Eine plurizentrische Sprache oder polyzentrische Sprache ist in der Sprachsoziologie und Soziolinguistik eine Sprache mit mehreren regionalen Zentren der Standardisierung und dementsprechend mehreren Standardvarietäten, wie z. B. Deutsch und Englisch. Das Sprachgebiet einer plurizentrischen Sprache erstreckt sich meist, aber nicht immer, über Staatsgrenzen hinaus.

Das Pendant zur plurizentrischen Sprache ist eine monozentrische Sprache. Sie ist nicht plurizentrisch, weil sie nur ein einziges regionales Zentrum der Standardisierung und dementsprechend eine einzige Standardvarietät besitzt, wie z. B. Japanisch und Russisch. In der Standardliteratur, wie z. B. das Werk Pluricentric languages von Michael Clyne (1992), wird Monozentrismus als Begriff jedoch nicht verwendet, sondern das Phänomen über Plurizentrismus erklärt.

Definition Der Begriff plurizentrisch bezieht sich auf Standardsprachen und ihre nationalen und regionalen Varietäten, die jeweils über eigene, vor allem lexikalische und phonologische, Varianten verfügen. In den meisten Fällen sind diese Zentren Nationalstaaten zugeordnet (z. B. amerikanisches Englisch und australisches Englisch). Doch es gibt auch, neben sogenannten „Vollzentren“ (z. B. Österreich für Österreichisches Deutsch) die Idee von „Halbzentren“ (z. B. Südtiroler Deutsch) oder „Viertelzentren“ (z. B. Luxemburger Deutsch). Sprachen unterscheiden sich in ihrem Plurizentralitätsgrad. So gibt es Sprachen mit separaten standardisierten Schreibweisen, wie zum Beispiel Englisch, aber auch Sprachen, die zwar über verschiedene Länder verteilt sind, aber in ihrer Rechtschreibung keinen Unterschied aufweisen.

Das wissenschaftliche Interesse an Plurizentrizität, ursprünglich als Polyzentrizität bezeichnet, reicht zurück bis in die 1960er Jahre und die Arbeiten von William Alexander Stewart. Stewart prägte die Begriffspaare „monozentrisch“ und „polyzentrisch“, um unterschiedliche Ansätze zum nationalen Multilingualismus zu beschreiben, insbesondere in Bezug auf Prozesse der Standardisierung. Polyzentrizität wurde verwendet, um auf verschiedene Standardvarietäten einer bestimmten Sprache hinzuweisen, unabhängig davon, ob die (kodifizierten) Unterschiede innerhalb eines Staats oder zwischen verschiedenen Staaten existierten. Das Konzept wurde in den 1970er Jahren von Heinz Kloss neu eingeführt. Er verwendete den Begriff, um Sprachen mit mehreren miteinander interagierenden Zentren zu beschreiben, von denen jedes eine nationale Varietät mit mindestens einigen eigenen Normen bereitstellt. Dieses Konzept wurde dann von anderen Linguisten, wie Michael Clyne, weiter ausgebaut.Camilla Wide, Catrin Norrby und Leigh Oakes: New perspectives on pluricentricity, in: Sociolinguistica, Jahr 35, Nr. 1, De Gruyter, 2021, S. 1–7. Ein für die deutsche Sprache bedeutender Autor war Ulrich Ammon, der als einer der ersten Linguisten gilt, der die deutsche Sprache ausführlich als plurizentrische Sprache beschrieben hat.Regula Schmidlin: Gebrauch und Einschätzung des Deutschen als plurizentrische Sprache. In: Vielfalt, Variation und Stellung der deutschen Sprache. Hrsg. von Karina Schneider-Wiejowski, Birte Kellermeier-Rehbein und Jakob Haselhuber. De Gruyter, Berlin/Boston 2013, S. 23–25.

Grad der Plurizentralität Mehrere Linguisten haben Kriterien festgelegt, um den Grad zu bestimmen, in dem eine Sprache als plurizentrisch angesehen werden kann. Die Kriterien in der folgenden Tabelle basieren auf Michael Clyne und Rudolf Muhr, wenn eine Sprache alle sechs Kriterien erfüllt, kann man sagen, dass sie vollständig plurizentrisch ist:

+ Kriterien der Plurizentrizität Kriterium Beschreibung Sprachbeispiele dieser Kriterien 1. Vorkommen Eine bestimmte Sprache kommt in mindestens zwei Staaten vor, die als „interagierende Zentren“ fungieren. Die nationalen Varietäten fungieren als normsetzende Zentren. 2.1 Offizieller Status Die Sprache hat in mindestens 2 Ländern einen offiziellen Status als:(a) Landessprache(b) Co-Landessprache(c) Regionalsprache (a) Deutsch in Österreich und Deutschland(b) Deutsch, Französisch und Italienisch in der Schweiz(c) Deutsch in Italien, Katalanisch in Frankreich 2.2. Starkes ethnolinguistisches Bewusstsein In Ländern, in denen die nationale Variante einer plurizentrischen Sprache keinen formalen Status hat, fungiert ein starkes sprachliches Bewusstsein der Sprachgemeinschaft als Ersatz für die Anerkennung und den offiziellen Status. Westarmenisch, Ungarisch in der Slowakei und Rumänien, Jiddisch, Kurdisch 3. Sprachliche Distanz Die nationalen Varietäten müssen genügend sprachliche (und/oder pragmatische) Merkmale aufweisen, die sie von anderen Varietäten unterscheiden und dadurch als Symbol für den Ausdruck von Identität und sozialer Einzigartigkeit dienen können. 4. Akzeptanz von Plurizentrizität Die Sprachgemeinschaft muss den Status ihrer Sprache als plurizentrische Varietät akzeptieren und sie als Teil ihrer sozialen/nationalen Identität betrachten. 5. Identitätsrelevanz Die nationale Varietät muss für die soziale Identität relevant sein und (bis zu einem gewissen Grad) für die Sprachgemeinschaft offensichtlich sein und „zumindest einige ihrer eigenen (kodifizierten) Normen“ führen. 6. Kodifizierung von Normen Die sprachlichen Normen der nationalen Varietät müssen (bis zu einem gewissen Grad) in Nachschlagewerken kodifiziert werden, um Gewissheit über den gemeinsamen Sprachgebrauch und landesspezifische Besonderheiten der plurizentrischen Sprache zu erlangen.

Arten von Plurizentrizität Es gibt verschiedene Rahmenwerke, die die Art der Plurizentralität beschreiben. Die unten dargestellte Klassifizierung stammt vom Sprachwissenschaftler Rudolf Muhr:Rudolf Muhr (Hrsg.): The state of the art of research on pluricentric languages: Where we were and where we are now. In: Pluricentric Languages and Non-Dominant Varieties Worldwide. Band 1: Pluricentric Languages across continents – Features and usage. Peter Lang, Wien 2016, S. 9–32.

+ Art der Plurizentralität Typ Beschreibung Sprachbeispiele dieser Kategorie Typ 1: Staatenlose Plurizentrizität Sprachen mit Varietäten, die kein eigenes Territorium und keine offizielle Anerkennung haben, aber dennoch als plurizentrisch betrachtet werden können, weil ein starkes ethnolinguistisches Bewusstsein besteht. Westarmenisch, Kurdisch und Jiddisch. Typ 2: Formale Plurizentrizität Lediglich das Kriterium des Vorkommens der plurizentrischen Sprache in mindestens zwei Ländern ist erfüllt. Es gibt eine formelle Anerkennung des Status als plurizentrische Sprache oder nicht. In allen Fällen gibt es keine Sprachplanung (Kodifizierung, Förderung) zugunsten der nationalen Varietät. Albanisch im Kosovo, Baskisch in Frankreich, Kroatisch und Serbisch in Bosnien-Herzegowina, Französisch in Italien, Italienisch in der Schweiz, Irisch in Nordirland und Punjabi. Typ 3: Plurizentrische Sprachen mit Varietäten, denen der entsprechende formale Status fehlt Die Kriterien 1, 2b und 3 sind erfüllt, nicht jedoch 2a und es liegt eine relativ große Sprecherzahl vor. Ungarisch in der Slowakei, Rumänien und Serbien, Russisch in Lettland, Litauen und Estland. Typ 4: Sprachen, bei denen der Status der Plurizentrizität durch die Sprache als Ganzes verneint wird Die Sprachen weisen einen hohen Grad an Zentralisierung und eine starke Zurückhaltung gegenüber der Akzeptanz der Pluralität von Normen auf. Manchmal gibt es eine formelle Anerkennung der Plurizentrizität durch die dominante Varietät, aber gleichzeitig gibt es Manöver, die versuchen, nicht-dominante Varietäten auf das Niveau regionaler Dialekte herabzustufen. Arabisch, Albanisch, Französisch, Griechisch, Ungarisch, Italienisch, Rumänisch, Russisch und Serbisch. Typ 5: Sprachen, bei denen der Status der Plurizentrizität durch die Hauptvarietät anerkannt wird Diese Sprachen erkennen die Plurizentrizität der Sprache an, wobei die sprachlichen Merkmale einschließlich der Nebenvarietäten bis zu einem gewissen Grad in Wörterbüchern und Nachschlagewerken kodifiziert sind. Chinesisch, Niederländisch, Englisch, Deutsch, Hindi, Urdu, Irisch, Koreanisch, Malaiisch, Portugiesisch, Quechua, Spanisch, Schwedisch, Tamilisch und Berberisch. Typ 6: Bewusst praktizierte Plurizentrizität Sprachen, bei denen die Plurizentrizität bewusst von Sprechern der jeweiligen nationalen Varietät praktiziert wird. Englisch, Niederländisch, Deutsch, Spanisch, Schwedisch und Portugiesisch. Typ 7: Plurizentrische Sprachen im Bildungswesen Sprachen, bei denen die nationalen Varietäten (a) in Schulen gelehrt werden und (b) die sprachlichen Unterschiede bewusst gemacht werden. Englisch, Niederländisch Typ 8: Plurizentrische Sprachen als Dachsprache Diese Sprachen fungieren als Dachsprache für (a) mehrere, nicht unbedingt gegenseitig verständliche, Sprachen und (b) als plurizentrische Sprache im Verhältnis zu anderen Varietäten. Hindi, Chinesisch Typ 9: Nativisierte Plurizentrizität Traditionelle plurizentrische Sprachen, die in mehrsprachigen Gesellschaften in Afrika, Asien und Amerika eine ähnliche Funktion wie eine Dachsprache haben, führen zu zahlreichen Mischformen, die von der plurizentrischen Sprache überragt werden. Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch Typ 10: Plurizentrizität durch Migranten Diese Kategorie bezieht sich auf Varietäten plurizentrischer Sprachen, die durch Auswanderung in fremde Länder entstehen, wo sich dann unterschiedliche Migrantenvarietäten entwickeln können.

Sprachspezifische Beispiele Englisch

Englisch ist eine plurizentrische Sprache mit deutlichen Unterschieden in Phonologie und Orthographie. Die Varietät mit der größten Zahl an Muttersprachlern ist amerikanisches Englisch. Ebenfalls größere Anteile haben britisches, kanadisches, indisches und australisches Englisch. Es gibt zahlreiche Länder, die unter der Herrschaft anglophoner Staaten standen und das Englische als Amts- oder Verkehrssprachen übernahmen.

Das Englische wird üblicherweise als symmetrischer Fall einer plurizentrischen Sprache betrachtet, denn keine dieser Varietäten hat eine klare kulturelle Dominanz.

Deutsch

Im Gegensatz zum Englischen wird Deutsch oft als asymmetrischer Fall einer plurizentrischen Sprache betrachtet, da das Standarddeutsche aus Deutschland häufig als dominierend empfunden wird. Dies liegt einerseits an der großen Sprecherzahl, aber auch daran, dass die Varietäten im deutschen Sprachraum vielfach nicht als solche wahrgenommen werden. Zusätzlich werden die verschiedenen Standardvarietäten, auch jene der Vollzentren Österreich und Schweiz, fälschlicherweise als regionale Abweichungen aufgefasst.Anna-Julia Lingg: Kriterien zur Unterscheidung von Austriazismen, Helvetismen und Teutonismen. In: Christa Dürscheid, Martin Businger (Hrsg.): Schweizer Standarddeutsch: Beiträge zur Varietätenlinguistik. Gunter Narr Verlag, 2006, ISBN 3-8233-6225-9, S. 23 ff.

Obwohl es eine einheitliche Bühnensprache gibt, ist die im öffentlichen Raum verwendete Sprache uneinheitlich: Das Standarddeutsche, jeweils als Hochdeutsch bezeichnet, das in Massenmedien, Schulen und Politik verwendet wird, ist im deutschen Sprachraum manchmal sehr verschieden. Die verschiedenen Varietäten des Standarddeutschen unterscheiden sich in den deutschen Dialekträumen in der Phonologie, dem Wortschatz und in wenigen Fällen in der Grammatik und der Orthographie. Sie sind bis zu einem gewissen Grad beeinflusst von den jeweiligen regionalen Basisdialekten (siehe auch deutsches Dialektkontinuum), von verschiedenen kulturellen Traditionen (beispielsweise die Bezeichnungen für viele Lebensmittel) sowie von verschiedenen Termini in Gesetzgebung und Verwaltung, die in der Regel durch den Staat vorgegeben sind (z. B. Bankomatkarte (Ö), EC-Karte (D) oder Bundesheer (Ö), Bundeswehr (D) und Armee (CH)).