mini|hochkant=1.3|Hubert Humphrey, nominiert als demokratischer Präsident­schafts­kandidat, und Edmund S. Muskie, nominiert als Vize­präsident­schafts­kandidat, auf der Democratic National Convention 1968 Die Democratic National Convention 1968 fand vom 26. bis 29. August im International Amphitheatre in Chicago, Illinois, statt. Nachdem Präsident Lyndon B. Johnson angekündigt hatte, nicht mehr zur Wiederwahl anzutreten, war es das Ziel des Nominierungsparteitags, einen neuen Kandidaten der Demokratischen Partei für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu nominieren. Themen des Parteitags waren unter anderem die weitere militärische Beteiligung der USA am Vietnamkrieg und die Senkung des Mindestalters für die Ausübung des Wahlrechts von 21 auf 18 Jahre. Der Parteitag markierte einen politischen Wendepunkt, da bisher kaum repräsentierte Gruppen wie Jugendliche und Minderheiten stärker in die Politik einbezogen wurden.

Der Parteitag fand in einem Jahr der Gewalt, der politischen Turbulenzen und der Unruhen in den Vereinigten Staaten statt. So wurde der Bürgerrechtler Martin Luther King jr. am 4. April 1968 im Lorraine Motel in Memphis erschossen, was eine Reihe von gewalttätigen Unruhen in den Vereinigten Staaten auslöste. Zwei Monate später, am 5. Juni 1968, wurde Robert F. Kennedy ermordet, der sich neben Senator Eugene McCarthy um die Nominierung beworben hatte. Bereits 1967 hatten Protestgruppen der Gegenkultur und Anti-Vietnamkriegsgruppen sich abgesprochen, nach Chicago zu kommen und den Parteitag zu stören. Vertreter der Stadt hatten dagegen versprochen, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. Acht Tage lang kam es im Umfeld des Parteitags zu Zwischenfällen zwischen Demonstranten und der Chicagoer Polizeibehörde sowie der Nationalgarde. Die Ausschreitungen und die Polizeigewalt erlebten ihren Höhepunkt mit vielen Verletzten in der Nacht vom 28. August 1968.

Die Delegierten des Parteitags nominierten Vizepräsident Hubert H. Humphrey und Senator Edmund S. Muskie aus Maine als Kandidaten für das Amt des Präsidenten beziehungsweise des Vizepräsidenten. Sie unterlagen bei den Präsidentschaftswahlen im November 1968 den Republikanern Richard Nixon und Spiro Agnew.

Politische Lage vor der National Convention Innenpolitische Lage mini|Antikriegsmarsch am 10. August 1968 in Chicago im Vorfeld der Democratic National Convention Schon seit 1965 gab es wiederholt Proteste gegen die Beteiligung der USA am Vietnamkrieg. In den folgenden Jahren formierte sich daraus eine Friedensbewegung, die sich aus verschiedenen Teilen der US-amerikanischen Bevölkerung zusammensetzte. Zunächst hatte ein großer Teil der Bevölkerung die Politik Johnsons unterstützt und befürwortete eine Ausweitung der amerikanischen Rolle in Vietnam. Bis 1967 war jedoch eine wachsende Mehrheit der US-Amerikaner der Meinung, dass das militärische Engagement in Vietnam falsch war. Noch im Januar 1968 hatte die US-Regierung versichert, dass die USA „kurz davor stünden, ihre Ziele in Vietnam zu erreichen“. Gleichzeitig begann die sogenannte Tet-Offensive, eine Reihe militärischer Operationen der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong gegen Ziele in Südvietnam, darunter auch US-Stützpunkte. Bald wurde klar, dass der Krieg nicht wie geplant verlief und das militärische Engagement nicht so begrenzt und kurz sein würde wie erwartet. Die US-Bürger begannen zu begreifen, dass die Regierung nicht die Wahrheit sagte.

Die Ermordung von Martin Luther King Jr. führte zu einer Welle der Wut und Desillusionierung unter den afroamerikanischen Bürgern. Am Tag nach der Ermordung Kings, dem 5. April 1968, kam es in Chicago zu Rassenunruhen mit Plünderungen und Brandstiftung. Bürgermeister Richard J. Daley verhängte eine Ausgangssperre und untersagte den Verkauf von Waffen und Munition. Über 20.000 Polizeikräfte, Nationalgardisten sowie Soldaten wurden eingesetzt, um die Unruhen unter Kontrolle zu bringen. Im Rahmen der Chicagoer Unruhen wurden elf Menschen getötet, 48 durch Schüsse verletzt und 2150 verhaftet. Auch in Washington, D.C., Baltimore, Kansas City und vielen weiteren Städten kam es zu größeren Unruhen.

Lage innerhalb der Demokratischen Partei mini|Robert F. Kennedy bei einer Ver­anstaltung in Kalifornien während seiner Präsident­schafts­kampagne mini|Fernsehansprache von Präsident Lyndon B. Johnson am 31. März 1968 zur Einstellung der Bombardierungen in Vietnam und zum Verzicht auf eine Wiederwahl Die Demokratische Partei, die das Repräsentantenhaus, den Senat und das Weiße Haus kontrollierte, war 1968 wegen Johnsons Kriegspolitik gespalten. Senator Eugene McCarthy, ein erklärter Kriegsgegner, trat im November 1967 in den Wahlkampf ein und forderte den amtierenden Präsidenten Johnson heraus. Robert F. Kennedy, der ebenfalls als Kriegsgegner galt, hatte zunächst mit der Kandidatur gezögert, da er nicht als Erster gegen Johnson antreten wollte, um den Eindruck zu vermeiden, er würde die Partei aus Ehrgeiz und Neid spalten. Robert Kennedy hatte keinerlei Sympathie oder Wertschätzung für Johnson. Er äußerte regelmäßig seine Abneigung über Johnson und bezeichnete ihn und seine Ehefrau mit Spitznamen wie „Onkel Maiskolben“ und „Miss Schweinekotelett“. Johnson war sich der ablehnenden Haltung bewusst und äußerte sich ebenfalls abfällig über Robert Kennedy. Er bemerkte dazu: „Er hat mich nie gemocht, und das ist nichts im Vergleich zu dem, was ich von ihm halte.“ Im März 1968 erklärte Robert Kennedy schließlich seine Kandidatur.

Bei den Vorwahlen, den Primaries, oder den Parteiversammlungen, den Caucuses, eines Bundesstaates handelt es sich um indirekte Wahlen. Dabei bestimmen die Mitglieder einer Partei oder die Einwohner eines Bundesstaates den Präsidentschaftskandidaten nicht direkt, sondern die Delegierten, die auf dem nationalen Parteitag für einen bestimmten Kandidaten stimmen. Die Ergebnisse der Vorwahlen in den sogenannten „early states“, Iowa, New Hampshire, Nevada und South Carolina, beeinflussen die weitere Entwicklung des Wahlkampfs und die Wahrnehmung der Kandidaten maßgeblich.

Nach dem Beginn der Tet-Offensive Ende Januar 1968 wurde in den USA der Ruf nach einem Ende des Krieges lauter. Bei den Vorwahl in New Hampshire führte Eugene McCarthy, der als strikter Kriegsgegner galt, Johnson an den Rand einer Niederlage. Johnson, der innerhalb seiner Partei auf stärker werdenden Widerspruch stieß, gab die Kandidatur am 31. März 1968 auf. Die Meinungsumfragen sahen Johnson hinter McCarthy und Kennedy für die Vorwahl in Wisconsin an dritter Stelle liegend. Für den amtierenden Präsidenten hätte ein dritter Platz in den Vorwahlen eine beispiellose Niederlage bedeutet, und für Johnson war es besser, nicht mehr anzutreten, als in den Vorwahlen in Wisconsin Dritter zu werden. In einer Fernsehansprache aus dem Oval Office verkündete er zunächst einen teilweisen Stopp der Bombardierung Nordvietnams. In einer für alle Beteiligten überraschenden Wendung verkündete er anschließend seine Entscheidung bezüglich der nächsten Präsidentschaft.

Stattdessen trat Vizepräsident Hubert Humphrey in den Wahlkampf ein, ohne zuvor an einer Vorwahl teilgenommen zu haben. Obgleich Eugene McCarthy bei den Vorwahlen mit seiner Anti-Vietnamkriegsposition Erfolge verzeichnen konnte, wurden zahlreiche Delegationen von Parteiführern kontrolliert, die nicht verpflichtet waren, den Gewinner der Vorwahlen zu unterstützen. Humphrey konnte aufgrund dieser Struktur als Kandidat aufgestellt werden und erbte die Stimmen derjenigen Delegierten, die zuvor Johnson unterstützt hatten, und gewann zudem Delegierte in den Caucus-Staaten hinzu.

Mit der Ermordung Kennedys am 5. Juni wuchs die Spaltung der Demokratischen Partei. Die Delegierten, die Kennedy unterstützt hatten, waren nach seiner Ermordung unentschieden. Die Anhänger Kennedys verteilten sich auf drei Gruppen: Die erste Gruppe unterstützte McCarthy, der einen Antikriegswahlkampf führte und als Friedenskandidat galt. Die zweite Gruppe unterstützte Humphrey, der sich auf Druck Johnsons für die Fortführung des Krieges aussprach, und die dritte Gruppe sympathisierte mit Senator George McGovern, der ebenfalls einen Rückzug der US-amerikanischen Truppen forderte. Der Vietnamkrieg, der Kampf für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner, die Überwindung des Rassismus und die zunehmende Sorge über den Verlust von Recht und Ordnung, die durch Antikriegsproteste und Rassenunruhen im ganzen Land ausgelöst wurde, bestimmten die Debatte.

Im Vorfeld des Parteitags kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Humphrey- und McCarthy-Anhängern in der Demokratischen Partei von Georgia über die Aufteilung der Delegation auf die beiden Kandidaten. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass der Parteitag eine strittige Veranstaltung werden würde. Channing E. Phillips, der Kennedys Wahlkampf in Washington, D.C. geleitet hatte, wurde von den Mitgliedern der Distriktdelegation nach dem Tod von Kennedy als Kandidat nominiert. Somit war er der erste Afroamerikaner, der eine Nominierung auf einem Parteitag der demokratischen Partei als Kandidat für das Amt des Präsidenten erhielt.

Planungen im Vorfeld der National Convention Demokratische Partei mini|Richard J. Daley (links) mit Präsident Johnson im Weißen Haus 1966 Der Bürgermeister von Chicago, Richard J. Daley, beabsichtigte, den Parteitag der Demokraten nach Chicago zu holen, um ein Symbol für politische Macht und einen höheren politischen Status zu schaffen. Am 7. Oktober 1967 trafen sich Daley und Johnson bei einer Spendenaktion für Johnsons Wahlkampagne. Während des Treffens erklärte Daley dem Präsidenten, dass der Präsident die Swing States mit ihren Wahlstimmen verlieren könnte, wenn der Parteitag nicht in Illinois abgehalten würde. Die Abhaltung eines Parteitags im bisher bevorzugten Tagungsort Houston sei nicht sinnvoll, da Texas Johnson bei der Wahl bereits unterstütze. Johnsons Kriegspolitik hatte eine Spaltung innerhalb der Partei geschaffen und Daley hoffte, dass die Auswahl von Chicago für den Parteitag weitere Konflikte mit der Opposition beseitigen würde.

Verschiedene Demokraten wollten den Parteitag von Chicago nach Miami verlegen. Die Republikaner beabsichtigten ebenfalls, ihren Parteitag dort abzuhalten. Damit hofften sie, den Protesten zu entgehen, die für Chicago geplant waren. Die Fernsehsender befürworteten ebenfalls eine Verlegung nach Miami, da sie dort bereits die notwendige Infrastruktur installiert hatten.

Daley setzte schließlich seinen politischen Einfluss ein, um die National Convention in Chicago durchzuführen. Er versprach die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung und drohte Humphrey, dem wahrscheinlichsten Kandidaten nach Johnsons Rückzug, seine Unterstützung zu entziehen, falls der Parteitag nicht in Chicago stattfinden würde. Diese Argumente waren für den Präsidenten offenbar überzeugend, so dass Chicago als Tagungsort für den Parteitag festgelegt wurde. Der Leiter des Ausschusses für die Auswahl des Standorts, David Wilentz, gab als offiziellen Grund für die Wahl von Chicago die zentrale geografische Lage an, welche die Transportkosten senken sollte.

Daley, der als ein maßgeblicher Unterstützer der Politik Johnsons galt, spielte eine zentrale Rolle während des Parteitags, da er sowohl den Vorsitz der politischen Organisation in Illinois innehatte als auch Bürgermeister von Chicago war. Er übte maßgeblichen Einfluss auf die politische Landschaft der Vereinigten Staaten aus, da seine politische Maschinerie dafür sorgte, dass er als Bürgermeister von Chicago sowie seine politischen Weggefährten als Kongressabgeordnete, Senatoren und Gouverneure wiedergewählt wurden.