Qutb ad-Dīn Muhammad ibn Ahmad al-Makkī an-Nahrawālī (, geb. 1511/1512 in Lahore; gest. 20. Mai 1582 in Mekka) war ein mekkanischer Gelehrter und Historiograph indischer Herkunft, der aufgrund seiner guten Türkisch-Kenntnisse und vielfältigen Bekanntschaften mit osmanischen Beamten eine wichtige Rolle in den Beziehungen zwischen den Scherifen von Mekka und der Hohen Pforte spielte. Im Jahre 1557/58 reiste er als Abgesandter des Scherifen Hasan ibn Abī Numaiy nach Istanbul, um bei Sultan Süleyman I. um die Ersetzung eines osmanischen Beamten in Medina nachzusuchen. Zwar scheiterte die Mission, doch führten die in Istanbul geknüpften Kontakte dazu, dass er fortan von osmanischer Seite finanziell unterstützt und mit lukrativen Ämtern betraut wurde. So wurden ihm das Amt des Muftis der Hanafiten in Mekka und der hanafitische Lehrstuhl in den vom Sultan neu gegründeten Madāris Sulaimānīya übertragen. Qutb ad-Dīn erwies sich seinen neuen Dienstherrn gegenüber dankbar, indem er zwei arabische Geschichtswerke – eines über Mekka und eines über die osmanische Eroberung des Jemen – verfasste, in denen er die zu seiner Zeit herrschenden osmanischen Sultane für ihre Großtaten rühmte und die osmanische Herrschaft über die arabischen Länder lobte.

Abstammung Qutb ad-Dīn gehörte einer indisch-arabischen Gelehrtenfamilie an, die ursprünglich aus Aden im Jemen stammte. Ein Vorfahre namens Muhammad ibn Ismāʿīl al-ʿAdanī war im 13. Jahrhundert von dort nach Nahrawāla, dem heutigen Patan in Gujarat, ausgewandert.Al-Hīla: At-Tārīḫ wa-l-muʾarriḫūn bi-Makka. 1994, S. 242. Qutb ad-Dīns Urgroßvater Qādī Chān Mahmūd ad-Dihlawī war dafür bekannt, dass er im Jahre 823 der Hidschra (= 1420 n. Chr.) ein Persisches Wörterbuch verfasst hatte, das die einzelnen Wörter auf Arabisch und in einer indischen Sprache erklärte.Ḥāǧǧi Ḫalīfa: Kašf aẓ-ẓunūn ʿan asāmī al-kutub wa-l-funūn. Ed. Gustav Leberecht Flügel. Leipzig, 1835. Bd. I, S. 215, Nr. 323. Digitalisat Qutb ad-Dīns Vater Scheich ʿAlā' ad-Dīn Ahmad (1466–1542), ein angesehener hanafitischer Rechts- und Hadith-Gelehrter, fungierte eine Zeitlang als Mufti des Sultanats von Gujarat. Er hatte schon Ende des 15. Jahrhunderts ein Jahr in Mekka verbracht und war dann nach Gujarat zurückgekehrt.Blackburn: Journey to the Sublime Porte. 2005, S. XI. Qutb ad-Dīns Mutter hieß Chasrān und war Tochter des schafiitischen Gelehrten Schams ad-Dīn Muhammad ibn ʿAmr al-Ansārī.al-Kattānī: Fihris al-fahāris. 1982, S. 945.

Leben Kindheit und Jugend Qutb ad-Dīn wurde im Jahre 917 der Hidschra (= 1511/12 n. Chr.) in Lahore geboren.Al-Hīla: At-Tārīḫ wa-l-muʾarriḫūn bi-Makka. 1994, S. 242. Als sein Vater ʿAlā' ad-Dīn Ahmad nach Mekka reiste, um dort die Position als Lehrer an der von Ahmad Schāh von Gujarat (reg. 1410–1442) gegründeten Kanbā'īya-Madrasa zu übernehmen, nahm er seinen Sohn Qutb ad-Dīn mit.Blackburn: Journey to the Sublime Porte. 2005, S. XI. Wann der Umzug erfolgte, ist nicht bekannt, doch muss es vor dem Jahr 1524 gewesen sein, denn Qutb ad-Dīn berichtet, dass er im Dhū l-Hiddscha des Jahres 930 (= Oktober 1524) zusammen mit seinem Vater in der ʿArafāt-Ebene eine große Überschwemmung erlebte, die durch nach einer langen Dürreperiode einsetzende schwere Regenfälle eintrat.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al- Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 338f - Siehe die Zusammenfassung des Berichts in der Einleitung von Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. V-VI. Seine erste Erziehung erhielt Qutb ad-Dīn bei seinem Vater, bei dem er unter anderem die Mekka-Chronik von al-Azraqī las,Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. VI. sowie bei mehreren anderen Gelehrten, die teils in Mekka ansässig waren und teils sich nur vorübergehend dort aufhielten.Wüstenfeld: Die Geschichtschreiber der Araber und ihre Werke. 1882, S. 250. Unter diesen waren der bejahrte mekkanische Prediger Ahmad Muhibb ad-Dīn Abū l-Qāsim an-Nuwairī und der jemenitische Geschichtsschreiber Wadschīh ad-Dīn ʿAbd ar-Rahmān Ibn ad-Daibaʿ (gest. 1537). Der Naqschbandī-Scheich ʿAlā' ad-Dīn al-Kirmānī (gest. 1532/33) führte Qutb ad-Dīn in die Sufik ein.al-Ḥasanī: Nuzhat al-ḫawāṭir. 1999, Bd. I, S. 405a.

Reise nach Ägypten und nach Istanbul Im Jahre 943 (1536/37) reiste Qutb ad-Dīn zur weiteren Ausbildung nach Ägypten. Gleich bei seiner Ankunft wurde er bei dem damaligen Beglerbeg Hüsrev Pascha Divāne eingeführt und durfte in seinem Gefolge den prächtigen, von Sultan Selim I. erbauten Kiosk besteigen, um den großartigen Anblick einer Nilüberschwemmung zu genießen.Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. VII. Er hörte besonders bei Lehrern, die Schüler des 1505 verstorbenen as-Suyūtī waren, und traf auch mit dem letzten abbasidischen Schattenkalifen al-Mutawakkil III. (gest. 1543) zusammen.al-Ḥasanī: Nuzhat al-ḫawāṭir. 1999, Bd. I, S. 405a.

Noch im selben Jahr begleitete er Āsaf Chān, den Wesir des Sultans von Gujarat Bahādur Schāh (reg. 1526–37) bei einer Reise nach Istanbul, die darauf abzielte, osmanische Unterstützung für Gujarat zu erlangen, das damals von portugiesischer Seite angegriffen wurde.Blackburn: Journey to the Sublime Porte. 2005, S. XII. In Istanbul suchte er den Wesir Iyās Pascha auf, der mit seinem Vater in Bekanntschaft und Briefwechsel stand, und dieser sorgte dafür, dass er dem Sultan Süleyman I. (reg. 1520–66) vorgestellt und zum Handkuss zugelassen wurde. Er erhielt ein Ehrenkleid zum Geschenk und erfreute sich seitdem hoher Protektion. Wahrscheinlich schloss er bei dieser Gelegenheit auch die Bekanntschaft mit Badr ad-Dīn Muhammad ibn Muhammad al-Qusūnī, dem Leibarzt des Sultans, mit dem er danach einen gelehrten Briefwechsel unterhielt.Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. VII.

Karriere in Mekka Nach Mekka zurückgekehrt, erhielt Qutb ad-Dīn eine Anstellung als Lehrer an der von Sultan Kait-Bay gegründeten Aschrafīya-Madrasa. Er versah an dieser Schule gleichzeitig die Stelle eines Bibliothekars und erwarb sich das Verdienst, die Bibliothek dieser Schule wiederherzurichten, indem er dafür sorgte, dass die 300 Bücher der Bibliothek erhalten, fehlende Bücher ergänzt und Einbände wiederhergestellt wurden. Auch forderte er Bücher, die der Bibliothek gehört hatten, zurück, wenn er sie irgendwo fand.Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. VII-VIII. Als im Jahre 949 (= 1542/43) der in Ungnade gefallene Wesir Lutfi Pascha zur Wallfahrt nach Mekka kam, kümmerte sich Qutb ad-Dīn nicht nur um ihn, sondern übersetzte auch den türkischen Kommentar, den der Wesir zum Fiqh akbar von Abū Hanīfa abgefasst hatte, zuerst ins Arabische und dann ins Persische, wofür sich Lutfi Pascha sehr erkenntlich bewies.Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. VIII.

Da Qutb ad-Dīn große Fertigkeit in der Abfassung (inšāʾ) von arabischen Prosatexten besaß, setzten ihn die Scherifen von Mekka gerne in ihren Geschäftsbeziehungen mit den Osmanen ein. Seine Sprachfertigkeit im Türkischen half ihm dabei, Bekanntschaft mit osmanischen Beamten zu schließen, die in der Region stationiert waren, und er wurde der am meisten begehrte Fremdenführer für osmanische Haddsch-Pilger in Mekka. Ihre großzügigen Vergütungen seiner Dienste erlaubten ihm, erlesene arabische Bücher zu kaufen, so dass eine in seiner Zeit einzigartige Sammlung entstand.aš-Šaukānī: al-Badr aṭ-ṭāliʿ. 1995, Bd. II, S. 57. Die Gunst, die Qutb ad-Dīn bei der osmanischen politischen Elite genoss, brachte ihm auch eine Einsetzung als Mufti von Mekka ein.Raḍī ad-Dīn Ibn al-Ḥanbali: Durr al-Ḥabab fī tārīḫ aʿyān Ḥalab. 1973, S. 439.

Die Kaaba-Fatwa und der Brand seines Hauses Als im Jahre 959 (= 1552 n. Chr.) das Holzdach der Kaaba einstürzte, nahm Qutb ad-Dīn, wie er in seiner Mekka-Chronik berichtet, an den Beratungen der führenden Beamten über die Reparatur des Gebäudes teil.Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. VIII. Was Qutb ad-Dīn in seiner Mekka-Chronik nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass er bei dieser Gelegenheit in einen Gelehrtenstreit verwickelt war. Er hatte nämlich in einer Fatwa die Reparatur des Gebäudes erlaubt, während andere Gelehrte dagegen protestiert und davor gewarnt hatten, das heilige Gebäude anzutasten. In der Nacht nach dieser Auseinandersetzung brannte sein Haus mit allen Gegenständen und Büchern, die sich darin befanden, ab.Raḍī ad-Dīn Ibn al-Ḥanbali: Durr al-Ḥabab fī tārīḫ aʿyān Ḥalab. 1973, S. 439. In einem Notizbuch, das Hamad Dschāsir zitiert, datiert Qutb ad-Dīn das Ereignis auf den 19. Rabīʿ I 959 (= 15. März 1552) und berichtet, dass der Brand stattfand, als er gerade mit einigen Freunden am Mādschin-Teich im unteren Teil von Mekka spazierenging. Er wisse zwar nicht, wie es zu dem Brand gekommen sei, doch habe er sich von der Halle (qāʿa) her, in der sich seine Sachen und Bücher befanden, verbreitet. Insgesamt seien bei dem Brand 1500 Bücher, die er zum Teil von seinem Vater geerbt hatte, verloren gegangen. Seine Frauen und Kinder, die sich zu der Zeit des Brandes auf dem Dach befanden, konnten sich nur dadurch retten, dass sie auf das Dach des Nachbarhauses kletterten.al-Ǧāsir: Ġazawāt al-Ǧarākisa wa-l-Atrāk fī ǧanūb al-ǧazīra. 1967, S. 28f. Zu den Büchern, die bei dem Brand vernichtet wurden, gehörten auch zwei unvollendete Werke von ihm selbst, nämlich eines über die Geschichte (ṭabaqāt) der HanafitenRaḍī ad-Dīn Ibn al-Ḥanbali: Durr al-Ḥabab fī tārīḫ aʿyān Ḥalab. 1973, S. 439. und ein Hadith-Werk, das die Sechs Bücher der Sunna zusammenfasste (al-Ǧāmiʿ li-kutub as-sunna as-sitta).

Wie der ägyptische Gelehrte al-Dschazīrī (gest. 1570) berichtet, behauptete man zu jener Zeit, dass der Grund für den Brand des Hauses die Fatwa über die Zulässigkeit notwendiger Abbrucharbeiten an der Kaaba gewesen sei. Dem Bericht al-Dschazīrīs zufolge legte man diesbezüglich Qutb ad-Dīn auch Dinge in den Mund, die er niemals gesagt hatte.ʿAbd al-Qādir ibn Muḥammad al-Ǧazīrī: Durar al-fawāʾid al-munaẓẓama fī aḫbār al-ḥāǧǧ wa-ṭarīq Makka al-muʿaẓẓama. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut, 2002. Bd. I, S. 45. Digitalisat. R. Blackburn vermutet, dass das Feuer absichtlich gelegt wurde und auch der Neid der einheimischen Gelehrten auf den Erfolg des zugewanderten Gelehrten dabei eine Rolle gespielt haben könnte.Blackburn: Journey to the Sublime Porte. 2005, S. XIII.

Nachdem die Reparatur der Kaaba abgeschlossen war, wurde Qutb ad-Dīn beauftragt, den Text für eine darüber Auskunft gebende Bauinschrift zu erstellen. Diesen Text, den er seiner Mekka-Chronik wiedergibt, schloss er mit einem Satz ab, der nach Art eines Chronogramms die Baumaßnahme auf das Jahr 960 der Hidschra datierte.Wüstenfeld: Die Chroniken der Stadt Mekka. 1857, Bd. III, S. VIII.

Zweite Istanbul-Reise