mini|hochkant|Thomasschule in der Hillerstraße Die Thomasschule (lateinisch Schola Thomana) ist ein humanistisch-altsprachliches und musisch geprägtes Gymnasium im Leipziger Bachviertel. Sie gilt als die älteste öffentliche Schule Deutschlands.Thomas Seidler: 800 Jahre Thomana. Kirche, Schule, Chor. S. 22.
Ihre Gründung geht auf das Jahr 1212 zurück, womit sie zu den ältesten Schulen im deutschen Sprachraum zählt. Zunächst wurde sie als Stiftsschule der Augustiner-Chorherren geführt und ging im Zuge der Reformation in die Trägerschaft der Stadt Leipzig über. Fortan stand sie unter protestantischem Einfluss. Internationale Bekanntheit erlangte sie durch das Wirken Johann Sebastian Bachs als Thomaskantor. Unter ihren Absolventen sind viele namhafte Persönlichkeiten, unter anderem der Komponist Richard Wagner.
Die Schule ist eine der leistungsstärkstenSachsen Macht Schule: 88 Abiturienten für Traumnote ausgezeichnet. Medieninformation, 24. Juni 2010. und traditionsreichsten Bildungseinrichtungen Mitteldeutschlands. Von Anfang an war sie eng mit der Thomaskirche und dem Thomanerchor verbunden.Begründung: 800 Jahre Thomana – Drei Jubiläen in einer Trias (PDF; 14 kB) Heute knüpft das internationale Bildungszentrum Forum Thomanum an diese gemeinsame 800-jährige Tradition an.
Geschichte Stiftsschule Augustiner-Chorherren mini|Die auch als Gründungsurkunde der Thomasschule geltende am 20. März 1212 besiegelte Gründungsurkunde des Augustiner-Chorherrenstifts zu St. Thomas mini|hochkant|Apostels Thomas, Ritzzeichnung von Theoderich Reinhard, 1477 Im Jahr 1212 wurde auf Initiative von Markgraf Dietrich von Meißen das Kloster St. Thomas des katholischen Augustiner-Chorherrenstifts in Leipzig gegründet.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 3. Der Name leitet sich vom Apostel Thomas ab.Rudolf Köster: Eigennamen im deutschen Wortschatz. Ein Lexikon. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017702-1, S. 175. Kaiser Otto IV. bestätigte es in Folge auf dem Reichstag zu Frankfurt. 1218 stellte Papst Honorius III. das Stift unter den Schutz des heiligen Petrus.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 8. Weitere päpstliche Erlasse folgten. Der Bau des Klosters wurde 1222 fertiggestellt.Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 5. Die Chorherren lebten nach der sogenannten Augustinusregel. Ihnen stand ein Propst vor, der vom Merseburger Bischof eingesetzt wurde. Zu der Liegenschaft gehörte der Thomanerchor und die Thomaskirche. Gleichzeitig verfügten sie über eine Armenschule (schola pauperum). St. Thomas ist damit die älteste durchgängig betriebene Schule in Sachsen.Kurt A. Heller, Albert Ziegler (Hrsg.): Begabt sein in Deutschland. Lit-Verlag, Münster 2007, ISBN 3-8258-0766-5, S. 387.Die Domschule (gegründet 1183) oder die Klosterschule in Meißen (gegründet 1205) war bereits eher nachweisbar, konnte allerdings nicht durchgängig geführt werden und wurde mehrfach neugegründet, zuletzt 2001 als Sächsisches Landesgymnasium Sankt Afra.
Sie diente zunächst als Stiftsschule,Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 8. in der Jungen für den Chordienst ausgebildet wurden. Neben der Religion lernten sie Sprachen und die Freien Künste kennen.Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 6. Eine Ausbildung über das Trivium einer Trivialschule war nicht gegeben.Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 9. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1254, als sie als äußere Klosterschule (schola exterior) charakterisiert wurde.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 22. Zu diesem Zeitpunkt stand sie auch schon den Kindern Leipziger Bürger offen, wobei wohlhabende Knaben Schulgeld zahlten. Als ältester Rektor wurde 1295 Thidericus aus Leipzig erwähnt. 1443 folgte ihm der Jurist Petrus Seehausen aus Leipzig und 1482 der Geistliche Gregor Weßenigk aus Kirchhain, beide später Rektoren der Universität Leipzig.
Reformation mini|hochkant|Die Leipziger Disputation mit Eck 1519, Stahlradierung von Gustav König, 1847 Im Sommer 1519 wurde in Leipzig die bekannte Disputation zwischen dem Reformator Martin Luther und dem katholischen Theologieprofessor Johannes Eck ausgetragen. Die Eröffnungsrede hielt der Thomasschullehrer Petrus Mosellanus. Das Protokoll wurde vom damaligen Rektor Johann Gramann, genannt Poliander, angefertigt.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 59. Während der Disputation veranstaltete der Thomaskantor Georg Rhau eine zwölfstimmige von ihm komponierte Messe. Gramann unterstützte das Luthertum und führte an der Schule humanistischen Unterricht ein. Dazu verfasste Mosellanus 1517 seine Paedologia Petri Mosellani Protegensis in puerorum usum conscripta. Der Nachfolger Polianders wurde 1522 sein Weggefährte Caspar Borner. Auch er schrieb Schriften für den Unterricht u. a. Declinandi coniugandi formulae in ludo ad divi Thomam pueris destinatae. Weiterhin bemühte er sich um tatkräftige Lehrer wie Wolfgang Meurer, Johann Scheffel und Georg Fabricius.Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 17. In seiner Zeit als Rektor waren der nachmalige Reformator Caspar Cruciger der ÄltereManfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 78. und der spätere kursächsische Kanzler David PeiferManfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 79. seine Schüler. Später wurde das Amt des Conrectors geschaffen.Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 20. Bedeutende Pädagogen wie Friedrich Rappolt, Johann Christian Hebenstreit und Johann Friedrich Fischer dienten in den folgenden Jahren auf dieser Position.
Lateinschule Scholastik Nach dem Abriss des 1543 in den Besitz der Stadt Leipzig übergegangenen Klosters entstand 1553 unter dem Rektor Andreas Jahn ein neues Schulgebäude.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 83. Die damalige Schülerzahl betrug 172, davon 22 Mitglieder des Thomanerchores (Thomaner). Über dem Eingang der Schule befand sich folgende Inschrift:
Non hic Pierides, non vanum numen Apollo, Non de mentiti vertice nata Iovis, Ipse sed aeterni Christus sapientia patris Praesidet, est soli cui locus iste sacer.
Die deutsche Übersetzung dazu lautet:Martin Petzoldt: Bachstätten. Ein Reiseführer zu Johann Sebastian Bach. Insel Verlag, Leipzig 2000, ISBN 978-3-458-34220-5, S. 142. Nicht sind hier die Musen, nicht Apollo, der eitle Wille, Nicht die aus dem falschen Haupt des Jupiter Entsprungene, Sondern Christus selbst, die Weisheit des ewigen Vaters, Herrscht hier, dem allein dieser heilige Ort gehört.
Die ältesten erhaltenen Unterrichtspläne stammen aus dem Jahr 1574.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 90. Zum Curriculum gehörten die Rudimenta grammatica von Caspar Borner und die Grammatica latina des Humanisten Philipp Melanchthon. Letzterer galt als Lehrer Deutschlands. In seinem Sinne wurden mathematische Fächer und Musikunterricht (das sogenannte Quadrivium) eingeführt. Darüber hinaus mussten die Schüler römische Schriftsteller wie Cicero, Ovid, Terenz und Vergil sowie den Griechen Samosata und den Reformator Martin Luther lesen. 1634 wurde eine überarbeitete Schulordnung eingeführt. Sie stärkte ganz entscheidend die Position des Rektors der Thomasschule. Bewerbende Schüler mussten sich fortan einer Prüfung unterziehen. Schüler dieser Zeit waren die Vertreter des Barock Thomas Selle,Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 89. Martin RinckartManfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 93. und Paul Fleming.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 98. Die Lehrer wurden auf Lebenszeit eingestellt und erhielten ab 1553 ein Gehalt.Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 21.
Bereits der Rektor Ambrosius Bardenstein klagte 1609 über die kaum abstellbare Bedürftigkeit der Knaben.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 110. Während des Dreißigjährigen Krieges verschlechterten sich die materiellen Gegebenheiten und die Gesundheit der Zöglinge weiter. Viele Väter waren Soldaten und konnten durch die Wirren des Krieges ihre Kinder nicht mehr ernähren. Wohlhabende Bürger zogen es in diesen Tagen vor, ihre Sprösslinge auf die neu gegründete NikolaischuleDie 1512 in Konkurrenz zur klerikalen Thomasschule gegründete Nikolaischule war die zweitälteste Schule und erste Ratsschule in Leipzig. oder das Landesgymnasium Sankt Afra zu schicken. Während des Rektorats von Abraham Teller (ab 1637) spendeten viele Leipziger Bürger der Schule. Die Stadtverwaltung erhöhte schließlich ihre Zuwendungen nach dem Amtsantritt Georg Cramers (ab 1640). Er vertrat in seinem sechsunddreißig Jahre währenden Rektorat eine scholastische Denkweise.
1657 führte der Sächsische Kurfürst den Titel Rector ein. Diesem standen Cantor und Baccalaureus zur Seite. 1676 wurde der Aristoteliker Jakob Thomasius, zugleich Professor der Moralphilosophie an der Universität Leipzig, Schulleiter. Sein bekanntester Schüler war Gottfried Wilhelm Leibniz. Thomasius verfasste in seiner Amtszeit das Lehrbuch Erotemata logica, rhetorica, metaphysica für die Thomasschule.Manfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 106. Außerdem setzte er die Behandlung des Neuen Testaments auf Griechisch durch. Im Alter wandte er sich gegen die klassischen Sprachen.Johann Gottfried Stallbaum: Die Thomasschule zu Leipzig nach dem allmäligen Entwicklungsgange ihrer Zustände insbesondere ihres Unterrichtswesens. Staritz, Leipzig 1839, S. 42. Er wurde von den Pietisten August Hermann Francke und Joachim Lange beeinflusst. 1680 war das Leipziger Pestjahr. Die Krankheit ereilte auch die Schule. Besonderes erfolgreich war die Einrichtung in der Vermittlung von Kirchenmusik, so waren die Barockkomponisten Reinhard Keiser, Christoph GraupnerManfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 120. und Johann Friedrich FaschManfred Mezger, Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963, S. 133. Alumnen der Schule.
Bach als Thomaskantor mini|hochkant|Thomaskirche und Thomasschule im Jahre 1723, Kupferstich von Johann Gottfried Krügner dem Älteren