Ronnie Po-Chia Hsia (* 1955 in Hongkong) ist ein US-amerikanischer Historiker, Buchautor und Professor für Geschichte.https://www.americanacademy.de/person/ronnie-po-chia-hsia/ Er ist einer der führenden Experten der Geschichte der Reformation und Gegenreformation. Zu seinen Fachgebieten gehört zudem die Geschichte des Antisemitismus und der Begegnung zwischen Europa und Asien.
Leben und Wirken Ronnie Po-Chia Hsia wurde 1955 in Hongkong geboren. 1977 schloss er seinen Bachelor mit höchsten Auszeichnungen in den Sozialwissenschaften, in Geschichte und Politikwissenschaft am Swarthmore College in Pennsylvania ab. Nach einem Master in Geschichte an der Harvard University 1978, der Yale University 1979 und einem Master of Philosophy in Geschichte an der Yale University 1980, promovierte er 1982 ebenfalls in Yale in Geschichte.https://history.la.psu.edu/directory/rxh46 Seit 1980 besitzt Hsia die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
1982–1984 war Hsia Lektor für Geschichte und Stipendiat der Geisteswissenschaft an der Columbia University. 1984–1987 übernahm er eine Assistenzprofessur an der Cornell University. Bis 1989 dozierte er als außerordentlicher Professor an der University of Massachusetts Amherst. Danach wirkte er elf Jahre als Professor an der New York University.
1995 bekam Hsia das Humboldt-Stipendium am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen. Im Juli 2000 wurde er zum Akademiker an die Academia Sinica in Taiwan gewählt und im Juli 2001 zum Edwin Erle Sparks-Professor für Geschichte an der Pennsylvania State University.
Von 2004 bis 2018 übernahm Hsia diverse Gastprofessuren für Geschichte an der Chengchi-Nationaluniversität in Taiwan, der Fudan-Universität in Shanghai, der Universität Nanjing, der Universität Hongkong und dem Hong Kong Advanced Institute für Geistes- und Sozialwissenschaften.
Aktuell ist Hsia an der Pennsylvania State University tätig. Sein laufendes Projekt trägt den Titel ’Jesuit Silk: The Cultural Practices of Catholic Conversion in early modern Europe and China’.https://asian.la.psu.edu/people/rxh46 Darin wird die Geschichte der kulturellen Begegnung zwischen der Gegenreformation in Europa und den Imperien der Ming-Dynastie und Qing-Dynastie untersucht. Er unterrichtet Kurse zum frühneuzeitlichen Europa und interessiert sich insbesondere für Entwicklungsgeschichte der Welt, vergleichende Geschichtskurse der Frühen Neuzeit und speziell für Religionsgeschichte. Die Geschichte der Erkundungen, der Aufstieg Westeuropas, die vergleichende Geschichte der frühneuzeitlichen Reichen und die Geschichte der christlichen Mission (insbesondere in China) bilden seine aktuelle Lehr- und Forschungsschwerpunkt.
Durch seine Kenntnisse in den wichtigsten modernen und auch klassischen Sprachen (Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Chinesisch), konnte Hsia der Wissenschaft ein breites Spektrum an bisher unveröffentlichten Werken zur Verfügung stellen. Hsia hat allmählich begonnen, Gebiete im Bereich der Sinologie zu erforschen.
Rezeption seiner Werke (Auswahl)
’Society and Religion in Münster: 1535-1618’ 1984 erschien Hsias Werk ’Society and Religion in Münster: 1535-1618’. Es behandelt die Zeit von der Niederschlagung der Täuferbewegung bis zum Beginn des Dreißigjährigen Kriegs. Es befasst sich mit dem Konflikt zwischen der Stadt und dem geistlichen Territorialstaat, wie auch der Durchsetzung der Rekatholisierung mit ihren Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Im Mittelpunkt der Studie steht die sozialgeschichtliche Seite der Gegenreformation und ihre politischen Folgen für das städtische Gemeinwesen. Hsia arbeitete darin die Thesen heraus, dass die Gegenreformation die Pfarrorganisation stärkte und damit die geistliche Kontrolle über das tägliche Leben der Einzelnen ausdehnte. Zugleich förderte die Gegenreformation die Entstehung einer geistlichen Elite – dem Jesuitenorden.
James Perkins von der Baylor University lobte die Tiefe der Recherche und die Fülle an zitierten Ressourcen. Harm Klueting bezeichnet das Werk als wichtigen Beitrag zur Politik- und Sozialgeschichte des Konfessionellen Zeitalters in Deutschland. Einzelheiten seien von der lokalen Forschung noch zu korrigieren. Gemäß Klueting bestätigt Hsia in seinem Buch mehrfach eine von Wolfgang Reinhard geäußerte These, wonach die administrative Unfähigkeit des frühmodernen Staates zu einer durchgreifenden Herrschaftsausübung durch Hilfsmittel der konfessionellen Sozialdisziplinierung, durch Konfessionskirchen, ersetzt wurde.
’Social Discipline in the Reformation, Central Europe: 1550-1750’ Das Buch ’Social Discipline in the Reformation, Central Europe: 1550-1750’ erschien 1989 und bietet einen Überblick über die Institutionalisierung der urbanen Reformation in Deutschland zwischen 1548 und der Vertreibung der Protestanten aus Salzburg 1731. Ronnie Po-Chia Hsia beschäftigt sich zu Beginn mit der internen Entwicklung im Luthertum, Calvinismus und römischen Katholizismus. Er widmet diesen drei Konfessionen je eine kurze Beschreibung. Hsia argumentiert, dass Reformation und Gegenreformation strukturell ähnliche Entwicklungen der langfristigen sozialen Transformation des deutschsprachigen Raums des frühneuzeitlichen Mitteleuropas waren. Es handle sich um einen untrennbaren Prozess. Gemäß Jeremy Black ist Hsias Hauptthese, dass die Konfessionalisierung des täglichen Lebens die Sakralisierung der Gesellschaft ersetzt. Auch John Theibault betont, Hsia argumentiere, dass ein gemeinsames Merkmal aller Konfessionalisierungen der Versuch sei, eine Disziplin zu vermitteln. Damit meint er laut Jeremy Black die Verinnerlichung der Disziplin basierend auf Anstand und Frömmigkeit und die Unterdrückung oder Umleitung von Gewalt und Wut. Hsia argumentiere laut Kaspar von Greyerz, dass Konfessionalisierung nicht nur die Gründung von Konfessionskirchen, sondern auch die Festigung der Kirche, des frühneuzeitlichen Staates, sowie die Auferlegung sozialer Disziplin von Kirche und Staat gemeinsam hat. Gemäß Alister McGrath stützt Hsia seine Schlussfolgerung auf sorgfältige Dokumentation der sozialen, institutionellen und pädagogischen und kulturelle Aspekte des Phänomens der „Konfessionalisierung“.
Alister McGrath lobt Hsias Werk als ausgezeichnetes Ressourcen-Buch für alle, die sich für die Gestaltung des frühneuzeitlichen Europas und das Verhältnis von Religion und Gesellschaft interessieren. Kaspar von Greyerz stimmt mit McGrath überein und bezeichnet das Buch als prägnante und gut geschriebene Einführung in ein komplexes Thema. Gemäß McGrath stellte Hsia durch das Werk viele bis dahin in Englisch unzulängliche Studien und Ergebnisse der Geschichtswissenschaft zur Verfügung. Black sieht im Buch eine nützliche Synthese aus religiösen und sozialen Aspekten. John Theibault lobt Hsias Abdeckung des breiten Themenspektrums auf wenigen Seiten, ohne reduktionistisch zu sein. Theibault bezeichnet die zeitgemäße und großzügige Anerkennung der Beiträge der Wissenschaftler als Stärke des Werkes.
Jeremy Black kritisiert die Übertreibung der Bedeutung der Regierung in diesem Zeitraum und findet, Hsias Wiedergabe des Aufstiegs des Staates könne hinterfragt werden. Das Ausmaß, in dem die fürstliche Autorität auf Zusammenarbeit angewiesen war, müsse deutlicher betont werden. Black kritisiert, dass die Beziehung zwischen den Parteien der „Volks- und Elitereligionen“ komplexer sei, als von Hsia suggeriert. Von Greyerz kritisiert Hsias zu engen Fokus auf Deutschland und nicht auf ganz Mitteleuropa. Es gebe laut von Greyerz zwar gelegentlich Blicke auf Österreich und die Schweiz, aber die verwendeten Kategorien stammen aus der deutschen Geschichte und passen nicht immer zu Entwicklungen an der Peripherie des Heiligen Römischen Reiches. Dies gilt laut von Greyerz insbesondere für den Begriff des „Calvinismus“. Der Begriff ist gemäß von Greyerz zu allgemein, um die für den Protestantismus der Schweiz charakteristischen Unterschiede in der Glaubensrichtung und der ekklesio-politischen Perspektive zu berücksichtigen. Theibault bezeichnet das Werk als möglicherweise verwirrend für weniger kundige Lesende. Laut Theibault könnten Spezialisten Hsias Verknüpfungen hingegen als unzureichend empfinden. Als Beispiel dafür nennt er, dass Hsia auf zwei Seiten über die Bekehrungen von Mitgliedern von Fürstenlinien diskutiert, ohne zu argumentieren, warum diese Umwandlungen, neben der Tatsache, dass der Katholizismus wiederbelebt wurde, sonst noch stattgefunden haben. Theibault kritisiert, dass diese wenig relevante Liste der Umwandlungen unter der Überschrift „Die Katholische Gesellschaftsordnung“ verwirrend sei. Hsia versuche mit viel historiographischer Begründung, Argumente zu vermeiden, dass die Impulse für die soziale Disziplin streng von oben kamen. Die unterschiedlichen Elemente, die Hsia erwähnt, lösen das Problem, von wo der Impuls möglicherweise ausgegangen ist, gemäß Theibault nicht. Somit sei dieses Buch kein ganz und gar erfolgreicher Versuch, die Geschichte der religiösen Mentalitäten zu verbinden. Theibault bezeichnet das Werk als „im Detail suggestiv“.
’In and Out of the Ghetto: Jewish-Gentile Relations in Late Medieval and Early Modern Germany’ 1995 erschien ’In and Out of the Ghetto: Jewish-Gentile Relations in Late Medieval and Early Modern Germany’ in Zusammenarbeit mit Hartmut Lehmann. Der Band entstand ursprünglich aus einer internationalen und interdisziplinären Tagung 1991 an der University of California in Los Angeles. Insgesamt nahmen 30 Experten für die Geschichte der Juden vom 14. bis späten 18. Jahrhundert teil. Der Band beinhaltet thematisch vielfältige Artikel zu einer Periode, die von der Geschichtsforschung der Juden nicht nur in Deutschland lange vernachlässigt wurde. In den Kommentaren von Historikern der allgemeinen jüdischen und frühneuzeitlichen Geschichte (Theodore K. Rabb, Gershon David Hundert, Carlo Ginzburg etc.), wurden Anregungen für weitere Forschung gegeben und die Beiträge einer kritischen Würdigung unterzogen. Ronnie Po-Chia Hsia macht in seinem Aufsatz über die Darstellung der Juden als Wucherer im späten 15. und frühen 17. Jahrhundert seitens christlicher Autoren auf frühe Beispiele rassistischer Äußerungen aufmerksam. Dies bezeichnete Carlo Ginzburg gemäß Gerd Mentgen von der Universität Trier in einem Kommentar zu Unrecht als anachronistische Betrachtungsweise.
’Trent 1475: Stories of A Ritual Murder Trial’ Das Werk Trent 1475: Stories of A Ritual Murder Trial erschien 1992 und fünf Jahre später in deutscher Übersetzung mit dem Titel Trient 1475. Geschichte eines Ritualmordprozesses. Hsia konzentriert sich darin auf die Blutanklage. Hsia erzählt von den Gerichtsverfahren und deren Folgen für die meisten Mitglieder einer örtlichen jüdischen Gemeinde. Nachdem der leblose Körper eines christlicher Jungen namens Simon von Trient im Keller eines jüdischen Haushalts aufgefunden wurde, wurde dieses mit fatalen Folgen für die Angeschuldigten gegen sie eingeleitet. Der Junge wurde hingegen zum Märtyrer erklärt. Des Weiteren behandelt das Buch, wie die päpstliche Untersuchung zur Überprüfung des Falles mit einem Misserfolg endete. Sigurður Gylfi Magnússon ordnet das Werk der angelsächsischen Mikrogeschichte zu. Diese fokussiere mehr und mehr auf einen spezifischen Fall und lasse größere historische Zusammenhänge und ein weiterführendes Erkenntnisinteresse oft außer Acht, weshalb deren Zuordnung zur Mikrogeschichte kontrovers diskutiert wird. Gemäß Otto Ulbricht sind zwei Aspekte kennzeichnend für ein verbreitetes amerikanisches Verständnis von Mikrogeschichte. Einerseits beschäftige sie sich oft mit gewöhnlichen Menschen. Andererseits habe sie das Ziel, zu erzählen. Werke sollen für eine interessierte Öffentlichkeit attraktiv sein und so historisches Wissen verbreiten.