Oskar N. Sahlberg (* 10. August 1932 in Niesky; † 23. August 2005 in Berlin) war ein deutscher Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker und Psychotherapeut. Er forschte über perinatale und pränatale Psychologie sowie zuletzt über Religionspsychologie. Er legte zahlreiche Veröffentlichungen, Rundfunksendungen und Essays über Alchemie, Buddha, Jesus, Goethe, Picasso, Edgar Poe, Karl May u. a. vor. https://www.psychosozial-verlag.de/catalog/autoren.php?author_id=1405 Er arbeitete zuletzt als Studienrat und freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.Dynamische Psychiatrie 21 (1988) 326.

Leben und Wirken 1932 im schlesischen Niesky geboren, gelangte Sahlberg aus der von Nazidiktatur, Krieg und Flucht bitter geprägten Kindheit nach München. Dort studierte er in alle Richtungen (Romanistik, Germanistik, Anglistik, Philosophie und Kunstgeschichte), bis er es im Klima der bundesdeutschen Adenauerrestauration nicht mehr aushielt.

Sahlberg fuhr in die Welt, nach Paris und Italien, Kairo und Kalkutta, Afrika und AsienSahlberg: „Zur selben Zeit begann ich als Reiseleiter zu arbeiten, verbrachte später zwei Winter in Kairo, zwei weitere in Indien: Wir [Bach und ich] waren in der Euphorie, lebten unsere Träume, teilten sie uns in Briefen mit. Die Realität holte uns wieder ein, wir kamen nach Deutschland zurück. ... Ich machte ein Staatsexamen ...“ (im Nachruf auf Wolf-Dieter Bach, 2003, S. 35)., in den letzten Jahren auch nach Amerika.

Nach der Promotion über den Dichter Théophile Gautier lebte er seit den siebziger Jahren in Berlin, der geliebten „Schrottstadt“, und drang unter anderem in die Phantasiewelten von Benn (Wo Lust und Leiche winkt, 1977), Baudelaire (Baudelaire und seine Muse auf dem Weg zur Revolution, 1980) oder Karl May (Der Großmystiker Karl May, 2004) ein, erhellte den komplexen psychischen Schaffensprozess von Picassos Guernica oder erkundete Meditation als Weg der Selbsterfahrung im Zen oder bei indischen Gurus.

Oskar Sahlberg liebte die Emphase großer Lyriker sehr und trug sie mitreißend vor:http://www.kulturtasche.de/gedichte/ged_text.htm „Rot ist der Abend auf der Insel von Palau und die Schatten sinken.“Quelle: Süddeutsche Zeitung, 26. August 2005, Seite 13.

Höhepunkt des Schaffens: Neuzeugungstherapie Seine Arbeit gipfelte zuletzt im 2004 erschienenen monumentalen Werk Reisen zu Gott und Rückkehr ins Leben, in dem er der Tiefenpsychologie religiöser Erfahrung nachspürte.Vgl. dazu Dorothee Sölle: Die Hinreise. Zur religiösen Erfahrung. Texte und Überlegungen, Stuttgart: Kreuz Verlag 1975, S. 1: „Christlicher Glaube akzentuiert die ‚Rückreise‘ in die Welt und ihre Verantwortung. Aber er braucht eine tiefere Vergewisserung als die, die wir im Handeln erlangen: eben die ‚Hinreise‘.“

Jesus und Buddha Ludwig JanusLudwig Janus, geb. 21. August 1939, aufgewachsen in Essen, Studium der Psychologie und Medizin in München, Essen und Göttingen. Psychoanalytische Weiterbildung in Göttingen und Heidelberg. Seit 1975 Psychoanalytischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg. Dozent und Lehranalytiker. Past-Präsident der Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM) (www.isppm.de), Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychohistorische Forschung (www.psychohistorie.de). Mitglied psychoanalytischer (DPG, DGPT) und anderer Fachgesellschaften (www.ludwig-janus.de). schrieb dazu in seinem Vorwort:

Therapeutische Szenarien Sahlberg betonte zu Beginn seines Buches, dass seine neu gewonnenen Einsichten aus der therapeutischen Praxis stammten und auf sie abzielten:

Eigene Psychotherapie Sahlberg legte im Nachwort seines Buches dar, wie es ihm gelang, mit Hilfe seiner neuen Theoriebildung und therapeutischen Praxis die eigene Lebensgeschichte aufzuarbeiten und erlittene Traumata zu heilen:

Beurteilung Harald Eggebrecht: „Der Literaturwissenschaftler, Historiker, Psychotherapeut, Weltreisende Oskar Sahlberg starb … in seiner Berliner Wohnung umgeben von seiner imponierenden Bibliothek. Ihre Themenvielfalt entsprach der enormen Spannweite seiner Interessen. Die reichten von den Ursprüngen der Kulturgeschichte des Menschen bis zu den neuesten Ansätzen der Psychotherapie, umfassten intensive Beschäftigung mit Politik und Kunst, mit Religionen und ihren Stiftern genauso wie mit den unterschiedlichsten Arten von Literatur und Musik. Sahlbergs Denken kreiste unermüdlich und neugierig um Phantasie als Kraftwerk künstlerischer Kreativität und seelischer Heilung, oder, in seiner plastischen Formulierung, um ‚die Selbsterschaffung des Genies‘. … Oskar Sahlberg war, altmodisch gesagt, ein Polyhistor, unvergesslich fesselnd als Lehrer, Blickerweiterer und Texteröffner, als streitbarer Diskutant und aufregender Erzähler, als euphorischer Clown und ironischer Selbstdarsteller und als Freund.“KMG-Nachrichten 146, IV. Quartal 2005, S. 26.

Werke

Monographien

Als Autor Thematik und Symbolik von Théophile Gautiers „Émaux et camées“ (Diss.), München 1970.Zur Dissertation bemerkte Sahlberg: „Ich ließ auf die formale Untersuchung die psychoanalytische folgen; dieser Teil erhielt nicht die Druckgenehmigung.“ (Reisen zu Gott …, 2004, S. 422) Gottfried Benns Phantasiewelt – „Wo Lust und Leiche winkt“. Edition Text und Kritik, München 1977. Baudelaire und seine Muse auf dem Weg zur Revolution. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980.Sahlberg: „Da mein Baudelairebuch zu viel Psychoanalyse enthielt, wurde es (trotz positiver Gutachten von Alfred Lorenzer und Klaus Holzkamp) nicht zur Habilitation angenommen. Zum Glück, sage ich heute.“ (Reisen zu Gott …, 2004, S. 422) Reisen zu Gott und Rückkehr ins Leben. Tiefenpsychologie der religiösen Erfahrung. Psychosozial-Verlag (Reihe „Imago“), Gießen 2004, ISBN 978-3-8980-6300-5.Produktbeschreibung: „Religiöse Erfahrung ist eine Wiederverbindung mit den Energien des Ursprungs, die Gott genannt werden. In einer Reise zu Gott werden Geburt und Empfängnis neu erlebt. Das Unbewusste steigt ins Bewusstsein. Ursache der Erfahrung ist ein frühes Trauma, eine fast tödliche seelische Verletzung, die auf diese Weise geheilt wird. Diesen Vorgang zeigt Sahlberg zuerst an Buddha und Jesus. Sie schufen Religionen der Erlösung vom Leiden, der Ablösung vom irdischen Leben. Später verwandelten sich ihre Lehren. In der christlichen Alchemie erfolgte die Rückkehr ins Leben, wofür Goethe ein Beispiel ist. Ähnliches entwickelte sich im buddhistischen Tantra, für das Bhagwan Shree Rajneesh steht. Der Autor legt die Traumaheilung auch an Ernst Jünger, Ka-Tzetnik 135 366 und Pablo Picasso dar. Die untersuchten Gestalten spiegelten zugleich die Konflikte ihrer Gesellschaften und boten Lösungen an. Die Tiefenpsychologie erfasst sowohl das nachgeburtliche Unbewusste, das Freud entdeckte, als auch das geburtliche und vorgeburtliche Unbewusste, das von O. Rank, G. H. Grabner, St. Grof, J. Fabricius, L. Janus und anderen erforscht wurde. Sahlberg öffnet den Blick für die Auswirkungen frühester Prägungen auf gesellschaftliche Strukturen und Abläufe.“

Als Herausgeber Charles Baudelaire: Gedichte der Revolution. Hrsg. von Oskar Sahlberg, Berlin 1977. François-René de Chateaubriand: Die Natchez. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Oskar Sahlberg, Freitag Verlag, Berlin 1982. Théophile Gautier: Auf der Suche nach dem Anderswo. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Oskar Sahlberg, 2 Bände, Berlin 1983 und 1984.

Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden

Zum Nationalsozialismus Kleinbürger von innen. In: Kursbuch 45/1976. Ein Nachmittag in Sachsenhausen. In: Kontext 2, München 1978.

Zu Gottfried Benn „Garben verklärter Lust“. Zur Aktualität von Gottfried Benns Frühwerk, in: die horen 106/1977. Gottfried Benns Psychotherapie bei Hitler, in: Walter Schönau (Hrsg.): Literaturpsychologische Studien und Analysen, Amsterdam 1983.

Zu Johann Wolfgang von Goethe Psychoanalyse, in: Harald Eggebrecht (Hrsg.): Goethe – Ein Denkmal wird lebendig, München: Piper 1982, S. 38–60 (im Gespräch mit Mathias Greffrath).

Zu Pablo Picasso Picassos GUERNICA: Dionysos und die Sphinx. In: Carl Pietzcker u. a. (Hrsg.): Freiburger literaturpsychologische Gespräche 4, Würzburg 1985. Picasso. Revolution als Geburt. In: Klaus Evertz, Ludwig Janus (Hrsg.): Kunst-Analyse, Heidelberg 2002.

Zu Karl May Therapeut Kara Ben Nemsi, in: Harald Eggebrecht (Hrsg.): Karl May, der sächsische Phantast. Studien zu Leben und Werk, Frankfurt 1987, S. 189–212, darin: 1. Die Entdeckung von Mays Phantasiewelt durch Schmidt, Wollschläger, Bach (S. 189 ff.) 2. Die Therapien im „Silbernen Löwen“ und in „Ardistan und Dschinnistan“ (S. 192 ff.) 3. Vom Therapeuten zum Propheten (S. 202 ff.) Der „Großmystiker“ Karl May. Die Zeugungs- und Geburtsträume des Sohnes und des Vaters. „Im Reiche des silbernen Löwen“. „Ardistan und Dschinnistan“, in: Meredith McClain, Reinhold Wolff (Hrsg.): Karl May im Llano estacado (zum Symposium der Karl-May-Gesellschaft in Lubbock/USA 2000). Hansa Verlag, Husum 2004, S. 243–275.

Zu Bhagwan Shree Rajneesh Ein Tag im Paradies, in: Eva-Maria Knapp (Hrsg.): EinsSein und Innewerden, Frankfurt 1988.Sahlberg: „Sheela, die Rajneeshpuram aufgebaut hatte, verließ es im September 1985, da sie die Geldforderungen von Rajneesh absurd fand. Es gab einen Skandal, ein Medienspektakel. Rajneesh sagte jetzt, Sheela habe aus Rajneeshpuram ein faschistisches Zwangsarbeitslager gemacht. Das war absurd. Ich hatte 1981 für den NDR über das große Sannyas-Treffen in Berlin, Orange-Connection, berichtet; ein Verlag bat mich um einen größeren Report. Dazu fuhr ich im August 1985 nach Rajneeshpuram. Kurz danach der Skandal, mein Buch wurde abgesagt. Jahre später faßte ich meine Beobachtungen zusammen; gegen die allgemeine Abwertung gewendet, nahm ich den provokanten Titel Ein Tag im Paradies. (In: EinsSein und Innewerden (Hg.) Eva-Maria Knapp. Frankfurt 1988.) Ich dachte auch an Proust: ‚Les paradis sont toujours des paradis perdus‘. Indem Rajneesh seine Stadt verließ und sich verhaften ließ, besiegelte er ihr Ende. Er hatte wohl die Lust verloren. War er enttäuscht von den schwierigen Frauen? Laxmi hatte schizophrene Züge, Vivek nahm sich später das Leben, Sheela verließ ihn. – Rajneeshpuram war eine Verwirklichung der Utopie: Das neue Jerusalem, eine Himmelsstadt in der Wüste (nach modernen ökologischen Prinzipien gebaut). … Für Sloterdijk brachte die Zeit in Poona ein ‚Herausspringen aus der alteuropäischen Melancholie und aus dem deutschen Masotheorie-Kartell‘. Sloterdijk: Selbstversuch. München 2000. S. 105: ‚Ich halte Rajneesh immer noch für eine der größten Figuren des Jahrhunderts ... wir werden nie wieder seinesgleichen sehen‘. … Zur umwälzenden Wirkung von Rajneesh: Swami Satyananda (Jörg Andrees Elten): Ganz entspannt im Hier und Jetzt. Reinbek 1982.“ (Reisen zu Gott …, 2004, S. 407 f.)

Psychotherapie Die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Psyche als Kern von Freuds Literaturtheorie. In: Lendemains 5/1980. Die Selbsterschaffung des Genies. Elemente einer Grammatik der künstlerischen Phantasie. In: J. Cremerius u. a. (Hrsg.): Freiburger literaturpsychologische Gespräche 4, Würzburg 1985. Haben Sie Gott getroffen? In: Eva-Maria Knapp (Hrsg.): Wahn und Sinn, Frankfurt 1991. Sich neu gebären. Erfahrungen mit der holotropen Therapie. In: Ludwig Janus (Hrsg.): Erscheinungsweisen pränatalen und perinatalen Erlebens in den psychotherapeutischen Settings, Heidelberg 1991. Traue neuem Tagesblick! In: H.-H. Herchen (Hrsg.): Das Morgen entdecken, Frankfurt 1993. Alchemie als Psychotherapie. Die Erschaffung des Homunculus als Wiederholung des ersten Drittels der Schwangerschaft, in: Rainer G. Appell (Hrsg.): Homöopathie zwischen Heilkunde und Heilkunst, Heidelberg 1997.

Dynamische Psychiatrie Polizeirazzia und androgyne Revolution. In: Dynamische Psychiatrie 19 (1986) Heft 2/3. Der kreative Prozeß und seine prä- und perinatalen Wurzeln. In: Dynamische Psychiatrie 21 (1988) Heft 3/4.