mini|Porträt Ernst Ludwig Kirchners von Binswanger Ludwig Binswanger (* 13. April 1881 in Kreuzlingen, Schweiz; † 5. Februar 1966 ebenda) war ein Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker.
Er ist der wohl bekannteste Spross der weitverzweigten Schweizer Psychiaterfamilie Binswanger. Er gehörte schon früh zu den führenden geistigen Persönlichkeiten seines Landes und gilt als Begründer der Daseinsanalyse, einer Verbindung von Psychoanalyse und Existenzphilosophie, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg eine bedeutende tiefenpsychologische Lehrmeinung darstellte.
Dadurch hat Ludwig Binswanger einen festen Platz in der Psychiatriegeschichte des 20. Jahrhunderts gefunden. Er leitete 45 Jahre lang das 1857 von seinem namensgleichen Grossvater gegründete Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, Kanton Thurgau, durch das er auch international bekannt wurde.
Leben Tradition der Familie Ludwig Binswanger war erster Sohn von Robert Binswanger, unter dessen Leitung das Sanatorium bereits europaweit an Ansehen gewonnen hatte. Der familiären Tradition entsprechend wuchs er in engem Kontakt mit den Patienten der Klinik auf, während in der Familie selbst ein weit darüber hinausgehendes reges Interesse für Philosophie, Geschichte, Literatur, Kunst und Musik herrschte.
Persönlich liess er sich vom Grundsatz seines Vaters leiten, keiner wissenschaftlichen «Schule» und keinerlei Dogma verhaftet zu sein, um offen und frei von weltanschaulichen und wissenschaftlichen Bindungen zu bleiben. Auch bei der Behandlung von Geisteskranken vertraten die Binswangers früh freiheitliche Ansichten, während sie auf der anderen Seite hohen Respekt und tiefes Verständnis für die Individualität der Kranken aufbrachten. So stand man im Bellevue Fortschritten in der Psychiatrie, namentlich der Psychoanalyse Freuds interessiert, aber kritisch prüfend gegenüber unter Wahrung eigenen Denkens und Urteilens.
Schulbildung und Studium Auf Brunnegg erhielt Ludwig Binswanger von seinem vierten Lebensjahr an Privatstunden, dann kam er in die Seminarübungsschule zu Lehrer Seiler. Die ersten Gymnasialjahre verbrachte er an der Kantonsschule Schaffhausen, später wechselte er ans Gymnasium in Konstanz – es war eine hervorragende Schule, die ihm die geistigen, im Besonderen die naturwissenschaftlichen Grundlagen seiner Bildung gab.
Ab dem Jahre 1900 begann seine medizinische Ausbildung; er studierte drei Semester in Lausanne, vier Semester in Zürich, anschliessend zwei Semester in Heidelberg, wo ihn die Professoren Erb und Bönhöffer besonders beeindruckten, danach wieder fünf Semester in Zürich.
1906 absolvierte er sein medizinisches Staatsexamen in Zürich. Nach seiner Promotion ging er für ein Assistentenjahr in die Zürcher Universitätsklinik «Burghölzli», die unter der Leitung von Eugen Bleuler stand. Der Oberarzt war Carl Gustav Jung, bei dem Binswanger seine Doktorarbeit Das psychogalvanische Reflexphänomen im Assoziationsexperiment verfasste. Durch C. G. Jung wurde Ludwig Binswanger auf die Psychoanalyse aufmerksam gemacht. Bleuler und Jung bemühten sich damals um die Übernahme der Psychoanalyse in die Psychiatrie.
Freundschaft mit Sigmund Freud Ludwig Binswanger setzte sich am Burghölzli sehr intensiv mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds auseinander. Den frühesten Kontakt zu Freud verdankte er C. G. Jung. Sie arbeiteten an einer Analyse des Zusammenhangs von Vorstellungen und Affekten. Im Jahre 1907 reisten Binswanger und Jung zu Sigmund Freud nach Wien, um ihre Ergebnisse mit ihm zu diskutieren.
Zwischen dem 25 Jahre älteren Sigmund Freud und Ludwig Binswanger entstand eine lebenslange Freundschaft mit wachsender Vertrautheit. Ihr Briefwechsel von 1908 bis 1938 zeigt eine fesselnde Diskussion unterschiedlicher wissenschaftlicher Auffassungen. Freud bewunderte Binswangers Gelehrsamkeit, den Umfang seines geistigen Horizonts, seine Bescheidenheit und sein Taktgefühl.
Verschiedene Reisen nach Wien und ein Gegenbesuch Freuds in Kreuzlingen zu Pfingsten 1912 begründeten eine Freundschaft zwischen beiden, die bis zu Freuds Tod 1939 währte, obwohl sie im Bereich der Theorie grundsätzlich verschiedene Auffassungen vertraten.
Freud erhoffte sich von Binswanger schon bald eine doppelte Mittlerrolle zwischen der Psychoanalyse und den «Zürchern» (die Analytiker um Bleuler und Jung) einerseits und der klinischen Psychiatrie andererseits.
Doch eine (einzige) Gegenstimme Binswangers konnte 1914 den Austritt der «Zürcher» aus der Psychoanalytischen Vereinigung nicht verhindern. So trat Binswanger seinerseits demonstrativ der Wiener Gruppe bei und schrieb an Freud:
Assistenzjahre und Übernahme des Bellevue 1907/1908 folgte ein weiteres Jahr als Assistenzarzt bei seinem Onkel Otto Binswanger an der Psychiatrischen Klinik in Jena. Nach einer Bildungsreise nach Paris, England und Schottland trat Ludwig Binswanger im Jahre 1908 bei seinem Vater im Bellevue als Assistenzarzt ein.
In demselben Jahr fand die Heirat mit Hertha Buchenberger, die er in Jena kennen gelernt hatte, statt. Sie war die Tochter des badischen Finanzministers; aus den engen Vorurteilen ihrer Zeit ausgebrochen, hatte sie den damals in den oberen Kreisen verachteten und verpönten Schwesternberuf ergriffen. Es war eine glückhafte Wahl, die Binswanger getroffen hatte; eine kultivierte, sprühlebendige, edle und noble Frau trat in seine Welt, die ihn zutiefst verstand, in selbstloser Weise den Kranken diente und ihn als treueste, verstehende Weggefährtin auf seiner oft nicht leichten Wanderschaft begleitete. Mit seiner Gemahlin hatte Ludwig Binswanger insgesamt sechs Kinder.
Bereits im Jahre 1911 übernahm der erst knapp dreissigjährige Ludwig die Anstaltsleitung des Bellevue, nach dem plötzlichen Tod seines Vaters. Sein Bruder Otto (1882–1968) war für die kaufmännisch-wirtschaftliche Sparte des Unternehmens verantwortlich.
Leiter des Bellevue (1910–1956) Ein Tag als Anstaltsleiter im Bellevue: Morgens um acht Uhr begann die ärztliche Konferenz, von neun Uhr bis mittags dauerten die ärztlichen Visiten; der Mittagstisch vereinigte die Ärzte, ihre Frauen und die Patienten, um drei Uhr nachmittags folgte die psychotherapeutische Tätigkeit, abends nach sieben Uhr versammelten sich die Ärzte und Patienten zum gemeinsamen Nachtessen, hernach sass man noch mit ihnen beisammen und konnte sich dann anschliessend der wissenschaftlichen Lektüre widmen. Am Freitagnachmittag zog Ludwig Binswanger sich auf Brunegg zurück, um sich gründlich auszuruhen von diesem strengen «Für-die-anderen-da-Sein»; der Samstag und der Sonntag gestattete die eigene wissenschaftliche Arbeit. Die Familie musste bei diesem Dienst zu kurz kommen, aber schon sein Grossvater hatte die Devise eingeführt: «Zuerst kommen die Kranken, dann kommt ihr!»
Im Jahre 1920 hielt er ein Referat am internationalen Haager Kongress für Psychoanalyse mit dem Titel «Psychoanalyse und klinische Psychiatrie». Zwei Jahre später erscheint Binswangers Hauptwerk der Frühphase, die Einführung in die Probleme der allgemeinen Psychologie.
In der Zwischenkriegszeit war Binswanger mit einer intensiven Vortragstätigkeit beschäftigt. So hielt er 1922 ein Referat «Über Phänomenologie» im Burghölzli, in dem er sich mit der Bedeutung der Phänomenologie Husserls für die Psychopathologie auseinandersetzte. In den 1920er Jahren trafen sich häufig Philosophen, Schriftsteller und Künstler im Bellevue.
Nach 10-jähriger Arbeit publizierte Ludwig Binswanger im Jahre 1922 sein Werk Einführung in die Probleme der allgemeinen Psychologie, welches er Ernst Bleuler und Sigmund Freud widmete.
Von 1925 bis 1928 war Ludwig Binswanger Präsident des Schweizer Vereins für Psychiatrie.
1936 hält Ludwig Binswanger anlässlich Freuds achtzigstem Geburtstag einen der Festvorträge in Wien mit dem Titel «Freuds Auffassung des Menschen im Lichte der Anthropologie», in welchem er Freuds Menschenbild einer fundierten Kritik unterzieht. Die Universität Basel verlieh ihm im Jahre 1941 die Ehrendoktorwürde.
Nur ein Jahr später, 1942, erschien Binswangers Hauptwerk Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins. Darin begründete Binswanger seine eigene Anthropologie, die unter dem Namen «Daseinsanalyse» bekannt wurde.
Ab etwa Mitte der 1940er Jahre begann eine Freundschaft und die Zusammenarbeit mit dem Freiburger Philosophen Wilhelm Szilasi, durch den Binswanger auf Husserls Spätwerk aufmerksam wurde, das in den 1950er Jahren erscheint.
Im Jahre 1947 erschien der erste von zwei Sammelbänden Vorträge und Aufsätze, der zweite erschien 1955. 1956 trat Ludwig Binswanger von seinem Amt zurück und übergab die Klinikleitung seinem Sohn Wolfgang Binswanger.
mini|Sanatorium Bellevue (1989)
Ab 1957 bis zu seinem Ableben Ludwig Binswanger setzte auch nach seinem Rücktritt aus dem Bellevue seine Untersuchungen sowie seine schriftstellerischen Tätigkeiten noch lange fort. Er betrachtete seine Werke nicht als etwas Abgeschlossenes, Vollendetes: Alles ist immer im Werden begriffen. Jetzt im Alter konnte er sich dem Schreiben mit Musse widmen; damals musste es den wenigen Ferienwochen in Braunwald, auf dem vorarlbergischen Bödele, auf Schloss Wolfsberg und den kargen Wochenendstunden abgerungen werden; denn der ganze Tag gehörte den kranken Patienten.
Drei Formen missglückten Daseins. Verstiegenheit, Verschrobenheit, Manieriertheit schrieb Ludwig Binswanger im Jahre 1956. Dieses Werk setzte psychiatrisch-tiefenpsychologisches Denken mit kunstgeschichtlicher Betrachtungsweise in Beziehung. Demnach hat neurotisches und schizophrenes Erleben viele Entsprechungen in der Kultur- und Geistesgeschichte: Der seelisch kranke Mensch «erfindet» seine Krankheit nicht selbst, sondern er nimmt vieles aus der ihn umgebenden Kultur auf.
1957 erschienen die Schizophreniestudien im Buch Schizophrenie, ebenso der Sammelband Der Mensch in der Psychiatrie. Eine der seltenen Auszeichnungen für hervorragende wissenschaftliche Leistungen, die Kraepelin-Medaille, wurde Ludwig Binswanger 1957 verliehen.
Zwei Jahre später wurde ihm durch die Universität Freiburg im Breisgau die Ehrendoktorwürde verliehen. 1960 erschien das Buch Melancholie und Manie, beeinflusst durch Husserls und Szilasis Philosophie. Binswanger wendete sich darin dem transzendentalphänomenologischen Denken zu. Ludwig Binswanger wurde im Jahre 1961 Ehrensenator der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften in Basel. Im Buch Wahn, welches 1965 erschien, befasste er sich mit dem Wahn-Problem aus phänomenologischer und daseinsanalytischer Sicht.
Ludwig Binswangers Nachlass (sowie weitere Bestände des Sanatoriums "Bellevue") befinden sich im Universitätsarchiv Tübingen.
Binswangers Denken Ludwig Binswanger war in erster Linie Wissenschaftler, mehr Forscher als Therapeut, während er sich für die Arbeit in der Klinik auf die Mitarbeit ausgezeichneter Assistenzärzte verlassen konnte. Das bot Ludwig Binswanger die Möglichkeit zu ausgedehnten persönlichen und wissenschaftlichen Kontakten mit vielen der namhaftesten Denker seiner Zeit.
Die Möglichkeit einer akademischen Karriere schlug Ludwig Binswanger aus. Als Arzt blieb er stets in engstem Kontakt mit der psychiatrischen Empirie. Oberste Maxime war für ihn, der anschaulichen Wirklichkeit kranker Menschen methodisch gerecht zu werden. So waren ihm die philosophischen und wissenschaftlichen Strömungen seiner Zeit in erster Linie Instrumente zur Verfeinerung der ärztlichen Empirie.
Binswanger wies jede Dogmenbildung zurück. Seine Rezeption der Psychoanalyse war eine kritische, und in der zunehmenden Tendenz zur Systembildung in der Phänomenologie Husserls und Heideggers sah er rasch die wachsende Gefahr ihrer wissenschaftlichen Sterilität.
Orientierung an Husserl und Heidegger