mini|hochkant|Abraham Lincoln (1858) Die House-divided-Rede ist eine Rede, die Abraham Lincoln am 16. Juni 1858 im Old State Capitol in Springfield, Illinois, hielt. Sie war der Wahlkampfauftakt der Republikanischen Partei im US-Bundesstaat Illinois für die Wahlen zum Senat der Vereinigten Staaten, die am 2. November 1858 stattfanden. Lincoln warnte in seiner Rede vor der Spaltung der Nation und dem Ausgreifen der Sklaverei auf die Territorien und Bundesstaaten, in denen sie wie in Illinois illegal war. Lincoln unterlag bei den Wahlen zwar seinem Konkurrenten, doch machte ihn die Rede USA-weit bekannt und ermöglichte ihm seine erfolgreiche Präsidentschaftskandidatur zwei Jahre später. Sie wird zu den größten Reden der amerikanischen Geschichte gezählt.Jolyon P. Girard, Darryl Mace und Courtney Michelle Smith (Hrsg.): American History through its Greatest Speeches: A Documentary History of the United States. Bd. 2. ABC Clio, Santa Barbara/Denver/London 2017, S. 152–157.

Vorgeschichte Sklavenfrage In den Jahren vor Ausbruch des Sezessionskrieges war die Sklavenfrage das wichtigste innenpolitische Thema in den Vereinigten Staaten. Zwar hatte man sich 1820 im Missouri-Kompromiss darauf geeinigt, dass das relativ weit in den Norden reichende Missouri als ein Sklavenstaat in die Union aufgenommen, dafür aber alle Gebiete des Louisiana-Territoriums, die nördlich 36° 30′ nördlicher Breite lagen, sklavenfrei werden sollten. Dieser Kompromiss wurde durch den Kansas-Nebraska-Act aufgehoben, ein Gesetz, das auf Initiative des demokratischen Senators Stephen A. Douglas im Mai 1854 vom Kongress der Vereinigten Staaten beschlossen worden war. Danach sollte es der Volkssouveränität der einzelnen Staaten und Territorien überlassen bleiben, ob sie Sklaverei zulassen wollten oder nicht. Das Gesetz war eigentlich nur dazu gedacht, die Zustimmung der Südstaaten zu einer Eisenbahnlinie von Illinois nach Kalifornien zu bekommen, führte jedoch in den Folgejahren im Kansas-Territorium, das nördlich der Kompromisslinie lag, zu bürgerkriegsartigen Unruhen, die als Bleeding Kansas in die Geschichte eingingen.Howard Temperley: Regionalismus, Sklaverei, Bürgerkrieg und die Wiedereingliederung des Südens, 1815–1877. In: Willi Paul Adams (Hrsg.): Die Vereinigten Staaten von Amerika. (= Fischer Weltgeschichte, Bd. 30). Fischer, Frankfurt am Main 1977, S. 96 und 100.

1857 legte die verfassungsgebende Versammlung von Kansas die nach ihrem Entstehungsort benannte Lecompton Constitution vor, den Entwurf einer Verfassung, die die Sklaverei erlaubte. Da bei dem sich anschließenden Plebiszit nur darüber abgestimmt werden konnte, ob weitere Sklaven nach Kansas importiert werden durften oder nicht, wurde sie von Free Soilers und anderen Gegnern der Sklaverei boykottiert. Die Verfassung von Kansas wurde daher gebilligt und vom demokratischen Präsidenten James Buchanan angenommen. Sein Parteifreund Douglas, der behauptete, es sei ihm gleich, zu welchem Ergebnis die von ihm befürworteten Abstimmungen über Sklaverei kämen, sah durch das gewählte Verfahren aber das Prinzip der Volkssouveränität verletzt und organisierte im Kongress eine Mehrheit gegen die Lecompton Constitution, in der sich außer Demokraten auch Abgeordnete der Whigs und der erst vier Jahre zuvor gegründeten Republikaner zusammenfanden.Richard Carwardine: Lincoln. A Life of Purpose and Power. Vintage Books, New York 2006, S. 73 ff. In der Folge mehrten sich Gerüchte, Douglas könnte sich von den Demokraten trennen und sich womöglich sogar den Republikanern anschließen.David Zarefsky: Lincoln and the House Divided: Launching a National Political Career. In: Rhetoric and Public Affairs 13, Heft 3: Special Issue on Lincoln’s Rhetorical Worlds. 2010, S. 423 f.

Im gleichen Jahr hatte das Urteil des Obersten Gerichtshofes im Fall Dred Scott v. Sandford für Aufsehen gesorgt. Dred Scott war ein afroamerikanischer Sklave, der auf Freilassung klagte, nachdem sein Besitzer ihn nach Illinois und Wisconsin mitgenommen hatte, wo es keine Sklaverei gab. Der Oberste Gerichtshof unter seinem Vorsitzenden Roger B. Taney wies die Klage am 6. März 1857 mit sieben zu zwei Stimmen ab, da die in der Verfassung der Vereinigten Staaten festgeschriebenen Grundrechte, einschließlich des Rechts, die Gerichte anzurufen, für Afroamerikaner nicht gälten. Gleichzeitig erklärte Taney den Kongress für gar nicht kompetent, über Sklaverei in den Territorien zu entscheiden: Der Missouri-Kompromiss sei verfassungswidrig.Jörg Nagler: Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2009, S. 167.

Lincolns Karriere Abraham Lincoln, ein Rechtsanwalt und Politiker aus Springfield, Illinois, war ein gemäßigter Gegner der Sklaverei. So war er zwar strikt gegen ihre Ausweitung in neue Staaten und Territorien, machte sich aber die Argumente der Abolitionisten nicht zu eigen, die sie sofort abschaffen wollten. Daher sprach er sich für die Beibehaltung des 1850 beschlossenen Fugitive Slave Act aus, der Staaten ohne Sklaverei verpflichtete, entflohene Sklaven auszuliefern.Richard Carwardine: Lincoln. A Life of Purpose and Power. Vintage Books, New York 2006, S. 66 f. 1854 trat der für die Whigs gewählte Lincoln von seinem Sitz im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten zurück, in das er 1846 gewählt worden war, und kandidierte für den Senat, wurde aber nicht gewählt. 1856 trat er der Republikanischen Partei bei.Richard Carwardine: Lincoln. A Life of Purpose and Power. Vintage Books, New York 2006, S. 361 f. Am 16. Juni 1858 wurde er von den etwa 1000 Delegierten des republikanischen Staatskonvents Illinois einstimmig zum Kandidaten für die anstehende Senatswahl gewählt. Bisheriger Mandatsinhaber und damit Lincolns Gegenkandidat war Stephen Douglas. Am Abend desselben Tages hielt Lincoln vor den Delegierten eine etwa halbstündige Ansprache, die als House-divided-Rede in die Geschichte eingehen sollte. Anders als seine anderen Reden, die er auf der Grundlage einiger Notizen improvisierte,Richard Carwardine: Lincoln. A Life of Purpose and Power. Vintage Books, New York 2006, S. 52. hatte Lincoln diese Rede in den Wochen zuvor sorgfältig ausformuliert und seinem Kanzleipartner William Herndon vorgetragen, der sie allerdings zu radikal fand. Lincoln wollte aber nichts ändern und lernte sie auswendig, sodass er ohne Manuskript sprechen konnte.Don E. Fehrenbacher: The Origins and Purpose of Lincoln’s 'House-Divided' Speech. In: Mississippi Valley Historical Review. 46, Heft 4 (1960), S. 631; Jörg Nagler: Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2009, S. 173.

Inhalt mini|Das Old State Capitol in Springfield, Illinois, wo die Rede gehalten wurde Lincoln begann seine Rede mit einer bekannten Formulierung, die Senator Daniel Webster aus Massachusetts 1830 in der Nullifikationskrise gebraucht hatte:Jörg Nagler: Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2009, S. 173 f. Wenn man wisse, wo man stehe und wohin man strebe, könne man besser beurteilen, was zu tun sei und wie. Obwohl man nun bereits seit 1854 (dem Jahr des Kansas-Nebraska-ActJohn Burt: Lincoln’s Tragic Pragmatism. Harvard University Press, Cambridge 2013, ISBN 978-0-674-05018-1, S. 124 (abgerufen über De Gruyter Online).) ein Ende der Agitation für die Sklaverei anstrebe, nehme diese doch immer weiter zu. Dies werde erst in einer Krise enden, also im antiken Wortsinn in einer Entscheidungssituation.David Zarefsky: Lincoln and the House Divided: Launching a National Political Career. In: Rhetoric and Public Affairs, 13, Heft 3: „Special Issue on Lincoln’s Rhetorical Worlds“, 2010, S. 430. Damit kam er zu der vielzitierten Formulierung, die der Rede den Titel geben sollte:

Die Metapher vom geteilten Haus bezog sich auf das Neue Testament: Laut und hatte Jesus von Nazaret sich nach einem Exorzismus gegen den Verdacht gewehrt, er selber stehe mit dem Teufel im Bunde: „Wie kann der Satan den Satan austreiben? Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben“. Lincoln hatte die Metapher bereits mehrfach in seinen Reden verwendet, das erste Mal 1843, als es um Einigkeit innerhalb der Whig-Partei ging.David Zarefsky: Lincoln and the House Divided: Launching a National Political Career. In: Rhetoric and Public Affairs, 13, Heft 3: „Special Issue on Lincoln’s Rhetorical Worlds“, 2010, S. 427.

Im Fortgang der Rede sagte Lincoln voraus, es würden sich also entweder die Gegner einer Ausbreitung der Sklaverei durchsetzen, dabei die Öffentlichkeit mit dem Gedanken beruhigend, sie werde im Lauf der Zeit ohnehin irgendwann abgeschafft, oder deren Befürworter. Er sprach sich also nicht dafür aus, die Sklaverei abzuschaffen, sondern nur dafür, ihre weitere Ausdehnung einzudämmen.David Zarefsky: Lincoln and the House Divided: Launching a National Political Career. In: Rhetoric and Public Affairs, 13, Heft 3: „Special Issue on Lincoln’s Rhetorical Worlds“, 2010, S. 431. Gleichwohl sah er einen Trend hin zu einer Ausweitung, da mit der Dred-Scott-Entscheidung, dem Kansas-Nebraska-Act und dem Amtsantritt Buchanans eine legale „Maschinerie“ errichtet worden sei, nach der künftig niemand mehr widersprechen dürfe, wenn jemand beschließe, jemand anderen zu versklaven. Er habe zwar keine Beweise dafür, fand aber in einem anderen sprachlichen Bild Plausibilitätsgründe: Er stellte sich einen Fachwerkbau vor, dessen Bauteile zu verschiedenen Zeiten beispielsweise von „Stephen, Franklin, Roger und James“ herbeigeschafft worden seien, perfekt zueinanderpassten und aufeinander abgestimmt wären:

Mit den vier Vornamen meinte Lincoln die vier Teilnehmer der Verschwörung, von der er seine Zuhörer überzeugen wollte: Seinen Gegenkandidaten Stephen Douglas, den ehemaligen Präsidenten Franklin Pierce, den Richter am Obersten Gerichtshof Roger Taney und Präsident James Buchanan, allesamt Mitglieder der demokratischen Partei. Sie hätten sich also zusammengetan, um durch die erwähnten Maßnahmen, deren Timing, wie Lincoln ausführlich erläuterte, exakt aufeinander abgestimmt gewesen sei, die Rechtsauffassung vorzubereiten und durchzusetzen, wonach die Verfassung der USA es keinem Staat erlaube, die Sklaverei in seinen Grenzen zu verbieten:

Diese „Dynastie“, womit Lincoln die Demokratische Partei meinte, für die Stephen Douglas als Vertreter von Illinois im Senat saß, gelte es zu stürzen. Auch nach seinem Zerwürfnis mit dem Präsidenten, das Lincoln als „little quarrel“ abtat, sei Douglas als Bündnispartner nicht der geeignete Mann: Zwar übertreffe er an Bedeutung und Einfluss alle Republikaner, doch – und hier zitierte Lincoln erneut die Bibel – „ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe“ . Douglas sei, wenn schon nicht tot, doch zahnlos und eingesperrt, er könne aufgrund seiner bisherigen Argumentation nicht gegen die Ausbreitung der Sklaverei eintreten. In diesem Zusammenhang unterstellte Lincoln ihm sogar, den transatlantischen Sklavenhandel wieder einführen zu wollen, der durch ein Bundesgesetz von 1808 verboten war. Das einzige Mittel, das Ziel zu erreichen, sei die Republikanische Partei, die zwar aus disparaten Teilen zusammengesetzt sei, nun aber Einigkeit beweisen müsse. Man müsse standhaft und entschlossen sein: „Früher oder später, das ist ganz sicher, wird der Sieg kommen.“„Sooner or later the victory is sure to come.“ Deutsche Übersetzung zitiert nach Ronald D. Gerste: Abraham Lincoln. Begründer des modernen Amerika. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008, S. 78.

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