselnden Herrschaften (Schweden, Polen-Litauen, Russisches Reich) ihre Führungsrolle und Privilegien behaupten. Durch die Russifizierung und das „nationale Erwachen“ der Esten und Letten wurde diese jedoch in Frage gestellt.Wilfried Schlau: Die Deutschbalten (= Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat. Band 6). Langen Müller, München 1995, ISBN 3-7844-2524-0, S. 33. Abwanderung, der Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution 1917 führten zu einem starken Rückgang der deutsch-baltischen Bevölkerung. Lebten 1881 noch rund 180.000 Deutsche in den damaligen russischen Ostseeprovinzen, waren es zu Beginn der 1920er Jahre in den neuen Republiken Estland und Lettland nur noch weniger als die Hälfte.Michael Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit... In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. ISBN 3-88680-774-6, S. 492. Mit der Gründung der Republiken nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Deutsch-Balten von einer führenden Schicht auf eine nationale Minderheit zurückgestuft; insbesondere wurden die adligen Großgrundbesitzer enteignet. Die Minderheiten genossen allerdings in beiden Staaten eine weitgehende kulturelle Autonomie.
Anlass und Gründe Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt) vom 23. August 1939 enthielt ein geheimes Zusatzprotokoll, das die zwischen den beiden Mächten liegenden Gebiete völkerrechtswidrig in Interessensphären aufteilte. Estland und Lettland wurden dabei der Sowjetunion überlassen. Über dieses Zusatzprotokoll wurde der „Landesleiter der Bewegung“ in Lettland, Erhard Kroeger, am 25. September vom Reichsführer SS Heinrich Himmler eingeweiht. In dieser Unterredung will Kroeger den Anstoß gegeben haben, nicht nur einen kleinen Kreis von Personen, die durch eine mögliche sowjetische Besetzung besonders gefährdet sein könnten, zu evakuieren, sondern die gesamte deutsche Volksgruppe.Michael Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit... In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. ISBN 3-88680-774-6, S. 537.
Hitler, an den das Ansinnen weitergeleitet wurde, erklärte sich mit der Umsiedlung einverstanden, sofern sie einvernehmlich mit der UdSSR erfolgen würde. In einem Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September wurde zwischen den beiden Ländern schließlich Einvernehmen über die Übersiedlung von Reichsangehörigen und Deutschstämmigen von den sowjetischen in die deutschen Interessengebiete oder nach Deutschland hergestellt.Alexander Schmidt: Geschichte des Baltikums. Piper, München/Zürich 1992, ISBN 3-492-11518-7, S. 285.
Als Ansiedlungsgebiete entschied man sich für die neu annektierten polnischen Gebiete zum Zwecke ihrer „Germanisierung“. Die Umsiedlung hatte somit nicht mehr allein den Charakter einer Rettungsaktion für gefährdete Auslandsdeutsche, sondern wurde zu einem Instrument der nationalsozialistischen Rassen- und Volkstumspolitik. Daneben waren die neuen Siedler auch als Arbeitskräfte und Soldaten willkommen.
Durchführung der Umsiedlung mini|Einbürgerungsurkunde der Einwandererzentralstelle Lodsch, 1940 Der breiten Öffentlichkeit wurden die Umsiedlungspläne durch eine Reichstagsrede Adolf Hitlers am 6. Oktober 1939 bekannt, in der er die Zerschlagung des polnischen Staates und die „neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse“ als Ziele nannte.Zitiert aus: Max Domarus: Hitler – Reden und Proklamationen, Würzburg 1963, Bd. 2, S. 1383 / Rede Hitlers vor dem Reichstag, 4. Sitzung, 6. Oktober 1939 Bereits am nächsten Tag wurde Heinrich Himmler durch FührererlassErlass vom 7. Oktober 1939, abgedruckt als Dokument PS-686 in IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher..., fotomech. Nachdruck München 1989, Bd. 26, ISBN 3-7735-2521-4, S. 255–257. mit der „Festigung deutschen Volkstums“ beauftragt, der seinerseits am 8. Oktober 1939 Reinhard Heydrich anwies, eine Dienststelle zur Erfassung und Einbürgerung der umzusiedelnden Deutschen zu schaffen.Andreas Strippel: NS-Volkstumspolitik und die Neuordnung Europas – Rassenpolitische Selektion der Einwandererzentralstelle des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (1939–1945), Paderborn 2011, ISBN 978-3-506-77170-4, S. 74. Diese Einwandererzentralstelle nahm umgehend ihre Arbeit auf. Bereits am 18. Oktober lief das erste Umsiedlerschiff aus dem Hafen von Tallinn aus.Alexander Schmidt: Geschichte des Baltikums. München/Zürich 1992, ISBN 3-492-11518-7, S. 298. Am 15. bzw. 30. Oktober wurden Umsiedlungsverträge zwischen dem Deutschen Reich und den Republiken Estland bzw. Lettland abgeschlossen. Im „Vertrag über die Umsiedlung lettischer Bürger deutscher Zugehörigkeit in das Deutsche Reich vom 30. Oktober 1939“ zwischen der Reichsregierung, unterschrieben durch den deutschen Botschafter in Lettland, Hans Ulrich von Kotze, und der lettischen Regierung war im Artikel 1 vereinbart:
Ein ähnlich lautendes Protokoll war bereits am 15. Oktober 1939 vom Estnischen Freistaat und der Reichsregierung unterschrieben worden.Protokoll über die Umsiedlung der deutschen Volksgruppe Estlands in das Deutsche Reich vom 15. Oktober 1939, zitiert nach: Monatshefte für Auswärtige Politik, Jg. 7 (1940), Heft 1, S. 24–27 (PDF; 22 kB).
Für die Abwicklung der Vermögen wurden in Lettland die Umsiedlungs-Treuhand-Aktiengesellschaft (UTAG) und in Estland die Deutsche Treuhand-Verwaltung (DT) als Treuhandstellen des Reiches gegründet. Der Erlös aus diesem Vermögen sollte dem Deutschen Reich zugutekommen; die „Entschädigung“ für die Umsiedler erfolgte, wie sich zeigen sollte, aus enteignetem polnischen und jüdischen Vermögen (s. unten)Dietrich A. Loeber: Diktierte Option. Die Umsiedlung der Deutsch-Balten aus Estland und Lettland 1939–1941. Wachholtz, Neumünster 1972, ISBN 3-529-06142-5, S. 24; Michael Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit... In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. ISBN 3-88680-774-6, S. 540..
Formal war für jeden die Entscheidung über die Umsiedlung freiwillig. Eine groß angelegte Lock- und Drohkampagne sorgte jedoch dafür, dass die meisten sich den Maßnahmen widerstandslos unterordneten, dem sogenannten „Ruf des Führers“ folgten und ihre lettische oder estnische Staatsbürgerschaft aufgaben. Den Umsiedlern wurde nicht nur ein voller Vermögensausgleich zugesagt, sondern sie wurden auch zu Trägern einer „neuen Ostaufgabe“ erklärt.Dietrich A. Loeber: Diktierte Option. Neumünster 1972, ISBN 3-529-06142-5, S. 40. In der Propaganda wurde von „Rückkehr“ gesprochen, obwohl die Vorfahren der Deutschen seit Jahrhunderten im Baltikum ansässig waren und in den zur Ansiedlung vorgesehenen Gebieten niemals gelebt hatten. Wer zurückblieb, wurde als „Verräter am Volkstum“ gebrandmarkt, und ihm wurde mit dem Verlust der deutschen Volkszugehörigkeit gedroht:
Außerdem lag die Furcht in der Luft, im Baltikum in den Machtbereich des sowjetischen Diktators Josef Stalin zu gelangen, auch wenn von einer solchen Gefahr mit Rücksicht auf den Verbündeten offiziell nie die Rede war und Zusammenhänge mit den gleichzeitig den baltischen Staaten aufgezwungenen Bündnisverträgen mit der UdSSR geleugnet wurden.
Für diejenigen, die dennoch an ihrer Heimat festhalten wollten, wurde das Bleiben schließlich noch dadurch unattraktiv, dass durch den Wegzug der vielen übrigen der Minderheitenstatus der Deutschen verloren ging, sodass die Institutionen der Kulturselbstverwaltung schließen mussten und etwa kein Anspruch auf muttersprachlichen Schulunterricht mehr bestand.Dietrich A. Loeber: Diktierte Option. Neumünster 1972, ISBN 3-529-06142-5, S. 38.
Die Deutsch-Balten empfanden die erzwungene Umsiedlung als das Ende einer 700-jährigen Geschichte, als einen vollständigen Bruch. Roderich Walter, Lehrer für Geschichte und Latein am Klassischen Gymnasium in Riga, drückte bei der Abschiedsfeier seiner Schule das aus, was fast alle empfanden: „Wir hören auf, Balten zu sein.“Roderich Walter: Ansprache auf dem Abschiedsaktus des Klassischen Gymnasiums am 18. Oktober 1939. In: Renate Adolphi (Red.): 800 Jahre – unser gemeinsames Riga. Beiträge deutschbaltischer Autoren zum 800-jährigen Jubiläum der Stadt Riga 2001. Carl-Schirren-Gesellschaft, Lüneburg 2001, ISBN 3-923149-33-6, S. 317–318, hier S. 318.
Zu den wenigen, die weder 1939 noch bei der Nachumsiedlung 1941 gingen, gehört der Minderheitenpolitiker und Journalist Paul Schiemann, der in einem Interview mit einer schwedischen Zeitung erklärte:
Ansiedlung in annektierten Gebieten mini|Propagandaplakat Die Ansiedlung erfolgte in den nach Kriegsbeginn annektierten polnischen Gebieten, d. h. dem Reichsgau Danzig-Westpreußen und insbesondere dem Reichsgau Wartheland, der zu einem „Mustergau“ werden sollte.Jacek Kubiak, Klaus Salge/rbb, ARTE: Eine blonde Provinz – Polen und der deutsche Rassenwahn. Abgerufen am 6. April 2016 (Beschreibung). Da die Umsiedlung ein Bestandteil der nationalsozialistischen Rassenpolitik war, wurde deren Durchführung der SS übertragen,Dietrich A. Loeber: Diktierte Option. Neumünster 1972, ISBN 3-529-06142-5, S. 29. die dafür eine Umwandererzentralstelle installierte. Parallel zur Ansiedlung von Deutschen fand eine massenhafte Vertreibung von Polen und Juden in das polnische Generalgouvernement statt, deren enteignetes Vermögen zur „Entschädigung“ für Privateigentum der Umsiedler herhalten musste, das diese im Baltikum zurücklassen mussten.Dietrich A. Loeber: Diktierte Option. Neumünster 1972, ISBN 3-529-06142-5, S. 46. Die sogenannten „Rückkehrer“ wurden von der Volksdeutschen Mittelstelle, einer SS-Organisation, in Wohnungen einquartiert, die nach Zeitzeugenberichten häufig gerade erst von ihren vorigen Bewohnern überstürzt verlassen worden waren.Jana Elena Bosse: Siebzig Jahre nach der Umsiedlung – deutschbaltische Zeitzeugen erinnern sich. In: Eckhart Neander und Andrzej Sakson (Hrsg.): Umgesiedelt – Vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939–1945 im Warthegau (= Tagungen zur Ostmitteleuropaforschung. Band 29). Verlag Herder-Institut, Marburg 2010, ISBN 978-3-87969-367-2, S. 32 f.