Nichtbinäre Geschlechtsidentität, kurz Nichtbinarität, adjektivisch nichtbinär oder non-binär (englisch nonbinary, kurz enby), ist eine Sammelbezeichnung für Geschlechtsidentitäten von Menschen, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren und sich als außerhalb der zweigeteilten, binären Geschlechterordnung verstehen. Aus dem Englischen wurde dafür auch die Bezeichnung genderqueer [ˈdʒɛndɐkwɪə̯] übernommen (queer gender: abweichendes soziales Geschlecht); international wird oft die Bezeichnung gender-nonkonform verwendet (vergleiche Nonkonformismus). Gewisse nichtbinäre Geschlechtsidentitäten können auch als transgeschlechtlich verstanden werden.
Begriffsdiskussion Mit biologischem Geschlecht oder Geschlechtsmerkmalen hat die Nichtbinarität einer Person nichts zu tun, auch wenn manche intergeschlechtliche Menschen sich als nichtbinär identifizieren. Die geschlechtliche Identität ist zu unterscheiden von der sexuellen Identität: Die romantischen Ausrichtungen und sexuellen Orientierungen von nichtbinären Menschen sind genauso unterschiedlich und vielfältig wie die von „binären“ Personen (cis oder Trans-Männern und -Frauen). Eine nichtbinäre Geschlechtsidentität ist oft nicht am Erscheinungsbild oder am Verhalten der Person abzulesen und muss nicht androgyn sein (männliche und weibliche Eigenschaften vereinend) – nichtbinäre Menschen bringen ihr Identitätsgefühl in verschiedenen Weisen zum Ausdruck (vergleiche Unterschiede zwischen Geschlechtshabitus und Geschlechtsrolle).
Die Ausprägung genderfluid (von fluid „fließend“) bewegt sich zwischen den Geschlechtern männlich–weiblich (oder weiteren), teils in wechselnder Ausformung oder veränderlich. Eine bigender Identität vereint Elemente von zwei Geschlechtern, pangender schließt alle Geschlechter ein. Daneben gibt es Personen, die sich (zeitweise) gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen und sich als agender („ungeschlechtlich“) oder neutral definieren. Darüber hinaus gibt es weitere Selbstbezeichnungen zur Beschreibung der eigenen Identität. Als nichtbinär verstehen sich auch Personen, die sich einem dritten Geschlecht zuordnen (vergleiche die rechtliche Geschlechtsoption „divers“) oder einer gänzlich anderen Geschlechtsvorstellung (vergleiche X-gender, Postgender). Als nichtbinär bezeichnen sich auch Personen, die ihre Geschlechtsidentität bewusst nicht genauer benennen und nicht auf eine traditionelle Geschlechterrolle festgelegt werden wollen.
Viele Nichtbinäre bevorzugen geschlechtsneutrale Pronomen (Fürwörter), im englischsprachigen Raum vor allem das singulare they (im Deutschen nicht übersetzbar). Das Konzept der Nichtbinarität entwickelte sich in den 1990er Jahren in den USA (siehe unten) und wird seit 2010 zunehmend öfter in den Medien weltweit behandelt. Im Jahr 2020 ergab eine US-amerikanische Befragung von 50.000 Studierenden einen Anteil von 3,7 % nichtbinären Personen (Details). In Deutschland enthält das Achte Sozialgesetzbuch seit Juni 2021 die Formulierung „transidente, nichtbinäre und intergeschlechtliche junge Menschen“ (§ 9 Abs. 3 SGB VIII) (siehe Entwicklung im deutschsprachigen Raum).
mini|hochkant=1|Pride-Flagge für nichtbinäre Geschlechtsidentität, 2014 entworfen von Kye Rowan: • gelb = Personen außerhalb der Binarität • weiß = vielgeschlechtlich • lila = zwischengeschlechtlich (m ↔ w) • schwarz = ungeschlechtlich (agender) mini|hochkant=1|Genderqueer Pride-Flagge, 2011 entworfen von Marilyn Roxie: • lavendel = androgyn, queer (m ↔ w) • weiß = ungeschlechtlich (agender) • grün = Personen außerhalb der Binarität
Nichtbinäre Geschlechtsidentitäten Nichtbinäre Geschlechtsidentitäten ergeben sich allgemein nicht aus bestimmten Körpermerkmalen, sondern aus dem eigenen Geschlechtsempfinden einer Person, schreibt das Regenbogenportal des deutschen Familienministeriums 2019.Regenbogenportal: Nicht-binär, non-binary. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Mai 2019, abgerufen am 14. Juli 2021. Arn Sauer, Politologe und Mitarbeiter für Gender-Mainstreaming am deutschen Umweltbundesamt, erklärt 2017 zur Einführung seines LSBTIQ-Lexikons der Bundeszentrale für politische Bildung: „Selbstdefinitionen und Selbstbeschreibungen sind immer anzuerkennen, sie sollten nicht in Frage gestellt, sondern als ein weiterer Teil einer sich ausdifferenzierenden, sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt begriffen werden. Und damit als Bereicherung!“
Die Bezeichnung non-binary definierte 2015 das National Center for Transgender Equality (NCTE) bei der Befragung von 28.000 Trans-Personen in den USA: „Nicht-binär: Dieser Ausdruck wird von einigen verwendet, um Personen zu beschreiben, deren soziales Geschlecht nicht ausschließlich männlich oder weiblich ist, einschließlich derjenigen, die sich als keinem Geschlecht, oder einem anderen Geschlecht als männlich oder weiblich, oder mehr als einem Geschlecht zugehörig identifizieren.“
“Non-binary: This term is used by some to describe people whose gender is not exclusively male or female, including those who identify as no gender, as a gender other than male or female, or as more than one gender.”
Das US-Wörterbuch Merriam-Webster’s Dictionary führt die Bezeichnung zusammengeschrieben: „nichtbinär (Adjektiv) C): bezugnehmend auf eine Person oder diese selbst, welche sich mit einem Geschlecht identifiziert oder dieses ausdrückt, das weder gänzlich männlich noch gänzlich weiblich ist“
“nonbinary (adjective) c): relating to or being a person who identifies with or expresses a gender identity that is neither entirely male nor entirely female”
gender-nonconforming Unter der Bezeichnung gender-nonconforming people („geschlechts-nonkonforme Personen“) erfasst die US-Kongressbibliothek seit 2017 die Themen gender-variant, genderqueer, non-binary people als Identifikator (siehe Studie 2018). Bei der weltweiten Befragung des Gender Census von 44.500 Personen im Jahr 2021 wählten 33 % gender non-conforming als Selbstbezeichnung (identity word).
Im Unterschied zu dieser Bedeutung erklärt das Regenbogenportal die Bezeichnung „gender(non)konform“ als Abweichung in Verhalten oder Aussehen von gesellschaftlich vorherrschenden Ideen über ein bestimmtes Geschlecht (Geschlechterrolle).Regenbogenportal: Gender(non)konform. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Mai 2019, abgerufen am 30. Oktober 2020.
Definitionen Die US-Sozialpsychologen Bosson, Vandello und Buckner definieren 2018 die einzelnen Bezeichnungen wie folgt (übersetzt): transgender (transgeschlechtlich): Personen, deren psychologische Geschlechtsidentität nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt genderqueer: Personen, die sich als weder/noch identifizieren, oder als beides oder als Kombination von Mann und Frau genderfluid: Personen, deren Geschlechtsidentität sich verschiebt oder flexibel verändert, statt anhaltend gleich zu bleiben bigender: Personen, die zwischen den Geschlechtsidentitäten Frau und Mann wechseln trigender: Personen, die zwischen Frau, Mann und einer dritten Geschlechtsidentität wechseln (siehe pangender) agender: Personen, die sich als ungeschlechtlich empfinden
Das Webster’s erklärt diese Varianten von gender identities mit ähnlichem Wortlaut, ebenso das britische Oxford English Dictionary.
Des Weiteren findet sich die Bezeichnung demigender („halbgeschlechtlich“) sowie in Deutschland als alternativer Vorschlag die Bezeichnung abinär anstelle von nichtbinär (weil das eine Negation ist).
Zur Bezeichnung androgyn (Androgynie) schreibt das LSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung 2017:
transgeschlechtlich
Als transgeschlechtlich werden Personen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
Transgeschlechtlich und die englische Entsprechung transgender sind Oberbegriffe (umbrella term), die sowohl Personen mit binärem Geschlecht (Trans-Männer und Trans-Frauen) als auch Personen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität umfassen, da bei diesem Personenkreis ebenfalls die Geschlechtsidentität von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweichen kann. Teilweise wird die Bezeichnung als transgeschlechtlich abgelehnt, da dieser Begriff eine Binarität der Geschlechter betone bzw. voraussetze. Die Varianten trans* und inter* schließen durch das Gendersternchen nichtbinäre Geschlechtsidentitäten ausdrücklich ein. Das Gegenteil von transgeschlechtlich ist cisgeschlechtlich als Eigenschaft von Geschlechtsidentitäten, sich in Übereinstimmung zu dem Geburtsgeschlecht zu befinden (beispielsweise die weibliche Identität einer als Frau geborenen Person oder die männliche einer als Mann geborenen Person).
Bei der US-Erhebung 2015 beschrieben sich 35 % der rund 28.000 Transpersonen als non-binary/genderqueer, 82 % hatten keine Einwände gegen die Beschreibung als „transgender“. Der Gender Census 2021 ergab unter 44.500 Befragten bei 29 % die Eigenbezeichnung transgender, bei 34 % trans und bei 13 % trans* (mit Sternchen).
Von transgender und transgeschlechtlich unterscheidet sich „transsexuell“ als ältere Bezeichnung für transidente Personen, die binär von Frau zu Mann oder von Mann zu Frau wechseln. In offiziellen deutschsprachigen Texten setzt sich zunehmend die übergeordnete Bezeichnung transgeschlechtlich durch, entsprechend intergeschlechtlich für den von der Bundeszentrale für politische BildungIntersexualität / intersexuell. In: LSBTIQ-Lexikon. genutzten Begriff „intersexuell“.
genderqueer Nach der Definition des LSBTIQ-Lexikons 2017: „Gender-queer zu sein bedeutet Geschlecht als Kategorie zu hinterfragen und/oder sich weder (bzw. nicht immer ganz) weiblich noch (bzw. nicht immer ganz) männlich zu fühlen.“ Mit der Bezeichnung genderqueer oder gender-queer drücken Nichtbinäre aus, dass sie „queer zu den Geschlechtern“ liegen und sich nicht als Mann oder Frau einordnen lassen wollen.
Von den Befragten des Gender Census 2021 gaben 27 % der Befragten die Selbstbezeichnung genderqueer an.
Die Bezeichnung „queer“ hat eine Bedeutungserweiterung erfahren: War sie ursprünglich auf die homosexuelle Orientierung bezogen, wird sie aktuell als „Querliegen“ zu zweigeschlechtlichen Ordnungsvorstellungen und zur Heteronormativität verstanden.
genderfluid Nach Bosson, Vandello und Buckner umfassen genderfluide Personen solche, „deren Geschlechtsidentität sich verschiebt oder flexibel verändert, statt anhaltend gleich zu bleiben.“ Das LSBTIQ-Lexikon schreibt: „Mit dem englischen ‚Gender-fluid‘ Konzept werden ‚flüssige‘, ‚liquide‘ Geschlechtsidentitäten beschrieben, die sich in Bewegung befinden und sich manchmal, oft oder sehr oft ändern können.“ Bezuggenommen wird dabei auf den Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, der dahingehend 2015 den Begriff Liquid Gender definierte (von lateinisch liquidus „flüssig“).
Genderfluide Personen ziehen es vor, ihre Geschlechtsidentität anhaltend veränderbar zu halten („fließend“), statt sich auf ein Geschlecht festzulegen. Dabei können sie sich zwischen verschiedenen Geschlechtern bewegen oder mehrere Geschlechter gleichzeitig zum Ausdruck bringen.
Bei der US-Umfrage 2015 beschrieben sich 20 % der befragten Transpersonen als (gender) fluid. Im Gender Census 2021 benutzten 23 % der Befragten die Eigenbezeichnung genderfluid oder fluid gender und 7 % genderflux.
bigender Bosson, Vandello und Buckner definieren bigender („beidgeschlechtlich“) als den Wechsel zwischen den Geschlechtsidentitäten Frau und Mann. Im LSBTIQ-Lexikon ist dieser Begriff nicht enthalten. Das Queer-Lexikon definiert den Begriff abweichend als Personen, die sich abwechselnd oder gleichzeitig mit zwei Geschlechtern identifizieren oder Elemente beider in sich vereinen. Dabei muss es sich nicht unbedingt um das männliche und weibliche Geschlecht handeln.
Im Gender Census 2021 gaben 4 % die Eigenbezeichnung bigender an.