Liesel Westermann-Krieg (* 2. November 1944 in Sulingen) ist eine ehemalige deutsche Leichtathletin und Olympiamedaillengewinnerin, die in den 1960er- und 1970er-Jahren – für die Bundesrepublik Deutschland startend – zur Weltspitze im Diskuswurf gehörte. Sie übertraf 1967 in Sao Paulo als erste Diskuswerferin der Welt die 60-Meter-Marke mit 61,26 m und steigerte den Weltrekord dreimal bis auf 63,96 m im Jahr 1969.F. A. Brockhaus GmbH: Der Sport Brockhaus: alles vom Sport von A bis Z. Mannheim 1989. ISBN 3-7653-0392-5. S. 594 Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt gewann sie mit 57,76 m die Silbermedaille.
In ihrer aktiven Zeit war sie 1,72 m groß und wog 75 kg. Von 1963 bis 1976 war sie zehnmal Deutsche Meisterin im Diskuswurf. Eine deutsche Meisterschaft im Kugelstoßen im Jahr 1969 und 1964 in der 4-mal-100-Meter-Staffel sind weitere erwähnenswerte Erfolge und unterstreichen das herausragende Leistungspotenzial der Athletin.
Leben, Anfänge im Sport und Beruf Als mittlere von drei Schwestern wuchs Liesel Westermann in Sulingen im Landkreis Diepholz, im Zentrum von Niedersachsen auf. Mit drei Jahren ging sie aus eigenem Antrieb zum Kinderturnen des TuS Sulingen.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 16 In den Sommermonaten vom 15. Mai bis 15. September war sie zusammen mit ihren Schwestern Dauergast im Freibad in Sulingen. Regelmäßig nahm sie an den Übungsstunden der Schwimmabteilung des TuS Sulingen teil und entwickelte sich zu einer recht guten Brustschwimmerin. Sie brachte es als Mädchen in den Wertungsklassen C und B zu einigen Kreis- und Bezirksmeisterschaften.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 24 Nach über einem Jahr des doppelten Sporttreibens mit Schwimmen und Leichtathletik schloss sich Liesel endgültig den Leichtathleten an. Wesentlich dafür war, dass es in Sulingen kein Hallenbad gab und die Schwimmabteilung deshalb im Winterhalbjahr, im Gegensatz zu den Leichtathleten, wo ein zweimaliges Wintertraining in der Halle durchgeführt wurde, nicht aktiv war. Den ganzjährigen Übungsbetrieb empfand die junge Sportlerin zudem auch sehr förderlich für die Beziehungs- und Zugehörigkeitsbildung.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 26 Engagierter Trainer der TuS-Leichtathleten war Bruno Vogt. Das erste Ereignis der Leichtathletin Liesel Westermann war die Bezirkswaldlaufmeisterschaft in Syke, knapp 30 km von Sulingen entfernt. Liesel gewann in der Altersklasse Mädchen B den Waldlauf über 300 Meter und holte damit die Meisterschaft nach Sulingen.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 30
Es folgten zwei Jahre, in denen die Schülerin unter der steten Präsenz von Trainer Vogt in die Leichtathletik hineinwuchs. Tag für Tag war Bruno Vogt auf dem Platz, er war einfach da, und deswegen waren auch die Jungen und Mädchen da. Nach Vogts Arbeitsplatzwechsel nach Süddeutschland nahm die Leichtathletikbegeisterung dramatisch ab. Übrig blieb nach kurzer Zeit eine kleine Gruppe Unentwegter. Liesel hatte nie etwas anderes als Laufen und Springen geübt und trainierte das mit drei oder vier Mitmachern weiter. Als Dreizehnjährige waren ihre Bestleistungen im 75-Meter-Lauf 9,9 s, im Weitsprung 4,79 m, im Kugelstoßen 8,12 m mit der 4-kg-Kugel, im Schleuderballwurf 27 m und im 100-Meter-Lauf 13,8 s. Damit war sie die Leistungsstärkste unter den Gleichaltrigen im Umkreis.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 31 Sie machte kein spezielles Kugelstoßtraining, da „man vom Kugelstoßen dicke Arme bekommt, das will ich nicht“, war ihre stereotype Ablehnung des Kugelstoßtrainings.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 104 Sie hatte nie rechte Freude am Kugelstoßen, im Gegensatz zum Diskuswurf. Das Drehen und Wirbeln, das In-die-Weite-Werfen, das gab jedem Training einen Reiz.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 105
Als auch noch der Sportplatz in Sulingen renoviert wurde und es über ein Jahr dauerte, bis alle Anlagen wieder benutzbar waren, bröckelte die Resttruppe der jugendlichen Leichtathleten immer weiter ab. Liesel war manches Mal die Einzige, die noch zum Training ging. An einem Spätsommernachmittag, Liesel suchte nach einer neuen Beschäftigungsmöglichkeit, fiel ihr beim Durchstöbern des Geräteraums ein Diskus in die Hände. Sie versuchte ihr Glück, drehte sich mit dem alten, ein Kilo schweren Diskus rechtsherum und linksherum. Regelmäßig verlor sie aber dabei das Gleichgewicht und das Gerät flog dahin, wo es wollte, in jede Richtung, nur nie in die, die Liesel beabsichtigte.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 32 Nach vielen mehr oder weniger erfolglosen Versuchen ging sie nach Hause, aber mit innerer Spannung: Endlich hatte sie wieder etwas Reizvolles gefunden, das sie unwiderstehlich immer wieder zum Sportplatz zog. Mit dem Diskus wollte sie umgehen können. Zwischendurch warf sie ohne Drehung, dabei geriet sie nicht in die Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. Sie machte Fortschritte. Sie fiel seltener hin und es gelang, auch nach einer Drehung noch geradeaus zu werfen. Das war für Liesel Ansporn, weiter zu üben. Es machte ihr Spaß, nach dem Laufpensum zum Diskus zu greifen und sich mit den vertrackten Zwängen dieses Gerätes auseinanderzusetzen.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 33
Mit 30,06 m gewann Liesel Westermann als nachgemeldete Werferin vom TuS Sulingen die Bezirksmeisterschaften 1959 in Diepholz. Sie betrachtete sich in dieser Phase noch nicht als Werferin. Die 4,88 m im Weitsprung und die 13,3 s über 100 Meter bedeuteten ihr mehr als die 30 Meter im Diskuswurf.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 35 Sie steigerte sich mit dem Diskus bei den Kreismeisterschaften 1960 auf über 34 Meter und hatte damit die geforderte Mindestleistung für die Landesjugendmeisterschaften 1960 in Hannover sicher überboten. Sie nahm in Hannover am Diskuswurf und Kugelstoßen der weiblichen Jugend A, der bis zu zwei Jahre älteren Mädchen, teil und gewann im letzten Versuch mit dem Diskus mit neuer Bestleistung über 36 Meter die Landesjugendmeisterschaft.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 39
Im Spätherbst nach dem hannoverschen Überraschungserfolg und einer weiteren Verbesserung ihrer Bestweite auf 38,12 m beim Jugendvergleichskampf Westfalen gegen Niedersachsen in Stadthagen ergab sich eine wesentliche Veränderung für das Nachwuchstalent. Bei einem Bezirkslehrgang in Bassum unter Leitung von Friedel Schirmer, dem späteren erfolgreichen Zehnkampftrainer, wurde ihr die Notwendigkeit eines konsequenten Wintertrainings in aller Deutlichkeit nahegebracht. Schirmer erklärte den Kursteilnehmern überzeugend, dass ohne Belastung kein Erfolg möglich und die Arbeit im Winter für einen Leichtathleten äußerst wichtig und entscheidend für jeden Leistungsfortschritt sei.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 40
Kaum zurück aus Bassum, suchte Liesel den wieder nach Sulingen zurückgekehrten Bruno Vogt auf, um ihn wieder zur Anleitung eines geplanten, fachlich-fundierten Leistungstrainings zu überreden. Vogt sagte zu und war damit der Leichtathletik zurückgewonnen und die Schülerin hatte den „besten Trainer“, den sie sich vorstellen konnte.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 41 Die konsequente Arbeit des Tandems Vogt/Westermann gipfelte 1962 in Weinheim an der Bergstraße in dem Gewinn der deutschen Jugendmeisterschaften in Fünfkampf und Diskuswurf und der Leistungsentwicklung auf 45,55 m mit dem Diskus.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 48
Diese Fortsetzung der Leistungsentwicklung war aber zuvor der Schülerin durch einen Hochschuldozenten für Leibeserziehung wegen „ihrer zu geringen Größe“Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 256 und durch einen Arzt wegen einer SchilddrüsenüberfunktionLiesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 257 abgesprochen worden.
Liesel Westermann-Krieg studierte an der Pädagogischen Hochschule Göttingen Grund- und Hauptschullehramt und qualifizierte sich an der Sporthochschule Köln als Diplom-Sportlehrerin. Sie arbeitete als Gymnasiallehrerin an verschiedenen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen (u. a. Carl-Duisberg-Gymnasium in Leverkusen) als Sport- und Gemeinschaftskundelehrerin sowie in der Schulverwaltung. Sie ist seit 1978 verheiratet mit dem Diplom-Volkswirt Leif Oskar Peter Krieg und hat vier Kinder. Nach vielen Jahren in Leverkusen wechselte sie 1995 an das Gymnasium Vogelsang nach Solingen und zog nach Solingen-Ohligs um. Im Herbst 2003 machte der Wechsel an das Kultusministerium Niedersachsen einen Umzug nach Hannover nötig; dort war sie als Referentin für Schulsport und Gesundheitserziehung im Range einer Ministerialrätin bis zu ihrem Ruhestand 2009 tätig. Sie engagierte sich vor allem für mehr Sport im Kindergarten und Sportkindergarten und führte in Niedersachsen flächendeckende Fitnesstests in den Schulen und mit diesen eine Fitnesslandkarte des Bundeslandes ein.
Leichtathletikkarriere in der Frauenklasse Auf dem Weg zur ersten deutschen Meisterschaft im Diskuswurf In ihrem letzten Gymnasialschuljahr und dem ersten Jahr in der Frauenklasse der Leichtathletik ging Liesel Westermann letztmals für den TuS Sulingen bei den Deutschen Meisterschaften 1963 an den Start. Durchgeführt wurden die Meisterschaften vom 9. bis 11. August 1963 in Augsburg. Am 9. August belegte sie mit 13,88 m den vierten Rang im Kugelstoßen und am 10. August den zweiten Platz im Diskuswurf. Die langjährige Seriensiegerin Kriemhild Hausmann verwies die Jugendmeisterin des Vorjahres trotz deren persönlicher Bestweite mit 50,16 m auf den zweiten Rang.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 54 Zwei Wochen nach den Deutschen Meisterschaften in Augsburg wurde die noch 18-jährige Athletin aus Sulingen erstmals vom DLV für einen Länderkampf nominiert. Er fand in London gegen Großbritannien statt und Westermann belegte mit 51,70 m den 2. Platz.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 263 Mit dem Wurf hatte sie einen neuen Juniorenweltrekord aufgestellt.Karl-Heinz Keldungs: Die deutsche Leichtathletik. In 100 Porträts. S. 173 Im Februar 1964 machte die Gymnasiastin ihr Abitur und verbrachte ihr erstes Semester in Hannover, wo sie sich dann auch endgültig Hannover 96 anschloss. Die „Barriere“ Hausmann sollte zum Leidwesen der ehrgeizigen Werferin aus Niedersachsen noch zwei weitere Jahre Bestand haben; erst 1966, am 7. August in Hannover, glückte Liesel mit 53,31 m der erste Meisterschaftsgewinn im Diskuswurf gegen Kriemhild Hausmann. Mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 1964 in Tokio hatte es weder im Kugelstoßen noch im Diskuswurf geklappt; bei den gesamtdeutschen Olympiaausscheidungen in Berlin und Jena erreichte sie keine der drei Olympiafahrkarten, die die gesamtdeutsche Mannschaft pro olympischer Disziplin erhielt. Im Diskuswurf konnte sich die Nachwuchswerferin nicht gegen Ingrid Lotz, Kriemhild Limberg und Doris Lorenz durchsetzen.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 56 Die Studentin hatte wochentags in Hannover nach den Plänen von Vogt trainiert und kehrte nur an den Wochenenden nach Sulingen zurück. Unter diesen Bedingungen verbesserten sich ihre Leistungen nicht in dem erwünschten und angestrebten Maß. Ihre persönliche Bestleistung aus dem Jahr 1963 mit 51,70 m konnte sie lediglich auf 52,70 m verbessern; im Jahr danach, 1965, legte sie mit 55,86 m knapp über drei Meter dazu.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 356 Es kam zur Beendigung des Trainingsverhältnisses Vogt – Westermann.Liesel Westermann: Es kann nicht immer Lorbeer sein. S. 57