mini|Inschrift, die Antigonos III. Doson erwähnt, 223 v. Chr., Archäologisches Museum Thessaloniki Unter Herrscherkult ist die göttliche Verehrung eines Herrschers oder einer Herrscherin zu Lebzeiten zu verstehen. Das Phänomen war vor allem während der hellenistischen Zeit von großer Bedeutung. Es hat seine Wurzeln in griechischen Traditionen und der Interaktion zwischen den Poleis und Herrschenden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen dem Herrscherkult, der von griechischen Städten, Vereinen und Privatpersonen eingerichtet wurde, und dem Kult, der von der königlichen Administration selbst initiiert wurde.Vgl. einführend Angelos Chaniotis: The Divinity of Hellenistic Rulers. In: Andrew Erskine (Hrsg.): A companion to the Hellenistic World, Oxford 2003, S. 431–445. Letzterer war besonders bei den Ptolemäern sowie bei den späteren Seleukiden üblich.

Nach dem Alexanderzug und dem Tod von Alexander dem Großen entwickelten sich unter den Diadochen neue Königreiche. Sie entstanden zu einem großen Teil in Gebieten, die bereits eine monarchische Tradition hatten. Die Legitimität des Königtums war dabei eng an die Macht und die Erfolge des Königs gebunden.Vgl. Hans-Ulrich Wiemer: Siegen oder untergehen? Die hellenistische Monarchie in der neueren Forschung. In: Stefan Rebenich (Hrsg.): Monarchische Herrschaft im Altertum, Berlin 2017, S. 305–339. Im Gegensatz dazu taten sich die griechischen Städte, in denen die Demokratie damals als einzig legitime Verfassung galt, sehr schwer mit einer Königsherrschaft. Die gegenseitige Abhängigkeit beruhte auf realen Machtverhältnissen und dem Bemühen der Herrscher um Legitimation. Aus diesem Spannungsfeld entstand der Herrscherkult. Er wurde von den Griechen früh auch auf die Römer angewendet, als Hellas ab 200 v. Chr. unter ihren Einfluss geriet. Sein ideologisches Konzept war so erfolgreich, dass Teile von ihm im römischen Kaiserkult seine Fortführung fanden.

Die Städte Der Kult für eine lebende Person wurde in einer Polis beantragt und danach von der Bürgerschaft beschlossen. Eine Stiftungsurkunde in Gestalt eines Volksbeschlusses (Psephisma) enthielt den konkreten Anlass für die Einführung und die Handlungen, die im Kult auszuführen seien.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 160. Bei einer Reihe von Kulten, deren Motive nicht überliefert sind, kann der Grund erschlossen werden, wie zum Beispiel, wenn ein Monarch als (Wieder-)Gründer (Ktistes) einer Stadt fungierte, denn es war seit jeher üblich, Gründer durch einen Kult zu ehren.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 162. Die Begründungen für die Einführung spiegeln sich auch in den ausgewählten Beinamen für die Herrscher wider, die als Kurzform eines Motivs angesehen werden können.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 161.

Die Einführung von städtischen Kulten wurde grundsätzlich auf eine herausragende Leistung oder Wohltat (euergetes, siehe dazu Euergetismus) einer Person zurückgeführt. Dies konnte die finanzielle Unterstützung in einer Notlage,Haritini Kotsidu: Timē kai doxa. Ehrungen für hellenistische Herrscher im griechischen Mutterland und in Kleinasien unter besonderer Berücksichtigung der archäologischen Denkmäler. Akademie-Verlag, Berlin 2000, S. 14. die Rettung vor äußeren Feinden, die Rückgabe der „Freiheit“ oder eben die Gründung bzw. „Neugründung“ einer Stadt sein. Es versteht sich, dass man es hierbei mitunter auch mit Verzerrungen zu tun hat, die machtpolitische Realitäten bemänteln sollten. Der Dank für die (tatsächliche oder angebliche) Schaffung, Erhaltung oder Wiederherstellung der städtischen Existenz, „Demokratie“ und „Freiheit“ durch äußere Machthaber erfolgte im Bewusstsein, dass manch eine Polis aus eigener Kraft nicht mehr überleben konnte.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 171. Der Kult stellte eine ostentative Danksagung und Abtragung einer Dankesschuld dar. Es ging dabei also nicht um die Persönlichkeit oder Position eines Königs, sondern ausschließlich um dessen Verdienste, die gewürdigt werden sollten.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 163–164.

Im Kern bot der Herrscherkult den Poleis vor allem eine Möglichkeit, ihrer faktischen Unterordnung unter einen übermächtigen Monarchen Ausdruck zu verleihen, ohne äußerlich ihre Freiheit aufzugeben; zugleich wurde eine hierarchische Do-ut-des-Beziehung zwischen der Stadt, die dem König ihre Loyalität zusicherte, und dem Monarchen, der den Bürgern im Gegenzug Schutz und Wohltaten versprach, in Gestalt der kultischen Verehrung sichtbar gemacht.Vgl. einführend Angelos Chaniotis: The Divinity of Hellenistic Rulers. In: Andrew Erskine (Hrsg.): A companion to the Hellenistic World, Oxford 2003, S. 439–443. Da die Unterwerfung unter einen Monarchen dem Selbstverständnis einer griechischen Polis fundamental widersprach, bot der Herrscherkult einen Ausweg aus dem Dilemma, in das die Städte geraten waren, nachdem die makedonische Hegemonie etabliert worden war.

Ein Kult konnte daher jederzeit aufgehoben werden, sofern die Verehrung für die Stadt keinen Nutzen mehr hatte. Ob die verehrte Person gestorben war oder nicht, spielte dabei nicht die entscheidende Rolle; eher ging es um politische Umwälzungen, in deren Folge die betreffende Polis den Machtbereich eines Monarchen verließ, meist im Zusammenhang von Eroberungen oder internen Umstürzen (Staseis). Zuweilen nahm die Aufhebung drastische Züge an, wie am Beispiel von Philipp V. ersichtlich ist, bei dem Athen 201 v. Chr. sämtliche Kulthandlungen für ihn und seine Vorfahren aufhob und alle Ehrungen auf Inschriften löschte. In den alljährlichen Gebeten für das Wohl der Stadt sollten Philipp V., seine Vorfahren und Nachkommen sowie alle übrigen Makedonen fortan im Gegenteil verflucht werden.Livius 31,44; vgl. Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 185, 189.

Es lässt sich nach Ansicht mehrerer Forscher belegen, dass mit der zunehmenden Institutionalisierung des Herrscherkults während des 3. Jahrhunderts v. Chr. die religiösen Ehrungen, die die Städte für die Könige initiieren, langsam an Häufigkeit abnahmen, während Weihungen, die von der königlichen Administration eingefordert wurden, zunahmen. Die Entwicklung wird dahingehend gedeutet, dass die politische Bedeutung des Herrscherkults als Aushandlungsinstrument für die Städte im Verlauf des Hellenismus abgenommen habe.Frank W. Walbank: Könige als Götter. Überlegungen zum Herrscherkult von Alexander bis Augustus. In: Chiron 17 (1987), S. 366. Der Kult einer griechischen Polis hatte dabei einen ausgesprochenen lokalen Charakter. Einerseits hatten die Städte nicht den nötigen politischen Einfluss außerhalb ihrer Domäne, und andererseits hätte es dem Sinn einer Danksagung für eine konkrete, lokale Wohltat widersprochen, den jeweiligen Kult großflächig einzuführen.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 192–193.

Ein wichtiger Aspekt des vorkaiserzeitlichen Herrscherkults ist laut Christian Habicht die Tatsache, dass die Städte in ihrer Wahrnehmung keine Götter schufen, sondern übermächtigen Menschen, die zu großen Taten fähig waren und damit den Göttern glichen, göttliche Ehrungen zuwiesen. Sie erkannten sie demnach aufgrund ihrer Macht als gottgleich an, aber sie schufen keine Götter. So finde sich in keiner hellenistischen Inschrift die Angabe, dass eine Stadt einen Herrscher zu einem Gott gemacht habe; und somit habe es auch keine Apotheose einer lebenden Person gegeben.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 171. Erstmals habe eine Stadt erst im Dekret von Mytilene Augustus zu einem Gott erhoben. Damit wurde laut Christian Habicht die bloße Deklaration der Göttlichkeit einer Person aufgegeben zugunsten eines konstituierenden Charakters der Handlung, und der Begriff Apotheose fand in der folgenden Zeit Einzug in die griechische Sprache.Christian Habicht: Gottmenschentum und griechische Städte. München 1970, S. 178–179.

Die Monarchien Bereits vor der Entstehung der hellenistischen Königreiche waren die Monarchien von Makedonien, Ägypten und Asien auf viele Arten mit der Religion verbunden. In Makedonien nahmen die Könige priesterliche Funktionen ein, in Ägypten war der Pharao der Vermittler zwischen Göttern und Menschen und im Perserreich hatte der König ein besonderes Verhältnis zum Schöpfergott Ahura Mazda.

Die hellenistischen Könige bemühten sich von Anfang an um gute Beziehungen zu den ortsansässigen und griechischen Göttern. Sie stellten sich unter den Schutz einer Gottheit und machten eine göttliche Abstammung geltend. Die Antigoniden beriefen sich auf Philipp II. und Alexander den Großen und leiteten ihre Abstammung von Herakles ab. Die Seleukiden hatten ihren Ahnherr und Beschützer Apollon von Milet und die ptolemäischen Könige in Ägypten passten sich mehreren griechischen Göttern an, wovon der wichtigste Dionysos war.Frank W. Walbank: Könige als Götter. Überlegungen zum Herrscherkult von Alexander bis Augustus. In: Chiron 17 (1987), S. 369.

Bereits HomerHomer: Odyssee 7,80 f. beschreibt das Wohnen eines Sterblichen bei einer Gottheit. Die eigentliche Bedeutung des Synnaos Theos entfaltete sich während der hellenistischen Zeit. Das Teilen eines Tempels zwischen Herrschern und Göttern stellte eine Verbindung zwischen Göttern und vergöttlichten Menschen in gemeinsamen Ritualen her und war ein wichtiges Glied in der Kette, die zum Herrscherkult führte.Frank W. Walbank: Könige als Götter. Überlegungen zum Herrscherkult von Alexander bis Augustus. In: Chiron 17 (1987), S. 370;

Griechische Vorstellung des Göttlichen Ein großer Unterschied zwischen griechischer Vorstellung vom Göttlichen und zum Beispiel dem christlichen Glauben ist die „Brüchigkeit der Grenze zwischen Gott und Mensch“. In der griechischen Tradition wurden herausragende Persönlichkeiten immer wieder als „Götter unter Menschen“ bezeichnet.Frank W. Walbank: Könige als Götter. Überlegungen zum Herrscherkult von Alexander bis Augustus. In: Chiron 17 (1987), S. 371. Zum Beispiel zeigt eine Untersuchung über die Behandlung der Heroen bei Herodot auf, dass dieser frühe Geschichtsschreiber einen kleinen oder gar keinen Unterschied zwischen Heroen und Göttern bei religiösen Themen gemacht hat. Heroen werden sogar als Götter bezeichnet, wenn es um ihre religiöse Rolle oder dargebrachte Opfergaben geht.Gunnel Ekroth: The Sacrificial Rituals of Greek Hero-Cults in the Archaic to the Early Hellenistic Period. Liége 2002, I,138. Die häufige Bezugnahme auf die Hybris des Menschen in griechischen Legenden und Mythen weist ebenfalls auf ein abgestuftes Verständnis zum Göttlichen hin.Frank W. Walbank: Könige als Götter. Überlegungen zum Herrscherkult von Alexander bis Augustus. In: Chiron 17 (1987), S. 372.

mini|Ehrendekret für den Ringkämpfer Demokrates von Tenedos für seinen Sieg an den Olympischen Spielen, 300–250 v. Chr. Im Mittelpunkt der griechischen Vorstellung des Göttlichen lag die Bereitschaft der Götter und Göttinnen, dass sie denen, die sie verehrten, zuhörten und sie unterstützten. Menschen, die zu Lebzeiten außerordentliche Leistungen vollbracht hatten wie Siege im Kampf oder bei einem Wettkampf, konnten zu einer beschützenden Macht nach ihrem Tod werden. Beispiele dafür waren Asklepios, Herakles oder Dionysos, die nach ihrem Tod zu Göttern erhoben wurden. Der hellenistische Königskult schloss an diese Vorstellung an. Die Könige hatten die Aufgabe, bereits zu Lebzeiten und über ihren Tod hinaus, die sie Verehrenden zu schützen und zu fördern.Angelos Chaniotis: The Divinity of Hellenistic Rulers. In: Andrew Erskine (Hrsg.): A companion to the Hellenistic world. Blackwell, Oxford 2003, S. 432.