mini|Antinoosbüste aus der Villa Adriana in Tivoli. Heute in Paris, Louvre Antinoos (, latinisiert ; * 27. November zwischen 110 und 115 bei Bithynion-Klaudiopolis, Bithynien; † am oder kurz vor dem 30. Oktober 130 im Nil bei Besa) war ein Günstling und vermutlich Geliebter des römischen Kaisers Hadrian (76–138). Nach seinem Tod wurde er zum Gott erklärt und verehrt. Viele seiner Bildnisse blieben bis in die heutige Zeit erhalten. Von der Renaissance bis heute wurde die Kunst um Antinoos vielfach rezipiert. Das betrifft sowohl die aus der Antike überlieferte Kunst als auch Nachschöpfungen und Interpretationen antiker Kunstwerke in der Neuzeit.

Leben und Legenden Über Antinoos ist wenig bekannt, seine eigentliche Bedeutung für die heutige Zeit erschließt sich nicht aus seinem Leben, sondern aus seiner bis heute andauernden Nachwirkung. Schon in der Antike wurden die wenigen echten Informationen über sein Leben mit Legenden vermischt. Bis heute beruht die Faszination, die Antinoos ausübt, in erster Linie auf seiner Beziehung zu Kaiser Hadrian und den vielen Kunstwerken, die in Erinnerung an den jungen Mann geschaffen wurden. Die Persönlichkeit hinter den spärlichen Informationen der historischen Quellen und den Kunstwerken konnte die Wissenschaft nie rekonstruieren. mini|Hadrian und Antinoos Sicher ist, dass Antinoos zwischen 110 und 115Rudolf Hanslik, Der Kleine Pauly, Band 1, 1975, Sp. 385 nennt das Jahr 110; Annika Backe einen Zeitraum zwischen 111 und 115; zum 27. November als Geburtsdatum: = Inscriptiones Latinae selectae 7212. in einem zu Klaudiopolis gehörigen, später Mantineion genannten, Ort im Nordwesten Kleinasiens geboren wurde.Zum Geburtsort siehe Louis Robert: A travers l’Asie Mineure. Poètes et prosateurs, monnaies grecques, voyageurs et géographie (= Bibliothèque des Écoles Françaises d’Athènes et de Rome Band 239). École Francaise d’Athènes, Athen 1980, S. 132–146. Auf einer der Reisen Hadrians wurde der Kaiser auf den hübschen Knaben aufmerksam. Heute ist nicht mehr genau zu klären, ob das erste Treffen der beiden schon bei Hadrians Aufenthalt in Bithynien 121 oder erst 123/124 stattfand.Annika Backe: Antinoos. Geliebter und Gott. Berlin 2005, S. 4. Von diesem Zeitpunkt an begleitete Antinoos den Kaiser auf all seinen Reisen.

Hadrian strebte zeitlebens einem griechischen Ideal nach. Dazu gehörte in der Vorstellung der Römer auch die Päderastie. Hierbei übernahm der Mann für den Knaben die Rolle des Mentors in allen Lebensbereichen. Christliche Überlieferung und neuzeitliche Rezeption reduzierten diese Beziehungen später immer mehr auf die sexuelle Komponente. Hinzu kam, dass der Kaiser selbst in seiner Ehe mit seiner Frau Vibia Sabina unzufrieden war.Hermann Bengtson: Römische Geschichte. 7. Aufl. München 1995, S. 299.

Über die genaue Beziehung Antinoos’ zu Hadrian existieren kaum Informationen. Im Gelehrtengastmahl des Athenaios wird berichtet, dass der alexandrinische Dichter Pankrates sich mit einer besonders raffinierten Schmeichelei dem Hadrian empfohlen haben soll: Der Dichter überreichte dem Kaiser eine rosenrote Lotosblüte mit den Worten, dass diese Blume der „Antinooische Lotos“ genannt zu werden verdiene, aus dem Grund, dass diese dort aus dem Boden entsprungen sei, wo Hadrian einst in der Wüste bei Alexandria einen Löwen im letzten Moment mit einem Speer niederstreckte, kurz bevor dieser Antinoos angefallen hätte. Das Blut des Löwen hätte also gewissermaßen den Lotos gefärbt. Der Kaiser war erfreut und wies dem Dichter eine Stelle im Museion an.

Auch die Umstände des frühen Todes von Antinoos sind von Legenden durchwirkt. Fest steht, dass der Jüngling am oder kurz vor dem 30. Oktober 130 bei der Stadt Besa in Mittelägypten in den Nil fiel und vor den Augen seines väterlichen Freundes ertrank. Die späteren Historiker Cassius Dio und Aurelius Victor berichten, dass die Umstände des Todes unklar waren. Nach einigen Berichten der Historiker war der Tod des Antinoos ein Unfall. Nach anderen Berichten habe er sich für den Kaiser geopfert, um diesem mit dem Opfer ein langes und glückliches Leben zu sichern. Denn Antinoos soll von einem Astrologen erfahren haben, dass sein Freitod dem Kaiser seine noch zu erwartende Lebensspanne zu dessen Lebenszeit schenken würde. In der spätantiken Historia Augusta, einer Sammlung von Kaiserbiografien, deren Angaben allerdings mit größter Vorsicht zu benutzen sind, wird dagegen die Ansicht vertreten, dass sich Antinoos in den Suizid flüchtete, um sich den übermäßigen sexuellen Nachstellungen Hadrians entziehen zu können. Rückblickend kann auch eine höfische Intrige nicht ausgeschlossen werden. Hadrians Frau soll über den Tod des Nebenbuhlers nicht besonders traurig gewesen sein.Zu den Todesumständen siehe Annika Backe: Antinoos. Geliebter und Gott. S. 4

Kultische Verehrung und Urteil in der Antike mini|Antinoos als Osiris. Gefunden in der Villa Adriana. Heute in Paris, Louvre Sofort nach Antinoos’ Tod, möglicherweise noch am selben Tag, begann der tief trauernde Hadrian mit der Würdigung seines jungen Begleiters. Am rechten Nilufer in Mittelägypten, der Stelle des Unglücks, ließ er nach hellenistischem Vorbild die Stadt Antinoupolis errichten.Pausanias 8, 9, 7. Die Stadt und ihre Bewohner erhielten ganz außergewöhnliche Privilegien und Gunstbeweise des Kaisers.Michael Zahrnt: Hadrian in: Manfred Clauss: Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian. C. H. Beck, München 1997, S. 133f.; zu den Privilegien siehe auch Zahrnt (Literaturliste). In der Stadt wurde wahrscheinlich auch der Grabbau für den Liebling des Kaisers errichtet.Zum Grab Nils Hannestad: Über das Grabmal des Antinoos. Topographische und thematische Studien im Canopus-Gebiet der Villa Adriana. in: Analecta Romana Instituti Danici. 11 (1982), S. 69–108. Über den Bau berichtet die Hieroglypheninschrift eines sich heute in Rom befindenden Obelisken.Zum Obelisken siehe Hugo Meyer: Antinoos. Die archäologischen Denkmäler unter Einbeziehung des numismatischen und epigraphischen Materials sowie der literarischen Nachrichten. Ein Beitrag zur Kunst- und Kulturgeschichte der hadrianisch-frühantoninischen Zeit. München 1991, S. 175–178 (Digitalisat); Hugo Meyer (Hrsg.): Der Obelisk des Antinoos. Eine kommentierte Edition. Fink, München 1994 (Digitalisat). Ursprünglich stand der Obelisk wahrscheinlich auch in Antinoupolis und symbolisierte nach altägyptischem Glauben die Stätte der Wiedergeburt des Toten. mini|hochkant|Antinoosrelief als Dionysos, heute in Rom, Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo alle Terme Sofort nach dem Tod des jungen Mannes begann seine Verehrung als Gottheit oder zumindest als Heros. Vor allem im griechisch geprägten Osten des römischen Reiches konnten sich Antinoos-Kulte durchsetzen. Dies hatte verschiedene Gründe. Schon seit dem hellenistischen Zeitalter wurden Menschen nach ihrem Tod als Gottheit verehrt. In den westlichen Provinzen des Imperiums waren solche Vorstellungen vorhanden, doch konnten sie sich dort nie so stark ausgeprägt etablieren. Zum anderen wollten viele griechische Städte dem griechenfreundlichen Kaiser damit schmeicheln. Antinoos wurde mit Göttern wie Dionysos verschmolzen oder gleichgesetzt. In Ägypten war die Identifizierung mit Osiris von besonderer Bedeutung. Allein der Tod durch Ertrinken in den heiligen Fluten des Nils beinhaltete für die Ägypter eine automatische Erhöhung. Auch der Gott Osiris war laut dem Osirismythos im Nil ertrunken. Somit war die nun folgende Verehrung als Osirantinoos auch nicht überraschend. Als hoher Gott soll er Gebete erhört und Kranke geheilt haben.

In vielen Städten des Reiches begann man schon kurz nach dem Tode des Antinoos mit der Errichtung von Tempeln und der Stiftung von Priesterämtern für den toten Kaiserliebling. Ähnlich den Panhellenischen Spielen, den Panathenäen und den Ptolemäen wurden sportliche und musische Wettkämpfe mit religiösem Hintergrund, die Antinóeia, veranstaltet. Neben Antinoupolis und seiner Heimatstadt Bithynion-KlaudiopolisPausanias 8, 9, 7; Supplementum Epigraphicum Graecum 31, 1060; = Inscriptiones Latinae selectae 7212. entwickelten sich die Städte Alexandria und Mantineia in der griechischen Landschaft Arkadien sowie Lanuvium im Latium zu Zentren der Verehrung. Dort wurden alle vier Jahre die Großen Antinoos-Spiele ausgetragen. Im ganzen Reich fanden sich ehrende Inschriften, neben Rom beispielsweise in Lanuvium und Tibur.; und andere. Auch in der bei Tibur gelegenen Villa Hadrians scheint es einen Antinoos-Tempel gegeben zu haben.Tempel für Liebhaber des Hadrian gefunden. ORF, Juli 2009. In vielen Orten wurden Statuen errichtet und Münzen mit dem Porträt des Verstorbenen geprägt.

Der Rhetor Numenios schrieb dem Kaiser eine Consolatio und der Dichter Mesomedes verfasste Gedichte auf Antinoos. Von einem Gedicht des oben erwähnten Alexandriners Pankratius sind vier Hexameter bei Athenaios überliefert.Athenaios Gelehrtengastmahl 15, 677d–f = Die Fragmente der griechischen Historiker 625 The Literature Collection: The deipnosophists, or, Banquet of the learned of Athenæus (volume III): Book XV Außerdem ist ein weiteres Gedicht eines unbekannten Dichters überliefert.PIR² A 737; dazu Wolfgang Dieter Lebek: Ein Hymnus auf Antinoos. in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. 12 (1973), S. 101–137. Wohl der Höhepunkt der Verehrung war die Benennung des Sternbildes Antinoos nach dem jungen Bithynier.

Der zeitliche Höhepunkt der Antinoosverehrung fiel in die acht Jahre zwischen seinem und Hadrians Tod im Jahre 138. Was die Zeitgenossen des Kaisers von dessen schon fast obsessiver Verehrung dieses eigentlich unbedeutenden Mannes hielten, ist nicht überliefert. Doch scheint die Verehrung zum Teil echt gewesen zu sein. Im Ostteil des Reiches sah man Antinoos wegen des vermeintlich erlittenen Opfertodes für den väterlichen Freund als Helden. Ganz anders sahen ihn die frühen Christen. Weder der angebliche Opfertod noch die mysteriösen Todesumstände wurden bei ihnen thematisiert. Sie gingen sowohl sehr kritisch als auch polemisch mit ihm ins Gericht. Zum einen sahen sie in ihm einen von Menschen geschaffenen unseligen (infelix) Mythengott, zum anderen den Buhlknaben des Kaisers, der sich diesem für dessen homosexuelle Praktiken zur Verfügung gestellt hatte. Antinoos wurde, vor allem bei den Kirchenlehrern des 4. Jahrhunderts, zu einem Symbol für die moralische Verkommenheit und Vielgötterei der Römer. Dennoch werteten spätere christliche Autoren den Opfertod noch positiv um und stellen ihn sogar auf eine Stufe mit der Selbstlosigkeit eines Jesus Christus.Zur Beziehung des Christentums zu Antinoos siehe Annika Backe: Antinoos. Geliebter und Gott. Berlin 2005, S. 6.

Darstellung in der antiken Kunst

Obwohl es eher unüblich war, dass Personen, die nicht zum Kaiserhaus gehörten, in so überragender Weise gewürdigt wurden, gibt es von Antinoos noch heute sehr viele überlieferte Bildnisse. Das ist vor allem deshalb so besonders, da die Hauptverehrungszeit des Jünglings kaum zehn Jahre, von seinem Tod bis zum Tode Hadrians, betrug. Es ist unklar, ob es schon zu seinen Lebzeiten Antinoosbildnisse gab. Alle überlieferten Bildnisse sind nach seinem Tod entstanden. Allein aus dem Bereich der Freiplastik sind etwa 100 Bildnisse überliefert. Hinzu kommen etwa 250 Münzporträts und weiter Bildnisse der Kleinkunst (Gemmen, Kameen, Bronzen und Ähnliches). Obwohl Antinoos keine öffentlichen Ämter bekleidet hatte und somit nur als Privatperson gelten konnte, haben seine Bildnisse nicht den Charakter von Privatporträts. Neben der hohen Anzahl ist auch die ikonografische Bandbreite der Werke überraschend. Auch hier gibt es nur Entsprechungen bei den römischen Kaiserporträts. Die verschiedenen Bildnistypen sowohl in Form von Plastiken sowie in numismatischer Form vereinigten in sich verschiedene Aspekte der kaiserlichen Propaganda.

Skulptur