mini|Kirche von Süden mini|hochkant|Turm von Südosten Die Evangelische Kirche in Erda in der Gemeinde Hohenahr im Lahn-Dill-Kreis (Hessen) ist eine im Kern gotische Chorturmkirche mit einem spätromanischen Wehrturm. Die Kirche ist aus geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen und wissenschaftlichen Gründen hessisches Kulturdenkmal.

Geschichte Als erstes Gotteshaus wird eine Kapelle unterhalb der heutigen Kirche angenommen; Mauerreste im alten Schulgarten werden mit dieser Kapelle in Verbindung gebracht. Auch beim Einbau einer Heizung in der Kirche im Jahr 1967 wurden Mauerreste eines relativ großen Vorgängerbaus gefunden. Die Evangelische Kirche in Erda oder Der Hinterländer Dom. 2013, S. 2. Ein Pleban ist im Jahr 1246 und ein Pfarrvikar Renbold aus Erda 1325 urkundlich nachgewiesen. Die Anteile der Herren von Bicken und von Kalsmunt am Pfarrzehnten gingen 1294 und 1305 an die Grafen von Solms über, die seitdem das Patronatsrecht ausüben.Arbeitskreis für Dorfchronik: Heimatbuch herausgegeben anlässlich der 1200-Jahrfeier der Gemeinde Erda. 1971, S. 161.

Seit dem Mittelalter bildete Erda mit Wilsbach ein Kirchspiel. Wilsbach war mindestens seit 1285 Filialort von Erda und löste die Verbindung von der Mutterkirche erst im Jahr 1812. Seit 1806 gehörte Erda zum Herzogtum Nassau und Wilsbach zu Hessen-Darmstadt.Frank W. Rudolph: 175 Jahre evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Wilsbach, S. 4–5, abgerufen am 20. Juli 2019.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts brannte die Wehrkirche im Zuge einer Belagerung der Burg Hohensolms durch die Stadt Wetzlar aus, worauf Erzbischof Balduin von Trier dem mit ihm verbündeten Wetzlar Vergebung gewährte.

Die mittelalterliche Kirche unterstand dem Patrozinium des hl. Nikolaus.Uta Barnikol-Lübeck: ; abgerufen am 8. Dezember 2020. Erda gehörte im ausgehenden Mittelalter zum Archipresbyterat Wetzlar im Archidiakonat von St. Lubentius Dietkirchen im Bistum Trier.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 196.

Mit Einführung der Reformation wechselte die Kirchengemeinde im 16. Jahrhundert zum evangelischen Bekenntnis, wobei der genaue Zeitpunkt unbekannt ist. Als 1548 die Grafen Reinhard und Friedrich Magnus von Solms-Lich den Besitz ihres Hauses unter sich aufteilten, erhielt Reinhard an geistlichen Lehen die Pfarreien zu Lich, Blasbach, Wanbach (vermutlich Wohnbach), Hohensolms, Königsberg samt Filial Altenstädten, Krumbach, Weidbach und Butzbach sowie die Pastoreien Erda und Altenkirchen. Interessant ist, dass dabei zwischen Pfarreien und Pastoreien unterschieden wurde. Vermutlich beschrieb der Begriff Pastorei eine katholische, der Begriff Pfarrei dagegen eine evangelische Pfarrstelle. Demnach wären Erda und Altenkirchen 1548 noch katholisch gewesen, während in allen übrigen genannten Orten bereits die Reformation Einzug gehalten hatte. Als erster evangelischer Pfarrer ist dann von 1563 bis 1605 Nikolaus Koch nachweisbar.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die acquirierten Lande und die verlorenen Gebiete. 1933, S. 246. Später nahm die Gemeinde zeitweise den reformierten Glauben an, um jedoch 1624 endgültig zum lutherischen zurückzukehren.

Im 17. Jahrhundert wurde das Kirchenschiff erneuert, blieb aber im Kern erhalten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden drei Emporen eingebaut. Eine hieß „die Wilsbacher Bühne“ und stand der Wilsbacher Filialgemeinde zur Verfügung.Frank W. Rudolph: 175 Jahre evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Wilsbach, S. 55, abgerufen am 20. Juli 2019. Nach der endgültigen Trennung von Wilsbach im Jahr 1827 wurde Erda mit Großaltenstädten pfarramtlich verbunden. Die Westseite der Kirche wurde 1835 neu gestaltet.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 210.

Zwischen 1950 und 1953 wurde das Gebäude als Simultankirche auch von den zumeist katholischen Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland, die ab 1946 nach Erda gekommen waren, für ihre Gottesdienste benutzt. Die Evangelische Kirche in Erda oder Der Hinterländer Dom. 2013, S. 64–65.

Bei einer Renovierung im Jahr 1951 wurde die Kirchendecke erneuert. Auch die Kanzel wurde versetzt und leicht gedreht. Im Zuge dieser Maßnahme wurde auch ein neuer Kanzelaufgang gefertigt, wobei altes Eichenholz von Restbeständen aus der Deckenrenovierung verwendet wurde. Ebenso wurde ein ehemals im Bereich des seitlichen Eingangs an der Wilsbacher Bühne vorhandener Vorsprung für die Orgel zurückgebaut, sodass die Empore heute eine geschlossene Front aufweist. Die Evangelische Kirche in Erda oder Der Hinterländer Dom. 2013, S. 65–66.

Im Zuge einer weiteren Innenrenovierung wurden 1971 im Chor und im Schiff Reste alter Wandmalereien freigelegt.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 211.

Die Kirchengemeinde Erda-Großaltenstädten gehört heute zum Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit dem 1. Januar 2020 gibt es eine pfarramtliche Verbindung mit der Kirchengemeinde Hohensolms.Evangelischer Kirchenkreis an Lahn und Dill, abgerufen am 20. Januar 2020.

Architektur mini|hochkant|links|Westportal mini|hochkant|Blick aus dem Chorbogen gen Westen Die in etwa geostete, weiß verputzte Kirche ist leicht erhöht im Ortszentrum errichtet. Sie liegt mitten auf dem alten Friedhofsgelände, das bis 1911 genutzt wurde und heute als Grünanlage gestaltet ist. An der Außenwand haben sich Epitaphe oder Grabsteine aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert erhalten. Die Evangelische Kirche in Erda oder Der Hinterländer Dom. 2013, S. 3. Der massiv aufgemauerte Chorturm aus romanischer Zeit ist ein wuchtiger Wehrturm mit Schießscharten im Obergeschoss. In seinen ältesten Teilen geht er möglicherweise auf das 13. Jahrhundert zurück.Frank W. Rudolph: 175 Jahre evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Wilsbach, S. 50, abgerufen am 20. Juli 2019. Die Glockenstube ist verschiefert und beherbergt ein Dreiergeläut. Über der Glockenstube erhebt sich ein großes steiles Walmdach. Es wird im Westen von einem Turmknauf mit einem verzierten Kreuz und einem Wetterhahn bekrönt. Der Chor wird im Osten durch ein kleines Rundbogenfenster und im Norden und Süden durch je ein hohes Fenster belichtet.

Das Alter des im Kern gotischen Kirchenschiffs ist unbekannt. Der alte Dachstuhl ist noch erhalten. Das verschieferte Dach ist im Westen abgewalmt. Das Innere erhält von der Südseite her durch zwei hohe schmale Fenster und zwei mittelgroße Spitzbogenfenster Licht. Weiter westlich ist unterhalb der Traufe ein kleines Fenster mit Stichbogen eingelassen. Die Nordseite hat drei kleine hochsitzende Fenster mit Stichbogen und die Westseite zwei Rundbogenfenster in der oberen Ebene. Die Kirche wird durch rundbogige Portale im Westen und Norden erschlossen. Während das Nordportal schlicht gestaltet ist, hat das Westportal, das mit der Jahreszahl 1853 bezeichnet ist, ein Gewände aus rotem Sandstein mit vorkragenden Kämpfern und einem Oberlicht im Bogenfeld. Neben dem Nordportal ist eine Eisenstange in die Wand eingelassen, deren Länge von 56 cm der im Mittelalter üblichen Elle entspricht. Es wird vermutet, dass es sich dabei um die Musterelle des früheren Erdaer Vogteigerichts handeln könnte. Die Evangelische Kirche in Erda oder Der Hinterländer Dom. 2013, S. 3.

Ausstattung mini|links|Blick in Vom Schiff zum Chorraum Der Innenraum des Kirchenschiffs wird von einer flachen Balkendecke abgeschlossen, die auf drei Längsunterzügen ruht. Der mittlere Unterzug wird von vier hohen achteckigen Holzpfeilern mit Kopfbändern gestützt. Ihnen entsprechen in gleicher Höhe je vier Wandstützen an den Langseiten, die ebenfalls Kopfbänder aufweisen. Das Innere wird von der dreiseitigen Empore beherrscht, die an den grün gefassten Brüstungen querrechteckige kassettierte Füllungen hat. Die Westempore, die als Aufstellungsort für die Orgel dient, ist mit der Jahreszahl 1672 bezeichnet. Die vier Füllungen im Westen zeigen Rankenwerk und darunter den Bibelvers aus . Die schlichter ausgeführte Nordempore von 1681, die von achteckigen Holzpfeilern getragen wird, hat Füllungen ohne Motiv, darunter die Inschrift mit . Die Südempore ist etwas höher eingebaut und ruht auf runden Holzsäulen. Die Brüstung trägt 22 Brüstungsmalereien, die um 1780 datiert werden. Sie stellen die vier Großen alttestamentlichen Propheten dar (Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel), fünf Szenen aus dem Leben Jesu sowie Christus Salvator und die 12 Apostel vor Landschaftshintergründen. An der Stirnwand der Südempore ist ein weiteres Gemälde angebracht.

Zwei Bischofskreuze an der Seitenwand weisen vermutlich auf die Weihe der Kirche durch einen Bischof hin. Die Evangelische Kirche in Erda oder Der Hinterländer Dom. 2013, S. 23.

Ältestes Ausstattungsstück ist ein großes schlichtes Taufbecken in Pokalform aus romanischer Zeit, das aus einem Block gehauen ist und im Kirchenschiff zwischen den letzten beiden Pfeilern aufgestellt ist. Die polygonale holzsichtige Kanzel am südlichen Chorbogen ist reich mit Beschlagwerk und Intarsien ausgestattet. Sie ist das Gesellenstück eines Schreiners. Die Evangelische Kirche in Erda oder Der Hinterländer Dom. 2013, S. 20. Der Fries unter dem Kranzgesims ist mit der Jahreszahl 1671 bezeichnet und trägt umlaufend den Bibelvers aus . Ein Pfarrstuhl in grüner Fassung mit weißem, durchbrochenem Rautenwerk im oberen Teil führt zum Kanzelaufgang. Rechts vom Schalldeckel der Kanzel ist ein Tafelbild von 1693 aufgehängt, das den Gekreuzigten zeigt. Bis zur Renovierung 1966/1967 hing hier ein Gemälde von Carl Stuhl aus Wetzlar, der 1846 beauftragt wurde, Martin Luther mit der aufgeschlagenen Bibel und den Schwan darzustellen. Das grüne Kirchengestühl von 1651 mit geschnitzten Wangen lässt einen Mittelgang frei. Das dreiseitige Chorgestühl hat schlichte kassettierte Füllungen. Die Wangen der Bänke unter der Wilsbacher Bühne weisen Bemalungen mit unterschiedlichen Blumen- und Früchtemotiven auf. An der östlichen Chorwand ist ein Epitaph für Pfarrer Wilhelm Daniel Gerst († 1670) aus rotem Sandstein aufgestellt. Im oberen Bogenfeld ist das Ehepaar dargestellt, darunter ihre zwölf Kinder über einem ovalen Schriftfeld.Gemeinde Erda (Hrsg.): Erda 771–1971. 1971, S. 25.

mini|links|Decke des Chorraums mini|Spätromanische Darstellung eines Fischreiters und des gekrönten Seekönigs