mini|Was macht die japanische Literatur aus? Unter japanischer Literatur (jap. oder auch Kokubungaku ) versteht man die in japanischer Sprache verfasste Literatur. Sie umfasst einen Zeitraum von circa 1300 Jahren, vom Kojiki bis zur Gegenwart, und sie entwickelte sich unter verschiedenen Einflüssen, wie dem Chinas oder Europas.
Die japanische Literatur besitzt eine Vielzahl eigener Formen und spezifischen Themata, die mit der Ideen- und Kulturgeschichte einhergehen. So gab und gibt es beispielsweise eine ausgeprägte, wenngleich nicht immer kontinuierliche Tradition einflussreicher schreibender Frauen. Einmalig in der Weltliteratur ist auch die Sonderform der Atombombenliteratur (, Gembaku Bungaku), die sich thematisch mit den beiden Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki befasst.
Definition und Gliederung Eine festgeschriebene, sprich normative Definition der japanischen Literatur gibt es nicht. Um das, was als japanische Literatur verstanden werden kann, zu beschreiben, ist es hilfreich zunächst zwei grundsätzliche Überlegungen voranzustellen. Zum einen gilt es die Perspektive, das heißt den Standpunkt, von dem aus der Blick auf die japanische Literatur fällt, zu berücksichtigen. Ein, wie hier vornehmlich gemeint, akademisches Verständnis von japanischer Literatur in der deutschen oder auch europäischen Japanologie etwa sieht anders aus, als das Verständnis der japanischen Wissenschaft Kokubungaku (). Zum anderen ist es für eine Abgrenzung des Gegenstandbereichs, also dessen, was der Begriff japanische Literatur umfasst, wichtig, sich der Einzelbegriffe Literatur und japanisch zu vergewissern.Methodologisch orientiert sich diese Fallunterscheidung an Wolfgang Schamoni: Moderne Literatur. In: Klaus Kracht, Markus Rüttermann (Hrsg.): Grundriß der Japanologie. Izumi Band 7. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, S. 83–115.
Literatur wurde in Europa, abgeleitet vom lateinischen Wort litterae als Gelehrsamkeit und damit als alles gelehrte Geschriebene aufgefasst. In Deutschland änderte sich diese Auffassung im 18. Jahrhundert. In der Aufklärung und der Weimarer Klassik wurde dann ein ästhetischer Anspruch an den Literaturbegriff geknüpft. Die Romantik hat diesen Literaturbegriff zudem um die Bezeichnung Dichtung bereichert. In diese Zeit fiel auch die Gliederung in die drei großen Gattungen: Lyrik, Epik und Dramatik, die im letzten Jahrhundert noch um die Gattung Gebrauchstexte ergänzt wurde.
Das japanische Wort für Literatur, bungaku () hat einen ähnlichen Bedeutungswandel erfahren, jedoch mit einem anderen zeitlichen Verlauf. In Japan ist es die vielfach als einschneidende Zäsur beschriebene Meiji-Restauration und der Beginn der Meiji-Zeit, in der sich der Bedeutungswandel vollzog. Auch hier handelte es sich um eine Bedeutungsverschiebung von Gelehrsamkeit hin zu einem Verständnis von Literatur als einem Bereich der KunstKunst, im Sinne von geijutsu () im Unterschied zu etwa geinō (), (Schau)künste mit eher unterhaltendem Charakter., der vorrangig dem ästhetischen Gebrauch der Sprache als Gegenstand und Medium verpflichtet war. Dieser Entwicklung ging in der Edo-Zeit die Entstehung der „Nationalen Schule“ (Kokugaku) voran. Ausdruck eines solchen Literaturverständnisses in der Edo-Zeit war etwa der Begriff „bunbu ryōdō“ (), der die „beiden Wege der Gelehrsamkeit und Kriegskunst“ bezeichnete. Im Zuge der gesellschaftlichen und politischen Änderungen zu Beginn der Meiji-Zeit wurde das Medium der Literatur, die Sprache, als Nationalsprache (kokugo) verstanden; der Literaturbegriff wurde infolgedessen auf eine Nationalliteratur (kokubungaku) eingeengt. Japanische Literatur in chinesischer Sprache und Tradition, wie sie in der Edo-Zeit noch als Inbegriff der Gelehrsamkeit galt, war mit diesem Paradigmenwechsel nicht mehr primärer Bestandteil der japanischen Nationalliteratur. Wie über 100 Jahre zuvor in Deutschland kam in Japan nun auch die Gliederung in Gattungen in Gebrauch. Einen wie auch immer abzugrenzenden hohen ästhetischen Wert zugrundelegend unterschied man in Japan zwischen einer sogenannten reinen Literatur (, jun bungaku) und einer populären Unterhaltungsliteratur (, tsūzoku bungaku). Das Adjektiv japanisch wurde in diesem Zusammenhang auf japanischsprachig verengt. Texte der Ainu und aus Ryūkyū waren damit ebenso wenig Gegenstand der japanischen Literatur wie die volkstümliche und mündliche Literaturtradition.
Betrachtet man heute Definitionen des Begriffs kokubungaku in japanischen Lexika, so umschließt der Begriff der japanischen Nationalliteratur, verstanden als Bestandteil einer Weltliteratur, zumeist die von Japanern in Japanisch geschriebenen und in Japan veröffentlichten Texte, vornehmlich der reinen Literatur. Zugleich wird auch die Wissenschaft (, gakumon), die sich mit diesem Gegenstand befasst, in die Definition von japanischer Literatur integriert und ihr damit gleichrangig zur Seite gestellt.Siehe etwa die japanische Ausgabe der Britannica, Meikyō () und Daijisen (). In diesem Sinne kann man von einem engeren Verständnis der japanischen Literatur sprechen, das zugleich eher einer japanischen Perspektive entspricht.
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Grenzen nicht so scharf gezogen werden, wie eine enge Begriffsbestimmung es glauben machen will. Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein, bspw. systematischer Natur. So ist die Gattung Dramatik, wie man sie in Europa kennt, nicht ohne Mühe auf die japanische Theaterstücke- und Textproduktion anwendbar. Mit Kabuki, Nō und Jōruri etwa haben sich Ausdrucksformen entwickelt, für die es in Europa bis zur Gegenwart kaum ein Pendant gibt und die als eigenständige dramatische Ausdrucksformen gewürdigt werden müssen. Die Differenzierung in Massenliteratur und reine Literatur in Japan, die mit der Dichotomie von Trivialliteratur und kanonischer hoher Literatur in Deutschland korrespondiert und die nicht deckungsgleich ist, wird bspw. dadurch ein Stück weit ausgehebelt, dass auch populäre Literatur Bestandteil der Literaturgeschichte ist.
Auf dieser Grundlage beinhaltet ein weiter gefasstes Verständnis von japanischer Literatur auch Werke, die von Japanern in anderen Ländern und anderen Sprachen verfasst und veröffentlicht wurden sowie japanischsprachige Literatur von Nichtjapanern. Danach würden Ainu-Texte ebenso wieder zur japanischen Literatur zu zählen sein, wie Werke der in Deutschland lebenden und in deutscher Sprache schreibenden Schriftstellerin Yōko Tawada oder der koreanischstämmigen Autorin Miri Yū. Auch die ungeheuere Zahl japanischer Literaturzeitschriften und neue literarische Formen, wie das kollaborative Schreiben von Handy-Romanen, können auf diese Weise als japanische Literatur erfasst werden. Diese weite Auffassung entspricht eher dem komplizierten System, als das sich die „japanische Literatur“ mit ihren vielen eigenständigen Teilgebieten darstellt und welches dazu einlädt, die Perspektive auf japanische Literatur mit zu thematisieren.
Literaturgeschichte Eine Literaturgeschichtsschreibung entstand in Japan mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Die erste Literaturgeschichte von Sanji Mikami und Kuwasaburō Takatsu, die „Nihon Bungakushi“ (), datiert auf das Jahr 1890. In diesem Werk, das die Literatur bis zum Ende der Edo-Zeit behandelte, sind noch Literaturkritik und Literaturgeschichte gemischt. Erst die 1906 erschienene Literaturgeschichte von Juntarō Iwaki, die „Meiji Bungakushi“ (), ist als klassische Literaturgeschichte zu betrachten. Der akademische Zweig der Literaturwissenschaft, der auf die Kokugaku zurückgeht und sich dem Positivismus verpflichtet fühlte, konzentrierte die Literaturgeschichtsschreibung auf Autorenstudien (, sakkaron) und auf Werkinterpretationen (, sakuhinron). Die einzige bis zu ihrem Erscheinen 1906 vollständige und in deutscher Sprache geschriebene Literaturgeschichte ist die „Geschichte der japanischen Litteratur“ von Karl Florenz. Florenz war in Deutschland zudem der erste Inhaber eines Lehrstuhls für Japanologie an der Universität Hamburg.
Periodisierung Im Allgemeinen ist es üblich, sich bei der Einteilung in literarische Epochen an der Geschichte und damit an einschneidenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu orientieren. Neben einer solchen Einteilung ist in Japan auch die Übernahme der Regierungszeiten als Schema gebräuchlich. Anhand der politischen Geschichte hat sich folgende Einteilung eingebürgert: Altertum (ca. 600–794) Klassik, Heian-Zeit (794–1185) Mittelalter (1185–1600) Frühe Neuzeit (1600–1868) Moderne (1868–1945) Gegenwartsliteratur (1945-heute)
Altertum mini|150px|Murasaki Shikibu Die ersten Zeugnisse japanischer Schriftkultur waren noch keine Literatur, sondern gravierte Zeichen auf Bronzeschwertern aus dem 6. Jahrhundert, die man in Kofun-Gräbern gefunden hat.
Ab dem 7. Jahrhundert brachten koreanische Mönche chinesische Schriften nach Japan. Der Adel und die Beamten erlernten die chinesische Sprache in Wort und Schrift und begannen bald auch, ihre eigenen Werke zu verfassen. Als Schriftsprache diente zunächst das Chinesische. Bald wurde aber auch die chinesische Schrift dazu verwendet, japanische Texte niederzuschreiben. Da sich die japanische Sprache in ihrer Struktur jedoch völlig von der chinesischen unterscheidet, wurde die Schrift in mehreren Schritten angepasst.
Die beiden ältesten teilweise erhaltenen japanischen Klassiker sind Kojiki und Nihonshoki aus dem 8. Jahrhundert, niedergeschriebene Mythologien, die die japanische Geschichte nach dem Muster der chinesischen Geschichtsklassiker schildern. Neben Prosatexten enthielten diese auch Kurzgedichte.
Kennzeichnend für die Literatur der Asuka- und Nara-Zeit war das lyrische Gedicht: Neben dem Kanshi, Gedichten in chinesischer Sprache, entwickelte sich eine zweite Kunstform, das Waka – japanische Gedichte. Aus den älteren formlosen Kurzgedichten im Kojiki entwickelten sich feste Formen in Zeilen von fünf oder sieben Silben. Die wichtigsten sind Chōka (lange Gedichte), die wechselweise aus fünf oder sieben Silben pro Vers bestehen und von einem sieben-silbrigen Vers abgeschlossen werden, und Tanka (kurze Gedichte), die aus fünf Versen mit 31 Silben bestehen, wobei die Silben auf die Strophen in der Form 5-7-5-7-7 verteilt werden. Während die männlichen Beamten vor allem Kanshi verfassten, waren die Waka eine Domäne der Hofdamen.
Der wichtigste Gedichtband dieser Zeit war das Man’yōshū, eine Sammlung von Gedichtsammlungen – unter anderem sind das Kokashu und das Ruijō Karin enthalten. Es wurde um 760 zusammengestellt, wobei sich die ältesten Gedichte bis ins 4. Jahrhundert zurückdatieren lassen. Ōtomo no Yakamochi und Kakinomoto no Hitomaro sind bedeutende Autoren des Werkes. Das Man’yōshū ist in der sogenannten Manyōgana-Schrift geschrieben. Chinesische Schriftzeichen wurden in ihrer phonetischen Lesung gebraucht (On-Lesung), um die Flexionsformen der japanischen Grammatik darzustellen. Aus den Manyōgana entwickelten sich in der Heian-Zeit Hiragana und Katakana, die japanischen Silbenschriften. Hiragana war lange Zeit vor allem die Schrift der adeligen Damen.
Nachdem in der kurzen Periode im 9. Jahrhundert das Kanshi in Mode war, gelangte das Waka wieder ins Interesse des Hofadels. Kaiser Uda und sein Sohn, Kaiser Daigo, interessierten sich für Waka. Auf Erlass des Kaisers schufen Hofdichter eine Anthologie von Waka, das Kokinshū. Einer der Herausgeber, Ki no Tsurayuki, schrieb die Vorrede in Kana. Am Ende der Heian-Periode wurde eine neue Gedichtform entwickelt, genannt Imayō (moderne Form). Eine Sammlung Ryojinhisho wurde von Kaiser Go-Shirakawa herausgegeben.