mini|hochkant|Nikolai Nerling (2020)

Nikolai Nerling (* 26. August 1980 in Vastorf) ist ein deutscher Neonazi, der vor allem durch antisemitischen Aktivismus und mehrfache Holocaustleugnung bekannt wurde.

Der ehemalige Berliner Grundschullehrer verbreitete seit 2017 als Videoblogger unter der Selbstbezeichnung Der Volkslehrer rechtsextreme Ideologie, etwa die der Reichsbürgerbewegung, und seit 2020 auch Verschwörungserzählungen der so genannten „Querdenker“-Bewegung. Er wurde mehrfach strafrechtlich verurteilt, unter anderem wegen Volksverhetzung und Verharmlosung des Holocaust.

Herkunft und Ausbildung Nerling wurde am 26. August 1980Max Stanko: „Das Gemeinwesen leidet insoweit nicht an Schizophrenie“. Verächtlichmachung der BRD als Kündigungsgrund. myops Nr. 38, 2019, ISSN 1865-2301, S. 18–22 in Vastorf geborenChristian Niemeyer: Schwarzbuch Neue/Alte Rechte: Glossen, Essays, Lexikon. Beltz Juventa, Weinheim 2021, ISBN 978-3-7799-6442-1, S. 70 und wuchs in Lüneburg auf.A. Loges: Mobile Verschwörung: Der Berliner „Volkslehrer“ in Lüneburg. Belltower News, 7. Februar 2018 2020 behauptete er, sein Vater habe ihn „antifaschistisch erzogen“.Thomas Radlmaier: Rechtsextremer „Volkslehrer“ zu Geldstrafe verurteilt. Süddeutsche Zeitung (SZ), 29. November 2020 In Freiburg im BreisgauSebastian Leber: Berliner Grundschullehrer predigt Verschwörungstheorien. Der Tagesspiegel, 6. Januar 2018 studierte er Deutsch und Biologie für das Lehramt.Til Biermann: Nikolai Nerling: Bewährungsstrafe für Berliner „Volkslehrer“. B.Z., 26. August 2022 Später lebte er in Berlin-Moabit.Nicholas Potter: Nach Hetzvideo ist Nikolai Nerlings Kiez mit Hanau-Plakaten vollgepflastert. Belltower.News, 30. März 2021

Tätigkeit als Grundschullehrer Ab 2009 unterrichtete Nerling als angestellter Grundschullehrer, zunächst an der Brüder-Grimm-Grundschule in Berlin-Wedding, dann an der Grundschule in Berlin-Moabit. Nach mehrfachen Elternbeschwerden und einem Gespräch mit der Schulaufsicht wechselte er im Januar 2016 an die Vineta-Grundschule in Berlin-Gesundbrunnen. Anlass der Beschwerden war ein verschwörungstheoretischer Film, den er seiner Klasse gezeigt hatte.Jonas Fedders: Antisemitismus auf Youtube: Strafanzeige gegen Berliner Lehrer. taz, 7. Januar 2018

Weiteren Elternbeschwerden zufolge vermittelte Nerling seinen Schülern seine Verschwörungsthesen, etwa dass die Pharmaindustrie die Krankheit Ebola nur erfunden habe und wahrscheinlich Außerirdische die ägyptischen Pyramiden gebaut hätten. Er habe viel über die Illuminaten gesprochen und den Kindern damit Angst gemacht. Daraufhin mahnte das Schulamt ihn, sich an den Lehrplan zu halten und keine Privatansichten im Unterricht zu besprechen. Ab 2017 sprach die Schulleitung mehrmals mit ihm und der Schulverwaltung über seine Netzaktivitäten. Weil er, so der kommissarische Schulleiter, das politische Neutralitätsgebot dienstlich nicht missachtete und es keine neuen Beschwerden gegen ihn gab, durfte er weiter unterrichten, jedoch nur noch die Fächer Musik, Sport und Englisch. Nachdem die Zeitung Der Tagesspiegel am 6. Januar 2018 über seine rechtsextremen Videos berichtet hatte, stellte die Vineta-Grundschule Nerling vorläufig vom Schuldienst frei.Helena Wittlich: Grundschulen in Berlin: Umstrittener Lehrer vorerst vom Dienst freigestellt. Tagesspiegel, 8. Januar 2018; Dieser Grundschullehrer verbreitet Antisemitismus und Verschwörungstheorien auf YouTube. Vice.com, 8. Januar 2018 Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie stellte Strafanzeige wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen ihn und erstattete eine Reichsbürger-Meldung an die Senatsinnenverwaltung.Helena Wittlich: Vineta-Grundschule in Gesundbrunnen: Berliner Senatsverwaltung zeigt „Volkslehrer“ an. Tagesspiegel, 7. Januar 2018

Nach Eigenangaben Nerlings schauten und kommentierten seine Schüler und Kollegen seine Videos. Die Kollegen hätten ihn nur kurzzeitig gemieden. Die langjährige Leiterin der Vineta-Grundschule habe seine außerschulischen Aktivitäten „gebilligt“.

Im Mai 2018 kündigte die Bildungsverwaltung des Landes Berlin Nerling fristlos, weil ihm die Eignung als Lehrer fehle. Dagegen klagte er vor dem Arbeitsgericht Berlin: Die Kündigung sei grundlos und nur politisch motiviert.Klage in Berlin: Extremistischer „Volkslehrer“ wehrt sich gegen Kündigung. Tagesspiegel, 5. Juni 2018 Am 16. Januar 2019 wies das Gericht die Klage ab: Die außerordentliche Kündigung sei rechtens, weil Nerling öffentlich Rechtsstaat und Verfassung gezielt beschimpft und verächtlich gemacht habe. Sein YouTube-Kanal sei ein publizistisches Propagandamittel, das er nicht einstellen wolle und über das er auch Holocaustleugnung verbreite und Straftätern eine Plattform gebe. Er sei daher nicht zur „Erfüllung seiner Dienstpflichten“ geeignet, auch wenn es kein Fehlverhalten im Unterricht gab. Das Gericht folgte damit der Auffassung der Schulverwaltung, dass Nerlings Videos seinen Unterricht beeinflussten und auch angestellte Lehrer, nicht nur Beamte, zur Staatsloyalität verpflichtet sind.Alexander Fröhlich: Arbeitsgericht Berlin: Selbsternannter „Volkslehrer“ scheitert mit Klage gegen Kündigung. Tagesspiegel, 16. Januar 2019; Arbeitsgericht Berlin: Urteil vom 16. Januar 2019 – Az: 60 Ca 7170/18: Außerordentliche Kündigung eines Volkslehrers wegen Volksverhetzung. Die im Mai 2019 veröffentlichte schriftliche Urteilsbegründung führte aus: Nerling fehle die „persönliche Eignung“ für den öffentlichen Dienst des Landes Berlin, weil er es „mit großem Engagement“ darauf anlege, „die Bundesrepublik Deutschland, das Grundgesetz und die Organe der Gewaltenteilung … zu beschimpfen oder verächtlich zu machen“. Dies belegte das Gericht mit Zitaten von Nerlings Videos und dem Plakat vom 8. Oktober 2016 am Alexanderplatz. Seine dortige Verknüpfung der Begriffe „Geheimdienste“, „Zionisten“ und „Holocaust“ sei eine „modernisierte Fassung des traditionellen Gleichklangs von ‚Unwahrheit, Verschwörung und Judentum‘“. Dagegen sei Existenzgrund und Auftrag der Bundesrepublik, „sich allen Bestrebungen zu widersetzen, den sich zum Judentum bekennenden Menschen wieder zum ideellen Gesamtprügelknaben der Menschheit zu machen“. Somit stelle „jede Anspielung auf die immerwährende ‚jüdische Weltverschwörung‘ einen unmittelbaren Angriff auf die verfassungsmäßige Ordnung unseres Staates dar“.Susanne Vieth-Entus: Berliner Urteil zum „Volkslehrer“: „Angriff auf die verfassungsmäßige Ordnung“. Tagesspiegel, 24. Mai 2019; Arbeitsgericht Berlin: Urteil vom 16. Januar 2019 – Az: 60 Ca 7170/18: Außerordentliche Kündigung eines Volkslehrers wegen Volksverhetzung. Arbeitsrecht.hessen.de

Im Juni 2019 legte Nerling Berufung gegen das Urteil ein, zog diesen Antrag jedoch im September 2019 zurück. Damit durfte er nicht mehr als Lehrer an öffentlichen Schulen in Berlin unterrichten.„Volkslehrer“ wird nicht mehr unterrichten. Tagesspiegel, 10. September 2019

Erste Auftritte als rechtsextremer Aktivist Nach eigenen Angaben von 2018 entwickelte Nerling ab 2013 ein verschwörungsideologisches Weltbild: Internetvideos hätten ihn damals überzeugt, der Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School habe nicht stattgefunden. Der ehemalige Grundschullehrer befand, die Eltern der ermordeten Kinder seien „Dramadarsteller“, die ihre Trauer nur spielten. Er verbreitete damit dasselbe Narrativ wie der rechtsextreme Verschwörungsideologe Alex Jones in den USA, für das dieser – trotz seiner Zurücknahme – mittlerweile zu rund einer Milliarde US-Dollar Schadenersatz verurteilt worden ist.

Nerling behauptete, es werde auch über den Anschlag auf den Boston-Marathon und die Terroranschläge am 11. September 2001 in den Medien gelogen.

Seit 2016 trat Nerling öffentlich hervor. Auf einer „Friedensdemo“ in Berlin im Oktober 2016 forderte er mit einem Plakat, Paragraf 130 des bundesdeutschen Strafgesetzbuchs zur Volksverhetzung und Holocaustleugnung zu streichen. Auf der Plakatrückseite behauptete er, Zionisten steckten hinter den Geheimdiensten und die Geschichte des Holocaust sei voller Lügen.

Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juli 2017 störte Nerling eine Schweigeminute für ertrunkene Geflüchtete mit dem Zwischenruf „Ich schweige nicht“.Andrea Röpke, Andreas Speit: Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos. Christoph Links, Berlin 2019, S. 168 Im Sommer 2017 schrie er bei einer Lesung von Angela Merkel: „Diese Frau ist keine Kanzlerin des deutschen Volkes, sie ist eine Dienerin der Finanzeliten!“ Mit diesem Ausdruck deuten Antisemiten eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“ an.Jonas Fedders: Antisemitismus auf Youtube: Strafanzeige gegen Berliner Lehrer. taz, 7. Januar 2018 Im September 2017 fragte er Innenminister Thomas de Maizière provozierend, ob dieser ernsthaft glaube, „dass der Terroranschlag vom 11. September von Osama bin Laden ausgelöst wurde?“ Während der Sondierungsgespräche über eine Jamaika-Koalition im Herbst 2017 fragte er Horst Seehofer (CSU) mit Verweis auf einen benachbarten Obelisken: „Warum tagen Sie in einem Haus, wo ein Freimaurersymbol auf der Ecke ist? Wem dienen Sie eigentlich?“ Mit solchen gefilmten Störaktionen bei öffentlichen Auftritten prominenter Politiker erwarb er sich eine Anhängerschaft im Internet.

Im Dezember 2017 verschafften sich Nerling und sein Kameramann unter falschem Namen Zutritt zu einer Podiumsdiskussion von Lea Rosh, der Initiatorin des Berliner Holocaustmahnmals, zum Thema „Wie gehen wir mit der AfD um?“ Nerling verlangte mit lauten Zwischenrufen eine „Orientierung auf die Nation“ und das Schließen der Grenzen. Lea Rosh und das Publikum forderten ihn daraufhin mehrmals zum Gehen auf. Als er sich weigerte, drängten ihn andere Teilnehmer hinaus. Bei dem Gerangel stürzte ein Mann zu Boden.Wiebke Ramm: Urteil in Berlin: Denkzettel für den „Volkslehrer“. Der Volkslehrer: Rechtsextremer Videoblogger Nikolai Nerling in Berlin verurteilt. Spiegel Online, 26. August 2022. Lea Rosh musste die Veranstaltung abbrechen. Nerling ließ seine Störaktion filmen und veröffentlichte sie dann.Male Lehming: Diskussion zur AfD gesprengt: Einer provoziert, einer filmt – alle anderen machtlos. In: Der Tagesspiegel. 12. Dezember 2017.

2018 und 2019 besuchte Nerling die Leipziger Buchmesse, anfangs ohne Presseakkreditierung. Er befragte und filmte dort Besucher, unbekannte Standmitarbeiter und andere Neonazis und störte Veranstaltungen. 2019 stellte er auf der Messe die NPD-Parteizeitung Deutsche Stimme und das rechtsextreme Magazin Compact vor und versuchte, mit verhörartigen Fragen nachzuweisen, die Deutschen seien vom Aussterben bedroht. Ferner rief er zu seiner Kundgebung in Dresden auf. Nach vermehrten Beschwerden von Betroffenen, die er ohne ihr Einverständnis gefilmt hatte, erteilte die Messeleitung ihm am 23. März 2019 ein Hausverbot.Michael Freitag: Buchmesse erteilt „Volkslehrer“ Hausverbot + Update. L-iz, 23. März 2019.

Hetze im Internet Inhalte und Partner Seit September 2017 veröffentlichte Nerling auf seinem YouTube-Kanal Der Volkslehrer Videos mit rechtsextremen, antisemitischen, geschichtsrevisionistischen und verschwörungsideologischen Inhalten. Er verbreitete das seit den „Protokollen der Weisen von Zion“ von Rechtsextremisten bemühte Narrativ von einer angeblichen verborgenen „jüdischen Clique“, die das Weltgeschehen zu ihrem Vorteil lenke, dabei souveräne Völker unterdrücke und gegeneinander ausspiele. „Die Juden“ hätten „das Geldwesen unter ihrer Kontrolle“.Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2018. Berlin 2019, ISSN 0177-0357, PDF, S. 61–62.