mini|Sieg des Frauenwahlrechts in Neuseeland: Am 8. September 1893 wurde es im Parlament beschlossen.

Das Frauenwahlrecht in Neuseeland wurde 1893 zunächst lediglich als aktives Wahlrecht eingeführt. Neuseeland war damit aber der erste selbstverwaltete Staat, in dem Frauen überhaupt wählen durften. Das passive Wahlrecht für Frauen folgte 1919 und die erste Wahl einer Frau ins nationale Parlament vierzehn Jahre später. Bis zur Mitte der 1980er Jahre bewegte sich die Zahl der weiblichen Parlamentsabgeordneten im einstelligen Bereich. Bei der Parlamentswahl 2017 wurden 38 % Frauen gewählt, im Oktober 2022 saßen erstmals mehr Frauen als Männer im neuseeländischen Parlament. Im frühen 21. Jahrhundert hatten Frauen bereits jede der politischen Schlüsselpositionen mindestens einmal inne.

Der Einsatz von Politikern und Aktivistinnen für das Frauenwahlrecht beruhte unter anderem auf dem Gedankengut des britischen Philosophen John Stuart Mill und den Bestrebungen der Abstinenzbewegung, die aus den USA nach Neuseeland kam. Die Einführung des Frauenwahlrechts wurde dadurch wesentlich begünstigt, dass sich in dem jungen Staat die Parteienlandschaft und die Klassengegensätze noch nicht verfestigt hatten und der indigenen Bevölkerung beim Männerwahlrecht bereits dieselben Rechte zugestanden worden waren wie den Eingewanderten. Die zahlreichen Petitionen beschleunigten die Entwicklung. Zwischen 1878 und 1887 scheiterten mehrere Gesetzesvorlagen, die das Wahlrecht für alle Frauen oder mindestens für die begüterten von ihnen vorsahen. 1891 und 1892 erhielten im Unterhaus Gesetzesvorschläge, die alle Frauen zu Wählerinnen machen wollten, die Mehrheit; die Gesetzentwürfe wurden aber im konservativeren Oberhaus abgelehnt.

Geschichtliche Entwicklung Männerwahlrecht Das Wahlrecht in der damaligen Kolonie Neuseeland war gemäß dem New Zealand Constitution Act 1852, der Männern das aktive und passive Wahlrecht verlieh, an die Britische Staatsbürgerschaft geknüpft. besaßen diese seit dem Vertrag von Waitangi von 1840, Einwanderer konnten sie generell erlangen. Für Chinesinnen und Chinesen war der Erwerb jedoch über lange Zeit nicht möglich. Vor dem Goldrausch im Land, etwa dem Goldrausch in Otago, gab es nur wenige Chinesen in Neuseeland, und einige von ihnen hatten die britische Staatsbürgerschaft erworben und konnten daher wählen. Dann jedoch strömten viele Chinesen ins Land, und aus der Gesellschaft schlug ihnen Rassismus und Ausgrenzung entgegen. Chinesen, die in den 1860er und 1870er Jahren auf der Suche nach Gold ins Land gekommen waren, wurden vom Erwerb der Staatsbürgerschaft zwischen 1908 und 1952 gänzlich ausgeschlossen, sodass sie – unabhängig vom Geschlecht – nicht wählen konnten. Der Ausschluss hatte nicht primär wahlrechtliche Gründe, sondern war Teil der Einwanderungspolitik des Landes. Diese hieß lange nur Weiße willkommen und richtete sich speziell gegen Chinesen. In den Anfängen übten nur wenige Maoris ihr Wahlrecht aus. Der Maroi Representation Act von 1867 sah dann auf der Basis eines Wahlrechts für erwachsene Männer vier spezielle Sitze für Maoris vor, drei für die Nordinsel und einen für die Südinsel.Patricia Grimshaw: Settler anxieties, indigenous peoples and women’s suffrage in the colonies of Australie, New Zealand and Hawai’i, 1888 to 1902. In: Louise Edwards, Mina Roces (Hrsg.): Women’s Suffrage in Asia. RoutledgeCurzon New York, 2004, S. 220–239, S. 227. Diese Sitze sollten nur von Maoris eingenommen werden können; Maoris sollten aber auch weitere Sitze übernehmen können. Daraufhin stieg die Wahlbeteiligung bei den Maoris an.

Der Weg zur Einführung des aktiven Frauenwahlrechts Ein früher Meilenstein des Eintretens für das Frauenwahlrecht kann in der Schrift An appeal to the men of New Zealand (Aufruf an die neuseeländischen Männer) von Mary Ann Müller (Femina) aus dem Jahr 1869 gesehen werden. 1871 hielt Mary Ann Colclough (Polly Plum) ihren ersten öffentlichen Vortrag über Frauenrechte, auch über das Frauenwahlrecht.

Sehr schnell erlangten Frauen Wahlrechte auf lokaler Ebene: Bereits 1867 wurden einige vermögende Frauen in einigen Gemeinden wahlberechtigt, 1875 hatte sich dies im ganzen Land verfestigtNach einer anderen Quelle bereits 1886. ; bei der Wahl zu den schulverwaltenden Gremien erhielten 1877 alle weiblichen Haushaltsvorstände das Wahlrecht, was als alle erwachsenen Frauen ausgelegt wurde; 1881 folgte das Wahlrecht für die Wahlen der Gremien, die die Lizenzierung von Alkohol vornahmen.Patricia Grimshaw: Women’s Suffrage in New Zealand. Auckland University Press, Auckland 1987, S. 13, in: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 107.

Im August 1878 brachte Robert Stout eine Vorlage zum Wahlgesetz ins Parlament ein. Sie sah ein aktives und passives Wahlrecht für Wahlen zum Unterhaus für Frauen vor, die ein Haus besaßen. Stout brüstete sich auch damit, dass seine Regierung die erste sei, die das passive Wahlrecht für Frauen zum Gesetz mache, und integrierte dies in die Gesetzesvorlage vom August 1878; doch diese Bestimmung wurde bereits vom Unterhaus abgelehnt. Die Bestimmung zum aktiven Frauenwahlrecht dagegen wurde mit 41 zu 23 Stimmen und später auch im Oberhaus angenommen. Doch das Gesetz scheiterte an einer anderen Bestimmung, die das Wahlrecht für Maoris betraf.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 108.

1879 wurde die Gesetzesvorlage der Regierung verändert und als Qualification of Electors Bill zur Abstimmung gebracht. Danach sollten Frauen, die über Besitz verfügten, wählen können. Gegen diesen Vorschlag stimmten sowohl diejenigen, die das Frauenwahlrecht generell ablehnten, als auch die, denen die Regelung nicht weit genug ging. 1880 scheiterte eine Gesetzesvorlage von James Wallis schon in erster Lesung, eine zweite Vorlage zog er 1881 vor der zweiten Lesung zurück.

1887 wurden dem Unterhaus zwei Petitionen für das Frauenwahlrecht mit etwa 350 Unterschriften überreicht. Im selben Jahr entwarf Julius Vogel eine Gesetzesvorlage, nach der Frauen unter den gleichen Voraussetzungen wie Männer wählen können sollten. Die Vorlage wurde in den Ausschuss verwiesen. Gegner drangen darauf, das Wahlrecht auf vermögende Frauen zu beschränken, einige Unterstützer der Gesetzesvorlage verließen die Versammlung, Gegner kamen in den Saal. Eine kurzfristig anberaumte Abstimmung über einen wesentlichen Passus der Gesetzesvorlage führte zu einer Niederlage, und Vogel war gezwungen, seinen Vorschlag zurückzuziehen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 111.

1888 wurden zwei Petitionen mit etwa 800 Unterschriften dem Parlament überreicht.

1890 brachte John Hall ein Frauenwahlgesetz ins Parlament ein. Trotz mehrheitlicher Unterstützung scheiterte es, weil es nicht mehr rechtzeitig vor Ende der Sitzungsperiode behandelt werden konnte. Hall versuchte es dann mit einer Ergänzung zum Wahlgesetz, aber diese wurde abgelehnt.

1891 lancierte Hall erfolgreich eine Gesetzesvorlage für die Einführung des Frauenwahlrechts im Unterhaus, doch unterlag diese im Oberhaus, wo die Konservativen in der Mehrheit waren, mit zwei Stimmen.

mini|Cartoon zum Frauenwahlrecht aus Neuseeland: Meine Damen, wählen Sie die Konservativen, denen Sie Ihr Wahlrecht verdanken! 1892 wurde das Frauenwahlrecht in einen Wahlgesetzvorschlag der Regierung aufgenommen. Dieser war nicht so leicht abzulehnen, da von den Regierungsmitgliedern Solidarität erwartet wurde, auch wenn sie privat eine andere Meinung vertraten. John Ballance konnte an der entscheidenden Sitzung aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Sein Vertreter Richard Seddon stand der Alkoholindustrie nahe und war daher ein Gegner des Frauenwahlrechts. Er brachte die Vorlage mit dem Einbringen angeblich eingereichter Briefwahlstimmen im Unterhaus zu Fall. Zwar wurde der Regierungsentwurf nun ans Oberhaus verwiesen, doch dort saßen Vertraute von Seddon, die angewiesen waren, den Entwurf nicht zu unterstützen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 114.

Da Hall, der das Frauenwahlrecht unterstützte, seinen baldigen Abschied vom Parlament angekündigt hatte, war schnelles Handeln geboten. Er brachte einen Konkurrenzvorschlag zum Wahlgesetzentwurf der Regierung ein, sodass die Befürworter des Frauenwahlrechts nun zwei Eisen im Feuer hatten. Vor der entscheidenden Abstimmung über den Regierungsentwurf im Oberhaus ging Seddon mit seinen Manipulationen von Abgeordneten zu weit und erntete Widerstand: Zwei Abgeordnete, die vorher gegen die Vorlage gestimmt hatten, stimmten aus Protest gegen sein Vorgehen nun dafür, um Seddons betrügerische Machenschaften wirkungslos zu machen. Somit waren in Neuseeland zwei Gegner des Frauenwahlrechts ausschlaggebend dafür, dass es Gesetz wurde.

Am 8. September 1893 wurde das Gesetz, das Neuseeländerinnen mit britischer Staatsbürgerschaft ab 21 Jahren das Wahlrecht verlieh, mit einer Mehrheit von zwei Stimmen beschlossen. Maorifrauen waren eingeschlossen. Am 19. September unterschrieb es der Gouverneur Lord Glasgow, wodurch das Gesetz in Kraft trat.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 115. Allerdings waren einige Gruppen von Frauen weiterhin ausgeschlossen; wie auch in manchen anderen Staaten gehörten Gefängnisinsassinnen und Frauen in psychiatrischen Anstalten dazu. mini|Cartoon zur ersten Wahl mit Frauenwahlrecht, die zu einem Sieg der Liberalen führte. Für die Wahl vom November 1893, die auf die Einführung des Frauenwahlrechts folgte, registrierten sich von den etwa 140 000 erwachsenen Neuseeländerinnen über 100 000 Frauen als Wählerinnen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 118.

Passives Frauenwahlrecht Unterhaus Das passive Frauenwahlrecht für die Wahlen zum Unterhaus wurde erst am 29. Oktober 1919 mit dem Women’s Parliamentary Rights Act erreicht.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 277. Bei der Parlamentswahl von 1919 kandidierten zwar drei Frauen, aber keine von ihnen wurde gewählt. Die erste Wahl einer Frau ins nationale Parlament, der Labour-Abgeordneten Elizabeth Reid McCombs, erfolgte vierzehn Jahre später, am 13. September 1933.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 278. Es handelte sich um eine Nachwahl für die Hafenstadt Lyttelton. Die Nachwahl war durch den Tod ihres Mannes, des Abgeordneten James Mc Combs, nötig geworden. Elizabeth Reid McCombs starb 1935. Die Labourpolitikerin Catherine Stewart saß als zweite Frau von 1938 bis 1943 im Parlament, für den Wahlkreis Wellington West. 1949 wurde die Labourpolitikerin Iriaka Ratana die erste Maoriabgeordnete. Sie trat an die Stelle ihres verstorbenen Mannes, der das Maorimandat für die westlichen Regionen innehatte. Bis zur Mitte der 1980er Jahre bewegte sich die Zahl der weiblichen Parlamentsabgeordneten im einstelligen Bereich. Bei der ersten Wahl mit Quoten (mixed member proportional (MMP)) 1996 wurden 35 Frauen ins Parlament gewählt, fast 30 % der Abgeordneten.

Oberhaus Erst 1941 erlangten Frauen das passive Wahlrecht für das Oberhaus. 1946 wurden Mary Dreaver und Mary Anderson als erste Frauen Mitglieder des Oberhauses. Sie behielten ihre Mandate bis zur Abschaffung des Oberhauses 1950.

Untersuchung möglicher Einflussfaktoren auf die Entwicklung des Frauenwahlrechts Zugang von Frauen zu Bildung mini|Learmonth White Dalrymple, 1880